Beinhaar zum Rock

von Liz

Liz Weidinger wird künftig jeden zweiten Mittwoch auf freitag.de über Gender und Popkultur schreiben und übernimmt somit die Kolumne von Mädchenmannschafts-Autorin Verena Reygers. Wir freuen uns, dass wir den einen oder anderen Text von Liz ab nun an auch auf der Mädchenmannschaft veröffentlichen können. In ihrer ersten Kolumne, die bereits vor ein paar Wochen erschien, freut sich Liz über die Musikerin Frau Kraushaar, die perfekt in die feministische Diskussion um Körperhaare passt, da sie eine Alternative zum Glattheitswahn bietet.

Es ist Sommer.

Das heißt keine drei Klamottenschichten übereinander, sondern weniger Stoff und Schweiß statt Gänsehaut. Aber auch Fragen wie: Bin ich keine Feministin, wenn ich mir die Achseln rasiere? Sieht es nicht einfach hässlich aus, wenn ich zum Rock Beinhaar trage? Und warum muss ich mich überhaupt mit meinen Körperhaaren politisch positionieren? Zum Glück finden sich Antworten auf diese Fragen nicht nur im Normierungszirkus der Frauenmagazine, sondern auch auf so kompetenten Blogs wie der Mädchenmannschaft oder im aktuellen Dossier des Missy Magazine.

Unterhaltsamer und genauso wichtig wie eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem haarlosen und widerspruchsfreien Frauenkörper sind Bilder, die solche Schönheitsnormen nicht streng reproduzieren, sondern erweitern und verschieben. Und so leistet auch die Hamburger Musikerin Frau Kraushaar ihren Beitrag zur feministischeren Repräsentation von weiblichen Haaren – sei es Achselhaar oder Monobraue. Sie kann zusammen mit Künstlerinnen wie Peaches, Patti Smith oder Coco Rosie genannt werden, die beweisen, dass nicht nur Kopfhaare schön statt eklig sind. Mehr Musikerinnen speziell mit Bart, gab es auch schon in dieser Kolumne.

Nun aber zum tollen neuen Album „The Power Of Appropriation“ der Musikerin sowie Performance- und Medienkünstlerin Silvia Berger aka Frau Kraushaar. Nach ihrem dadaistischen Debütalbum „Le Salon Is Very Morbidä“, hat sie sich ihrer Begeisterung für Aneignung bzw. Appropriation hingegeben und die letzten drei Jahre im kulturellen Archiv voller internationaler Chansons und Folklore verbracht. Herausgekommen ist ein sorgsam aufbereiteter Einblick in 14 melodiöse Fundstücke, die sie mit Unterstützung des Produzenten und Mitmusikers Herrn Kratzer sowie Hamburger Subkulturgrößen komplett neu eingespielt hat. Aber erst ihre prägnante Stimme lässt das Album zu einem Ganzen werden.

Beim Hören des Albums muss ich sofort mitsummen, gerate in Feierlaune oder verfalle tiefem Weltschmerz. Die Musik berührt und es kommt mir so vor, als würde ich die Lieder schon kennen. Das ist komisch, stehe ich doch sonst eher auf aktuelle Musik – auf die elektronischen Live-Sets von Ada, die coole Grimes oder die Indie-Riot-Zwillinge von Doctorella. Eine Erklärung könnte Kraushaars Suche nach der Struktur eines populären Lieds, nach den Funktionsweisen eines erfolgreichen Chansons sein. Durch die intensive Beschäftigung mit jedem einzelnen Lied auf der Platte, ist sie der Geheimrezeptur eindeutig näher gekommen. Das beweist der einzige von ihr geschriebene Song „Volver“.

Mit „The Power Of Appropriation“ zitiert Kraushaar Erinnerungen, die tief im kollektiven Gedächtnis verankert sind und auf erfolgreiche Musikerinnen verweisen. Die Platte kann also auch als Exkurs über den Beitrag von Musikerinnen zur neuesten Kulturgeschichte dienen, lassen sich doch so wichtige Namen wie Romy Schneider (die Frau Kraushaar schon auf ihrer ersten Platte beschäftigte), Hildegard Knef aber auch die puppenhaften Sängerinnen der 1960er entdecken.

So verwendet Frau Kraushaar das Mittel der phonetischen Aneignung von Sprache, das in der Popmusik der 60er Jahre sehr verbreitet war, um ganze acht Sprachen auf ihrem Album zu versammeln. Sänger_innen lernten dabei nur die richtige Aussprache einzelner Lieder, um für die Fans in anderen europäischen Ländern eine Übersetzung ihrer Hits singen zu können. Ein berühmtes Beispiel hierfür ist France Gall. Dieses unschuldig und naiv inszenierte Mädchen findet sich auch in der Plattensammlung von Frau Kraushaar und wird gerne bei ihren DJ-Abenden in der Hamburger Yoko Mono Bar aufgelegt.

Der Chansonklassiker „Mon Amour Mon Ami“  von Marie Laforêt, den Kraushaar schon von ihrer Mutter kannte, ist der einnehmende Opener des Albums.


Marie Laforet – Mon amour Mon ami von GilbertMartin

Dass Verweise zu vielen Frauen auf der Platte entdeckt werden können ist toll, schließlich ist es wichtig den Beitrag von Künstlerinnen in den archivarischen Kanon aus Wissenschaft und Medien hineinzuschreiben. Hinzu kommt, die Aneignung der Lieder durch eine Künstlerin. Sie werden nicht mehr nur von einer Frau gesungen, wie es in den 60er Jahren häufig der Fall war, sondern komplett von ihr gestaltet. Dabei reicht das Repertoire vom Liebeslied bis zum Klagelied italienischer Migrant_innen, womit sich Kraushaar in eine Reihe mit dem international bekannten, italienischen Sänger Domenico Modugno stellt und auf die Kraft der Aneignung verweist.

Diese Kolumne wurde auf freitag.de veröffentlicht.




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Eintrag geschrieben: Dienstag, 26. Juni 2012 um 9:44 Uhr unter Körper, Kultur. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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4 Kommentare

  1. Samia sagt:

    Und warum muss ich mich überhaupt mit meinen Körperhaaren politisch positionieren?

    GENAU DAS! Deshalb finde ich den Ansatz der „Verwerfung/Dekonstruktion des von den Dominanten vorgegebenen Rahmens“ (Nadine Lantzsch) so spannend.

    „Glattheitswahn“ muss allerdings nicht sein. Ist genau wie „Schönheitswahn“ pathologisierend und damit ableistisch.

  2. Nadine sagt:

    @Samia

    ich verstehe nicht ganz, was du damit sagen willst. Gibt es einen „Zwang“ zur Körperbehaarung? Sind Körperhaare „die Norm“, das „Dominante“? Und was hat mein Text, den du verlinkst, damit zu tun?

  3. Samia sagt:

    Hm, wahrscheinlich hab ich das Zitat offener aufgefasst, als es gemeint war, im Sinne von „Warum muss die An- oder Abwesenheit meiner Körperhaare ein Politikum sein“. Die Norm ist selbstverständlich die Rasur. Dein Text bzw. dieser Punkt 4 handelt, so wie ich ihn verstehe, unter anderem von (dem Versuch) der Weigerung, den male gaze überhaupt als Maßstab anzuerkennen. Das finde ich einen sympathischen Ansatz.

  4. Nadine sagt:

    Ah ok. Ich wusste nicht, worauf sich bei dir die Zurückweisung bezieht. Aber ja, dann sind wir uns einig.