Einträge von Naekubi


Schwitzen, Shorts und Treat Yo‘ Self – mein Körper und ich

13. Juli 2015 von Naekubi
Dieser Text ist Teil 7 von 7 der Serie Die Emanzipation der Banane

Naekubi bloggt bei Danger! Bananas über das Leben von Asiat_innen in Deutschland, Kultur und Alltag, Rassismus und Feminismus, Selbstbewusstsein und Selbstverständnis. Wir freuen uns sehr, dass sie nun auch eine Kolumne bei der Mädchenmannschaft schreibt.

Es ist heiß. Ich fahre Rad und schwitze. Ich sitze im Büro und schwitze. Zu Hause am Schreibtisch schwitze ich. Unter meiner Schädeldecke sammelt sich schon das Kondenswasser. Die paar Tage, die es in Deutschland warm ist, will ich mich aber nicht beschweren. So habe ich wenigstens Gelegenheit, in Shorts rauszugehen. Das Thema Hotpants/Shorts kam hier bereits auf.

Das denken sich derzeit viele Menschen – zum Vorschein kommen Körper. Körper in allen Formen, Größen und Farben. So unterschiedlich sie sind, so bestaunenswert sind sie. Jede Ausführung ist einzigartig, ein Wunderwerk. Doch ich ertappe mich im Sommer regelmäßig dabei, wie ich andere Körper bewerte und mit meinem eigenen  abgleiche. Das Vergleichen – ich kann es nicht lassen. Ist jemand größer, kleiner, dicker, dünner, fitter, wabbliger als ich? Wie schneide ich selbst ab in Sachen Attraktivität und Wohlgeformtheit? Je nachdem, wie mein Urteil ausfällt, bin ich besser oder schlechter gelaunt. Das mache nicht nur ich: Ganze Industrien beschäftigen sich damit, Körper, allen voran Frauenkörper zu bewerten. Und ich mache im Alltag fleißig mit. Ich müsste es besser wissen. Warum mache ich das?

Gerade als Frauen* erleben wir von klein auf die Beurteilung unseres Äußeren: Bemerkungen von Eltern, Geschwistern, Verwandten und Bekannten, aber auch Bilder in den Medien erklären uns genau, was akzeptabel ist oder nicht. Oberstes Ziel: Möglichst hübsch oder optisch angenehm zu sein. In asiatischen Communitys scheint das umso ausgeprägter zu sein: Gerade meine vietnamesischen Tanten und Cousinen sagen nach der ersten Begrüßung schon etwas wie „Bist du aber X geworden!“ Es ist manchmal verletzend, manchmal peinlich, immer maximal unangenehm. Jede und jeder fühlt sich bemüßigt, Körper, allen voran Frauen*körper, zu kommentieren. Dazu können alle etwas sagen. Oft genug reden wir über unseren eigenen Körper, und unsere Bewertung fällt nicht netter aus als bei fremden.

Wir alle haben eins gemeinsam: einen Körper. Wir können nun mal nicht aus unserer Haut, wir sind diese eine physische Existenz. Ohne Körper gibt es uns nicht. Wir sind unser Körper, der Körper sind wir. Und obwohl unser Körper so elementar für unser Dasein ist, fühlen wir uns so selten wohl in unserer Haut. Selbsthass und Abscheu kommen häufiger vor als wir zugeben wollen. Woher also der Hass für etwas so Grundsätzliches?

Dass etwas mit unserer Gesellschaft im Großen nicht stimmt, sieht man daran, wie viele Menschen wegen irgendetwas an ihrem Körper heruntergemacht werden. Dabei gibt es deutliche Abstufungen in den Schnittmengen – wer eine kleine, dicke Frau of Color ist, hat den Kürzeren gezogen. Es ist Teil des Systems. Generell gilt aber: Sobald man Mensch ist, kriegt man deutlich gesagt, dass etwas mit einem nicht stimmt. Das passiert, wenn man eine 1,90m Frau, ein 1,60m Mann ist, ein paar Kilo mehr oder weniger hat, Falten, ein breites Kreuz oder Dehnungsstreifen besitzt. Dabei sind wir alle nicht geformt wie der vitruvianische Mensch.

Frauen standen da seit jeher unter besonderer Beobachtung, weil der Wert Schönheit der femininen Wertsphäre von alters her zugewiesen wurde. Schön sein, das schreibt eine Art Gesellschaftsvertrag vor, ist Aufgabe von Frauen. Welche sich dem nicht beugt, mit der stimmt etwas nicht.

Es ist, als ob wir diesen absurden Vertrag unterschrieben haben, sodass niemand ein gesundes Verhältnis zu sich selbst und seinem Körper haben darf: „Wenn ich mich schon nicht OK mit mir fühle, darf das auch niemand sonst.“ Vor allem diejenigen nicht, die noch mehr abweichen. Das erklärt unter anderem, warum die Fat Acceptance Bewegung so viel Gegenwind bekommt. Weil solchen Menschen nicht das Recht gegeben wird, sich gut zu fühlen. Damit machen wir uns gegenseitig das Leben zur Hölle aufgrund einer irgendwie gearteten, empfundenen Normvorstellung.

Ich weiß das alles und doch stehe ich bei den sommerlichen Temperaturen vor dem Spiegel, kneife mir in den Bauch und frage mich, ob wegen meiner bläulich durchschimmernden Venen Shorts trotzdem in Ordnung gehen. Alte Glaubenssätze sind schwer zu durchbrechen, das wissen wir alle. Deswegen hat jeder Akt von „Treat Yo‘ Self“ oder „Sei gut zu dir“ etwas Subversives.

Inzwischen übe ich regelmäßig, mir selbst etwas Nettes zu sagen – treat yo‘ self eben. Ich mag meine Haare und mein Gesicht, meine Hände und meine Kurven. Und, mal ehrlich, es gibt noch andere Dinge im Leben als hübsch zu sein. Zum Beispiel im Sommer nicht so sehr zu schwitzen und den lauen Wind an den Beinen zu spüren, wenn man in Shorts Fahrrad fährt.

treat_yo_self


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Der SchwesternCode

23. April 2015 von Naekubi
Dieser Text ist Teil 6 von 7 der Serie Die Emanzipation der Banane

„Wie ist deine Adresse nochmal, Naekubi?“ Ich hing an der Schulter meiner neuen Kollegin und konnte kaum verbergen, dass ich mich nur mit Mühe auf den Beinen hielt. Es war kurz nach Mitternacht an einem Donnerstagabend auf einer Promotion-Party und mir war schlecht. Sehr schlecht.

Zur Erklärung: Ich arbeite wieder in einem Büro, wieder in einem international tätigen Unternehmen, wieder von Kolleginnen und Kollegen umgeben, die ich noch nicht allzu gut kenne. Entgegen meiner Gewohnheiten war ich an jenem an sich banalen Donnerstagabend auf die Beförderungsfeier gegangen, in einem der halbschicken Clubs von München, wo sich überteuerter Alkohol und übersteuerte Chartmusik mit überdrehten Leuten vermählten und eine bisweilen unerträgliche Mischung eingingen. So etwas halte ich nur angeheitert aus. Also trank ich. Und trank ich. Sei verdammt, Alkohol auf Firmenkosten.

Zum Glück war es nicht allzu kalt an diesem Abend und wir mussten nicht lange auf ein Taxi warten. Die Kollegin hatte ein Taxi hergewinkt und öffnete die Beifahrertür, um mit dem Fahrer zu sprechen. Ich schaffte es noch, halbwegs verständlich meine Straße zu nennen, während sie mich vorsichtig auf den Rücksitz des Wagens bugsierte und die Daten durchgab. „Komm gut nach Hause!“ Die Kollegin schlug die Tür des Fahrzeugs zu, winkte mir noch aufmunternd und ich war auf dem Weg durch die Nacht, nach Hause. 15 Minuten und 15 Euro später lag ich in meinem Bett. Kurz bevor ich in rauschhaften Schlaf verfiel, kam mir ein kurzer Gedanke: Ein geheimer Schwesterncode.

Die Sache ist die: Viele Frauen würden nach wie vor das Label „Feministin“ von sich weisen, wenn man sie danach fragen würde. „Nein, ich rasiere mir die Achseln und ich mag Männer!“ heißt es da immer wieder entrüstet. Das Klischee der achselhaarbewehrten, latzhosentragenden Feministin – es ist nach wie vor lebendig, und zu selten stellt sich die Frage, warum man überhaupt meint, sich von diesen Attributen unbedingt abgrenzen zu müssen. Und auch der Netzfeminismus kriegt praktisch jeden Tag sein Fett weg, nicht nur von Männern. Solidarität zwischen Frauen? Klingt abgehoben, zu theoretisch, zu links. Warum sollte man sich mit jemandem verbünden, nur weil man das selbe Geschlecht hat? Viele Frauen halten solch feministische Proklamationen im Alltag nicht für notwendig. Sich als Feministin identifizieren erst recht nicht.

Gedankenfetzen wirbelten mir durch den Kopf, als ich im Bett lag, was nicht nur auf den Alkohol zurückzuführen war. Kolleginnen und Kollegen hatten im Club immer wieder gefragt, ob alles in Ordnung war. Den Männern sagte ich: Klar, alles bestens. Hauptsache sich nicht angreifbar machen. Ich kannte sie nicht gut, Misstrauen war aus meiner Sicht als Frau deshalb  angeraten. Den Frauen sagte ich schließlich: Mir geht es nicht gut. Ich traute mich, meine Verwundbarkeit zu zeigen. Sie verstanden – meine Aussage deuteten sie sofort richtig: Bring mich bitte hier weg. Genau das taten sie: Sie stützten mich, saßen mit mir auf der Couch, gaben mir Wasser. Kurz: Sie kümmerten sich um mich und halfen mir. „Mir ist das auch schon mal passiert – ich weiß, wie das ist,“ sagte die Kollegin, die mir das Glas Wasser besorgt hatte.

Wie das ist – wenn man nicht Herrin der eigenen Sinne ist und somit angreifbar, meinte sie. Die Kolleginnen hielten sich vage und meinten doch dasselbe. Keine von uns sprach es aus, aber es war allen klar, worum es ging: die Bedrohung durch sexualisierte Gewalt. Das Gefühl, hilflos und gefährdet zu sein. Was, wenn tatsächlich etwas passierte? Trauma und die körperlichen Verletzungen wären nicht genug, wenn etwas geschah: Dazu würden sich die Scham und die Schuldgefühle gesellen: „Warum hast du nicht besser aufgepasst? Was hast du getragen?“ Genügend Frauen war das schon zugestoßen. Genügend Frauen haben auf ihre Geschlechtsgenossinnen herabgesehen und sie für das verurteilt, was ihnen passiert ist.

Gleichzeitig – und das war mein Hoffnungsschimmer, bevor ich einschlief  – gibt es Frauen, die nicht wegsehen, wenn eine andere Frau Hilfe braucht. Bisher war noch jedes Mal, als ich meine Alkoholtoleranz überschätzt hatte, eine solidarische Frauenhand da. Wie ein ungeschriebener Code gilt eine Art gemeinsames Einverständnis, das besagt: Wir passen aufeinander auf. Als ob ein schwesterliches Band existiert, das uns zusammenhält.

Sicherlich wäre es besser, wenn gerade Frauen sich offen zum Feminismus bekennen würden (wenn sie schon von seinen Errungenschaften profitieren). Es wäre schön, wenn sich alle offen dazu bekennen könnten. Doch bevor es so weit ist, begnüge ich mich mit dem Schwesterncode.

Am nächsten Arbeitstag fragten die Kolleginnen beiläufig in der Küche, wie es mir ging: „Bist du gut nach Haus gekommen?“ Ich antwortete: „Klar, alles bestens“, und meinte es so.


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Panik, Pegida und Pressefreiheit

14. Februar 2015 von Naekubi
Dieser Text ist Teil 5 von 7 der Serie Die Emanzipation der Banane

Nicht nur Nationen entwerfen sich einen Gründungsmythos – auch Familien geben sich eine Erzählung, die erklären soll, wie wir wurden, was wir sind. Ich fragte meine Eltern, warum sie nach dem Vietnamkrieg das Land verließen. Ihre Antwort: Freiheit, genauer gesagt Religions- und Meinungsfreiheit. Glauben zu dürfen, was man will, und vor allem das sagen zu dürfen, was man will, ohne Repressalien vom Staat fürchten zu müssen. Diese Freiheit ist der Dreh- und Angelpunkt für die Existenz meiner Familie. Es übersteigt alle anderen Argumente – nicht die physische Not oder die Zerstörungen waren in ihren Augen Gründe, warum wir als „Fremde“ in Deutschland lebten. Der Gedanke, dass Freiheit ein hohes Gut ist, das es mit allen Mitteln zu verteidigen gilt, ging mir ins Blut über. Die freie Meinungsäußerung ist Gold wert. Doch in den letzten Wochen bekam ich Zweifel.

Der Grund hat einen prägnanten Namen: PEGIDA. Auch diese Strömung gab sich eine Erzählung, die ihre Existenz erklären soll. Sie eint der Glaube, dass AsylantInnen, Refugees und besonders Menschen muslimischen Glaubens an dem Untergang ihres geliebten Abendlandes schuld seien. Diese Menschen schlossen sich über soziale Medien zusammen, weil sie eine diffuse Angst empfanden vor – wovor? Vor dem eigenen gefühlten Abstieg, zu kurz zu kommen, Verlierer zu werden in einem System des neoliberalen Kapitalismus mit seinem eisigen Wind aus sozialer Kälte. Doch anstatt das System infrage zu stellen, tun sie etwas viel Einfacheres: Sich einen Sündenbock suchen, der schwächer ist als sie. Dabei sind es die Gebildeten, denen es verhältnismäßig gut geht, die bei PEGIDA mitmachen.

Nun haben diese PEGIDA-Menschen ebenfalls Recht auf ihren Glauben und auf die Äußerung ihrer Meinung durch Demonstrationen, Reden und Facebook-Posts. Dieses Recht besagt, dass jede/r seine/ihre Meinung sagen darf, ohne dass der Staat das verbieten dürfte. Aber warum bekomme ich jeden Tag einen Anflug von Panik, wenn ich die PEGIDA-Aussagen in den Nachrichten verfolge? Vermutlich weil diese Aufmärsche keine reine Meinungsäußerung, sondern Macht-Demonstrationen sind. Oder einfacher gesagt: Rassismus. Ohne tausendjährige Geister beschwören zu wollen, aber bei Aufmärschen gegen Menschen einer bestimmten Glaubenszugehörigkeit in Deutschland wird mir schlecht.

Unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit will man „denen“, den Nicht-Abendländischen zeigen, wo ihr Platz ist: nicht in Deutschland. Die Angriffe auf nicht-deutsch aussehende Menschen am Rande dieser Macht-Demonstrationen, der an Komplizenschaft grenzende Unwillen der Polizei dort: Das waren Terrorakte, kaum anders als die des NSU. Sie wollen Angst verbreiten unter Menschen nicht-deutscher Wurzeln, damit die am besten abreisen oder gar nicht hierher kommen. Vielleicht geht es PEGIDA-AnhängerInnen genau darum: Das gute Gefühl, an der Speerspitze einer „neuen“ Bewegung zu stehen, die eigene Wirkmächtigkeit spüren und jemandem – irgendjemandem – überlegen zu sein. Dass sie sich der selben Denkmuster wie die Ewiggestrigen bedienen, ist ihnen entweder nicht bewusst, oder es ist gewollt. Egal, was es ist – es ist ein Grund zur Sorge.

Ich will meinen Eltern glauben, dass die Freiheit des Denkens und Glaubens bedeutsame Werte sind, die auch ich hochhalten und verteidigen soll. Dazu gehört, diesen PEGIDA-Menschen ihre Meinung und ihre Demos zu lassen, mag ich sie noch so dumm und beschissen finden. Auch das Gesetz zieht die Grenze, wenn die Meinungsäußerung zur Hetze wird. Ist PEGIDA schon bei der Volksverhetzung angekommen? Gewalttätig sind sie bereits, wie man kürzlich in Leipzig sehen konnte. Die Demonstrationen sind vor allem als offene Drohung gegen Menschen wie mich und diejenigen, die anders erscheinen. Ich bin mir sicher, dass einige der AnhängerInnen das so verstanden wissen wollen.

Mein einziger Trost ist, dass viele Menschen das Recht der Pressefreiheit dazu nutzen, sich dem entgegen zu stellen. Sie schreiben und reden dagegen, sie gehen für ein offenes Deutschland auf die Straße. Mir bleibt nichts anderes übrig als das Beste zu hoffen, mit dem Schlimmsten zu rechnen und an manchen Tagen mich zu Hause zu verkriechen.

Für alle, denen das mit Zensur und freier Meinungsäußerung noch nicht ganz klar ist, hier zwei hilfreiche Links (leider auf Englisch):

https://stoptalk.wordpress.com/2013/01/18/on-censorship/

http://xkcd.com/1357/


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Gesucht: Genießbare Abendunterhaltung

18. Dezember 2014 von Naekubi
Dieser Text ist Teil 4 von 7 der Serie Die Emanzipation der Banane

Naekubi bloggt bei Danger! Bananas über das Leben von Asiat_innen in Deutschland, Kultur und Alltag, Rassismus und Feminismus, Selbstbewusstsein und Selbstverständnis. Wir freuen uns sehr, dass sie nun auch eine Kolumne bei der Mädchenmannschaft schreibt.

Das Thema „gute Unterhaltung“ lässt mich nicht los. Jetzt, wo es wieder kalt und dunkel ist, bewege ich mich noch weniger aus dem Haus. Stattdessen sitze ich abends zu Hause, eingemummelt in Decken, und stopfe mich voll. Nicht nur mit Keksen, Lebkuchen oder Plätzchen, sondern mit Medien. Bücher, Serien, Filme. Blöd nur: Es schmeckt mir nicht mehr so wie früher. Filme und Serien, die ich früher bedenkenlos zu mir nahm, finde ich heute eklig und bisweilen ungenießbar. Sind die Medien schlechter geworden? Das denke ich nicht. Aber meine Perspektive hat sich verändert – ich bin älter geworden, was mit gewissen Begleiterscheinungen einher geht: Zum Beispiel, dass ich nicht mehr alles unkommentiert konsumiere, was mir vorgesetzt wird.

Früher, ja früher, da war das anders. Als ich jünger war, störte es mich nicht, wenn alte Klischees aufgewärmt und billige Tropoi verwendet wurden. Etwa wenn bei den Schlümpfen oder anderen Zeichentrickserien im Stammensemble genau eine Frau oder ein Mädchen war. AsiatInnen kamen nur als böse Ninjas vor oder als BesitzerInnen von China-Restaurants. Damals machte mir nichts aus, es war schließlich immer schon so gewesen, das war der Normalzustand. Gleichzeitig fiel es mir nicht einmal auf, wenn ausnahmsweise doch ein Mädchen Protagonistin war, wie bei „Clarissa“. Hauptsache, die Serie war unterhaltsam und bunt. Als Kind und Jugendliche ist man noch leicht zu beeindrucken. Konsumieren bedeutet schließlich, alles zu schlucken – was ich sehr zuverlässig und bereitwillig tat.

Mit dem Alter verfeinert sich der Gaumen und man lässt sich von künstlich aufgebauschten Produkten voller Farbstoffe und billiger Zutaten nicht mehr beeindrucken. Und es wird einfach umso deutlicher, wie langweilig, formelhaft und mies die Rezeptur vieler Medien ist. Nehmen wir zum Beispiel Firefly – eine zum Bedauern vieler Geeks kurzlebige Science-Fiction-Serie von Joss Whedon, die in einem amerikanisch-chinesischen Universum in der Zukunft spielt. Damals fand ich die Serie gut und unterhaltsam. Heute, beim nochmaligen Besehen frage ich mich, wie um alles in der Welt es mir nicht auffallen konnte, dass es für ein amerikanisch-chinesisches Zeitalter kaum chinesisch oder asiatisch aussehende ProtagonistInnen und StatistInnen gab. Chinesisch ist reduziert auf Flüche, die die ziemlich weiße Crew hin und wieder äußert. Oder Sherlock: So sehr ich die BBC-Serie schätze, so bescheuert fand ich den Teil „The Blind Banker“, wo wieder mal die olle asiatische Drachenlady als Bösewichtin und eine zarte Lotusblume als Köder herhalten mussten. Gähn.

Die Kekse von früher schmecken nicht mehr so wie damals, weil sie nicht so gut waren wie ich immer gedacht hatte. Und nicht nur mir geht es so: Erst letztens unterhielt ich mich mit meinem Schwesterherz über genau dieses Thema. Wir stellten fest, dass uns unsere Freizeitbeschäftigung durch Sexismus vermiest wurde. Was ich bei Serien und Filmen erlebte, sah sie bei Manga und Anime. Seit Jahrzehnten wird sie mit denselben stereotypen Frauenfiguren genervt, zuletzt von einem Anime über Fahrradfans namens Yowamushi Pedal: „Ich hab mich auch gefragt, wieso es in diesem Road Racing Club keine Mädchen gibt… und wieso das einzige Mädchen, das totale Fahrradenthusiastin ist, NICHT SELBST FÄHRT!!!“ Auch in Manga und Anime sind Frauen gerade in gemischten Ensembles häufig nur Dekoration, das „Token-Mädchen“ oder Love Interest. Selbst ein großer Cast von weiblichen Figuren bringt nicht viel, wenn es sich um einen Harem-Anime handelt – wenn also alle Frauen hinter dem einzigen Kerl her sind. Großartig. Die guten Angebote muss man daher mit der Lupe suchen, und selbst dann ist nicht alles perfekt. Ich greife nach jedem Strohhalm, wenn es um Unterhaltung geht.

Da wäre zum Beispiel die Serie Selfie mit John Cho und Karen Gillan, die ich trotz des fürchterlichen Titels unterhaltsam finde. Gillan spielt Eliza Dooley, eine (scheinbar) oberflächliche, Social-Media-abhängige junge Frau, die von Marketing-Guru Henry Higgs (Cho) bessere Manieren lernen und ein neues, besseres Image erhalten soll. Das klingt erst einmal nach „älterer Mann bringt dummer junger Frau etwas bei“, doch das legt sich sehr bald. Die beiden werden als vielschichtige Personen in einer Freundschaft gezeigt. Ich mag John Cho als „romantic interest“ in dieser romantischen Komödie, denn wo gab es das das letzte Mal? Eben. Bezeichnenderweise wurde die Serie nach einer Staffel abgesetzt und die Chancen stehen schlecht, dass sie von einer Online-Plattform gerettet werden könnte. Boo-fucking-hoo. Zumindest die verbleibenden Folgen werden online veröffentlicht.

Eine andere Serie, die ich persönlich gut gemacht und unterhaltsam finde, ist Black-ish – sie versucht, die Schwarze Familien-Sitcom wiederzubeleben. Doch anders als die früheren Formate widmet sich die Serie dezidiert Fragen und Lebenswirklichkeiten von Afro-AmerikanerInnen, ohne dass man sich als Nichtangehörige/r ausgeschlossen fühlt oder keinen Zugang erhält. Die MacherInnen im Hintergrund treffen den Ton meistens sehr gut, die Witze haben ein gutes Tempo und Niveau erreicht, was auch an der hervorragenden Auswahl der KinderdarstellerInnen liegt. Diese Serie scheint auch von der Quote her ein großer Erfolg zu sein und ich hoffe auf weitere Folgen, schließlich ist der Winter noch lang.

Das sind derzeit genau zwei für mich genießbare Serien von einem Buffet an Medienangeboten aus dem Jahr 2014, das anscheinend nur aus altem Weißbrot von vorvorgestern besteht. Was mich dabei auf die Palme bringt, ist die offensichtliche Faulheit und Ideenlosigkeit der sogenannten Kreativen. Ich habe es satt, wenn Kreative schlicht und ergreifend zu den immer selben Rezepten greifen. Niemand muss das Rad neu erfinden, aber ein wenig Mühe geben erwarte ich schon. Es braucht nicht die x-te Story von dem weißen, männlichen, heterosexuellen Helden, der die Welt rettet und am Ende das Mädchen kriegt.

Ich wünsche euch allen deshalb ein inklusiveres Jahr 2015, in dem es mehr Charaktere mit unterschiedlichsten Lebenswelten auf den Bildschirm schaffen und weniger von den ollen Kamellen.


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Lasst mich zu Wort kommen!

28. November 2014 von Naekubi
Dieser Text ist Teil 3 von 7 der Serie Die Emanzipation der Banane

Naekubi bloggt bei Danger! Bananas über das Leben von Asiat_innen in Deutschland, Kultur und Alltag, Rassismus und Feminismus, Selbstbewusstsein und Selbstverständnis. Wir freuen uns sehr, dass sie nun auch eine Kolumne bei der Mädchenmannschaft schreibt.

November ist im Internet nicht nur der Monat der Schnurrbärte (Stichwort Movember), sondern auch der Zeitraum, in dem der sogenannte NaNoWriMo stattfindet. NaNoWriMo steht für „National Novel Writing Month“. Ziel ist es, innerhalb des Monats November 50.000 Wörter auf Papier zu bringen und so einen Rohentwurf eines Romans fertigzustellen. Was vor 15 Jahren in den USA begann, wird auch in Deutschland immer beliebter: Über 2.700 SchreiberInnen beteiligen sich dieses Jahr daran, ich gehöre dieses Jahr zum ersten Mal dazu. Warum ich mir das antue? Zwei Gründe: Selbstverwirklichung und Selbstermächtigung.

Schreiben und lesen waren von klein auf meine Leidenschaften. Ich verlor mich in Geschichten, ich lebte in Büchern, ich verbrachte ganze Sommer in der Stadtbibliothek. Ich identifizierte mich mit den HeldInnen aus den Büchern, die anders waren als ich: Sie erlebten Abenteuer, leisteten Außergewöhnliches. Eines hatten sie gemeinsam: Sie waren so gut wie alle weiß. Sie sprachen zu Hause keine andere Sprache mit ihren Eltern, sie wussten, wer sie waren und woher sie kamen. Und niemand stellte das infrage. Nicht-weiße waren allenfalls Randnotizen, Sidekicks, niemals im Fokus. Der Konflikt von Identität, die Diskrepanz zwischen Eigenwahrnehmung und Fremdwahrnehmung, die mich prägten, fanden sich nicht zwischen Buchdeckeln. Ich selbst dachte lange nicht darüber nach, weil das ohnehin niemand tat, schon gar nicht in literarischer Form. Warum sollte ausgerechnet ich plötzlich den Blick darauf richten und das problematisieren? Schlafende Hunde soll man nicht wecken.

Mit 17 hatte ich das erste Mal den Gedanken, einen Roman schreiben zu wollen. Irgendeinen. Doch ich hatte keine Ahnung, wie man das machte, und ich traute es mir nicht zu. Wer sollte schon das Zeug von einem vietnamesisch-deutschen Mädchen lesen? Wer würde sich mit einer Outsiderin dieser Gesellschaft identifizieren können? Kunst sollte doch etwas Allgemeingültiges über die Conditio Humana sagen können, dafür empfand ich meine Sichtweise nicht allgemeingültig genug. Ich war nicht normal, Punkt. Vorbilder oder Ermutigung in meiner unmittelbaren Umgebung hatte ich keine. Zu sagen, dass ich damals Hemmungen hatte, wäre eine Untertreibung. Man muss sich vor Augen führen, wer Bücher veröffentlicht und was gelesen wird, wer die Geschichten schreibt, die das Land bewegen: Der Buchmarkt wird wie die Gesellschaft von denen geprägt, die ohnehin die Deutungshoheit haben: Weiße, oftmals männliche Menschen aus der sogenannten Mittelschicht, inzwischen gibt es auch einige Frauen, aber auch sie sind zu einem überwältigenden Prozentsatz weiß. Sie werden gedruckt und gelesen, sie melden sich am häufigsten zu Wort und haben das Selbstbewusstsein, sich mittels des geschriebenen Wortes in die Köpfe anderer Menschen zu verpflanzen. Dadurch prägen sie die kulturelle Landschaft und das kollektive Bewusstsein. Die vorhandene Kultur in der Mitte verstärkt sich durch die AkteurInnen an den Schalthebeln selbst und klopft sich auf die eigene Schulter. Aber nirgendwo fand ich die Geschichten, die mich als Deutsche mit vietnamesischen Wurzeln umtrieben und beschäftigten. (mehr …)


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Unsere Welt soll offener werden

31. Oktober 2014 von Naekubi
Dieser Text ist Teil 2 von 7 der Serie Die Emanzipation der Banane

Naekubi bloggt bei Danger! Bananas über das Leben von Asiat_innen in Deutschland, Kultur und Alltag, Rassismus und Feminismus, Selbstbewusstsein und Selbstverständnis. Wir freuen uns sehr, dass sie nun auch eine Kolumne bei der Mädchenmannschaft schreibt.

Ich liebe Vorher-Nachher. Ob persönliches Umstyling, die Wohnung umdekorieren, Depressionen überwinden oder aber sich endlich selbst akzeptieren: Von positiven Veränderungsprozessen kann ich nicht genug bekommen. Aus diesem Grund liebe ich Social Media, denn gerade auf Twitter und Tumblr kann man wie bei wenigen anderen Plattformen Leuten beim Denken zusehen. Und unter Umständen beobachten, wie sich Denkprozesse langsam wandeln. Aber von vorn.

Neulich schrieb jemand auf Twitter über ihre Unzufriedenheit mit ihrer eigenen Unzulänglichkeit und mangelnden Toleranz. Obwohl sie als Deutsche mit türkischen Wurzeln selbst von Rassismus betroffen ist, stellte sie fest, dass sie selbst hin und wieder noch in rassistischen Kategorien denkt. Die Machtverhältnisse und die Verteilung von Privilegien, die um uns herum existieren, reproduzieren wir bisweilen in unseren Köpfen – internalisierte -*ismen ist hier das Stichwort. Es ist ziemlich zerknirschend, wenn man offenbar keinen Deut offener oder respektvoller ist als die Leute, die man kritisiert.

Das Gefühl, eine Hochstaplerin oder Heuchlerin zu sein, kenne ich von mir selbst: Natürlich bin ich selbst Opfer von sexistischen oder rassistischen Gesellschaftsstrukturen, doch ich bin gleichzeitig in vielen anderen Aspekten Täterin, durch mir gewährte Privilegien in dieser Welt: Körperlich nicht behindert, cis, noch nicht alt, heterosexuell, im „Westen“ aufgewachsen. Gehe ich wirklich immer respektvoll mit anderen um, etwa wenn sie eine Behinderung haben, nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprechen, queer sind oder trans oder alt? Gucke ich nicht manchmal von oben herab auf Leute, die keinen Zugang zu Bildung haben/hatten? Und was denke ich tatsächlich über die Menschen, die nicht das Glück hatten, im „Westen“ aufzuwachsen, und gnadenlos ausgebeutet werden? (mehr …)


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Keine unschuldigen Komplimente

18. September 2014 von Naekubi
Dieser Text ist Teil 1 von 7 der Serie Die Emanzipation der Banane

Naekubi bloggt bei Danger! Bananas über das Leben von Asiat_innen in Deutschland, Kultur und Alltag, Rassismus und Feminismus, Selbstbewusstsein und Selbstverständnis. Wir freuen uns sehr, dass sie ab diesem Monat auch eine Kolumne bei der Mädchenmannschaft schreibt – Fanfare und Konfetti: dies ist die erste in Naekubis Reihe „Die Emanzipation der Banane“! 

Neulich war ich mit dem Rad in München unterwegs. Ich dachte an nichts Besonderes, als vor mir auf dem Radweg zwei Herren standen. Schnell klingelte ich Sturm, denn auf dem Radweg ist die Radfahrerin im Recht. Die Männer sprangen gerade rechtzeitig beiseite. Fast war ich schon an ihnen vorbei, als ich in unvergleichlichem Münchnerisch hörte: „Und hübsch aa no!“ Ich fuhr weiter und lächelte – um mich gleich danach innerlich zu schelten. Warum um Himmels willen lächelte ich? Hatte ich nicht gelernt, dass das eine unerwünschte, sexistische Grenzüberschreitung war? Dass es sich hier einfach nur um dialektal gefärbtes „Catcalling“ handelte, das es zu bekämpfen galt?

Diese Sache und meine Reaktion darauf beschäftigten mich. Ich dachte an eine Freundin, die während ihres Auslandssemesters in Spanien nach eigener Aussage wesentlich häufiger ungefragten Komplimenten ausgesetzt war. Ihr machte das wenig aus, im Gegenteil: Wenn harmlose Kommentare wie „Hallo Hübsche“ kamen, genoss sie die Aufmerksamkeit sogar. Und, so fuhr sie fort, sie fände es eher schade, dass man in Deutschland nie einfach so Komplimente bekäme. Die sexuelle Seite, die man als Mensch ja auch hätte, würde immer ignoriert. Das konnte ich nachvollziehen: Ein wenig Bestätigung der eigenen Attraktivität tut gut. Und doch fühlte ich mich bei diesen Überlegungen unwohl.

Zum einen ist da die Heteronorm: Komplimente an Frauen* von Männern* sind eine Hetero-Angelegenheit. Da entsteht eine Normalität, die wirklich nur einen Teil des Gesamtbildes zeigt – Bi-, Homo- oder Asexuelle, aber auch Trans-Menschen bleiben ausgeschlossen. Nicht-heterosexuelle Frauen bekommen Beleidigungen und Anzüglichkeiten an den Kopf geworfen. Zum anderen werden derlei Komplimente nach wie vor nicht wahllos verteilt, sondern zeigen, wer in dieser Gesellschaft „sexuell wertvoll“ ist: Dicken Menschen oder Menschen mit Behinderung wird generell eine Sexualität abgesprochen. Diese Komplimente, und das klingt jetzt wirklich entsetzlich, sind auch ein Privileg.

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Diskriminierung/Rassismus im Münchner Hofbräuhaus?

8. September 2014 von Naekubi

Naekubi schreibt über das Leben von Asiat_innen in Deutschland, Kultur und Alltag, Rassismus und Feminismus, Selbstbewusstsein und Selbstverständnis. Ab September schreibt sie auch eine monatliche Kolumne bei der Mädchenmannschaft zum Thema Feminismus im Alltag. Dieser Artikel erschien bereits heute auf ihrem Blog Danger! Bananas.

Jetzt, wo das Münchner Oktoberfest vor der Tür steht, kann man ja mal überprüfen, wie es mit der Willkommenskultur in der bayerischen Landeshauptstadt bestellt ist. Nicht besonders gut, wenn man dieses heimlich gedrehte Youtube-Video betrachtet, das im Münchner Hofbräuhaus aufgenommen wurde:

Darin erklärt der Kameramensch, wie er/sie beobachtet hat, dass von seinem/ihrem Tisch direkt am Eingang anscheinend systematisch Menschen asiatischer Erscheinung vertrieben werden, mit dem Hinweis, der Tisch sei reserviert. Seltsamerweise ist der Tisch nicht reserviert, als sich weiße BesucherInnen an den Tisch setzen. Man lässt diese gewähren, obwohl sie nichts bestellen.

Ich gehe davon aus, dass der Kameramensch weiß ist, weil er/sie am Tisch sitzen bleiben darf (anders als die asiatisch aussehende Frau). Aber wenn selbst ihm/ihr das offen rassistische Verhalten des Personals auffällt, dann scheint doch was nicht in Ordnung zu sein.

Wenn ich das sehe, kommt mir die Galle hoch. Erst vor einigen Wochen wurde ausführlich über Rassismus an Clubtüren berichtet, und dann sowas. Der „Nur mit Reservierung“-Trick wurde auch dort ausführlich verwendet. Anscheinend haben alle Weißen qua Geburt eine Reservierung erhalten.

Das Hofbräuhaus wird von mir diesbezüglich eine Anfrage erhalten. Ich werde berichten, sollte es Ergebnisse geben.

Nachfragen könnt ihr dem Münchner Hofbräuhaus unter anderem über Twitter (@hofbraeuhausMUC) oder per E-Mail stellen.


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„Dossier Asian Germany – Asiatische Diaspora in Deutschland“ ab sofort online

4. März 2014 von Naekubi

Dieser Beitrag erschien im Februar bei Danger! Bananas. Wir danken der Autorin Naekubi für die Erlaubnis zur Zweitveröffentlichung!

Ich möchte euch ausdrücklich auf das soeben veröffentlichte Dossier „Asian Germany“ von der Heinrich-Böll-Stiftung hinweisen, das einen facettenreichen Blick auf asiatisches Leben in Deutschland wirft.

In besagtem Dossier finden sich Beiträge von Kien Hoang Le, Trang Thu Tran, Carmen Wienand, You Jae Lee, Kim Gŭn-ch’ŏl, Lee Mun-sam, Kim Ch’ang-sŏn, Alisa Anh Kotmair, Nya Luong, Indira Hong Giang Berghof, Bé Điểm Nguyễn-Xuân, Baly Nguyen, Dan Thy Nguyen, Kimiko Suda, Sun-ju Choi, Nguyen Phuong-Dan, Stefan Canham, Angelika Nguyen, Yoko Tawada, Linda Koiran, Hanna Hoa Anh Mai, Miriam Nandi, Smaran Dayal, Noa Ha uvm.

Das Dossier wurde von Kien Nghi Ha konzipiert, der auch für den offenen Brief an den Heimathafen Neukölln verantwortlich zeichnet, und entstand in Kooperation mit korientation e.V. und dem Kultur- und Gesellschaftsmagazin freitext.

Anders als die Medien immer suggerieren, sind AsiatInnen in Deutschland zu einem kleinen, aber vitalen Teil der Gesellschaft geworden. Asiatische Deutsche sind keineswegs Fremde oder das Andere. Ich zitiere weiter aus der Pressemitteilung:

Vor diesem Hintergrund stellt das vorliegende Dossier „Asian Germany – Asiatische Diaspora in Deutschland“ Positionen und Perspektiven vor, welche die Norm der Fremdwahrnehmung mit ihren oftmals ausgrenzenden Grundannahmen in Frage stellen und diese mit den Innenansichten asiatisch-deutscher Eigensinnigkeit konfrontieren.

Das Dossier geht mittels literarischer Verdichtungen, Gesprächen und oral history-Narrationen und fotografischen wie analytischen Essays der Frage nach, wie postmigrantisches Leben aus asiatisch-deutschen Perspektiven reflektiert werden kann. Was passiert, wenn die Migration zu ihrem Ende kommt? Welche Identitäten, Identifikationen und Identitätspositionen entstehen dann?

Das Dossier besteht aus fünf Teilen:

  • Community und kulturelle Identität
  • Fokus: 50 Jahre koreanisch-deutsche Arbeitsmigrationsgeschichte
  • Kulturelle Selbstverortungen und Imaginationen
  • Salon der Kurzgeschichten
  • Transnationale Verbindungen und Hybridität

Ich finde das Dossier sehr gelungen – es zeigt in aller Deutlichkeit die Vernetzungen zwischen Asien und Deutschland in einer tatsächlich globalen Welt. Selbst ich entdecke weitere Wirklichkeiten von Asiatisch-Sein in diesem Land.

Das Dossier steht auch als PDF zum Download zur Verfügung.


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Winterzeit = Urlaubszeit

30. Januar 2013 von Naekubi

Dieser Text erschien vor kurzem bereits bei Danger!Bananas. Wir danken Naekubi für die Erlaubnis zur Zweitveröffentlichung!

Jetzt wo München in Eis und Schnee versinkt, ist die ideale Zeit für Fernreisen. Warum nicht einfach dem Grau entfliehen und gen Süden ziehen.

Das müssen sich auch meine Kollegen gedacht haben. Bei ihnen steht ein Land hoch im Kurs, das sich auch außerhalb des PR-Büros größter Beliebtheit erfreut: Vietnam. Vor Jahren noch ein Backpacker-Geheimtipp, hat sich das Land zu einer Destination fast massentouristischen Ausmaßes gemausert. Im Büro werden Bilder getauscht, Restauranttipps zugeflüstert, Reiserouten verglichen und Anekdoten von Traumstränden und anderen Reisenden zum Besten gegeben.

Ich sitze schweigend daneben. Was soll ich dazu sagen? Viel kann ich zu den Unterhaltungen ohnehin nicht beitragen, denn Vietnam habe ich das letzte Mal vor fünfzehn Jahren gesehen. Damals war ich zwölf und es war meine allererste Fernreise überhaupt. Ihre Begeisterung kann ich nicht teilen. Vietnam – ich erinnere mich an die schwüle Hitze, die mich, die ich in Mitteleuropa akklimatisiert wurde, nur ermattete. Die Menschen auf der Straße waren mir fremd – irgendwie sprachen sie eine ähnliche Sprache wie ich, aber ich spürte keine Verbindung zu ihnen. Sollte das mein Volk sein? Die Menschen auf der Straße waren tiefbraun gebrannt und arm, bettelten mich an, beklauten meine Familie oder waren körperlich versehrt.

An Saigon erinnere ich mich als eine furchteinflößende Stadt – Cyclo-Fahrer schienen jederzeit bereit, uns im dichten Straßenverkehr zugunsten schnelleren Fortkommens über den Haufen zu fahren. Bei Monsun waren die Straßen teilweise kniehoch überflutet mit braunem Wasser, das ungesund aussah. Vom ungewohnten Klima und dem Essen hatte ich ständig Magenschmerzen.

Ich verlasse die Unterhaltung im Büro und gehe nach draußen, weil ich meine eigene Gefühlsgemengelage ordnen muss. (mehr …)


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