Einträge von Julia


Neu erschienen: „Klassenunterschiede im feministischen Bewegungsalltag“

19. Januar 2017 von Julia
Dieser Text ist Teil 123 von 128 der Serie Die Feministische Bibliothek

Meistens schreibe ich hier ja Rezensionen zu lesbisch_queeren Büchern, am liebsten zu solchen, die eine anti-klassistischen Dimension haben. Heute will ich euch stattdessen mein eigenes Buch ans Herz legen, das eben erschienen ist:

Klassenunterschiede im feministischen Bewegungsalltag. Anti-klassistische Interventionen in der Frauen- und Lesbenbewegung der 80er und 90er Jahre in der BRD.

Ich habe mich dafür auf die Suche nach verschiedenen Formen des Eingreifens gemacht, die darauf abzielten, den Umgang mit Klassenunterschieden im feministischen Miteinander zu verändern. Es ging den Akteurinnen* dabei also um den je eigenen Bewegungsalltag. Sie verteilten Geld um. Sie gründeten eigene Gruppen. Sie verfassten Texte. Sie boten Workshops an. Sie tauschten sich mündlich über Diskriminierungserfahrungen aus. Sie formulierten Kritik, stellten Forderungen und entwarfen Visionen. Sie verteilten Flyer … Auf verschiedenen Wegen widmeten sie sich so Themen wie Geld, Armut und Umverteilung, feministische Projektarbeit und Ziele, klassistische Sprachnormen, Rassismus und Kapitalismus, Anerkennung und Identität – um nur einige Stichworte zu nennen.

Die intervenierenden Akteurinnen selbst entstammten meist der Arbeiter_innen- oder Armutsklasse und nicht-akademischen Herkunftskontexten – oder aber es handelte sich um klassengemischte Gruppen. Ausgangspunkt ist häufig die eigene Klassenherkunft.

Klassistische Normen und Dominanzen im feministischen Bewegungsalltag wurden problematisiert: von Partizipationsfragen über die politische Kultur und Organisierungsweisen bis hin zu feministischen Zielen. Ein großes Thema ist das unmittelbare bewegungsalltägliche Miteinander zwischen Feministinnen unterschiedlicher Klassenherkunft. Bestimmte Denk- und Handlungsweisen vonseiten bürgerlicher oder Mittelschichtsfeministinnen werden in ihrer Klassenspezifik aufgezeigt – und kritisiert, zum Beispiel: Rededominanz; Desinteresse an den Lebensrealitäten von Frauen aus der ArbeiterInnenklasse; die Verschleierung von Reichtum; die Tabuisierung des Themas; abwertendes Verhalten. Gefordert wurden stattdessen Anerkennung und Solidarität.

Ich möchte allen Akteurinnen*, mit denen ich für die Entstehung dieses Buches gesprochen habe, danken: für ihre anti-klassistisches Eingreifen damals und für ihre Bereitschaft, ihre Erinnerungen mit mir zu teilen, heute. Ich bin überzeugt davon, dass ihre Interventionen dazu beitragen können, den Umgang mit Klassenunterschieden in aktivistischen Räumen und in sozialen Bewegungen auch heute zu verbessern: indem sie auf Klassismus aufmerksam machen und Inspirationen für Wege der Veränderung liefern.


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Wissenschaftliches Schreiben und Klassismus

21. April 2016 von Julia

Die Hochschule, an der ich die ersten Semester verbrachte, war finanziell recht gut ausgestattet, die Kurse waren klein, Lehre wurde durchaus ernst genommen und durch Tutorien ergänzt. Schreibkurse, Schreibberatungen oder Übungen zu wissenschaftlichem Schreiben, das gab es allerdings nicht. Immerhin habe ich mehrmals ausführliche Feedbacks zu meinen Hausarbeiten erhalten. Im ersten Semester empfahl uns ein Professor, uns Schreibvorbilder zu suchen. Dass ich mir diesen Tipp gemerkt habe, liegt vielleicht an der überaus wichtigen Botschaft, die er enthielt, nämlich: Wissenschaftliches Schreiben ist erlernbar.

Das ist viel. Eigentlich war es an den Hochschulen der Nullerjahre nicht eben üblich, wissenschaftliches Schreiben als etwas zu behandeln, das gelernt werden kann (und muss). Inhalte und Forschungsmethoden wurden gelehrt, Schreiben und wissenschaftliche Rhetorik mussten gekonnt werden. Als Lernkonzept ohnehin wenig überzeugend, hat diese Vorstellung eine fatale Klassendimension. Denn wenn wissenschaftliches Schreiben (und Denken und Sprechen) als etwas vermittelt wird, das eine_r von sich aus kann oder eben nicht, haben diejenigen, die in einem akademischen Umfeld aufgewachsen sind, einen „psychologischen“ Klassenvorteil.

Dazu muss ich ein kleines bisschen ausholen in Sachen Klassismus und Hochschule …
An der Hochschule willkommen und „richtig“ zu sein und mitzubringen, was dafür notwendig ist – wenn die Eltern Studienabschlüsse in der Tasche, vielleicht sogar eine eigene Doktor_innenarbeit im Schrank stehen haben, mögen dies alles in allem naheliegende Grundannahmen sein. An der Hochschule angekommen, führen klassistische Zugangsbeschränkungen und Normen dazu, dass Studierende und Lehrende bildungsbürgerlicher Herkunft in der Mehrzahl sind und den Umgangston ebenso prägen wie wissenschaftliche Konventionen. Die Folge: Das Sich-zu-Hause-Fühlen im Seminarraum ist ungleich verteilt, und das wirkt sich auch auf das Schreiben aus.

Für Studierende nicht-akademischer Herkunft kann wissenschaftliches Schreiben mit bestimmten Ängsten und Unsicherheiten besetzt sein. Negative Schreiberfahrungen (schlechte Noten, Schreibschwierigkeiten, negative Rückmeldungen) stellen schneller die eigene Identität als Studentin oder Wissenschaftlerin infrage; sie können die Grundangst, „nicht richtig“ zu sein an der Hochschule, verstärken. Fehler können als Bedrohung wahrgenommen werden, als etwas, das die eigene nicht bildungsbürgerliche Herkunft „verraten“ könnte.

Dazu kommt: Wissenschaftlich schreiben heißt für Personen aus nicht-akademischen Herkunftsmilieus, eine Art des Schreibens zu kultivieren, mit der das Herkunftsumfeld häufig wenig anfangen kann. Des ausschließenden Charakters wissenschaftlicher Schreibnormen sind sie sich häufig schmerzlich bewusst. Die widerstreitenden Ansprüche an das eigene Schreiben können zu Sprachlosigkeit und Schreibhemmungen führen – aber auch zu innovativen Formen wissenschaftlichen Schreibens, die der Verantwortung, „sich verständlich zu machen“ (Castro Varela 2003: 113), Rechnung tragen.
Personen aus der Armuts- oder Arbeiter_innenklasse haben kein „Defizit“, was wissenschaftliches Schreibens „an sich“ angeht. Sie müssen es lernen, wie alle anderen auch. Aber unter den gegebenen Umständen ist wissenschaftliches Schreiben mit bestimmten (Klassen-)Normen verbunden, häufig angstbesetzt und mit Unsicherheiten oder Abwehr veknüpft, die sich negativ auswirken können.

Die Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge dürfte das Problem verschärft haben: Für das Schreibenlernen bleibt weniger Zeit, bevor es „ernst“ wird, bevor die Abschlussarbeit ansteht. Es gibt aber auch positive Entwicklungen: An den Hochschulen und außerhalb entstehen mehr und mehr Schreibberatungen, es gibt Schreibsprechstunden, und Studierende können sich als Peer-Schreibberater_innen ausbilden lassen. Langsam scheint sich – endlich – die Vorstellung durchzusetzen, dass wissenschaftliches Schreiben keine (bildungsbürgerliche) Charaktereigenschaft ist, sondern eine erlernbare Fähigkeit. Ein Handwerk.

Allein dadurch wird sich Klassismus an den Hochschulen (vgl. Roßhart 2016, Kapitel 9) nicht in grundlegendem Maße abbauen lassen.
Aber es ist ein Anfang.

Verwendete Literatur
Castro Varela, María do Mar (2003): Vom Sinn des Herum-Irrens. Emanzipation und Dekonstruktion.
In: Koppert, Claudia/Selders, Beate (Hrsg.): Hand aufs dekonstruierte Herz. Verständigungsversuche
in Zeiten der politisch-theoretischen Selbstabschaffung von Frauen.
Königstein/Taunus. S. 91-115.

Roßhart, Julia (2016): Klassenunterschiede im feministischen Bewegungsalltag. Anti-klassistische Interventionen in der Frauen- und Lesbenbewegung der 80er und 90er Jahre in der BRD. Berlin. (Erscheint im Mai 2016.)

Zum Weiterlesen
Blog zum Thema Klassismus: clararosa.blogsport.de


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Lesbisch_queere Bücherwelten: Dickenfeindlichlichkeit und Einsamkeit oder: Odyssee durch Berlin im Krimiformat

27. November 2015 von Julia
Dieser Text ist Teil 113 von 128 der Serie Die Feministische Bibliothek

Rezension zu Regina Nössler: Endlich daheim

Berlin-Kreuzberg. Die dreizehnjährige Kim steht vor ihrem Hauseingang und muss feststellen: Ihr Schlüssel passt nicht mehr und das Klingelschild mit ihrem Namen ist verschwunden. Überhaupt stimmt keines der Klingelschilder mehr. „Endlich daheim“ von Regina Nössler erzählt Kims Odyssee durch Berlin, in der die akute Notsituation der Dreizehnjährigen ihre alltägliche Verlorenheit und Einsamkeit zu Tage fördert. Aber auch ungeahnte Verbündete betreten die Bühne.

Zum mystischen Verschwinden der Namensschilder gesellen sich weitere Hinweise darauf, dass etwas nicht mit rechten Dingen zugeht: Kims verschwundene Mutter, ein Unfall im Innenhof des Hauses, ein rätselhafter Mann auf einem Dachboden. Der Erzählaufbau lädt zum Miträtseln ein, und bis zum Schluss bleibt völlig offen, wie all das zusammenhängt und ob überhaupt, ob kriminelle oder übersinnliche Kräfte am Werk sind – oder ob sich alles als völlig harmlos erweisen wird.

Nössler gelingt es auch dieses Mal wieder, einen originellen und spannungsreichen Krimi/Thriller zu schreiben, der mehr ist und mehr will als das. Während die Autorin in ihren beiden zuvor erschienenen Romanen (Auf engstem Raum; Wanderurlaub, Kurzrezension dazu) das Thema Arbeitsverhältnisse ‚mitlieferte‘, ist es diesmal: Dickenfeindlichkeit und generell ‚Andersein‘ und Diskriminierung – und daraus resultierende jugendliche Einsamkeit. Im Mittelpunkt steht Kim: Sie liebt Zahlen, ist stolz darauf, keine Heulsuse zu sein, sie denkt viel nach, und sie ist einsam. Von ihren MitschülerInnen wird sie gemobbt, weil sie bestimmten Schönheitsnormen nicht entspricht: Sie ist dick. Während sie durch verschiedene Viertel Berlins irrt, ängstlich, rastlos und allein, lernen die Leser_innen Kim kennen und die Beziehung zu ihrer Mutter, zu ihrer lesbischen Tante, zu ihrem Freund Peter, den es gar nicht gibt, und zu ihrer Freundin Merle, die eigentlich keine Freundin ist.

Eine wichtige Vertraute Kims ist Felicitas, ihre Tante: Lesbe und prekäre Künstlerin, frisch getrennt, in einer akuten Lebenskrise. Und dann wäre da noch Alex, der coole Typ aus der Schule, ein paar Jahre älter, der Schwarm ihrer Nicht-Freundin Merle. Ihm läuft Kim zufällig über den Weg, nachts im Park, wo sich Alex allein die Nächte um die Ohren schlägt. Alex ist schwul, unverstanden von seinem schulischen Umfeld. In ihm findet sie überraschend einen Verbündeten.

Im Laufe der Erzählung macht Kim die Erfahrung sexualisierter Gewalt. Die Angst vor weiteren Übergriffen begleitet sie durch die Berliner Nacht und macht sie Unbekannten gegenüber misstrauisch. Die Alltäglichkeit sexualisierter Gewalt und was das bedeutet für das Sich-im-Stadtraum-Bewegen, wird eindrücklich deutlich. Auf einen ermächtigenden Dreh warten die Leser_innen jedoch vergeblich. Was bleibt, ist Angst. Das mag dem Spannungsaufbau förderlich sein, politisch bleibt die ansonsten in vielerlei Hinsicht überzeugende Geschichte an dieser Stelle fragwürdig.


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Persönlich, lebendig – und streitbar. Perincioli über die Westberliner Frauenbewegung

26. Oktober 2015 von Julia
Dieser Text ist Teil 111 von 128 der Serie Die Feministische Bibliothek

Rezension zu: Cristina Perincioli: „Berlin wird feministisch. Das Beste, was von der 68er Bewegung blieb

Fünf Jahre, die es in sich hatten: Christina Perincioli, Filmemacherin, lesbisch-feministische Aktivistin der ersten Stunde, rollt in ihrer Buchveröffentlichung die ersten Jahre der Westberliner Frauen- und Lesbenbewegung auf, von 1968 bis zur Gründung des Berliner Frauenzentrums 1973. Es ist ein persönlicher, spannender und durchaus streitbarer Ritt durch die bewegten Anfangsjahre. Was in diesen Jahren geschah, ermöglichte oder prägte die kommenden Bewegungsjahrzehnte: erste Politisierungen im Umfeld der Linken und die massiven Konflikte mit linken Männern; die Entstehung autonomer Frauen- und Lesbengruppen; die Entwicklung neuer Politik-, Lebens- und Aktionsformen; Diskussionen um das Verhältnis von Theorie und Praxis, von Klassenkampf und Feminismus, von lesbischen und heterosexuellen Feministinnen.

Zentrale Thesen, wichtige Informationen und detaillierte Einblicke liefert das Buch vor allem in Bezug auf zwei Aspekte. Zum einen ist es die zentrale Rolle von Lesben bei der Entstehung der Berliner Frauenbewegung. Früh haben sie sich in ersten Gruppen organisiert und Vorstellungen und Formen der Politik entwickelt, die für die Frauenbewegung typisch werden sollten. Zum anderen sind es die Unterschiede und Konflikte zwischen feministisch-autonomen Feministinnen einerseits, sozialistisch organisierten Frauengruppen andererseits, auf die Perincioli vielfach zu sprechen kommt. Es ist kein versöhnlicher oder vermittelnder Ton, den die Autorin den Sozialistinnen gegenüber rückblickend anschlägt: Kritiken von damals – an Theorie-Schulungen, hierarchischen Organisationsformen, Erfahrungsferne – werden mit Verve vorgetragen. Von Ausgewogenheit keine Spur. Dies ist insofern unbefriedigend, als die Gründe für die Organisierung in sozialistischen Gruppen, die Anliegen der beteiligten FrauenLesben, die stattgefundenen Diskussionen und Konflikte hinter einer Pauschalkritik verschwinden, die weder Verstehen noch Ambivalenzen zulässt.

Das reich bebilderte Buch changiert zwischen autobiografischer Erzählung, Sachbuch, Fachbuch und Quellensammlung. Diese Genrevielfalt führt zu einem durchaus lebendigen und authentischen Leseerlebnis. Als eher problematisch erweist sich jedoch die Art und Weise, wie mit dieser Vielfalt umgegangen wird. Grundlegende Analysen und starke Thesen, autobiografische Erinnerungen, Zeitdokumente und ausführliche Zitate feministischer Aktivistinnen stehen häufig eher unvermittelt und ohne Erläuterungen nebeneinander. Insbesondere Leser_innen ohne Vorwissen dürften sich hier und da eher ratlos denn informiert fühlen: Ist diese oder jene Erfahrung bewegungs-, zeit- oder etwa berlintypisch, oder stellt sie eher eine Ausnahme dar? Gilt diese oder jene These in der Forschung oder unter Aktivistinnen als unstrittig, ist vielfach bestätigt – oder ist sie ganz im Gegenteil heftig umkämpft? Was dem Buch gutgetan hätte, wäre eine stärkere bewegungsgeschichtliche Einbettung, die den Leser_innen Werkzeuge an die Hand gegeben hätte, das Gelesene einzuordnen – oder aber eine konsequente Umsetzung einer autobiographischen und persönlichen Perspektive.

Dass es sich um ein sehr persönliches Buch handelt, genau darin liegt seine Stärke. Perincioli beschreibt ihre Politisierung und ihren Weg in die Frauenbewegung, angetrieben durch ihre Wut auf eine lesbenverachtende Gesellschaft, ebenfalls durch den massive Sexismus, den sie von Seiten linker Männer erfuhr. Sie beschreibt den Bewegungsalltag, den Umgangston, die Konflikte und Zerwürfnisse in Gruppen und Strömungen, sie selbst mittendrin. Die damalige Begeisterung und Aufbruchstimmung, aber auch Konflikte, Abgrenzungen und Wut werden nachfühlbar.

So ist »Berlin wird feministisch« den erwähnten Schwachstellen zum Trotz ein durchaus lohnenswertes Leseerlebnis, das dazu einlädt, in die turbulenten Anfangsjahre der feministischen Bewegung nach 1968 einzutauchen.

Erstmalig erschienen in der Jungen Welt. Zum Weiterlesen und -gucken: Ein Generationendialog von Cristina Perincioli und Magda Albrecht.


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Heldinnen des L(i)ebens – Lesbische Schweizerinnen über siebzig erzählen…

14. September 2015 von Julia
Dieser Text ist Teil 109 von 128 der Serie Die Feministische Bibliothek

Rezension zu Corinne Rufli: Seit deser Nacht war ich wie verzaubert. Frauenliebende Frauen über siebzig erzählen.

Wie es sich vor der Frauen- und Lesbenbewegung als frauenliebende Frau lebte, mit welchen Selbstbildern, gegen welche Widerstände, mit welchem Alltag und wie es sich anfühlte, darüber ist herzlich wenig bekannt. Corinne Rufli hat nun ein wunderbares Buch veröffentlicht, das elf frauenliebende Frauen – nicht alle verwenden für sich die Bezeichnung lesbisch –, die heute allesamt über siebzig sind, zu Wort kommen lässt. Sie leben in der Schweiz, sind mehrheitlich auch dort aufgewachsen (teils auch in Süddeutschland), erlebten ihre Jugend in den 1950er Jahren.

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Es gibt unglaublich viel zu lernen – und Lesbischsein bzw. Frauen lieben ist ‚nur‘ ein Aspekt, um den sich das Erzählte dreht. Die Züricherin Liva Tresch, heute zweiundachtzig, berichtet davon, wie es war, in den 1950er Jahren in der Schweiz aufzuwachsen – als uneheliches Kind, bei Pflegefamilien, auf einem Bäuer_innenhof, mit diversen Jobs, äußerst prekär, und sexualisierter Gewalt ausgesetzt. Greifbar wird eine massive Herabwürdigung von Mädchen und Frauen, eine alltäglich erlebte patriarchale Gewalt und Freiheitsbeschränkung; dies gilt erst recht für jene, die ‚aus der Landwirtschaft‘ stammten und zusätzlich mit klassenbezogener Herabsetzung und ökonomischer Ausbeutung konfrontiert waren.

Was ebenso nachfühlbar wird, ist die fast schon als vollkommen zu bezeichnende Unsichtbarkeit lesbischen Lebens und eine massive Stigmatisierung, die nicht ohne Folgen blieb für das eigene Selbstwertgefühl. Wie es sich dennoch und im Verlauf der Jahrzehnte zunehmend besser – in den neu entstehenden Szenebars und politischen Gruppen – lesbisch leben ließ, auch das zeigen die Erinnerungen Treschs. Sie lebte Liebesbeziehungen mit Frauen und erschloss sich die entstehende Züricher Homosexuellen- und Frauenszene. Sie nahm die Arbeit in einem Fotogeschäft auf – ein erster Schritt auf dem Wege zu ihrem Erfolg als Szenefotografin, als die sie Berühmtheit erlangte. Die Stärke der Erzählerin, die ihr Leben in die eigenen Hände nahm, immer wieder neu, beeindruckt und macht Mut.

Grundlage für die elf von Corinne Rufli aufgezeichneten Geschichten lieferten Oral-History-Interviews. Die von der Autorin verfassten Texte wurden mit den interviewten Frauen nachbearbeitet; dies lässt auf eine wertschätzende Arbeitsweise schließen, die das ganze Buch atmet. Die so entstandenen autobiografischen Aufzeichnungen sind spannend, zutiefst berührend, sie sind erschreckend, ermutigend, sie machen lachen und weinen. Die Interviewten arbeiteten als Verkäuferinnen, Politikerinnen, als Haushaltshilfen und „Laufmädchen“, Künstlerinnen oder Lehrerinnen, sie kommen aus Arbeiter_innenfamilien, von Bäuer_innenhöfen oder aus dem Bildungsbürgertum. Ebenso vielfältig ist der Bezug der Seniorinnen zur Lesbenbewegung, zur Homosexuellenbewegung und zur Frauenbewegung, den es gibt oder eben nicht. Und hinsichtlich ihrer Identitätsentwürfe und Lebenskonzepte: ob sie sich als Lesbe bezeichnen, ob sie einen Mann heirateten, ob sie lesbische Sexualität und Partnerschaften leb(t)en.

Die Interviewten und die Autorin liefern mit diesem spannenden Buch einen wichtigen Beitrag zur Geschichte der Schweiz (und Süddeutschlands) und zur Lesben- und Frauengeschichte: Sie berichten vom Leben, Lieben und Arbeiten als Frau und als Lesbe seit den 1950er Jahren, von Klassenunterschieden, von Diskriminierung und Gewalt, von Widerstand und Veränderung. Informativ und berührend, voller schmerzhafter wie auch schöner Erinnerungen erzählen sie davon, ob und wie das gehen kann: in einer Welt, die bestenfalls ignorant, schlimmstenfalls gewaltvoll agiert, als Lesbe und als Frau selbstbestimmt und in Würde leben zu können.


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Lesbisch_queere Bücherwelten: aktivistisch altern, lesbisch lieben – und einen Entführungsfall lösen

2. September 2015 von Julia
Dieser Text ist Teil 107 von 128 der Serie Die Feministische Bibliothek

Reichhaltig. Wenn ich nur einen Begriff hätte, um Anne Bax’ Roman HerzKammerSpiel, zu beschreiben, wäre es dieser. Er ist Liebesgeschichte und Krimi in einem und mehr als das; er ist spannend, lustig und ernst zugleich.

DAnne-Bax-HerzKammerSpiela ist einmal die Liebesgeschichte zwischen Charlotte und Irene, ganz neu und doch schon auf dem Wege, sich zu verkomplizieren. Charlottes Ex spielt dabei eine Rolle, ein Unbekannter, der sich Schlager hörend in fremden Häusern herumtreibt, und vor allem der Mangel an Mitteilungsfreudigkeit auf beiden Seiten, der zu Missverständnissen und Misstrauen führt.

Dann ist da der „harte Kern“, so nennt sich ein Freundinnenkreis im Rentenalter, an dem auch Charlottes Mutter, Luise, beteiligt ist. Die internetaffine Gruppe mischt Gemeindeveranstaltungen auf, treibt sich in sozialen Netzwerken im Internet herum, plant eine kollektives Wohnprojekt, gibt Tipps in Liebesdingen – und löst einen Entführungsfall. Im Alleingang versteht sich. Und dann wäre da noch eine zweite Liebesgeschichte: jene zwischen Rose-Lotte, die zum harte Kern gehört, und Edda. Die beiden lernen sich auf dem Friedhof kennen, wo Eddas verstorbene Partnerin begraben liegt.

Die Geschichte um den „harten Kern“ ist wunderbar komisch, etwa, wenn die eingeschworene Gruppe sich aufmacht, einem homofeindlichen Hassprediger die Show zu stehlen. Klischees zum Thema Alter tauchen auf – um gebrochen zu werden: etwa, wenn die beliebten Kaffekränzchen zum Austausch von Kuchenrezepten, aber eben auch zum körperlichen Training für politische Aktionen, zur Koordinierung in Sachen Verbrechensbekämpfung oder zur Planung des gemeinsamen Wohnprojektes genutzt werden. Der Krimi wird im Laufe der Geschichte zum spannenden Thriller. Originellerweise mutiert dabei das Hetero-Kleinfamilien-Ideal zur Horrorshow (mehr kann nicht verraten werden). Die beiden lesbischen Liebesgeschichten sind berührend, mit Dialogen, die realistisch sind und ungestelzt.

Mit der Frauengruppe im Rentenalter schuf die Autorin zudem eine schöne Vision des Alterns: ein Freundinnenkreis, der zusammenhält und Unterstützung bietet; gemeinsames Wohnen; politische Aktivitäten; und selbstverständliches lesbisches L(i)eben. Bei allem Witz werden dabei auch schwere Themen berührt. Beeindruckt hat mich, wie das Thema Tod und Trauern – in Zusammenhang mit Eddas verstorbener Partnerin – Eingang in die Erzählung gefunden hat: mit einer angenehmen Selbstverständlichkeit, ernsthaft und würdevoll, und doch auch mit Humor.


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Lesbisch_queere Bücherwelten: Lesbisches Leben vor 100 Jahren, in Männerkleidung

17. Juni 2015 von Julia
Dieser Text ist Teil 103 von 128 der Serie Die Feministische Bibliothek

Rezension zu Stefanie Zesewitz: Donaunebel

DonaunebelTheo ist eine handwerklich begnadete Bestatterin, und sie liebt Frauen. Das geht im Wien der Jahre 1914 bis 1920 gut, so lange Theos Arbeitgeber, ihre zahlreichen Verehrerinnen und die Polizei sie für einen Mann halten. Theo wurde als Junge großgezogen. Als Erwachsene definiert sie sich tendenziell als Frau – „tendenziell“, da sie sich in Hinblick auf Geschlecht eigentlich wenig mit Selbstdefinitionen befasst. Sie behält ein männliches Erscheinungsbild bei, wohl wissend, dass ihre beruflichen Ambitionen ihr keine andere Wahl lassen. Außerdem fühlt sie sich wohl in Männerkleidung, und praktisch ist sie obendrein. Dazu kommt: Liebesbeziehungen zwischen Frauen stehen unter Strafe.

Die Situation spitzt sich zu, als Theo Aglaja kennen und lieben lernt, eine russische Adlige, deren Eltern in der russischen Revolution ermordet wurden. Aglaja ist verheiratet, und weder ihr Ehemann noch ihr Bruder tolerieren ihr unabhängiges, werktätigen Leben und ihre Beziehung zu Theo. Theo wird schließlich angeklagt „Unzucht wider die Natur“ betrieben zu haben und zu Gefängnishaft verurteilt. Sie kann eine Haftverkürzung erwirken – allerdings unter der Auflage, sich unverzüglich in psychiatrische Behandlung zu begeben …

Einige der interessantesten Aspekte in Zesewitz’ neuem Historienroman Donaunebel werden eher nebensächlich abgehandelt und bleiben auf emotionaler Ebene farblos: was es heißt, im Falle Aglajas, zur Ehe gezwungen zu werden; ebenso Theos Erfahrung, als Kind und Erwachsene Geschlecht entgegen den Konventionen zu leben und aufgrund dessen verurteilt und zwangspsychiatrisiert zu werden. Positiv gewendet ließe sich sagen, dass die Leser_innen gefragt sind, ihre eigenen Erfahrungen und/oder ihre Fantasie zu mobilisieren. Dennoch: Etwas mehr Ausführlichkeit und Tiefe und einige Hinweise mehr hätten der vielversprechenden Story gut getan.

Gelungen sind indessen diese kleinen Irritationen, die ganz nebenbei entstehen, wenn männliche und weibliche Ansprachen an Theo sich ablösen: je nachdem, wo und mit wem Theo gerade kommuniziert, ob mit ihrer Liebsten, einem Psychiater oder ihrem Arbeitskollegen. Donaunebel überzeugt zudem durch eine fast kriminalistische Spannung, detail- und stimmungsreiche Alltagsbeschreibungen und eine fraglos originelle historische Geschichte lesbischen Lebens, voller unerwarteter Wendungen.


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Lesbische Fundstücke zum Thema Klasse

4. Juni 2015 von Julia
Dieser Text ist Teil 101 von 128 der Serie Die Feministische Bibliothek

Nadine Kegeles Roman Bei Schlechtwetter bleiben Eidechsen zu Hause ist gespickt mit großartigen – analytisch scharfen, Nadine Kegele_Eidechsenwütenden, humorvollen – Sätzen, die Klassismus und Klassenunterschiede zwischen Freundinnen auf den Punkt bringen. Eine ausführliche Rezension dazu habe ich bereits in der Feministischen Bibliothek abgelegt. Heute will ich einige weitere und zwar lesbische Romane vorstellen, die aus Working-Class-Perspektive geschrieben sind und/oder die sonst wie kritisch mit Geldfragen, Lohnarbeit, Klassenherkunft oder Klassismus umgehen.

Der Roman Camille im Oktober der bereits verstorbenen Autorin Mireille Best dreht sich um die jugendliche Hauptprotagonistin Camille. Diese wächst in einem proletarischen, kleinstädtischen Umfeld in Südfrankreich auf, das stark durch materiellen Mangel geprägt ist. Camille verliebt sich in die Frau des Zahnarztes, die nicht nur älter ist als sie, sondern auch – und das ist das Entscheidende – einer anderen Klasse angehört. Was das bedeutet für Camilles Begehren und für das Aufeinandertreffen der beiden, das beschreibt Mireille Best auf treffende, berührende und zudem sprachlich originelle Art und Weise. Dasselbe gilt für das Leben der Müttergeneration, das mit erzählt wird: wenn die Mütter beisammen sitzen und miteinander reden, ohne viel zu wollen; wenn sie ausharren, ohne Veränderungsperspektive …

Camille im Oktober hat mich berührt wie wenige andere Bücher, es ist schmerzhaft traurig, ohne hoffnungslos zu sein.

Wanderurlaub von Regina Nössler ist ein lesbischer Krimi – und mehr als das. Die Autorin entführt die Leser_innen in eine Reisegesellschaft, die sich die Schönheit der kanarischen Inseln erwandern will, angeführt von einem urlaubsreifen Wanderführer. Was die Beteiligten vereint, sind Ängste und Unsicherheiten rund um Klasse(nherkunft), Jobs und Geld.
Einen Mord gibt es natürlich auch …

Nössler verknüpft die Spannung eines Krimis gekonnt mit den Themen Arbeitsverhältnisse und Klassenherkunft, und all dies vor einer schön-bedrohlichen Urlaubskulisse.

Aufhänger des Romans Eine Milliarde für Süderlenau von Astrid Wenke ist der Vorschlag einer maßlos reich gewordenen Süderlenauerin, sämtlichen EinwohnerInnen ‚ihrer‘ Kleinstadt ein Grundeinkommen zu finanzieren. Die Idee politisiert, weckt die Begeisterung und die Träume der SüderlenauerInnen, sie stößt aber auch auf Gegenwind: von Seiten der lokalen Wirtschaftselite.

Der Roman verbindet alltägliches und authentisches Kleinstadtleben, das Thema Grundeinkommen, Fragen familiärer Herkunft und eine lesbische Liebesgeschichte miteinander, auf unaufgeregte und amüsante Weise.

Auch für Science-Fiction-Fans habe ich eine Empfehlung: Gefährliche Sehnsucht von Toni Lucas. Gefährliche SehnsuchtKlingt nach Liebesschmonzette, und das ist es auch und zwar gekonnt. Obendrauf gibts ein durchaus interessantes Zukunftsszenario: Nach einer weltweiten Seuche fristen die überlebenden Erdenbewohner_innen ihr Dasein in streng nach Klassen separierten Gebieten. Die Hauptprotagonistin Anais entstammt einer zuhöchst stigmatisierten Gruppe, den Omegas, die ihre Herkunft in der Regel geheim halten (müssen). Ihre Überlebenschancen sind gering und ein ökonomischer Aufstieg ist kaum möglich, da gute Jobs ein Vermögen kosten. Anais entschließt sich zur Arbeit als Katze in einem der superreichen Haushalte der reichen Städte der Zukunft, gekleidet in einen Catsuit mit allerhand technischen Raffinessen. Zwischen Anais als Katze und ihrer Katzenbesitzerin auf Zeit entspinnt sich eine – strengstens verbotene – Liebesgeschichte …

Zum Nachdenken regen die konkreten Beschreibungen der auf den ersten Blick abstrus erscheinenden Jobsituation als menschliche Katze an. – Vieles davon ist auf den zweiten Blick eben doch recht vertraut, unheimlich vertraut: Lohnarbeit in Privathaushalten etwa oder Ansprüche an eine möglichst vollständige Identifizierung mit dem eigenen Job. Unterschiede zur fiktiven Live-in-Katze der Zukunft sind fraglos da, aber irgendwie scheinen sie doch eher gradueller Natur zu sein. Und was das Bezahlenmüssen für Jobs anbelangt: In Großbritannien verlangt eine Zeitungsgruppe nun Geld von ihren Praktikant_innen. Dafür erhalten sie ein schönes Empfehlungsschreiben zum Abschluss. Miau.


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Den Nagel auf den Kopf getroffen: Klassismus und Klassenunterschiede

29. Mai 2015 von Julia
Dieser Text ist Teil 100 von 128 der Serie Die Feministische Bibliothek

Rezension zu Nadine Kegele: Bei Schlechtwetter bleiben Eidechsen zu Hause

Ich habeNadine Kegele_Eidechsen den Roman Bei Schlechtwetter bleiben Eidechsen zu Hause bestellt, nachdem ich Interviews mit der Autorin Nadine Kegele gelesen hatte. Darin tritt sie nicht nur als überzeugte Feministin auf, sondern bezieht zudem anti-klassistisch Position – dies auf persönliche Weise, indem sie ihre eigene Arbeiter_innenherkunft zum Ausgangspunkt nimmt. Und tatsächlich: Dass die Wienerin Feministin ist und klassenbewusst, daran lässt ihr Roman keinen Zweifel. Buchseiten mit besonders lustigen oder den-Nagel-auf-den-Kopf-treffenden Sätzen habe ich eingeknickt – als Erinnerungsstütze für mich, zum Nachlesen für später. Nun ist das ganze Buch voller Eselsohren, ein Drittel aller Seiten eingeknickt, manche doppelt. Denn es ist eine wahre Fundgrube an wunderbaren Sätzen, die in ihrer Knappheit Herrschaftsverhältnisse aufdecken, wütend, analytisch, auch mit Humor.

Einige besonders tolle Sätze stammen von Ruth, meist als Stimme in Noras Kopf. Ruth ist eine Freundin von Nora und die einzige lesbische Akteurin des Romans – keine Hauptperson, dafür eine, die es in sich hat. In Diskussionen haut sie ordentlich auf den Putz und macht auf Heterosexismus aufmerksam. Ihre kritischen Analysen begleiten Nora. Andere Sätze, die Eselsohren nach sich zogen, stammen von „der Kaiserin“, auch sie bevölkern Noras Gedankenwelt. „Die Kaiserin“, das ist Noras Therapeutin und sie taucht immer unter genau dieser Bezeichnung auf. Das klingt nach einer guten Portion Sprachwitz und liest sich lustig – und ändert doch nichts daran, dass „die Kaiserin“ kluge therapeutische Sachen von sich gibt.

Und dann sind da diese Sätze zum Thema Klasse: Sätze, die Nora durch den Kopf gehen, wenn sie mit ihren Freundinnen zusammen ist, die allesamt reicher, bürgerlicher oder akademischer sind – womit die Betreffenden durchaus unterschiedlich umgehen, mal selbstkritisch, mal ignorant, mal ahnungslos. Bei diesen Sätzen handelt es sich um Noras eigene Gedanken, die sie manchmal ausspricht, oft nicht, dabei häufig wütend. Dazu kommen Diskussionen zwischen den Freundinnen rund um Arbeit, Geld oder Klassenherkunft. Diese Passagen bringen analytisch auf den Punkt, was Klassenunterschiede im Alltag und für das Miteinander bedeuten. Wenn Nora sich bei ihrer Therapeutin darüber beklagt, dass sich die anderen, ihre Freundinnen, immer so wichtig nehmen; wenn die Freundinnen darüber diskutieren, warum die eine viel Geld hat und die andere nicht; wenn der Besuch bei der Mutter einer Freundin ansteht, der ein Sektimperium gehört.

Manchmal mischen sich Sätze „der Kaiserin“ in Noras Klassen-Wut. Dann wird Klasse als verinnerlichte Realität greifbar, als etwas, womit es umzugehen gilt – im Zweifelsfall auch therapeutisch. Das heißt aber nie, dass Klassenverhältnisse individualisiert würden in Kegels Erzählung, ganz und gar nicht – dafür sorgen die analytisch treffsicheren, scharfen, wütenden Beobachtungen Noras.

Bei Schlechtwetter bleiben Eidechsen zu Hause ist nicht leicht zu lesen, weil die Protagonistinnen es nicht leicht haben: als vernachlässigte Tochter, die ihre im Koma liegende Mutter nicht sehen will; als Mutter, die ihre eigene Vernachlässigung und Misshandlung als Kind weitergibt an ihre eigenen Kinder; als Frauen, die destruktive Muster wiederholen und sich auf Männer einlassen, die im besten Fall keine Hilfe sind. Es geht um gewaltvolle Strukturen in Kleinfamilien und um die Folgen.

Da ist aber auNadine Kegele Bei Schlechtwetter bleiben Eidechsen zu Hausech dieser Freund_innenkreis, der nie reine Harmonie ist, der aber ein Zuhause bietet und Zusammenhalt. Da sind die Stimmen der Freundinnen, „der Kaiserin“ und der Hauptprotagonistin selbst – Stimmen, die sich im Verlauf des Geschehens verändern und die persönliches Wachstum bedeuten und begleiten. Und da sind eben auch diese großartigen Sätze, durch die es Nadine Kegele gelingt, dem Roman bei aller Schwere eine Spur Leichtigkeit und Humor beizumischen.


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Lesbisch_queere Bücherwelten: Ländliche und weitere Trans-Realitäten

29. Januar 2015 von Julia
Dieser Text ist Teil 93 von 128 der Serie Die Feministische Bibliothek

Zwiespältig: Rose Tremains Gesellschaftsportrait „Die Verwandlung der Mary Ward“.

Mit dem englischsprachigen Original „Sacred Land“ veröffentlichte die (soweit bekannt: Nicht-Trans-)Bestseller­autorin Rose Tremain 1992 einen Roman, der kurz darauf ins Deutsche übersetzt wurde. In queerer Forschung fand das Buch Anerkennung für die Repräsentation queerer Männlichkeit. Nun wurde das Buch erneut auf Deutsch verlegt, unter dem Titel Die Verwandlung der Mary Ward.

Der Buchtitel täuscht in mehrerer Hinsicht: Denn Mary Ward versteht sich seit ihrem_seinem sechsten Lebensjahr, und hier setzt die Erzählung an, als Martin. Erste Zeugin dieser Selbst­erkenntnis ist Martins Perlhuhn Marguerite, das Martins zunehmend gewalt­tätiger und alkoholisierter Vater später töten wird. Es ist Martins – oder zu Beginn vielleicht: Mary_Martins – Geschichte, die der Roman erzählt. Zudem, das ist die zweite Täuschung des Buchtitels, ist seine_ihre Geschichte nur eine von vielen. Darin liegt durchaus eine Stärke des Buches: Tremain zeichnet anhand mehrerer Charaktere ein kleinstädtisch-weißes Gesellschafts­portrait Großbritanniens seit den 1950er Jahren. Sie liefert Einblicke in Lebens­konzepte und Alltag zwischen gesellschaftlichen Zwängen, Resignation, Emanzipation und Auflehnung. Martin Ward wird nicht zum ‚Anderem‘ stilisiert, sondern als eine von mehreren Personen und Männlich­keiten repräsentiert, die darum kämpfen, zu überleben, Zwängen zu entfliehen und ein selbstgewähltes Leben zu führen.

Die Überzeugung, dass eine Zukunft als Martin auf sie_ihn wartet, verleiht ihr_ihm die Kraft, einem einengenden und zunehmend gewaltvollen Herkunfts­umfeld zu entfliehen. Martin findet UnterstützerInnen, zieht in eine Großstadt, lebt und zeigt sich mehr und mehr als Martin. Dem Medizin­system, das auf geschlechtliche Vereindeutigung aus ist – im Sinne einer zu vollendenden Männlichkeit –, wird er mit einer guten Portion Skepsis, Einfalls­reichtum und Wider­ständigkeit begegnen.

Neben Mary_Martins Leben erzählt Tremain die Geschichten weiterer Personen aus ihrer_seiner Heimatstadt. Da wäre etwa Estelle, Mary_Martins Mutter, die dem Leben mit ihrem alkohol­abhängigen und zunehmend gewalttätigen Ehemann Sonny durch Aufenthalte in einer psychiatrischen Einrichtung zu entfliehen versucht. Oder Walter, dessen Familien­tradition vorsieht, dass er die Metzgerei seiner Eltern übernimmt – der aber am liebsten mit seinem Onkel Pete Country Music hört und vom Auswandern in die USA träumt. Oder der Zahnarzt Gilbert, der mit seiner Mutter zusammen in einem Haus lebt, das immer näher an die Klippen rückt, und der eine Affäre mit Walter beginnt …

Die meisten Biografien sind über weite Strecken bedrückend: Die Protagonist_innen sind eingezwängt in ein Leben und Umfeld, das ihnen nicht behagt und nicht bekommt. Doch einige von ihnen werden ihren Wünschen und Träumen doch noch folgen, mal radikal, mal ein Stückweit und in kleinen Schritten.

Politische Schwachstellen verstecken sich in vereinzelten Sätzen oder Halbsätzen, die deshalb so ärgerlich sind, weil es ein Leichtes gewesen wäre, sie auszuräumen. Da ist das Klischee vom lispelnden schwulen Zahnarzt, der bei sämtlichen (!) männlichen Patienten die Behandlung länger ausdehnt als nötig; da ist die Andeutung einer sexistischen Blickweise Martins auf Frauen und von gewaltvoll-sexualisierter Grenz­verletzung; da sind die rassistischen und kolonialistischen Denkmuster einzelner Protagonisten. Manches davon mag im Sinne eines realistischen Gesellschafts­portraits Sinn machen. Das Wohlwollen jedoch, mit dem Rose Tremain ihre Figuren zeichnet – über weite Strecken eine Stärke des Romans –, droht hier bisweilen in eine Verharmlosung gewaltvoller Realitäten zu kippen.

Tremains Erzählweise ist detailliert, ihre Charaktere sind originell, es gelingt ihr offenbar mühelos, viel­schichtige und sich fort­entwickelnde Biografien zu erzählen. Was der Roman indes nur bedingt bietet, sind Identifikation und emotionales Berührt­werden. Das muss nicht zwangsläufig schlecht und kann durchaus so gewollt sein. In diesem Fall aber verlor ich beim Lesen zunehmend das Interesse – anstatt mich in den Geschichten der Protagonist_innen zu verlieren. Es bleibt ein distanziertes Verhältnis zwischen den Leser_innen und den Protagonist_innen des Buches: Gleichwohl er ohne Pathologisierungen und Voyeurismus auskommt, ist es ein Blick von außen, ein beobachtender Blick, kein identifikatorischer.

 

 

 

 

 

 

 

Im vergangenen Jahr sind viele weitere und überzeugendere Trans-Bücher Bücher erschienen, die unterschiedliche Lebenswelten von Trans-Menschen thematisieren (*siehe Kommentar von yori) – und das heißt auch: aus Trans-Perspektive. Zum Beispiel: die auf der Mädchenmannschaft bereits vorgestellte Auto­biografie „Redefining Realness. My Path To Womanhood, Identity, Love & So Much More“ von Janet Mock (hier findet ihr eine Paneldiskussion mit Schwarzen Künstler_innen und Aktivist_innen inklusive Janet Mock und bell hooks zu Rassismus, Feminismus, Ökonomie …); der ebenfalls bereits rezensierte Sammelband „Begegnungen auf der Trans*fläche“, mit 76 Zeichnungen und Kurzgeschichten aus einem transnormalen Alltag; oder der sehr umfangreiche und thematisch breite Informationsband „Trans Bodies, Trans Selves. A Resource for the Transgender Community von und für Trans-Personen.

Im frischen neuen Jahr 2015 wird das autobiografische Buch Goodbye Gender (Vorschau) der kanadischen Trans-Künstler_innen Rae Spoon und Ivan E. Coyote erscheinen. Im Moment ist Rae Spoon übrigens auf Europatournee und performt dabei auch in verschiedenen Städten der BRD (Website von Rae Spoon mit Tourdaten).


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