Bald stehe ich im Lichtstrahl der Augen meiner Eltern

von Jayrôme

Jayrôme C. Robinet ist freier Autor und Spoken Word-Künstler. Gender fluid mit Variationshintergrund, weiß, wird in Deutschland meistens als Person of Color gelesen, Akademiker aus einer bildungsbürgertumsfernen Familie und besitzt die französische Staatsbürgerschaft. Auf Jayrômes Blog veröffentlicht er Gedichte, Analysen und Gedanken in schriftlicher und audio_visueller Form in französischer, deutscher und englischer Sprache.

Weihnachten kann eine ziemlich schwere Zeit sein, z.B. wenn die Erstfamilie nicht mehr da ist – aus welchem Grund auch immer. Da darüber hinaus Liebe und Akzeptanz nicht immer selbstverständlich sind, wird es in diesem Video zelebriert. Dies gilt aber nicht nur für die elterliche Liebe sondern darüber hinaus auch für das Ankommen in der Wahlfamilie.

Video in deutscher Lautsprache mit englischen Untertiteln. Darunter findet ihr die deutschsprachige Transkription des Textes.

Regie: Estelle Beauvais
Musik: Jef Guillon

***

Transkription des deutschen Textes

Das Licht ist weder richtig noch unrichtig

Früher habe ich Schminke-Schichten im Ton meiner Haut auf mein Gesicht
eingerichtet.

Früher habe ich mit einem richtigen Kajalpinsel eine Linie durch den Ansatz meiner
Wimpern gebahnt,
eine Kurve, die sich in eine Kante verwandelte.
Meine Wangenknochen bestreute ich Rosarot,
ein bisschen Lid unter dem Glitzer,
eine Puste Puder
und der rote Stift belebte mich von Mund zu Mund
von der einen Lippe zur anderen.

Früher kam es vor, dass Unbekannte und ihre Augen einen Schritt zurückgingen, um
mich besser zu mustern:
„Kann ich dich was fragen?
Also, mit meinen Kumpels und mir haben wir ein Bierchen gewettet:
Bist du eine Frau oder eine Tunte?“
Und ich antwortete:
„Ja.“

Heute stütze ich mich mit beiden Händen auf den Waschbeckenrand,
unweit der Katze, die den Wasserhahn anstarrt
und auf die entstehende Rundung eines Wassertropfens lauert.
Begeistert weht sie mit dem Schwanz hin und her,
als wäre es die US-Flagge und sie, die allererste Katze auf dem Mond.

Ich habe Angst.
Seit einem Jahr habe ich meine Eltern nicht mehr gesehen
und in fünf Minuten wollen sie zu Besuch kommen
in Begleitung der Gesamtheit ihrer prüfenden Blicke.

Der Wassertropfen stürzt und die Katze erschrickt und haut ab.
Es ist soweit.
Heute nehme ich den Rasierer in die Hand.

Um einen guten Grund zu haben, ihn zu gebrauchen, musste ich erstmal zum
Psychiater.
Daran kam ich nicht vorbei, denn das sieht das Gesetz vor.
Der Psychiater schlug mir nur wenige Fragen vor:

„Junge Frau, wollten Ihre Eltern etwa einen Jungen?
Vielleicht sind Sie auch einfach nur lesbisch?“

Herr Professor Doktor, wären Sie in der Lage,
ein Blatt Papier immer und immer wieder in immer winzigere Teile zu falten,
bis es irgendwann verschwindet?
Sehen Sie,
bei Sonnenaufgang belebt man sich manchmal selbst
und man denkt sich:
Jetzt reicht’s.
Vielleicht werden sich beim Lichteingang der Dämmerung des Morgenrots die
Geschlechter eines Tages abwechseln
so wie der Tag und die Nacht
oder auch die Jahreszeiten es tun.

Bis das passiert, bewilligte der Professor Doktor meine Testosteron-Therapie.
Seitdem ist einiges geschehen.
Jeder Muskel, jeder Stimmbruch, jedes Schnurrbarthaar wirken wie ein Wunder.

Gestern ging ich mit einem echten Lächeln in einen Laden
und wurde gleich angemacht:

„Hey, was grinst du so blöd?“

Heute, wenn ich Menschen in die Augen lächele,
wird es von Frauen als Flirten aufgefasst
und von Männern als Provokation.
Oder sie denken, ich sei Schwul –
was an und für sich nicht schlimm ist
aber die meisten Typen finden das anscheinend schlimm.

Und auch wie geht, steht, sitzt, pisst, tanzt oder trägt ein echter Kerl zehn Kilo
Katzenstreu?
Soll ich den Sack über die Schulter schmeißen und gemütlich laufen?
Den hinter dem Kopf tragen?
Unter dem Arm?
Einhändig vor dem Bauch?
Beidhändig vor’m Bauch?
In einer Hand baumelnd wie einen Aktenkoffer?
Oder vielleicht sind Männer einfach keine Katzenbesitzer.

In der Ferne höre ich das Klingeln an der Tür.
Bald stehe ich im Lichtstrahl der Augen meiner Eltern.
Das Licht ist weder richtig noch unrichtig.
Es sorgt für Helligkeit, nicht mehr und nicht weniger.

Wie gern hätte ich es ihnen erspart
im Bruch einer Sekunde begreifen zu müssen,
wofür ich so viele Jahre gebraucht habe.
Zahllose Jahre habe ich mich vergraben.
Ich versuchte, mich in den Wimpern der Anderen zu verstecken.
Ich redete und sprach Selbst-, Mit- und Doppellaute aus
aber das Schweigen war
unter den Buchstaben selbst
wie ein Riss inmitten all der Worte.
Und meine Stille
in Alarmbereitschaft.
Stille
wie umgekrempelter Lärm.
Stille
als Komprimierung von tausenden Schreien.
Stille
die zu jeder Sekunde in alle Richtungen hätte bersten können
als würden meine Stimmbänder im tiefsten Inneren des Rachens röhren.
Ich schieße eine Kugel Schaum in die Höhle meiner Hand.

Mit einem richtigen Rasierpinsel bahne ich mir eine Linie durch den Ansatz meiner
Wangen,
eine Kurve, die sich in eine Kante verwandelt.
Mein Gesicht schäume ich ein
im Ton meines Pfeifens,
und entdecke meine Wangen rosarot,
unter den Haaren ein bisschen Haut,
und da,
einen leichten Schnurrbart, der meinen Mund berührt.

Heute habe ich mich entschieden, mich darin zu üben, glücklich zu werden
und wie ein Blatt Papier mich zu entfalten.
In der Küche sitzen meine Eltern und trinken Kaffee in den alten Tassen vom
Flohmarkt.
In dem Augenblick, als ich ihnen zulächele, richtet sich auf mich ihr neuer
Blickwinkel.

Heute weiß ich es:
Sie werden mich weiter lieben.

***

Das Licht ist weder richtig noch unrichtig ist im Kultur- und Gesellschaftsmagazin Freitext erschienen.






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