Einträge von Melanie


Die rosa Brotdose meines Sohnes

11. November 2015 von Melanie
Dieser Text ist Teil von 45 der Serie Muttiblog
Die rosa Brotdose

Die rosa Brotdose meines Sohnes

Montag morgen, der übliche Trubel. Ich schmiere Butterbrote. Kind 1, 4 Jahre, besteht auf Erdnussbutter. Aber erstens finde ich, das Erdnussbutter eine Süßigkeit ist und fürs Wochenende und zweitens ist in seiner Nachbargruppe ein Kind mit Nussallergien. Sicher ist sicher, aber das erste Drama hat schon begonnen. Mit vier Jahren ist er momentan nicht sehr empfänglich für  „Argumente“.

Ich lege also das Brot und seine halbe Banane wie jeden Morgen in die heißgeliebte, rosa Brotdose. „Ich will die rosa Brotdose nicht mehr mitnehmen!“

Das kommt unerwartet. Erst neulich hatte er gesagt, die anderen Kinder würden ihn auslachen oder sagen, er sei ein Mädchen. Ich bin dann zu seiner Erzieherin gegangen und habe sie drauf angesprochen. Sie selbst war verwundert und versprach, das Thema in der Morgenrunde noch mal anzusprechen.

Nun war ich bei dieser Morgenrunde nicht dabei. Minime kam nachmittags fröhlich auf mich zu gerannt und sagte: „Mama, Jungs dürfen auch rosa Brotdosen haben!“ (Dass sein Papa und ich das vorher auch gepredigt haben und ich ein kleines bisschen meine Autorität schwinden sah, weil die Worte der Erzieherin wohl mehr Einfluss haben als meine, lasse ich mal außen vor).

Ich dachte, damit hätte sich die Sache erledigt. Aber dem war wohl nicht so. Wie gesagt, ich weiß nicht genau, wie die Erzieherin an die Sache gegangen ist. Vielleicht hat sie so was gesagt wie: „Wisst ihr Kinder, es gibt keine Jungs- oder Mädchenfarben. Jeder darf jede Farbe haben“. Das hat dann vermutlich den gleichen pädagogischen Effekt, wie wenn ich meinen Kindern das Zähneputzen predige: Nachhaltigkeit gleich null. Die Botschaft kam offensichtlich nicht bei allen Kindern an.

Und da stand ich nun am Montag morgen vor einem verzweifelten und enttäuschten Jungen, der Angst hat seine heißgeliebte rosa Brotdose mit in den Kindergarten zu nehmen. Alles Zureden half nicht: „Schatz, Du weißt doch, dass rosa ne super Farbe ist, für alle Kinder! Und wenn Dich jemand ärgert, dann ist das schlechtes Benehmen und Du kannst der Erzieherin Bescheid sagen.“

Hat das mal bei eine_m von Euch funktioniert? Dass das Kind damit umgestimmt wird? Ich packte also sein Butterbrot in eine andere Dose und brachte ihn zum Kindergarten.

Ähnliche Szenen gab es mit seinen rosa Glitzerschuhen, die ihr vielleicht noch aus diesem Beitrag kennt. Im Sommer habe ich ihm ein rosa Kleidchen gekauft, ganz schlicht. Seine Augen leuchteten erst. Dann schlug er wild um sich, als ich ihm helfen wollte, es anzuziehen. Vermutlich begreift man auch schon mit vier, dass es verschiedene Abstufungen von „rosa ist nicht ok für Jungs“ gibt. Ich frage mich, wie lange seine rosa Zahnbürste noch bleiben darf.

rosa Zahnbürste

Die rosane ist von Minime

Ich geb es ja zu: Nach meinem Studium der Gender Studies war mir klar, das es nicht einfach werden würde, meine Kinder, in einer Welt, in der alle Menschen in Männer und Frauen unterteilt werden und unterschiedliche Rollen zugewiesen bekommen, geschlechtsneutral* zu erziehen.

Man hat mal eine kleine Umfrage gemacht und Eltern von Neugeborenen gefragt, für wie groß und schwer sie ihr Baby schätzen. Die Eltern von Mädchen schätzten ihre Babys kleiner und leichter ein, als sie 1. tatsächlich waren und 2. als gleich große und schwere Jungs, die man ihnen zeigte. Bei den Eltern von neugeborenen Jungen war es umgekehrt: Sie hielten ihre Babys für größer und schwerer als vergleichbar große Mädchen und auch, als sie tatsächlich waren.

Und jetzt sagt mir noch mal, dass die Gesellschaft keine Rolle spielt? Dass alles angeboren sei, was Mädchen zu Mädchen und Jungen zu Jungen macht. Immer wenn Eltern sagen: Also wiihir erlauben unseren Söhnen auch mit Puppen zu spielen oder unseren Mädchen mit Autos“ muss ich an Szenen denken wie

  • die Mama in der Krabbelgruppe, die vor Entzückung quietscht, weil ihre 18 Monate alte Tochter ihre Schuhe holt und gleich noch ein paar andere die dort rumstehen mit. „Sie steht auch schon auf Schuhe, ganz die Mutter“
  • der Vater auf dem Bolzplatz, der mit seinem zwei Jahre alten Sohn Tore schießt, während die ca. vierjährige Tochter am Rande steht und sehnsüchtig zu den Beiden rüber schaut, aber nicht dazu gerufen wird.

Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht von anderen Eltern im Kindergarten, auf dem Spielplatz, im Turnverein oder bei der Krabbelgruppe Sätze höre wie „typisch Mädchen/Junge“.

Wenn ich mich daran zurück erinnere, wie ich Überzeugungsarbeit leisten musste, damit Minime eine Puppe und einen Puppenwagen bekommt. Oder mal was aus der Elfen- und Feen-Serie von Playmobil, nicht nur Ritter und Piraten. Oder als beim Kindergeburtstag die Seifenblasen mit Cars-Motiv automatisch in seinem GoodieBag landen, obwohl er viel lieber die Eiskönigin gehabt hätte.

Und auch der Kindergarten bietet auf dem Weg zu einer geschlechtsneutralen (oder sagen wir besser: -sensiblen) Erziehung Stolpersteine. Minime erzählt, dass sie in der Mittagsruhe (in der die kleinen Kinder noch Mittagsschlaf machen, die größeren eine „Pause“) oft von den Kindern mitgebrachte CDs hören oder Bücher lesen. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass diese Medien nicht danach geprüft werden, ob sie Genderklischees (von Rassismus und Co. ganz zu schweigen) reproduzieren. Zu Hause halte ich es oft wie Suse und lese Bücher mit vertauschten Rollen vor. Dann erst fällt auf, wie eklig 50er Jahre-mäßig nicht nur die Hauptcharaktere in ihren Geschlechterrepräsentationen sind. Und das bei recht aktuellen Büchern. Ich habe das mal bei den Olchis ausprobiert.

Im Kindergarten braucht es mehr als eine Morgenrunde, in der eine Erzieherin die Kinder ermahnt, niemanden für seine rosa-Vorliebe auszulachen. Deswegen muss nicht gleich die Puppenecke abgeschafft werden. Aber es gibt – siehe unten – tolle Tipps und Anregungen um eine offene Atmosphäre zu schaffen, in der alle Kinder ihre Interessen und Vorlieben ausleben können.

Ob ich da ein bisschen überempfindlich reagiere? Wenn mein Sohn einfach fröhlich oder genervt seine rosa Brotdose liegen lassen würde – damit käme ich zurecht. Aber am Montag morgen, da war er nicht fröhlich oder genervt, sondern zutiefst traurig und enttäuscht. Und das kann ich weder als Mutter, noch als Pädagogin gutheißen.

Es ist mir ein Rätsel, dass ich mit meinen Studienabschlüssen in Sozialpädagogik und Gender Studies nicht schon eher drauf gekommen bin. Zumal ich bereits für den Bereich Berufsorientierung von Jugendlichen solche Workshops für pädagogisches Personal konzipiert und durchgeführt habe und ja schon eine Weile als Freiberuflerin unterwegs bin. Vielleicht war es zu naheliegend und mein Sohn musste mich erst darauf bringen, aber:

Wer mich für Vorträge und Workshops zur gendersensiblen Pädagogik in Bildungseinrichtungen von der Kita bis zur Schule oder zur geschlechtersensiblen (andernorts wird geschlechterneutral verwendet) Erziehung einladen will: Ich freue mich auf Eure Nachricht an

gluecklichscheitern @ gmail.com

– und hier noch ein bisschen zu meinem fachlichen Hintergrund


Wer sich ebenfalls für geschlechtersensible Pädagogik interessiert, findet hier einige Literaturhinweise, Links und Materialien:

Bücher:

Almut Schnerring und Sascha Verlan (2014): Die Rosa-Hellblau-Falle. Für eine Kindheit ohne Rollenklischees

Melitta Walter (2005): Jungen sind anders, Mädchen auch. Den Blick schärfen für eine geschlechtergerechte Erziehung


* geschlechtsneutral heißt für mich nicht, dass ich mein Kind als „Neutrum“ erziehen will, sondern das ich ihm alle Optionen offen halte.


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Heute ist internationaler Hebammentag

5. Mai 2015 von Melanie

Der internationale Hebammentag wird am 05.05. gefeiert und soll auf die Bedeutung der Hebammenarbeit hinweisen. Und gefühlt seit Jahren steht die Arbeit der Hebammen zur Diskussion:

Die Karte der Unterversorgung für Hebammenhilfe wächst und wächst, die Weiterführung der Berufshaftpflicht (ohne die eine Hebamme nicht praktizieren darf) ist ungewiss und das, obwohl die Vorteile durch Hebammenbetreuung klar auf der Hand liegen. Die Politik bewegt sich kaum, trotz Online-Petitionen und Protestmärschen, wie sie z.B. letztes Jahr statt gefunden haben.

Umso wichtiger ist es, die Hebammenarbeit oder die Elternproteste weiter zu unterstützen! Es kann nicht sein, dass Hebammen ihre Arbeit aufgeben müssen und vor allem dass Schwangere ohne Hebammenhilfe bleiben. Es geht nicht – nur – darum, ob Kinder gesund auf die Welt gebracht werden, sondern auch um das Recht der Schwangeren auf Wahl des Geburtsortes, empathische Schwangerschaftsbegleitung und Hilfe und Unterstützung im Wochenbett. Kurzum: um die Selbstbestimmung über den eigenen Körper und das Nicht-Pathologisieren von Schwangerschaft und Geburt.

Wieso sich an der Situation der Geburtshilfe und auf Seiten der Krankenkassen und Versicherungen so wenig tut, erklärt H. Hansen auf kleinerdrei. Was ihr tun könnt, damit das Thema auf der politischen und medialen Agenda bleibt? Zum Beispiel den Verein Hebammenunterstützung/ Motherhood  unterstützen, fehlende Hebammenhilfe auf der Karte der Unterversorgung eintragen, und Euch auf dem Laufenden halten und Aktionen und Meldungen teilen – in sozialen Medien, im RealLife oder wo auch immer.

Ihr wollt mehr über die Situation von Hebammen erfahren? Dann schaut auf der Seite des Deutschen Hebammenverbandes nach, lest den Blog von Anja „Von guten Eltern“ – sie ist selber Mutter und Hebamme und berichtet regelmäßig über die Situation in der Geburtshilfe. Oder stöbert hier in den alten Artikeln über Hebammen: zum Beispiel diesen, diesen, diesen oder diesen.

 


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Geburtshilfe – Keine Wahlfreiheit beim Geburtsort

25. Februar 2015 von Melanie

Ein Schritt vor, zwei Schritte zurück – So laufen die Verhandlungen der Hebammen mit den Krankenkassen und Versicherern. Die freie Wahl des Geburtsorts soll weiter eingeschränkt werden: Erhöhte Ausschlusskriterien für Hausgeburten (z.B. Überschreitung des errechneten Geburtstermins), das Ausbleiben einer 5%igen Vergütungssteigerung und das Damoklesschwert der zukünftigen Berufshaftpflicht verschlechtern die Situation in der Geburtshilfe massiv.

Dabei werden – wieder – die Rechte von Frauen*, über ihren Körper zu bestimmen, eingeschränkt. Schwangere haben damit nicht nur – realistisch betrachtet – keine freie Wahl des Geburtsortes mehr. Auch die Vor- und Nachsorge durch Hebammen ist davon betroffen – überlegen doch etliche Hebammen inzwischen, ihren Beruf aufzugeben. Im Kreißsaal wird die Situation auch nicht besser, die Überlastung der Hebammen durch die Begleitung mehrerer Geburten gleichzeitig führt öfter dazu, dass diese eigentlich wegen Überlastung den Kreißsaal schließen müssten.

Aber Selbstbestimmung von Frauen über ihre Körper oder die Rettung eines Berufsstands scheinen die Medien und Politik nicht mehr zu interessieren. Die Situation verschlechtert sich immer weiter.

Auf der Seite der Kampagne #meineGeburtmeineEntscheidung kann man Anregungen und Textbausteine finden, um sich bei den Krankenkassen zu beschweren, ebenso finden sich weitere Infos über die Problematik.


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Konsens Karneval – Ein Kostüm ist keine Einladung

5. Februar 2015 von Melanie

Alaaf und Helau liebe Jeck_innen! Oder was man sonst so bei Euch ruft, wenn Karneval/Fasching ist. Als ich vor über 5 Jahren aus dem Ruhrgebiet nach Köln zog, hat mich diese Omnipräsenz des Karnevals, der hier ja schon am 11.11. beginnt, geschockt. Und wie ich – damals noch im Ruhrgebiet arbeitend – versuchte, an Weiberfastnacht mit öffentlichen Verkehrsmittel aus Köln heraus zu kommen…

Das ist aber nicht das Problem mit Karneval. Sich Verkleiden, Feiern, Fröhlich sein – ok. Gern. Und in diesem Beitrag geht es auch erst mal nicht um die militärischen/katholischen-was-auch-immer Bezüge, die Karneval hat. An dieser Stelle geht es auch nicht um Rassismus in Sachen Verkleidung. In diesem Beitrag geht es darum, dass Sexismus und sexuelle Gewalt im Karneval einer die Feierei ganz schön vermiesen können, dass Frauen* darauf achten müssen, wie sie sich verkleiden, wie viel sie trinken… also alles, was an victim blaming und rape culture auch sonst existiert, im (Kneipen)Karneval dann noch mal geballt auftaucht.

Oder kurz: Ich möchte auf meine Kampagne „KonsensKarneval – Ein Kostüm ist keine Einladung“ aufmerksam machen (hier zur facebook-Seite und zum twitter-Account). Vorbild war die Kampagne „I frog di„, die sich auf das Oktoberfest konzentriert.

Für diejenigen, die mit Karneval/Fasching eher wenig zu tun haben: Beim (Kneipen)Karneval ist es durchaus gang und gebe, dass Menschen offener als sonst auf andere Menschen zu gehen. Oder schlicht: dass diese Kontaktaufnahme dank Kostümierung und Alkohol leichter von statten geht. Hier in Köln ist das so gang und gebe, dass „Seitensprünge“ an Karneval normalisiert sind (die werden bei der Nubbelverbrennung an Karnevalsdienstag gebeichtet und gesühnt. Dafür wird stellvertretend eine Strohpuppe – der Nubbel – verbrannt. Parallelen zur Hexenverbrennung sind an den Strohhaaren herbei gezogen). Ich war auf einer Hochzeit, auf der der Pfarrer den Hochzeits-/Treueschwur „treu sein, einander lieben und ehren“ mit einem augenzwinkernden „Karneval ausgenommen“ ergänzte. Für manche Touristen ist Karneval einzig dazu da, „Sexabenteuer“ zu erleben.

Nun gut, so lange das in beiderseitigem Einverständnis erfolgt ist daran nichts falsch. Aber kommt es zu Übergriffen, wird es insbesondere den Frauen angelastet: Zu viel getrunken, zu freizügiges Kostüm und dann hat sie (™) auch noch mit einem „Bützchen“ angefangen! (Bützchen sind Küsschen auf die Wange, die gerne auch als Gegenleistung für ein „Strüßje“ erwartet werden, also Blümchen, das überreicht wird).

Hier möchte die Kampagne KonsensKarneval – Ein Kostüm ist keine Einladung ansetzen: Darauf aufmerksam machen, dass NIE die Betroffenen Schuld sind und dafür sensibilisieren, dass Vorsichtsmaßnahmen eher bei den „Tätern“ gefragt sind.

Ihr wollt mitmachen? Sehr gerne! Wenn ihr selber Karneval feiert, schickt mir Fotos von Euch in Verkleidung, die ich mit dem Text „Mein Kostüm ist keine Einladung!“ auf dem tumblr veröffentlichen werde. (WIE ihr verkleidet seid, ist völlig egal und ihr teilt mir mit, ob ihr eine Veröffentlichung mit oder ohne Namen wollt oder ob ich noch einen Balken über die Augen machen soll. Ich kann auch sehr gut nachvollziehen, wenn man KEIN Foto von sich veröffentlicht sehen möchte). Gerne könnt ihr mir auch Berichte über Erfahrungen (anonym, wenn ihr wollt) mit übergriffigen Menschen, abweisenden Beratungs-/Polizeidienststellen an konsens.karneval@gmail.com schicken. Oder ihr sammelt mit mir Ideen, wie das „Kölsche Grundgesetz“ oder Karnevalssprüche/-lieder umgetextet werden können in Sätze, die sich insbesondere an „Täter“ richten. Z.B. mit Postkarten auf denen „Darf ich Dich bütze*? (*küssen) steht und lediglich die Antwortmöglichkeiten: „Ja, aber nicht mehr“ und „Nein“ enthalten. Oder ihr teilt, liked und verbreitet einfach die Kampagne.

Ein Kostüm ist keine Einladung!


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Wie mein Kind ein Junge wurde – Teil 2

6. Januar 2015 von Melanie
Dieser Text ist Teil 44 von 45 der Serie Muttiblog

Minime ist inzwischen dreieinhalb. Vor gut einem Jahr beschrieb ich meine Beobachtungen, wie aus ihm ein Junge gemacht wird: Durch Interpretation seines Verhaltens, Auswahl seiner Geschenke und Anziehsachen und so weiter. Inzwischen ist Minime ein kleiner Mensch, der durchaus selber kommunizieren kann und ich sehe plötzlich, dass es nicht nur „Erwartungen“ sind, die an ihn heran getragen werden, ich sehe oft deutlich, wie seine Bedürfnisse und Wünsche ignoriert werden, wenn sie nicht den geschlechtsspezifischen Anforderungen entsprechen. Oft tut es mir richtig weh, wenn ich sehe, wie er versucht, einen Wunsch oder ein Bedürfnis zu formulieren und dieses ignoriert, übergangen oder lächerlich gemacht wird. Ein paar konkrete Beispiele:

Im Schuhladen. Winterschuhe stehen auf dem Einkaufszettel. Wir sind in einem kleinen Laden für Kinderschuhe. Minime hat wenig Interesse, die Schuhe anzuprobieren, ihm gefallen scheinbar die tristen (Jungs!)Farben nicht. Neben ihm sitzt ein ca. 8 Jahre altes Mädchen und probiert Turnschläppchen an, wie wir (Mädchen) sie früher im Turnunterricht trugen. Mit Glitzer! Minime war fasziniert. „Ich will auch Glitzerschuhe!“ Ich merke sofort: Ich komm aus diesem Laden nicht raus und kriege ihn auch nicht dazu, was anderes anzuprobieren, bevor er solche Schuhe hat. Ich wende mich also an die Verkäuferin. Ihr Gesichtsausdruck überrascht mich: Sie wirkt peinlich berührt und versucht Minime zu überreden: „Aber probier doch hier mal die Schuhe, die sind besonders cool!“ Wie vermutet interessiert sich Minime grade nur noch für diese Glitzerschuhe. Ich sage „Ist schon ok, haben sie welche in seiner Größe?“ Jetzt kann ich den Gesichtsausdruck der Verkäuferin nicht mehr deuten. Glaubt sie, ich mein das nicht ernst? Ist sie verwirrt, schockiert? Sie versucht noch ein schwaches, an Minime gerichtetes „Komm, ich zeig Dir noch kurz…“ aber Minime steht schon wie versteinert vor dem Mädchen, dass die Glitzerschuhe anhat. Mit wunderschönen Glitzerschuhen verlassen wir doch noch den Laden.

Beim Kinderschminken. Minime möchte ein Schmetterling werden. Das sagt er, laut und deutlich. Der junge Mann, bei dem er sich zum Schminken anstellt, schaut – ja wie. Verdutzt? „Hier guck mal, möchtest Du ein Pirat sein?“ (Er deutet auf seine Vorlage). „Nein, ein Schmetterling!“ „Oder hier, hier habe ich einen Bären!“ Jetzt ist Minime überfordert. Er schaut wirklich so, als wenn er sich fragte, warum sein Gegenüber ihn nicht versteht. Ich werfe also ein: „Er möchte ein Schmetterling sein“ – Vielleicht braucht der junge Mann diese Legitimation meinerseits, aber endlich fängt er an, aus Minime einen Schmetterling zu machen.

Weihnachtszeit ist Geschenkezeit. Nikolaus waren wir bei Freunden zu einer Nikolausfeier. Die Eltern brachten kleine Geschenke mit, die in einen großen Beutel gesteckt wurden, die der „Nikolaus“ später verteilen sollte. Für Minime hatte ich ein Buch. Die Mädchen in der Runde bekamen fast ausnahmslos Feen und Pferde aus der Playmobil-Serie. Minime war hin-und-weg. Sein Buch fand er zwar auch toll, aber erst mal wollte er mit Feen und Pferden spielen. Es war gar nicht leicht, jemanden zu finden, der bereit ist, ihm Weihnachten eine kleine Fee mit Pferd zu schenken (wir hatten unsere Geschenke schon zusammen, sonst hätte ich es einfach selber gemacht).

Im Kindergarten. Ich hole Minime ab. Die Erzieherin und die Kita-Leiterin stehen neben uns und unterhalten sich über die kaputte Telefonanlage und wie sie weiter verfahren werden. Die Erzieherin sagt, sie würde noch einmal probieren, den Stecker rauszuziehen und wieder rein zu tun, ansonsten würde sie den Techniker anrufen. Die Kita-Leiterin dreht sich lachend um und ruft: „Ja ja, Frauen und Technik!“ Minime starrt ihr hinterher.

Die Liste ließe sich endlos weiter führen. Minime hat inzwischen ein Gespür dafür entwickelt, was „Mädchen“ und „Jungen“ dürfen. Er scheint zu verstehen, dass bestimmte Sachen und Verhaltensweisen für Mädchen ODER Jungen sind. Dann sagt er zum Beispiel: „Mama, ich bin jetzt ein Mädchen“, wenn er Haarspangen möchte. Und ich weiß nicht, ob ich ihm sagen soll, dass er einfach ein Junge ist, der Haarspangen trägt, oder ihm die Option „ich bin ein Mädchen“ einfach lasse. Am liebsten wäre mir, dass das überhaupt kein Thema sein müsste.

 


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Bones – Knochen lügen nicht. Rassismus und Sexismus unter der Haut

4. Dezember 2014 von Melanie
Dieser Text ist Teil 13 von 28 der Serie Die Feministische Videothek

Serien waren schon immer mein Laster. Meine Prokrastinationsform Nummer eins. Die Serie Bones faszinierte mich, weil sie mit einer meiner Sehnsüchte spielt: Die Sehnsucht danach, zu WISSEN, wie der Mensch von Grund auf funktioniert, die Sehnsucht nach unhintergehbaren Tatsachen, die Menschen ausmachen. Und dieses Wissen liegt nach Bones in den Knochen.

Dass dabei mit rassistischen und sexistischen – vermeintlichen – Wahrheiten über die „Natürlichkeit“ des Menschen und die Wissenschaft vom Menschen gespielt wird, erschließt sich der_m Betrachter_in oftmals erst auf den zweiten Blick, macht es doch unter dem Deckmantel von „Wissenschaftlichkeit“, „Rationalität“ und „Logik“ jeden Widerspruch zu nichte.

Für diejenigen unter Euch, die mit der Serie nicht vertraut sind ein paar Infos:

Dr. Temperance Brennan ist forensische Anthropologin im (fiktiven aber an das real existierende Smithsonian Institute angelehnte) Jeffersonian Institute in Washington, D.C. und arbeitet bei Kriminalfällen mit dem FBI-Agenten und ausgebildeten Scharfschützen Seeley Booth zusammen. Ihr Spezialgebiet sind dabei die Fälle, in denen vom Opfer nur noch Knochen übrig sind. Anhand der Knochen zieht Brennan, Spitzname „Bones“, Rückschlüsse auf das Opfer, den Mörder und/oder die Tatwaffe und den Mordhergang. Ein Team von weiteren Wissenschaftler_innen unterstützt die beiden dabei.

Auf der einen Seite werden in der Serie Geschlechterstereotype unterwandert und das Team ist durchweg „divers“ – in der ersten Staffel wird das Institut noch von einem Schwarzen Archäologen geleitet, in der zweiten Staffel bekommt Bones noch eine direkte Vorgesetzte – eine Schwarze Gerichtsmedizinerin. Und wie nun kann eine wissenschaftliche Gruppe, die von einer Schwarzen FRAU! geleitet wird, Rassismen und Sexismen re/produzieren?

Dr. Brennan, also Bones, wird als rational und logisch denkend dargestellt. Nur das Zwischenmenschliche ist ihr völlig fremd: „Ich hasse Psychologie. Das ist eine weiche Wissenschaft“ erklärt sie in der ersten Folge der ersten Staffel. Aber natürlich gibt es eine Begründung für Brennans Rationalität: Dadurch, das Temperance als Kind von ihren Eltern verlassen wurde und (bis zur ersten Staffel der Serie) auch nicht weiß, warum und was aus ihnen geworden ist, lehnt sie die menschlichen Beziehungen ab und verlässt sich nur noch auf wissenschaftliche Fakten. Ähnliche Meme gibt es in Computerspielen, wenn es für die kampfeslustigen Frauen stets eine Hintergrundgeschichte gibt, die ihre Brutalität erläutert (meistens steckt dann Rache/Vergeltung als Motiv dahinter).

Anhand der Serie ließe sich viel verdeutlichen, über die „moderne“ Sicht auf die Wissenschaft vom Menschen. Darüber, wie als „wissenschaftlich“ nur das gilt, was mit modernster Technik sichtbar oder begreifbar (im buchstäblichen Sinne) gemacht wird. Wie die Metapher von hart und weich, also von wissenschaftlich/unantastbar mit unwissenschaftlich/schwammig an den „Knochen“ festgemacht wird. Und das, wo selbst die moderne Medizin inzwischen weiß, dass Knochen nicht „hart“ und unveränderlich sind, angefangen beim Wachstum, über ihre Reperaturfähigkeit, Nachgiebigkeit und so weiter und so fort.

An dieser Stelle will ich nur darauf eingehen, wie hier Geschlecht und „Rasse“ als „natürlich“ und wissenschaftliche Tatsache dargestellt und im selben Moment ad absurdum geführt werden. (Um es gleich vorweg zu nehmen: Bereits auf einem UNESCO-Workshop stellten Fachwissenschaftler_innen aus dem Bereich Humanbiologie/Anthropologie fest, dass es keinen wissenschaftlichen Grund gebe, den Begriff „Rasse“ weiterhin zu verwenden. Wer mehr dazu lesen möchte: siehe Literaturtipp unten)

Nehmen wir der Einfachheit halber direkt die erste Folge der ersten Staffel. In einem See wird eine Leiche gefunden und geborgen. Bones und ihr Assistent kommen mit Booth, dem FBI-Ermittler an den Tatort:

Booth: „Was kannst Du mir sagen?“

Bones: „Nicht viel, sie war eine junge Frau, wahrscheinlich zwischen 18 und 22 (…) Hautfarbe unbekannt“ (…)

Assistent erklärend: „Die Epiphysenfuge zeigt das Alter an, die Form der Beckenknochen das Geschlecht“

Später wird Angela, eine Teamkollegin, ein 3D-Modell des Opfers darstellen. Mit einem B.A. in bildender Kunst und Informatik hat sie die Fähigkeit, sowohl „Phantombilder“ der Opfer zu zeichnen, als auch ein Programm entwickelt, dass die 3D-Darstellung von Personen anhand der von Bones weitergegebenen Informationen ermöglicht. Das Programm kann auch ganze Tathergänge nachstellen, aber soweit nur, damit ihr Euch folgenden Dialog besser vorstellen könnt:

Angela präsentiert das Opfer als Hologramm: „Ihr Schädel war schwer zerstört. Aber Rassemerkmale, Größe der Wangenknochen, Nasenbogen, Größe des Hinterkopfs, alles spricht für eine Afro-Amerikanerin.“

Man braucht hier noch nicht mal Kenntnisse über den Aufbau menschlicher Knochen oder bekannter Rassentheorien, um zu merken, dass „Afroamerikanerin“ ein Konstrukt ist, das historisch gewachsen ist und Vorstellungen von (als natürlich gedachter) „Rasse“ und Migrationsgeschichten vermischt. Afroamerikanisch meint: Menschen mit schwarzer Hautfarbe, die in US-Amerika leben* (*Den Komplex der darüberhinaus geht, lass ich an dieser Stelle weg). Wie man das an Knochen erkennen soll? (Und erinnern wir uns an den Satz weiter oben: „Hautfarbe unbekannt“ – Hautfarbe reicht hiernach bis auf die Knochen)

Aber es wird noch absurder:

Bones: „Angela, lass das Programm noch mal durchlaufen und nimm die Parameter einer weißen Frau.“ (scheint immer noch unzufrieden mit dem Ergebnis) „Splitte es auf, gemischte Merkmale.“

Angela: „Lenny Kravitz oder Vanessa Williams?“

Bones: „Ich weiß nicht, was das bedeutet.“

Offensichtlich lassen die „Rassemerkmale, Größe der Wangenknochen…“ doch keinen eindeutigen Rückschluss zu. Bones lässt Angela die „Parameter einer weißen Frau“ eingeben, ohne das ersichtlich wird, welche ‚Parameter’ das genau sind, ist offenbar immer noch unzufrieden (sprechen die Knochen wohl doch keine so genaue Sprache?) und bittet um „gemischte Merkmale“. Auch diese Angabe ist zumindest Angela nicht eindeutig genug, so dass sie zurückfragen muss, ob eher so Lenny Kravitz-gemischt oder Vanessa Williams-gemischt. Mit dem Standardsatz von Bones, „Ich weiß nicht, was das bedeutet“ macht sie deutlich, dass sie von der Existenz dieser Prominenten keine Ahnung hat.

Und an dieser Stelle kann man sich immer noch, ohne vorhandene Kenntnisse vom Aufbau des menschlichen Skeletts folgende Fragen stellen:

– Wie konnten die deutschen Übersetzer_innen dieser Serie so unsensibel eins zu eins Begrifflichkeiten verwenden, die bereits bei der „Judenvermessung“ im dritten Reich verwendet wurde, diese mitbegründet hat? (Aber auch für andere Gruppen verwendet wurde). Ab wann ist eine Schwarze schwarz – hier wird mit der weißen „Angst“ gespielt, dass phänotypisch angeblich stets

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Muttiblog oder: wie weiter?

24. September 2014 von Melanie
Dieser Text ist Teil 43 von 45 der Serie Muttiblog

Es wurde ein wenig ruhig hier, beim Muttiblog. Zum einen lag das daran, dass ich mit Kind Nummer 2 schwanger war und nun in Elternzeit bin. Aber auch, weil der Muttiblog inzwischen längst nicht mehr die einzige Plattform ist, auf der Mutterschaft aus feministischer Perspektive abgehandelt wird. fuckermothers dürfte Euch ja inzwischen ein Begriff sein, das Onlinemagazin/Blogkollektiv „umstandslos“ inzwischen auch. Vor allem aber bin ich mir diese Serie (also den Muttiblog) mal durchgegangen um zu überlegen: Welche Themen wurden hier noch nicht abgearbeitet? Meistens ging es um Vereinbarkeit, die Umstellung von der Kinderlosigkeit hin zur Auseinandersetzung mit dem Muttersein und welche Einschränkungen das bedeutet oder der Arbeitsteilung mit dem Vater des Kindes.

Das sind und bleiben aktuelle und umkämpfte Felder, wenn wir Mutterschaft aus einer feministischen Perspektive betrachten. So bleibt der Fokus aber auch auf dem „Wie bekomme ich als Mutter noch das größtmögliche Stück vom Kuchen“ – ohne das „System“ selber zu hinterfragen:

Die Kleinfamilie zum Beispiel, auch Kernfamilie genannt. Minime, also mein 3jähriger Sohn kam neulich aus dem Kindergarten und sagte, er habe Mutter-Vater-Kind gespielt. DER Klassiker. Früh übt sich, und so. Dem etwas entgegenzusetzen, wenn man dieses Familienbild selber (vor)lebt ist schwer. Dennoch bin ich sicher: Die Kleinfamilie taugt nichts. Die Frage ist aber: was ist die Alternative? Zurück zur Großfamilie mit mehreren Generationen „Blutsverwandter“? Weder immer praktikabel, noch wünschenswert, ist doch für manche nahezu überhaupt die Rettung, sich selber aus der Herkunftsfamilie lösen zu können. Gleichgesinnte suchen? Wie kann man darauf ein tragendes Netz bauen? Und blendet das nicht wieder die Verantwortlichkeiten von Wirtschaft und Politik aus? Im/Nach dem 2. Weltkrieg gab es „Notgemeinschaften“ von Frauen, die gemeinsam die verschiedenen zu bewältigenden Aufgaben um Produktion und Reproduktion teilten, die waren aber, als die Männer aus dem Krieg wieder kamen, vorbei. In der zweiten Frauenbewegung entstanden Frauenwohnprojekte, auch hier kamen mehrere Frauen mit und ohne Kinder zusammen, um die Lasten von Lohn- und Reproduktionsarbeit zu teilen. Da fällt mir das nächste „Problem“ ein: Wo den passenden Wohnraum finden, wenn man schon mal andere Gleichgesinnte gefunden hat? Es war schon schwer genug, mit anderen WG-geeignete Wohnungen zu finden, mit gleichgroßen Zimmern und davon mehr als zwei.

Was ist mit der Lohnarbeit? Mein Unwohlsein mit den Vereinbarkeitsdebatten kommt vermutlich auch daher, dass Lohnarbeit immer noch Dreh- und Angelpunkt sozialer Absicherung ist und Abhängigkeiten schafft. Dass zweimal 40Stunden-Woche für Eltern irgendwo ein darauf-hinzuarbeitendes Ziel für manche ist. Burnout vorprogrammiert. Aber wer an der Lohnarbeit sägt, dem wird gleich „Kommunismus“ hinterhergerufen und schon ist die Debatte unsachlich. Oder sie kippt ans andere Ende und dann wird von der „Aufwertung“ von Reproduktionsarbeit gesprochen und doch nur versucht, ihren Wert in Zahlen umzurechnen.

Warum hat es keine durchschlagkräftige Mütterbewegung*? Oder hat es eine und sie wird nur nicht (politisch, medial) über die eigenen Netzwerke hinaus wahrgenommen? Wie können Mütter politisch werden, ohne sich auch noch in diesem Feld aufzureiben?

Das sind nur drei von vielenvielen Fragen, die mir grade im Kopf spuken. Welche Fragen habt ihr noch, liebe Muttiblogleser_innen? Wurde Eurer Meinung schon alles gesagt in dieser Serie? Wollt ihr über bestimmte Themen (noch) mehr hören oder habt ganz andere? Seid ihr der Meinung, die aktuellen Debatten gehen am Thema vorbei, sind obsolet oder zu kurz gedacht?

Traut Euch: Wünscht Euch was, ich schaue, ob ich Eure Fragen beantworten, Eure Themen aufnehmen kann. Das Baby schläft grad so friedlich an meinem Bauch gelehnt, ich hab ein wenig Zeit…


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Schwangerschaft und Körper*

10. Februar 2014 von Melanie

*zu beginn direkt einen disclaimer: da ich meine subjektive perspektive hier festhalte, werden nicht alle ‚körper‘ im kontext von schwangerschaft sichtbar gemacht. welche reaktionen z.b. lesbisch lebende, trans-*, partnerlose frauen oder frauen, deren körper als behindert eingeordnet werden erleben, wenn es um das thema schwangerschaft & körper geht bleibt hier außen vor, über links zu erfahrungsberichten freue ich mich. einiges zum thema, wer kann/darf überhaupt schwanger werden/sich reproduzieren findet ihr auch im letzten podcast der mädchenmannschaft über reproduktive rechte

in den letzten tagen brodelt ein thema in meiner timeline: schwangerschaft und körpererfahrung. in der süddeutschen wird berichtet, dass schwangere gar essstörungen entwickeln, bei twitter werden unter dem hashtag #alsichschwangerwar kommentare gesammelt, die schwangere (und ja: soweit ich das verfolge, auch nur eine bestimmte gruppe von schwangeren/müttern) sich über ihren körper anhören durften. ich will hier meine ganz persönliche schwangerschafts-körpergeschichte erzählen und versuchen, sie ein wenig in den gesamtgesellschaftlichen kontext zu bringen. der text fällt also in die kategorie „laut gedacht“…

„glaubst du, dein freund findet dich seit der geburt eures kindes weniger attraktiv?“ die frage überraschte mich. gleich zweimal: dass sie mir jemand stellte. und dann, weil ich sie mir noch nie gestellt habe. auf den gedanken wär ich so nicht gekommen. dazu gleich mehr. in die gleiche kerbe schlugen aussagen von (kinderlosen) freundinnen, die mir offen sagten, schwanger werden käme für sie nicht in frage (unabhängig vom kinderwunsch), die veränderungen an ihrem körper würden sie abschrecken. zunächst konnte ich solche aussagen nicht einordnen. aber letzten endes liegt es klar auf der hand: so lange weibliche körper in einer gesellschaft als objekte betrachtet werden, über die geurteilt werden kann und darf wie mensch will, wird eine frau* eben vor allem an ihrem körper und aussehen gemessen. und das schwangerschaft und geburt diesen nicht unverändert lassen, will ich überhaupt nicht leugnen.  da allgemeinplätze a la „aber dafür hast du ein kind zur welt gebracht“ als ratschläge zu verteilen find ich unangemessen.

für manche ist es wirklich empowernd, zu wissen, der eigene körper ist in der lage, ein neues lebewesen hervorzubringen. ich habe lange gebraucht, das nicht gering zu schätzen. gering zu schätzen im sinne von: „naja, das machen frauen seit beginn der menschheit, das ist ja keine ‚leistung'“. nur, weil ich bewusst keine anstrengungen unternehme. im kapitalistischen sinne. dabei doch sehr wohl merke, wie „anstrengend“ es ist, ständig müde zu sein, außer atem, den rücken grade halten undundund. und andersrum nicht in den umkehrschluss zu verfallen, körper abzuwerten, die diese „leistung“ nicht erbringen (können/wollen; und damit meine ich nicht männer).

ich konnte mit den veränderungen meines körpers relativ entspannt umgehen. zum einen, weil ich meinen „frieden“ mit meinem äußeren schon vor minimes geburt gemacht habe. frieden im sinne von: ich bin eh nicht perfekt (ohne zu leugnen, dass ich wohl das bin, was mensch als ’normschön‘ bezeichnet, weder auffallend hübsch noch das gegenteil. zumindest hat man beides noch nicht zu mir gesagt…). auch ohne schwangerschaft und geburt wird mein körper sich alters- und schwerkraftbedingt verändern, genau genommen hat er das zwischen meinem 20. und 30. lebensjahr sogar mehr, als während der 9 monate schwangerschaft. ich habe über 30 jahre gebraucht, um so was wie „meinen eigenen stil“ zu finden, herauszufinden welche farben und klamottenschnitte mir stehen und dass ich die nicht in den gängigen klamottendiscountern finde. ich habe sogar schon mal das gemacht, was man gemeinhin als schönheits-op versteht, bin also auch nicht auf der seite derer, die vehement „steh zu deinem körper, wie er ist“ vertreten. ich habe rosazea, eine chronische hautkrankheit die mit antibiotika behandelt wird, die ich in der schwangerschaft nicht nehmen darf und darum momentan aussehe, wie mit 16, als die krankheit noch akne hieß. und ob mein partner mich noch attraktiv findet? ich glaube. und sollte unsere beziehung bisher lediglich auf der straffheit meiner haut oder festigkeit meiner brüste beruht haben, war sie ja nicht viel wert. außerdem: an der schwangerschaft war er ja nicht unbeteiligt. dennoch sehe ich sehr wohl, dass sich stets das recht herausgenommen wird, über schwangere körper zu urteilen. auch ich bekam „komplimente“ wie „abgesehen vom bauch sieht man gar nicht, dass du schwanger bist“, oder „du siehst schon wieder aus wie vor der schwangerschaft“, auch ich bekam ratschläge wie „mehr als 8 kilo muss man aber wirklich nicht zunehmen“.

darum richtet sich mein appell letzen endes nicht an die schwangeren a la „entspannt euch“ oder „schaut mal, was euer körper da leistet“. in der schwangerschaft treffen die schönheitserwartungen dieser gesellschaft geballt auf eine ein, weil ein schwangerer körper noch mehr objektifiziert wird, beurteilt und bewertet werden darf, schließlich meint mans doch nur gut und weiß es besser! oder wie es im eingangs erwähnten artikel der süddeutschen steht:

„Schwangere Frauen sind ja Empfängerinnen vieler verschiedener – sich zum Teil widersprechender – Rollenanforderungen. Neben schlank bleiben gilt es ja auch, dem Nachwuchs keine wichtigen Nährstoffe zu verweigern. Sie sollen alle vier Wochen zur Vorsorge bei der Gynäkologin, zur Geburtsvorbereitung, zur Kreißsaal-Führung, zum Beckenboden-Training, sollen Bücher lesen und Zimmer herrichten, nicht ständig in Tränen ausbrechen, sollen bei der Arbeit Bescheid sagen, wann sie wieder arbeiten kommen, sollen Gelder beantragen, Krippenplätze organisieren, nicht blöde rumglucken und immer schön fickbar bleiben. Aber, ganz wichtig, das Wunder annehmen, sich auch mal fallen lassen, die Weiblichkeit umarmen und ständig in sich reinhören. Eine liebevolle Mutter werden eben“ (hervorhebungen von mir) – sich widersprechende anforderungen und erwartungen, wie so oft, wenn es um frauen geht.

die kommentare unter dem artikel springen ebenfalls hart mit den schwangeren und müttern um: „Die andere Seite, das Bemühen nach der Geburt den früheren Zustand des Körpers wiederherzustellen sollte für eine gesunde Frau kein Problem sein und sie auch nicht übermäßig beanspruchen.“ – steht da zum beispiel (geschrieben von einem reinhard). oder mütter reagieren mit zweifelhaften texten, die zwar die zunahme während der schwangerschaft rechtfertigen, aber ansonsten mit fraglichen definitionen von über- und normalgewichtig um sich werfen. oder frauen, die die schuld bei heidi klum und co. suchen, die kurz nach der geburt wieder mit schlanken körpern in die kamera lächeln. da mag ich  nicht mitmachen. für mich wird lediglich wieder mal deutlich:

der körper einer frau ist nie ihre privatsache. der einer schwangeren erst recht nicht. die schuld bei denen zu suchen, die sich diesem diktat unterwerfen (beispiel heidi klum & co, aber auch den frauen, die aus angst vor den veränderungen vor einer schwangerschaft zurückschrecken) finde ich nicht weiterführend. so gar nicht. die mechanismen, die hinter diesen anrufungen und erwartungen an (schwangere) weibliche körper stecken stets bewusst machen und sich vor augen führen, das kann helfen. gegenseitige unterstützung statt bewertung, kritik an medialen, utopischen bildern und co – das wünsch ich mir mehr.


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Aus dem Wortschatz streichen: „Fremdbetreuung“

2. Oktober 2013 von Melanie
Dieser Text ist Teil 41 von 45 der Serie Muttiblog

wie sich unsere regierung zusammensetzt, steht noch nicht fest. was das für die frauen- und familienpolitik (ich denke, auch das wird weiterhin in einen topf geworfen) heißt – ich hab noch keine ideen. ich hoffe jedenfalls für die auf mütter gerichtete politik, dass es dazu führt, das auch ein paar diskurse sich ändern. ganz oben auf meiner liste: der begriff „fremdbetreuung“.

„ich möchte mein kind nicht so früh fremd betreuen lassen/abgeben…“ höre ich oft. wenn ich dann nachbohre, was „fremdbetreuung“ heißt, stehen dahinter konkrete formen von betreuung, die nicht erwünscht sind: betreuung, für die bezahlt wird. anders kann ich es mir oft nicht erklären, warum es ok ist, dass oma an vier vormittagen das kind bespaßt, aber die tagespflege oder die kita abgelehnt werden. und zwar auch von menschen, die sich solche betreuung grundsätzlich finanziell leisten können.

für meinen sohn war die tagesmutter nicht fremd, sind die erzieherinnen nicht fremd. er sieht sie häufiger als seine großeltern oder seine tante. sie gehören zu seinem alltag. und nur, weil sie dafür bezahlt werden, ihn durch den tag zu begleiten, sind sie nicht gefühltskalt ihm (und den anderen kindern) gegenüber. er hat sie gern, soweit ich das beurteilen kann. sie lächeln ihm zu, wenn er morgens kommt und sie trösten ihn, wenn er sich weh tut. für ihn sind sie ganz sicher nicht fremd.

dass es was anrüchiges hat, weil es nicht die „aufopfernde, selbstlose“ (=unbezahlte) form von betreuung ist, ist doch vielmehr ein teil des muttermythos, der sich eben auch auf andere betreuende personen ausweitet.

wir können gerne über die qualität von kinderbetreuung diskutieren. darüber, was es heißt, dass alle mehr und längere kinderbetreuungszeiten fordern, aber nur unter vorgehaltener hand andere formen der (elterlichen) arbeitsteilung gefordert werden. was das für das betreuungspersonal und deren eigene vereinbarkeitsproblematik heißt. was wir dafür tun können, dass erzieher_innen gerechter entlohnt werden. oder wann endlich darüber gestritten wird, wie viel wir überhaupt arbeiten müssten, was wohlstand für uns heißt, wenn die klassische arbeitsteilung bestehen bleibt, weil mit dem ersten kind das neue auto und ein kleines häuschen gekauft wird. oder im gegenteil – wenn die eltern mit ihren jobs grad mal am existenzminimum kratzen, ein elternteil alleine verantwortlich ist für betreuung und einkommen. aber zuerst: den begriff „fremdbetreuung“ bitte streichen!


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Mädchenväter

12. Juli 2013 von Melanie
Dieser Text ist Teil 40 von 45 der Serie Muttiblog

es gibt immer mal wieder situationen in diesem kleinfamilienkosmos, die mich – gelinde gesagt – überfordern. neulich wieder: ich war bei einem befreundeten heteropärchen zu besuch. bei kaffee und kuchen erzählte sie mir, im 5. monat schwanger, dass es vermutlich ein mädchen würde.

einige sätze später sagte der vater in spe so was wie: „und wenn die kleine mir mal mit nem jungen nach hause kommt, DER kann was erleben!“ irgendwas mit baselballschläger, der für diese fälle angeschafft würde und kreuzverhören folgte. und: er war nicht der erste mädchenvater, den ich so reden hörte.

was soll das? ich höre aus solchen sätzen folgendes:

– der vater glaubt, dass mädchen wird definitiv (sexuelles) interesse an jungs haben

– der vater glaubt auch, dass der junge irgendeine gefahr darstellt. für das mädchen? für ihn?

–  der vater glaubt auch, dass das mädchen nicht mit jungs umgehen kann, bzw. dass das mädchen sich zu sachen überreden ließe, die es nicht tun sollte

ich frage mich:

– glaubt der vater, dass jungs böswillig und rücksichtslos handeln und mädchen zu dingen überreden, die sie nicht tun wollen? wenn ja: warum?

– glaubt der vater, dass ’sein mädchen‘ rein und unschuldig bleiben müsste und keine eigenen körperlichen bedürfnisse habe, die es artikulieren darf?

bitte, erklärt es mir, liebe mädchenväter! und

ich wünschte mir:

– dass menschen mit erziehungsauftrag, seien es väter oder sonst wer, mädchen in ihrem selbstbewusstsein stärken.

– dass sie ihnen erklären, dass sie nichts tun müssen, um irgendwem zu gefallen oder geliebt zu werden.

– dass sie ihnen vermitteln, dass ihre sexuellen bedürfnisse ok sind (sofern sie welche haben), egal ob sie sich auf andere mädchen oder jungen richten.

– dass jungenväter ihren söhnen klar machen, dass sie nichts gegen den willen ihrer flirt-/knutsch-/sexpart_ner_innen tun sollen!


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