Einträge von Hengameh


Überleben in Neukölln

29. Oktober 2015 von Hengameh

Hallo
ich mache einen Film „Überleben in Neukölln“ , der bezieht sich auf einen Film von mir über drei deutsche frauen in New York „Überleben in New York, der damals sehr erfolgreich war
ich will einige Menschen portraitieren, die in Neukölln leben und überleben.

Diese Mail landete letzte Woche bei mir. Die Vorgeschichte: Eine Bekannte von mir, die sehr cool ist, fragte in einem Gruppenchat mit und ein paar andere queere Personen of Color, von denen die, die ich kenne, sehr cool sind, ob wir Lust haben, in einer Doku von Rosa von Praunheim mitzuspielen. Klang also erst mal alles in Ordnung. Der Kontakt wurde hergestellt und so las ich diese E-Mail von Rosa persönlich. Es fiel mir schwer einzuschätzen, in welche Richtung diese Doku gehen soll. Sie könnte super werden, sie könnte aber auch richtig scheiße und problematisch werden. Ich dachte mir: Ich wage vielleicht zu wenig im Leben, ich schau mir das ganze mal an.

So vereinbarten wir ein Treffen mit anderen Interessierten im Café Rix auf der Karl-Marx-Straße. Sehr orientierungslos betrat ich das Café mit den hohen Decken und den verspiegelten Wänden, suchte nach einer großen Gruppe, fand keine. Ich googelte mit dem Handy noch mal schnell „Rosa von Praunheim“, um wenigstens ein Gesicht erkennen zu können. Sobald ich wieder die Tastensperre aktivierte, hatte ich schon wieder vergessen, wie er aussehen sollte, hielt deshalb Ausschau nach einem alten Mann mit einer Cap. Einer, der auf diese Beschreibung passte, murmelte etwas zu einem Gegenüber und schaute mich dabei an. Ob er es war? Ich ging in die Richtung. „Wie heißt du?“, wollte er wissen. Ich sagt meinen Namen. Ich war also am richtigen Tisch. Wir waren allerdings nur zu dritt. Ich hörte zu, wie eine andere Person sich vorstellte und aus seinem Leben erzählte. Kurz darauf kam eine weitere Person dazu. Das waren dann drei Typen und ich. Ich irgendwie hatte ich mir das anders vorgestellt, ich versuchte jedoch weiterhin, mir nichts anmerken zu lassen und offen zu bleiben.

Mir fiel auf, dass zu den Typen sehr viel aufgeschrieben wurde, ich wurde nur kurz gefragt, was ich mache und ob ich Iranerin sei. Ich sagte, ich sei Redakteurin und freie Autorin. Und ja, meine Eltern kommen aus dem Iran, ich bin aber hier geboren. Rosa fragte mich, ob ich denn von meiner Arbeit leben könne, ich sagte ja. Dann ging seine Aufmerksamkeit wieder zu einem der anderen über. Als die beiden Typen über Homofeindlichkeit spezifisch in Neukölln. Ich ahnte Schlimmes. Dann war wieder ich am Turn. Mehrfach fragte mich Rosa von Praunheim, ob ich als freie Autorin, Speakerin und Redakteurin (sic!) denn wirklich leben könne. Beim ersten Mal klang es nach Interesse, beim dritten ungläubigen Fragen fühlte es sich scheiße an. Ja, stellt euch vor, Menschen sind tatsächlich bereit, mich für meine Expertise und Arbeit zu bezahlen und es reicht aus, um in Berlin zu überleben. Die anderen beiden – einer von ihnen Modedesigner – wurden in Punkto Business wenig in Frage gestellt.

Dann wollte er wissen, ob ich schon mal von dem Begriff „Person of Color“ gehört hätte. Ich bejahte und ergänzte, dass ich mich auch als eine solche bezeichne. Das müsse ich ihm aber erklären, sagte er mit gerunzelter Stirn. Nachdem ich die Selbstbezeichnung erklärte, war seine Reaktion: „Das ist jetzt aber nicht fair dunkelhäutigen Personen gegenüber.“ WTF. Er sprach mir in den folgenden Minuten sämtliche Rassismuserfahrungen ab und bestand darauf, dass ich aufgrund heller Hautfarbe auch weiß sei. Und, da waren sich alle Typen einig: Auch weiße Personen können in manchen Situationen von Rassismus betroffen sein. Ich widersprach immerzu, es fühlte sich aber an, als würde ich mit einer Wand sprechen.

Nächster Punkt ging natürlich auch richtig in die Klischeefalle: Die Homofeindlichkeit in Dem Islam™. Den Islam™ gibt es nicht, versuchte ich klarzumachen. Das sahen die Boys anders. Sie reproduzierten so viele rassistische Stereotype, dass ich aufstand und ging. Jetzt war ich mir sicher, dass es ganz sicher keine coole Doku werden würde, sondern vielmehr eine Art „Demo gegen Homophobie in Neukölln – Der Film“. Drum auch der Titel „Überleben in Neukölln“. Ich schlage vor: Überleben in Charlottenburg. Überleben im cis-normativen, kapitalistischen, white supremacist Heteropatriarchat. Überleben in Deutschland. Wenn ich einen rassistischen Blick auf Neukölln sehen will, kann ich auch Buschkowski oder Sarrazin lesen, da braucht Rosa von Praunheim, der sich offenbar noch nie mit seinem weißen Privileg auseinandergesetzt hat, keine weitere Dokumentation drehen. Es ist offensichtlich, was dieser Film ist und was nicht. Nicht-weiße Personen, gerne muslimischen Backgrounds, werden für die Reproduktion einer rassistischen, anti-muslimischen Perspektive auf Neukölln instrumentalisiert. Denn: Wenn „sogar schwule Türken“ sagen, dass sie von ihren muslimischen Familien unterdrückt werden, dann gilt die Klausel, dass alle Kanaken homofeindlich sind. Tamam.

Dies zeigt auch sehr klar, für wen „Überleben in Neukölln“ gemacht wird und für wen nicht. Nicht etwa Menschen, die seit Jahrzehnten dort leben oder dort aufgewachsen sollen sich mit dieser Dokumentation identifizieren, sondern viel mehr weiße Personen, besonders schwule Typen, die Neukölln höchstens betreten, wenn sie ins SchwuZ gehen, sollen den Film sehen und sich in ihren rassistischen Zuschreibungen gegenüber „den ganzen Türken und Arabern dort“ bestärkt fühlen. Außerdem dürfen sie die unterdrückten Muslime bemitleiden und gleich auf Grindr nach einer Person suchen, die ihren orientalistischen Erwartungen entspricht und die sie befreien können. Diese Dokumentation wird wahrscheinlich sehr viel Aufmerksamkeit bekommen. Einerseits, weil Rosa von Praunheim ein sehr hohes Standing hat und seine Arbeit viele Menschen erreicht. Zweitens, weil der Film in eine Gesellschaft hineingefurzt wird, in der PEGIDA, Asylgesetzverschärfung, Birgit Kelle, Sarrazin, Merkel und BILD-Zeitung unter dem Tisch Händchen halten. Selbst Kartoffeln, die sonst gern mal heterosexistische Sprüche klopfen, werden den Film gut finden, denn sie können das Konstrukt des „homophoben Ausländers“ sehr gut aufrechterhalten. Plötzlich interessieren sich alle für LGB(T)-Rechte, solange sie dazu dienen, rassistische Strukturen weiterzuweben. Pinkwashing in a nutshell.

Stattdessen könnten Gelder darin fließen, dass queere Personen of Color in Neukölln sich selbst repräsentieren dürfen und die Narrative aus einer anti-rassistischen, queeren Perspektive erzählt wird. Am Ende des Tages ist Rosa von Praunheim nämlich auch nur ein weißer, alter Typ, der Neukölln mal so richtig analysieren will, wie es schon Sarrazin und Buschkowski vor ihm taten. Danke für nichts.


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Urlaubssouvenirs

15. Oktober 2015 von Hengameh

Als Kind und Teen war ich immer sehr neidisch auf meine (überwiegend weißen) Freund_innen und Mitschüler_innen, die ihre Ferien im europäischen Ausland oder vielleicht sogar in den USA verbrachten. Meine Familie fuhr alle paar Jahre in den Iran alias The Homeland.

Obwohl es dort immer sehr schön, wenn auch zu heiß, war, hatte ich dort das Gefühl, vieles zu verpassen. Meistens ein paar Schultage, weil die Flüge außerhalb der Ferienzeiten billiger waren, potenzielle Sommerausflüge mit Freund_innen und heteronormative Urlaubserlebnisse wie einen Flirt mit irgendwelchen Boys auf einem schwedischen Campingplatz oder am spanischen Strand. Vor allem fühlte ich mich nicht so cool und kosmopolitisch wie meine Mitschüler_innen, die in angesagten Städten wie New York, Paris oder Barcelona kurze Trips mit ihren Herkunftsfamilien machten.

Damals war ich sehr angepisst darüber, dass wir immer nur in den Iran flogen. Seltene Ausnahmen: Als ich fünf war, fuhren wir mit unserem VW-Bus via Amsterdam nach Paris, ich durfte ins Disneyland, wir campten im Auto. Wir haben zwei Mal Verwandte in London besucht. Und als ich 17 war, besuchten wir entfernte Bekannte meines Vaters in Norditalien. Das sind mehr Auslandsreisen als sehr viele andere in ihrem ganzen Leben hatten, aber damals kam es mir verdammt wenig vor, weil die meisten anderen in _jeden_ Ferien irgendwo Besonderes waren. Selbst über Pfingsten oder Himmelfahrt. Heute verstehe ich, warum Dinge so waren, wie sie waren.
In der Diaspora bist du ohnehin schon nicht Zuhause. Wenn du also die Möglichkeit hast, in ein Land zu fahren, wo deine Sprache gesprochen wird, deine Lieblingsspeisen gekocht werden, dein Aussehen und dein Name nicht auffallen (zumindest nicht als „ethnische Minderheit“) und wo deine Familie lebt, dann würdest du doch lieber dorthin reisen. Zumindest lieber als in dein Land, in dem du noch weniger Zugang zur Sprache hast, wo du noch mehr fremd bist, weil du dich lokal nicht auskennt, wo du noch mehr, weil wortwörtlich, auf Durchreise bist und aus dem Koffer lebst. Sich irgendwo nicht auszukennen und kaum Zugang zu haben, benötigt viele Ressourcen, vor allem finanzielle. Warum also in ein Land fahren, in dem du noch nicht mal die quirky Tourist-Experience machen kannst, weil du dort genauso als brown Immigrant-Family geandert wirst wie in Deutschland? Und dafür viel Geld ausgeben?

Die wenigen Male, in denen wir im EU-Ausland waren, war ich auch sehr angespannt. Ich war sehr lange die einzige in meine Herkunftsfamilie, die Englisch verstehen und sprechen konnte. Ständig musste ich Übersetzungsarbeit leisten. Nicht nur nach dem Weg fragen, sondern auch Rabatte aushandeln oder peinlich irgendwelche Leute auf der Straße fragen, was eins in dieser Stadt denn unbedingt gesehen haben muss. Mal einen Nachmittag lang im Café chillen oder durch Szenebezirke flanieren? Fehlanzeige. Cool und kosmopolitisch stellte ich mir anders vor. Und wieder der Vergleich mit den anderen: Alle anderen hatten Eltern, die mittelmäßiges bis sehr gutes Englisch gesprochen haben. Das nimmt sehr viele Barrieren, zum Beispiel, dass du als junge Person nicht den kompletten Trip organisieren musst. Wenn die Kinder noch nicht alt genug sind, um Englisch sprechen zu können, ist es für Eltern(teile) eigentlich auch verantwortungsvoll, in kein anderes rassistisches Land ohne jegliche Sprachkenntnisse fahren zu wollen. Ich hätte es mir an ihrer Stelle auch nicht zugetraut.

An solchen Erinnerungen merke ich, wie privilegiert ich heute bin, wenn ich mit Billigflug und auf der Couch von Bekannten Schlafen ins Ausland reise. Oder selbst dann, wenn ich im ICE sitze und zu einer Veranstaltung in einer anderen deutschen Stadt fahre, bei der ich als Speakerin eingeladen bin. Das einzige Mal, als ich vor dem Studium im ICE saß, war als meine Schwester und ich mit unseren Niedersachsenferientickets in den falschen Zug gestiegen sind. Und heute fahre ich mit Schnellzügen durchs Land und zahle die Tickets nicht mal selbst. Verdrehe vielleicht auch mal die Augen, wenn die Durchsagen mit einem krassen deutschen Akzent auf Englisch gemacht werden. Abgefahren und irgendwie komisch.


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Beyond the hype: Reflexionen über Caitlyn Jenner

3. Juni 2015 von Hengameh

Am Montag flutete das neue Cover des Magazins „Vanity Fair“ sämtliche Timelines und Newsfeeds. Mit den Armen hinter dem Rücken verschränkt posiert Caitlyn Jenner stolz vor Annie Leibovitz‘ Kamera. Auf diesem Foto zeigt sich sich zum ersten Mal nach ihren Operationen in einer so großen Öffentlichkeit und stellt sich mit ihrem neuen Namen vor: #CallMeCaitlyn.

Ihr Coming-Out als Transfrau wird in erster Linie mit Begeisterung, Bestätigung und Liebe aufgenommen. In transfeindlichen und insbesondere transmisogynen mehrheitsgesellschaftlichen Strukturen sind diese Reaktion ohne Zweifel ein Schritt in Richtung Trans-Akzeptanz. Ihre korrekte Adressierung mit ihrem Namen und ihren Pronomen zeugt von Respekt und sollte unbedingt weiterhin so eingehalten werden. Aber wie geht’s weiter?

Die Schauspielerin, Filmproduzentin und Aktivistin Laverne Cox veröffentlichte über das Ereignis einen sehr differenzierten Text auf ihrem offiziellen Tumblr-Blog. Sie schreibt nicht nur über ihre Euphorie, sondern reflektiert auch ihre und Caitlyns Privilegien als berühmte Transfrauen, die als cis passen können. Cox macht deutlich, dass der Kampf nicht mit einem positiv rezipierten Outing aufhört, sondern noch lange fortgeführt werden muss.

Natürlich ist es legitim, sich für Caitlyn zu freuen. Aber es ist auch notwendig, weiterzudenken. Caitlyn Jenner ist eine weiße, schlanke, Cis-Normen bedienende, reiche, republikanische Frau, die trans verortet ist. Würde ihre Person so stark zelebriert werden, wenn Teile dieser Privilegien und Positionen nicht da wären? Gerade die „Facial Feminization“-Operation muss in der Regel immer privat finanziert werden und ist sehr teuer. Wie viele Transfrauen haben diese Ressourcen? Wie viele haben Zugang zu einer (für sie sicheren) Erwerbsarbeit? Und: Ist der Lob für Jenners Authentizität nicht ein offensichtliches Aufsetzen von Cisnormen?

Wie viele Schwarze_Transfrauen_of Color starben allein in diesem Jahr durch Mord oder Suizid? Wie viele von ihnen können wir namentlich benennen? Wie viele von ihnen hatten einen Lebensstil, der annähernd dem Caitlyn Jenners ähnelt? Wie viele von ihnen waren auf Magazincovern oder überhaupt in der Zeitung?

Wird die Tatsache, dass Caitlyn Jenner trans ist, etwas an der Verteilung ihrer Ressourcen ändern? Wird sie diese auf arme Trans-Jugendliche aus der Arbeiter_innenklasse umverteilen? Wird ihr Schicksal Einfluss auf das Leben junger Transpersonen haben? Wird es Dinge erleichtern? Kann sie Dinge für ärmere Transpersonen erleichtern, wenn sie Republikanerin ist? Was ist mit der Solidarität mit Transfemininitäten, die sexarbeiten? Können junge Transpersonen, die nicht als Cis passen, nicht schlank, nicht reich und nicht weiß sind etwas aus dem Hype um ihre Person gewinnen, seien es sichere Räume, Straßen und Wohnplätze oder überhaupt einen empowernden Moment? Oder wird er den Anspruch an Transpersonen bestärken, Cisschönheitsnormen zu erfüllen um akzeptiert zu werden?

Ja, es ist total schön, dass Caitlyn Jenner so viel Unterstützung für ihr Coming-Out bekommt, aber es wäre auch schön, wenn ein bisschen weitergedacht würde und andere Transfrauen mit weniger Privilegien auch nur einen Bruchteil dieser Glorifizierung abbekämen. Es liegt in der Verantwortung journalistischer Medien, nicht nur das für sie bequemste Beispiel an Transpersonen zu hypen, sondern die Lebensrealitäten anderer, viel mehr Gewalt erfahrenden Transpersonen sichtbar zu machen und diesbezüglich Berichterstattung zu leisten, Transpersonen korrekt zu adressieren und mit vertraulichen Informationen wie Geburtsnamen verantwortungsvoll umzugehen, nicht-binär verortete Personen in ihren Positionen zu respektieren, von Transfeindlichkeit betroffene Personen für sich sprechen zu lassen.


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Cry Me A River und gebt euch halt mehr Mühe

21. Mai 2015 von Hengameh

Vor ein paar Wochen besuchte ich eine Podiumsdiskussion im Hebbel am Ufer, in dem es um Privilegien ging – um männliche, heterosexuelle und weiße. Wo machen sich diese Privilegien deutlich und wie können sie abgegeben werden? Viel Spannendes kam dabei nicht herum, aber eine Passage hat sich bei mir eingebrannt. Es war ein Abschnitt, der viele mehrheitlich weiße feministische Debatten zusammenfasst. Thema war die Angst vor Fehlern: Wer sich in politischen Kontexten bewegt, weiß um das Risiko, dass mal etwas eskalieren, als problematisch eingelesen und mit einem starken Shitstorm quittiert werden kann. Dieses Gefühl kenne ich zu gut. Besonders, wenn eins den Anspruch hat, mit der eigenen Arbeit Leute aus ihrer Comfort-Zone rauszuschubsen und den flauschigen Bereich liberaler Popular Opinions zu verlassen, ist die Angriffsfläche groß.

„Du kannst eh nicht immer alles richtig machen“, behauptet gefühlt die ganze Welt, faktisch vor allem weiße Personen. Auch an diesem Abend sollte es so sein. Podiumsgast und Performerin Simone Dede Ayivi brachte dazu einen sehr wichtigen Punkt ein. Sie gestand, dass sie für sich selbst tatsächlich den Anspruch hat, stets alles richtig zu machen. Natürlich gelingt es nicht immer, aber, so sagte sie, wenn die eigene Herangehensweise frei nach dem Motto „zufrieden werden eh nicht alle sein“/“Fehler kommen so oder so vor“ ist, dann ist es klar, dass irgendwas verkackt wird/problematisch ist.

Für mich war dies ein sehr wichtiger Moment in meiner aktivistischen Arbeit. Ich wusste, dass ich nicht immer alles richtig machen kann, ich wusste aber auch, dass ich mit einer ausschließenden, problematischen Praxis nicht zufrieden bin. Und wenn ich nicht einmal den Anspruch habe, keine Fehler zu machen und selbstkritisch zu sein, ist es klar, dass das Ergebnis scheiße wird.

Insbesondere, wenn es um subversiven Aktivismus geht, wünsche ich mir ein kritischeres Denkvermögen. Ja, politisches Handeln darf auch weh tun – aber wem? Denen, die von bestehenden Machtstrukturen profitieren oder jenen, die von ihnen unterdrückt werden? Und wer klopft sich schon bei 40% des möglichen Rahmens auf die Schulter und sagt sich „das reicht schon so, sind eh nicht immer alle zufrieden“? Meiner Erfahrung nach häufig weiße Feminist_innen. Mir missfiel schon letztes Jahr auf der re:publica, wie eine weiße Feministin aus sehr privilegierter Perspektive zum „Feminist Burn-Out“ sprach und sich die Thematik stark aneignete. Ja, aktivistische Arbeit raubt viele Ressourcen. Aber am wenigsten von einfach betroffenen Personen wie ihr. Häufig sind es nämlich Schwarze Feminist_innen_Feminist_innen of Color, die sich in Richtung eines „Feminist Burn-Outs“ hinbewegen. Zum Beispiel, weil sie nicht nur das rassistische Cis-Hetero-Patriarchat bekämpfen müssen, sondern drölftausend weiße_cis_heter@ Feminist_innen aufklären müssen. Wahrscheinlich mit einigen Spezis unter ihnen, die sich auch mal wieder dachten, der Mut zur Lücke müsse sein. Da finde ich es unerträglich, diese Endlosschleife des privilegierten „Mimimimi alle hacken auf mir rum, wenn ich mal was falsch mache“(lies: „Bei Rassismus oder anderen Diskriminierungen, von denen ich nicht betroffen bin und die ich selbst reproduziere, wird mal kein Auge zugedrückt“)-Gejammers zu hören oder zu lesen. Natürlich kommen Fehler mal vor, aber Personen können sich auch Mühe geben, nicht den gleichen Fehler trotz Kritik siebzehn Mal hintereinander zu machen.

Selbstkritik soll natürlich nicht zermürben, aber herrschaftskritische Praxis ist nun mal keine unbeschwerte Leichtigkeit, die keck und frech über die Bühne gebracht werden kann. Siehe FEMEN. Siehe Pinkstinks. Siehe Lily Allen. Siehe, siehe, siehe. So please, dear white feminists, get your shit together!


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Gendertrouble revisited

28. April 2015 von Hengameh

Birgit Kelle, BILD-Sexismus und rostige Genderrollen sind nicht nur Aufregethemen für weiße Frauen. In seiner Videokolumne „Tariks Genderkrise“ geht Tarik Tesfu aus Köln humorvoll und deshalb nicht minder differenziert an diese Diskurse ran. Mit einem Erklärbär-Charakter, der die Leute auch wirklich aus den letzten Reihen abholen kann, verständlicher Sprache und einer guten Portion Street arbeitet er frisch auf, woran seine Feuilleton-Friends kläglich scheitern.

Gewiss: Seine Inhalte sind nicht neu, aber das müssen sie auch nicht sein. Wie oft gab es in der feministischen Blogosphäre Bore-Outs, in denen es um vieles ging, aber nicht um bahnbrechende News?
Abwechselungsreich ist hingegen sein Zugang, der es nicht zur Langeweile kommen lässt. Besonders jüngere Personen oder jene, die nicht in aktivistischen Zusammenhängen unterwegs sind, haben hier viel Lernpotenzial. Tarik ist außerdem so (selbst-)ironisch, dass er sehr authentisch und smart rüberkommt. Auch ist der Anspruch offensichtlich nicht, akademische Debatten aufzumischen, sondern genau diese auf die Straße zu bringen. Zwischen seinen Witzen kommen hier und da Funken einer Radikalität hindurch, die ich hinter der Kamera ohnehin vermute.

Die (traurige) Realität ist: Manchmal hören Menschen lieber zu, wenn hippe Typen anstatt wütender Frauen* am Mikrofon stehen. In diesem Fall ist der Typ immerhin weder weiß, noch hetero. Und sehr gut gekleidet.


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Your hype is problematic: Ein Leitfaden

26. Februar 2015 von Hengameh

Viele kennen sie: Virale Trends auf sozialen Medien. Seien es einheitliche Profilbilder, millionenfach geteilte Videos oder kettenbriefartige Statusmeldungen, die meisten Timelines sind von diesen Massenbewegungen betroffen. Häufig sind diese Trends mit Social-Justice-Themen wie Feminismus oder LGBTQIA-Aktivismus verknüpft. Doch woher weiß ich, dass es kein problematisches Stück Scheiße ist, das mir auf die Pinnwand geschleudert wird? Dieser Checkliste soll helfen, Flops à la Patricia Arquette zu entlarven.

Wer teilt es?

Es sagt oft schon eine Menge über den Hype aus, wenn du durchschaust, wer ihn verfolgt und wer nicht. Sind es Facebook-Bekannte, die nicht ohne Grund nur Bekannte sind? Sind es deine heute sehr liberalen Freund_innen aus der Schulzeit? Oder sogar deine aktivistischen Crushes? Aus welcher Position heraus kommt die Identifikation mit den geteilten Inhalten? Werden sie von üblicherweise unkritischen Mainstreamblättern geteilt?
Verdächtig ist es beispielsweise, wenn an einem Thema mehr (vermeintliche) Allies als Betroffene beteiligt sind. Wenn mehr Heten als Queers ihr Profilbild für die sogenannte Homo-Ehe ändern (lang ist’s her), dann kannst du dich zurecht fragen, warum der Fisch komisch riecht. Häufig reicht es Leuten, etwas überragend super zu finden, weil der Feminismus- oder Gleichstellungsbegriff fällt. Doch Vorsicht: Nicht alles, was mit Feminismus zusammenhängt, ist cool. Es kann auch viel Anti-Feminismus, Heterosexismus oder Rassismus mitschwingen. Da gäbe es als Paradefails Emma Watsons #HeForShe-Rede (auch auf der Mädchenmannschaft wurde berichtet), die Oscar-Rede von Patricia Arquette, das umjubelte Dustin-Hoffman-Interview oder das #Hollaback-Catcalling-Video.

Um wen geht’s?

Um wen_welche Personengruppe handelt es sich in den jeweiligen Inhalten? Wer ist mitgedacht, wer ist „mitgemeint“? Wessen Lebensrealitäten werden berücksichtigt, welche werden in den Vordergrund gestellt? Wer spricht über wen? Besonders bei Solidaritätsbekundungen wie #JeSuisCharlie gilt es zu kritisieren, wer sich mit wem warum solidarisiert und wessen Leid schwerer zu wiegen scheint. Wo gibt es Fremdzuschreibungen? Durch welchen Blick werden die Inhalte gezeigt? Schwingt da ein Hauch von White Savior mit? Oder allgemeines Entitlement zur Bevormundung „besonders unterdrückter“ Personen? Und ganz wichtig: Vertraue keinen Projekten mit World-Aid-esquen Soundtracks.

Und sonst so?

Grundsätzlich sind Videos, die mit Sätzen wie „Dieses Video wird deine Weltanschauung verändern!“ eingeleitet werden, direkt überspringbar. Sie sich anzuschauen ist Zeitverschwendung in ihrer reinsten Form.
Ein weiteres gruseliges Stichwort ist die Anschlussfähigkeit. Wenn Themen so weichgewaschen und als liberales Interesse verkauft werden, dass sie dafür gelobt werden, alle abzuholen, ist Misstrauen geboten. Wer sind denn alle? Sind es Personen, die aufgrund diverser Faktoren wenig Zugang zu Bildung haben, oder welche, die alles fünf Mal besser wissen könnten als du selbst, es aufgrund ihrer Position aber bisher nicht für wichtig hielten, ihre Ignoranz gegenüber einer Debatte etwas zurückzuschrauben? Fakt ist: Es ist unheimlich schwer, Material zu produzieren, dass wirklich alle erreichen kann, keine Ausschlüsse schafft und nichts Diskriminierendes reproduziert. Ich will niemandem irgendwelche Fähigkeiten absprechen, aber mir sind bisher kaum Leute begegnet, die diese Disziplin meistern konnten.

Natürlich kann es vorkommen, dass du die Kritik in diesen Inhalten auf den ersten Blick nicht siehst. Wenn du auf sie aufmerksam gemacht wirst, lohnt es sich in der Regel nicht, in sture Abwehrreaktionen zu versinken und den Post zu verteidigen, nur weil alle™ den teilen. Besonders, wenn Betroffene dich über ein Thema aufklären, sind diese Ressourcen lieber dankbar anzunehmen als anderen ihre Erfahrungen abzusprechen. Und bitte nicht beleidigt sein: Das endet meistens peinlich.


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Warum das x-Pronomen mir Bauchschmerzen bereitet

19. Februar 2015 von Hengameh

Große Lücke in der deutschen Sprache? Smoothe geschlechtsneutrale Pronomen. Es gibt viele Alternativen, zum Beispiel stets wechselnde Pronomen, er_sie, sier, xier und das x. Wenn ich aber 0% „er“ in meiner nicht-binären_genderqueeren Identität ausmachen kann, fühlen sich viele von ihnen falsch an. Und das x?

Das x als Pronomen erscheint mir wie eine geklaute Regenjacke, die zuvor auf dem inneren Etikett namentlich gekennzeichnet war und dessen Etikett ich mit einer Schere abgeschnitten habe. Die Jacke gehört mir nicht und wer sie nicht an der vorher besitzenden Person gesehen hat, wird denken, ich hätte sie selbst gekauft. Das x als Platzhalter für Namen – was ein Pronomen nun mal auch ist, ein Platzhalter für Namen – hat eine ganz bestimmte Geschichte und es ist nicht meine Geschichte. Und es ist auch nicht die Geschichte von weißen Transpersonen aus der Akademie.

Wie einige von euch vielleicht bereits wissen, war eine der kolonialrassistischen Konsequenzen das Löschen kultureller Identitäten Schwarzer Personen in den USA. Das heißt konkret: Versklavte Personen und folgenden Generationen wurden die Nachnamen nach den Farmen, auf denen sie arbeiten mussten, benannt. Auch ihre Vornamen wurden ausgetauscht beziehungsweise weiß gewaschen. Sklavenhalter_innen tauschten also ihre ursprünglichen Namen um und legten neue fest, eine gerade entmenschlichende Handlung.

In den 1950ern entschloss sich der Schwarze Aktivist Malcom X (geboren als Malcom Little) dazu, als Zeichen des Widerstands gegen white supremacy und Spuren der Sklaverei seinen Nachnamen durch die unendliche Variabel X zu ersetzen. Die nicht nachvollziehbaren Wurzeln einer Person, unbeantwortete Fragen in der Biografie, weggenommene Identitäten – all das kann folgen, wenn einer Person einfach so ein neuer Nachname gegeben wird. Das X ist ein Widerstand gegen die weiße Strategie, ihre gewaltvolle Geschichte zu vertuschen und ihre Überlegenheit zu demonstrieren.

Das simple x als Pronomen hat mit Schwarzer Geschichte wenig zu tun. Sicherlich können Parallelen gezogen werden, wenn Transpersonen die falschen Pronomen auferlegt werden, wenn ihnen das falsche Geschlecht zugeschrieben wird, wenn ihnen Gewalt zugefügt hat. Das hier ist aber keine Oppression Olympia, sondern ein Aufzeigen von Ursprüngen von Widerständen – und ihren Aneignungen. (mehr …)


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Alle* Leben sind gleichwertig: Ein Notizzettel voller Gedanken

13. Februar 2015 von Hengameh

(*Die Leben von Personen of Color und Schwarzen Menschen ausgeschlossen.)

Es ist gerade mal zwei Monate her, da feierten der 23-jährige Zahnmedizinstudent Deah Shaddy Barakat und die 21-jährige Yusor Mohammad Abu-Salha, die dieses Jahr das gleiche wie ihr Mann studieren wollte, ihre Hochzeit. Vor 2 Tagen wurden sie in ihrem eigenen Zuhause von dem 46-jährigen, sich als Atheist bezeichnenden, weißen Craig Stephen Hicks erschossen. Auch Yusors Schwester Razan, 19 Jahre alt, wurde ermordet.

Wo bleiben die Solidaritätsbekundungen, Schlagzeilen und Kundgebungen, wenn die Opfer eines Attentats nicht weiß sind? Ist es, weil doch nicht alle Leben gleichwertig sind? Ist es, weil muslimische Tote nichts Bahnbrechendes für die Welt sind? Wo bleiben die Zuschreibungen von Terror, Fundamentalismus und Unterdrückung, wenn die Täter_innen nicht muslimisch sind? Ist es, weil ein weißer Typ einfach ein eigenartiger Einzelgänger sein kann, der seinen Scheiß nicht mehr unter Kontrolle hatte und ausrasten musste? Einfach so? Einfach aus Gründen?

Wo bleiben die Distanzierungen aller Atheist_innen oder gar weißer Personen, wenn eine Person „ihresgleichen“ unschuldigen Personen brutal das Leben nimmt? Ist es, weil es eine zu allgemeine Gruppe ist, die viele Nischen hat und nicht über einen Kamm geschert werden kann? Ist es, weil sie doch überhaupt nichts mit dieser Tat zu tun hatten, schließlich haben sie nichts gegen den Islam™, im Gegenteil, alle Religionen sind gleich und einen Türkeiurlaub haben sie auch schon mal gehabt, also come on, bisschen weit hergeholt dieser Vergleich, denkst du nicht?

Denkst du schon? Denkst du doch? Denkst du es ist systematisch? Denkst du nicht, es ist Zufall? Denkst du, sein Atheismus hatte überhaupt was mit dem Tatmotiv zu Tun? Ein Mensch ist doch schließlich mehr als sein Glaube. Ein Mensch ist viel vielschichtiger als eine Glaubenszugehörigkeit. Die Schichten eines Menschen sind viel mehr, als du glaubst. Das hat nichts mit einander zu tun. Vielleicht hat es auch einfach nur zufällig diese drei Personen muslimischen Glaubens getroffen. Bestimmt hätten es auch andere sein können. Bestimmt! Hundert Pro! Alle Leben sind gleichwertig, alle Leben sind gleich viel wert. #AllLivesMatter, nicht nur Schwarze! Oder weiße!

Aber wenn alle Leben gleichwertig sind, warum habe ich das Gefühl, dass es scheißegal ist, ob meine Schwestern, meine Brüder, meine nicht-binär identifizierten Glaubensgefährt_innen, meine Schwester, meine Mutter, ich, wir alle, dass es der Welt scheißegal ist, ob wir leben oder nicht, weil wir sowieso nur da sind, um den Sozialstaat abzuzocken (gibt ja auch voll viel zu holen, ne?), Terroranschläge zu planen und weißen Personen Angst zu machen – zum Beispiel, indem sie unsere Namen nicht aussprechen können oder indem sie stets die Islamisierung des Abendlandes hinterfragen müssen.

All ihre Angehörigen, Biografien, Chancen, Träume, Ängste, Leben mussten sie zurücklassen. Was bleibt ist eine gelinde gesagt unbefriedigende Berichterstattung und Perzeption der Tat. Was bleibt, sind die Anzeichen dafür, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der Rassismen wie anti-muslimischer und anti-Schwarzer Rassismus zur Normalität gehören, in der eben nicht alle Leben gleichwertig sind, in der alle negativen Zuschreibungen marginalisierten Gruppen angeklebt werden und Personen aus der Mehrheitsgesellschaft mit Gräueltaten einfach so davonkommen.

Die Familie und die Angehörigen der drei Opfer erstellten die Facebook-Seite Our Three Winners, auf der sie ihnen gedenken.

Wer bei #JeSuisCharlie und ähnlichen viralen Netzsolidaritätsbekundungen in erster Reihe dabei war, in diesem Fall aber keine Reaktionen in der Dimension von Profilbildwechsel, Hashtagbeteiligung und Demonstrationsbesuch übrig hat, sollte vielleicht mal über die eigenen Privilegien, Empathie und all die Kritik, die es an benanntem Hashtag gab, nachdenken. Vielleicht merkt er_sie, was hier falsch läuft. Vielleicht bin auch einfach nur ich im falschen Film.


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Berlinale 2015: Traut dem Hype, schaut euch „Dyke Hard“ an!

6. Februar 2015 von Hengameh
Dieser Text ist Teil 16 von 29 der Serie Die Feministische Videothek

Bitte Anderssons Musical-Film Dyke Hard wird dieses Jahr auf der Berlinale gezeigt. Hier findet ihr die Termine auf dem Festival-Spielplan und hier ist die Film-Homepage.

Die Lesben Peggy, Scotty, Bandito und Riff gehören in der Schule nicht gerade zur High Society, sondern sind sie eher – jede auf ihre eigene Art – klassische Außenseiter_innen. Es gibt eine Alternative zum Aushalten der Tyrannei ihrer Mitschüler_innen: Sie starten eine Rockband und ermächtigen sich als Gruppe lesbischer Freund_innen.
Kaum erobert ihre Band Dyke Hard die Charts, schon lässt der Erfolg wieder nach. Der bestimmerischen Frontperson Riff reicht es nicht, als One-Hit-Wonder zu gelten – und überhaupt findet sie ihre Band-Kolleg_innen ziemlich inkompetent. Wohl oder übel trennt sie sich von ihnen und beschließt, die Szene solo zu erobern.

Dyke Hard lassen sich von dieser Trennung nicht erschüttern, sondern sehen in ihr die Chance, endlich hierarchieflach zu arbeiten und ein angenehmes Klima innerhalb der Band zu schaffen. Ihren Neustart möchten sie auf dem bevorstehenden Bandcontest in der Großstadt feiern. Doch diesen Wettbewerb möchte auch Riff für die eigene Karriere nutzen. Mit Hilfe der geheimnisvollen Moira will sie ihre Konkurrenz ausschalten und ihren Ego-Trip weiterfahren. Der Weg in die Großstadt ist in vieler Hinsicht das Ziel: Dyke Hard lernen durch diese Umstände die charismatische Thai-Boxerin Dawn kennen, die für einen anderen Wettbewerb in dieselbe Richtung muss. Auf diesem gemeinsamen Road-Abendteur begegnen ihnen zahlreiche Kuriositäten, ein Geisterhaus, Cyborgs, Ninjas und letztlich auch ein fester Kitt für ihre Freund_innenschaft.

In Schwedens aktivistischer Tradition queerer Musicals dominiert zwar die Camp-Ästhetik den Film, doch auch Elemente aus den Bereichen Horror, Action, Sci-Fi und Rock’n’Roll-Kultur bereichern dieses Mosaik.  Viele Darsteller_innen sind szeneintern sehr bekannt, Lina Kurttila (stellt Riff dar) ist das Gesicht aus dem Youtube-Video „Top 60 Swedish Lesbian Ghetto names„, welches trotz rassistischer Problematik vom Titel bis zur Umsetzung eine sehr hohe Popularität hat. (Es ist sehr schade, ihre Videos könnten sehr witzig sein, wenn sie sich nicht dieses Ghetto-Entitlement geben würde.) Insgesamt gibt es in der Besetzung viele Persons of Color, Schwarze Personen und Trans*personen, unter den Hauptfiguren ist die dicke Person sogar die mit den meisten Flirts und Groupies. (Und es ist traurig, dass ich das als positive Seite hervorheben muss.)

Witzig, spannend, explizit, überspitzt kitschig_geschmacklos und *dykelicious* ist das Musical einmalig und im Kontext der ernsten, artsyfartsy Berlinale eine selbstironische Erfrischung.


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Adventszeit my ass

15. Dezember 2014 von Hengameh

Heng ist freie Autorin, bloggt auf Tea-Riffic und twittert unter @sassyheng. Zuletzt schrieb sie auf der Mädchenmannschaft über gruselige Halloween-Kostüme

Spätestens mit der ersten Herz-Brezel-Stern-Lebkuchenmischung des Jahres ist es schwer zu verdrängen: Die beschissenste Zeit des Winters geht los. (Ich sage bewusst nicht des Jahres, denn auch der Sommer kann richtig kacke sein.) Der ohnehin schon gruselige white-savior-Charity-Geist spukt härter als zuvor. Spende für Kinder hier, Benefizkonzert für Mädchen in Indien dort und überhaupt: Wissen Die Leute In Afrika™ eigentlich, dass Weihnachtszeit ist?!

Parallel rattert die Kapitalismusmaschine ordentlich vor sich hin. Läden sind überfüllter als sonst, außerdem ist die musikalische Untermalung besonders hässlich. Da es mein Hobby ist, durch Geschäfte zu flanieren, ist die erhöhte Anzahl an Menschen ein großes Problem für mich. (Menschenmassen stressen mich schnell. Glühweingeruch auch.)

Werbekataloge und -kampagnen erinnern daran, dass ALLE ihren Herzensmenschen zeigen sollten, welchen Stellenwert sie in ihrem Leben haben. Wenn schon nicht durch Schmuck, dann wenigstens durch ein Los für irgendwelche dubiosen Lotterien. Oder was Selbstgebasteltes. Yeah, DIY! Als ob alle, die kein Geld haben, automatisch Zeit und Zugang zu Material hätten, um sich easypeasy und SUPERgünstig edgy Geschenkideen auszudenken.

Oder Adventskalender. Schlimmer als Pärchenbilder sind auf Instagram nur die morgendlichen Dokumentationen der jeweiligen Türchen-Inhalte. Schön für dich, dass du viele Freund_innen hast, die sich die Zeit nehmen können, dir so etwas Aufmerksames zu basteln. Ich meine es nicht ironisch, wirklich. Das ist richtig cool und wenn ich ehrlich bin, hätte ich auch nichts gegen Geschenktüten in täglicher Ration, fast einen Monat lang. Es ist auch völlig okay, sich darüber zu freuen.

Was nicht okay ist, ist durch vermehrte mediale Inszenierung das Feiern von Weihnachten und das Besitzen schöner Adventskalender zu normalisieren. Das Prinzip kennen wir schon von Reproduktion von Heteronormativität durch Hetenperformance allerorts. Wenn ich überall sehe, dass dieses westliche, kapitalistische, klassistische Fest gefeiert wird, dann denke ich erst mal: Das muss so sein, dass machen alle™ und ich bin ganz schön komisch, wenn Christmas-Feels für mich Aversion und Apathie bedeuten.

Als Kind war ich sehr traurig, dass meine Familie kein Weihnachten gefeiert hat. Oder Ostern. Ich hab im Kindergarten meistens erst gemerkt, dass Ostern war, weil alle ihre Geschenke mitgebracht haben. Trotzdem hab ich an den Weihnachtsmann geglaubt und mir die mickrige Bescherung damit erklärt, dass ich faul und unartig war. Meine Eltern haben sich Mühe gegeben, dass ich trotzdem am 1. Weihnachtstag eine Kleinigkeit auf meiner Fensterbank stehen hatte, was ich total lieb finde. Ich kann heute auch sehr gut nachvollziehen, dass sie damals andere Sorgen hatten als Polly Pockets vor dem Ausverkauf zu retten. #SadButTrue

Mittlerweile bin ich eher traurig, dass meine Eltern die Erwartung haben, dass ich an den Feiertagen nach Hause komme und mit anderen Verwandten socialize. Weihnachten feiern wir trotzdem nicht, es ist eher eine muslimische Familienfeier, die von christlichen freien Tagen profitiert. Letztes Jahr war ich nicht dort und es ging mir damit extrem gut. Keine Geschenke für niemanden, keine überteuerten Reisetickets, nada.

Dieses Jahr „muss“ ich hin, denn die eine Tante und die eine Cousine bekomme ich sonst nie zu Gesicht. Aber beim Gedanken an die bevorstehenden Diät-Talks bekomme ich Nervositätsdurchfall. Will damit sagen: Die Feiertage in ihrer bloßen Existenz nerven mich trotzdem. Wegen Erwartungshaltungen, normalisierten Pflichten und immer wieder auftauchender Diskurse. Ich bin halt ein Grinch, white middle-class christmas-all-over people’s pain is my gain.

Insbesondere dann, dann betont wird, dass es an Weihachten gar nicht um Geschenke, sondern um das Versammeln der (Herkunfts-)Familie geht, beginnt die Dauermigräne. Denn: Breaking News, nicht alle Personen finden es geil, mindestens drei Tage am Stück mit Verwandten und Fleischbüffet in einer Wohnung_einem Haus festzusitzen, wenn auch noch die Läden zu haben und nur Scheiße im Fernsehen läuft, parallel aber auch das Internet von Geschenke- und Essensbildern überflutet ist. ES IST EINFACH NICHT SO GEIL.

In meinem unmittelbaren Umkreis wird Weihnachten zum Glück nicht so zelebriert. Es steht nicht einmal zur Debatte, ob sich irgendwer was bastelt oder schenkt. Obligatorische Herkunftsfamilienbesuche bleiben dennoch nicht erspart. Immerhin bin ich nicht mehr die einzige in meinem Umfeld, die mit dieser Jahreszeit in erster Linie über effektivere Überlebensstrategien nachdenkt. In diesem Zuge: Ganz viel Energie allen, die nicht Weihnachten feiern (können)!


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