Einträge von Hannah C.


der MitSprache-Kongress – wofür fand ich ihn gut?

23. November 2016 von Hannah C.
Dieser Text ist Teil 59 von 59 der Serie Meine Meinung

Und plötzlich war da wieder dieses “Wir” und ich mittendrin. Im MitSprache-Kongress des Betroffenenrates sexualisiert misshandelter Menschen, der vom 18.- 19. November in Berlin stattfand.

Ein “Wir” mit Bewusstsein um die eigene Vielfalt, die eigene Masse, die eigene Geschichte des Aktivismus, der Selbst- und Stellvertretung. Ein emotionales Wir, das Lösungen fordert, um Genugtuung zu erfahren. Um der eigenen Hände Arbeit an, über, mit diesem Thema endlich bald mal beendet zu sehen.
Ein sachliches Wir, das den Schritt von subjektivem, privatpersönlichem Leiden in die Kritik an bestehenden Strukturen, die Leiden mit_verursachen, versucht und zu schaffen glauben will.

Wenn ich jemandem erklären sollte, was denn der Betroffenenrat genau macht und ist, könnte ich nur teilen, was ich bisher verstanden habe. Nämlich,  dass er dem “unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs”(kurz UBSKM) beratend zur Seite steht.
Und, dass ich das gut finden soll, weil ich als früheres Opfer dieser Gewaltform, deshalb ja irgendwie eine Stimme in der Politik habe. Und das ja ist, was ich unter anderem immer so fordere.

Tatsächlich ist es so, dass ich die Mitglieder des Betroffenenrats und ihr nachwievor von zu wenigen beachtetes Engagement schätze. Gleichermaßen erlebe ich jedoch zu wenig kritisiert, dass sich für die politische Widmung des sogenannten „sexuellen Kindesmissbrauchs“ erneut eine Sonderstruktur entlang des politischen Alltagsgeschehen entwickelt hat.

Wie unabhängig kann der UBSKM sein, wenn er innerhalb von Strukturen bestimmt wird, die hierarchisch funktionieren und seine Amtszeit vorgeben? Und wie frei ist ein Betroffenenrat, dessen Auswahl ebenfalls aus einer hierarchischen Struktur hervorging und dessen Arbeit wiederum in einer Hierarchie passiert – oder eben auch nicht passiert?

Und was ist das eigentlich für eine Geschichte mit der Aufarbeitungskommission? Brauchte es diesen Zweig der Elendswirtschaft wirklich noch, um zu beweisen, dass Gewalt an Kindern wirklich das Ding ist, von dem schon so lange von so vielen, auf so viele Arten berichtet, wurde?

Viele konkret Betroffene sind froh darum, dass “endlich mal was da oben ankommt”, dass sich “endlich mal auch Betroffene für die Opfer einsetzen können”. Für viele, gerade ältere Betroffene, die in noch ganz anderen gesellschaftlichen Verhältnissen mit ihren Gewalterfahrungen und ihren Folgen umgehen mussten, ist es das große Schweigen brechen. Das Gefühl vor dem Ziel: “Jetzt können “die da oben” uns nicht mehr ignorieren! Jetzt müssen sie zuhören – jetzt muss kommen, was wir schon so lange fordern.”.

Die Frage, warum man sich denn an “die da oben” wendet, obwohl man doch schon so lange ignoriert wurde, ist eine, die ich mich zu stellen gar nicht erst traue. Um so eine Frage zu stellen, muss man enger im Held_innenfilz verwoben und vielleicht auch gleicher sein, als so gleich, wie ich nun einmal bin.

Mit meiner Kritik finde ich mich öffentlich entsprechend auch häufig allein und ich nehme das als gegeben hin.

Es ist einfach auch nicht leicht zu fordern, Kinderrechte mit Elternrechten gleichzustellen, wo sich Adultismus im Campaigning gegen sexualisierte Gewalt an Kindern, so bewährt.
Es ist eine komische Vorstellung, in jedem Menschen immer und überall jemanden zu sehen, di_er für sich und seine_ihre Handlungen mit und an anderen Menschen eine Verantwortung zu tragen hat. Und zwar ausnahmslos und nicht erst dann, wenn etwas passiert ist, wofür die Justiz einen Paragrafen hat.

Es ist schwer für ein für alle gleichermaßen gutes Miteinander zu aktivisten, ohne wiederum selbst hierarchisch  zu agieren.

Es ist so viel leichter, sich an “die da oben” zu wenden. “Die da oben”, die “uns” hätten schützen sollen und genauso versagt haben, wie alle, die “uns” damals ganz konkret hätten helfen können/sollen/hätten müssen.
Es ist leichter, weil es eine Wiederholung ist. Es ist leichter, weil der Fokus auf übergeordnete Instanzen einer ist, den diese unsere ach so freie liberale Demokratie braucht, um sich als Staatsgewalt zu legitimieren.

Ich sage nicht, dass es falsch ist, das zu tun. Ich sage auch nicht, dass es nichts bringt, das zu tun.
Aber ich sage, dass es nicht für die Opfer und zu Opfern gewordenen passiert, die den Schutz und die Genugtuung brauchen, den nur die Menschen und sozialen Strukturen im eigenen direkten Lebensumfeld bieten können.

Ein Staat kann nur die Strukturen bieten und konstruieren, die ein Staat bieten und konstruieren kann. Und diese Strukturen werden niemals so frei, so bedingungslos wirken können, wie es Menschen brauchen, denen etwas geschehen ist, das der Staat als Institution nicht verhindern konnte.

Ich sage nicht, dass bestimmte Gesetzes – und Versorgungsstrukturen zu etablieren so etwas wie Genugtuung verhindert oder Heilung verunmöglicht.
Aber ich sage, dass alle Strukturen am Ende von Menschen gemacht und vertreten werden. Von Menschen, die vor “denen da oben” buckeln und im Zweifel immer immer immer nach unten treten müssen/können/dürfen/sollen/wollen, sobald die eigene Position nicht (mehr) bedingungslos gesichert ist.

Und ich sage, dass Heilung vielleicht nicht ist, was ist, wenn es weniger oder nicht mehr weh tut, dass es überhaupt geschehen ist.

Weshalb besuche ich solche Kongresse dennoch immer wieder?
Weil ich nicht allein bin mit meiner Kritik und das immer wieder in den kleinen Seitenärmchen des Aktivismus finden kann. Weil ich immer wieder Menschen finde, die, eine Tasse Kongresskaffee in der Hand, mit mir darüber nachdenken, wie man für Gewalt sensibilisieren kann. Wie welches Miteinander zu etablieren sein könnte, um staatliches im Sinne von: institutionelles Handeln/Eingreifen/Versorgen unnötig zu machen.
Wie der Umgang mit Gewalt im eigenen sozialen Umfeld gewünscht ist und was es dafür braucht.

Weil ich um ein “Wir” spüren kann, das, wie ich, versucht wertschätzend und lernend zu hören, was Menschen tun, die es anders anpacken (wollen/können/sollen).
Dafür war es gut.

Dafür ist es immer gut, dass Menschen darum kämpfen, dass es so etwas wie diesen MitSprache-Kongress gibt.


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Am ersten Tag des Neubeginns

29. August 2016 von Hannah C.

Es waren die drei besten scheiße anstrengenden Tage seit Monaten für mich: Ausbildungsbeginn an einem Berufskolleg

Ja, ich habe einen Ausbildungsplatz. Ich.
Die mit dem Schwerbehindertenausweis, dem Assistenzhund und dem 9 Jahre großen Loch im Lebenslauf.
In den nächsten 3 Jahren, werde ich dieses Kolleg besuchen und am Ende einen Beruf erlernt haben. Als Abschiedsbonbon gibts ein Fachabitur dazu.
Was für ein geiles Privileg!

Vor gut drei Wochen feierte ich meinen dreißigsten Geburtstag. Meine Mitschüler_innen ihren sechzehnten, siebzehnten, achtzehnten.
Sie kommen von Real- und Gesamtschulen in der Umgebung, dürfen ganz frisch “feiern gehen”, haben buntbunte Gedanken und mit mir den ersten näheren Kontakt mit einer behinderten Person, die einen Assistenzhund mit sich führt.

Für mich ist diese Situation nicht neu – und doch ist sie so noch nie gewesen.
Ich kenne das, wenn Menschen meine Hündin und mich auf der Straße sehen. Kenne das unbeholfene Gewühle nach Worten, wenn man versucht mich zu fragen, “was ich denn habe”. Ich spüre die Veränderung im Gesprächsklima, wenn ich ohne meine Hündin an der Seite sage, dass ich eine behinderte Person bin.
Was ich nicht so gut kenne, ist Akzeptanz. Anerkennung. Zugeständnisse von zusätzlichen Schleifen, Kraftaufwendungen, Erklärungen und Nötigkeiten.
Den Raum, mir die maximale Barrierefreiheit zu ermöglichen.

Das erklärte Ziel der Lehrenden ist der erfolgreiche Abschluß für alle Schüler_innen gleich und das spüre ich im Kontakt mit meinen Lehrer_innen. Nicht als Retterpose. Nicht als political-correctness-Feigenblatt für ein eigentlich peinliches Einzelprojekt.
Auch das kenne ich ziemlich gut. Menschen, die vor allem für sich selbst “Gutes tun” und “mit gutem Beispiel vorangehen”, statt sich damit auseinanderzusetzen, was genau sie dort eigentlich tun und warum.

So bewegte ich mich nun also durch den Einschulungstag mit meinem Begleitermenschen neben mir und meiner Hündin an der Leine.
Und fühlte mich so wundergut beliebig.

Für viele Menschen ist der erste Schultag furchtbar, weil sie niemanden kennen. Ganz allein sind. Gar nichts wissen und sich nicht auskennen. Für mich ist das die Zeit, in der ich am meisten mit meinen neuen Mitschüler_innen gemeinsam habe. In der ich mit allem, was ich tue und habe, genauso fremd bin, wie die Personen um mich herum, die ihre Behinderungen vielleicht weniger sichtbar kompensieren können und auch wie die Personen, die keine dauerhaften Behinderungen kompensieren müssen.

Natürlich war ich “anders fremd” als alle anderen. Natürlich war ich “auffällig”. Aber es hat nicht weh getan und das ist, was mir das Gefühl gab, austauschbar in der Fremdheit zu sein.
Wäre ich nicht da gewesen, wäre da eine Person mit „mega vielen“ Pickeln “anders fremd” gewesen. Oder eine mit einer „verunglückten“ Frisur. Oder eine mit „komischer“ Stimme.

Am ersten Tag des Neubeginns sind alle Menschen gleich “anders fremd”.

Es tut mir gut, solche Momente im Leben zu haben und ich steige so tief in sie hinein, wie es geht.
Ich weiß, dass wir mit unterschiedlichen Er_Lebensweisen leben. Dass uns etwas trennt, was wir einander mitteilen, doch nie jeweils ganz erfassen können. Ich weiß, dass mir meine nicht dauerhaft behinderten Mitschüler_innen im Laufe der nächsten Wochen immer weiter weg erscheinen werden. Dass uns nicht viel verbindet. Dass meine Limits so sehr viele Dinge verunmöglichen, dass wir wenig Zeit und Raum außerhalb der Schule miteinander gestalten werden.
Ich weiß, was an sie herangetragen wird, wenn sie mich und meine Assistenzhündin irgendwo hin begleiten. Es gib so viel behindertenfeindliche Scheiße, der auch die Freunde, Helfer- und Begleiter_innen von sichtbar eine Behinderung kompensierenden Menschen, nicht entgehen können und der sich zu stellen nicht immer einfach ist.

Aber der Moment war da.
Und ich habe ihn genossen.

Und den anderen Moment auch.


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„Fonds sexueller Missbrauch“ – zwischen Facepalm und High Five

3. Juni 2016 von Hannah C.

“Schnelle unbürokratische Hilfen” sollte es für Menschen, die als Kinder in der eigenen Familie bzw. im familiären Umfeld von Täter_innen sexualisierte Gewalt erfahren haben, geben.
So war der Fonds “sexueller Missbrauch” (kurz: FSM) als Teil eines ergänzenden Hilfesystems entstanden. Als struktureller Lückenfüller zwischen Leistungen der Krankenkassen, Unfallversicherungen und jenen nach dem Opferentschädigungsgesetz (kurz: OEG) gedacht, sollte der Fonds all jene Betroffenen auffangen, die keinerlei oder zu wenig Hilfen zur Auf- und Verarbeitung ihrer Erfahrungen erhalten bzw. einfordern können.

Kurz – man konstruierte eine Sonderlösung, die toll klingt, gut gemeint ist und ganz sicher stellt, dass sich an grundlegend exkludierenden Strukturen genau nichts ändert.

Nun meldete sich der “unabhängige Beauftragte zu Fragen sexuellen Kindesmissbrauchs” Johannes-Wilhelm Rörig mit der Nachricht zu Wort, der Fonds, welcher mit 100 Millionen € geplant war, sei nach wie vor nur bis zur Hälfte eingezahlt und diese Hälfte sei nach bald mehreren tausend Anträgen und entsprechenden Auszahlungen in absehbarer Zeit ausgeschöpft.

Für Antragsstellende, die gerade erst einen Antrag gestellt haben und jene, die seit geraumer Zeit auf die Bearbeitung ihres Antrages warten, eine schwierige Botschaft – für den Diskurs hinter dem Fonds und über die von Täter_innen sexualisierte Gewalt an Kindern allgemein, der Auftakt zu einer weiteren Runde “how to not solve the real problems”.

“Die Länder sollen ihren Anteil zahlen” – fordert Rörig.
“Der Bund ist in der Pflicht” – antworten manche Länder. Andere Länder hingegen begründen ihre Zahlungsverweigerung damit, dass das OEG reformiert werden sollte, statt Sonderlösungen wie diesen Fonds zu etablieren und zu stabilisieren.

Viele konkret Betroffene bleiben in dem Hin und Her zwischen Facepalm und High Five zurück.
Das Opferentschädigungsgesetz ist in seiner Form nicht für die Mehrheit der Fälle von Gewalt in der Kindheit und ihren Folgen anwendbar. Die Mehrheit der passierenden Fälle von durch Täter_innen sexualisierte Kindesmisshandlung kommen weder je zur Strafanzeige, noch werden allgemein bzw. alleinverantwortlich kausal im Zusammenhang mit gesundheitlichen Problem anerkannt.
So werden Jahr für Jahr etliche Anträge auf Leistungen nach dem Opferentschädigungsgesetz aufgrund von Gewalterfahrungen in der Kindheit mit Begründungen abgelehnt, die Betroffene in der eigenen Aufarbeitung zurückwirft und in eine strukturelle Isolation zwingt.

Eine Reform des OEG ist, wenn man die Nummer mit der Sozialstaatlichkeit, der Menschlichkeit und der Gerechtigkeit politisch wie gesetzlich ernsthaft verankern möchte, absolut notwendig und also ein auch im Sinne der als Kinder zu Opfern von sexualisierter Gewalt gewordenen Menschen, erhobener Einwand gegen die Stützung des Fonds.

Betroffene von (sexualisierter, aber auch anderen Formen von) Gewalt in der Kindheit, stellen eine Personengruppe dar, für die weder die Gesetzgebung noch die Öffentlichkeit derzeit einen bewussten Blick hat.
Die Aufforderung des UBSKM an ebenjene Betroffene trotz aufgezeigter Geldknappheit weiterhin Anträge auf Leistungen aus dem “Fonds sexueller Missbrauch” zu stellen, “um politischen Druck zu erzeugen”, gibt ebenfalls Anlass zu der Annahme, man hielte die in den Anträgen formulierten Nöte und Bedarfe der ehemaligen Opfer für optional und damit guten Gewissens für moralpolitisches Hin-und-Her nutzbar.

Als die Bitten um Hilfen von Menschen, die zu Opfern wurden, an einen Staat, der es versäumt hat, sich um den Schutz und die Versorgung aller von ihm reglementierten Menschen zu kümmern, die sie darstellen, werden sie jedenfalls weder öffentlich erwähnt noch politisch gewichtet.


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es ist #nichtmeingesetz – und deins ganz sicher auch nicht

13. Mai 2016 von Hannah C.

Mit #nichtmeinGesetz grummelt ein Geist durch Deutschlands sozialaktivistische Szene.
Kaum war der Entwurf des neuen Teilhabegesetzes veröffentlicht, erhob sich der Protest und entwickelte sich langsam zu einer lauten Aktion. Einige sich selbstvertretende behinderte Menschen, ketteten sich im Zuge dessen symbolisch nahe der Grundgesetztafeln am Bundestag.

Aufsehen erregendes Agieren von behinderten Menschen – geil.

Der vorgestellte Gesetzesentwurf hat so viele Mängel und kurz gegriffene Lösungen, dass man getrost davon sprechen kann, dass sich unsere Bundesregierung nun jahrelang Zeit genommen hat, um behinderte Menschen auf noch komplizierteren Wegen als bisher, strukturell von sozialer und kultureller Teilhabe auszuschließen und sie mit Selbstbestimmung und ihrem eigenen Einkommen bezahlen zu lassen.

Eine Hand voll Mängel des Entwurfes wurden von den Menschen hinter dem Hashtag “Nicht mein Gesetz” bereits auf ihrer Webseite dargelegt.
Ausführlicher bezieht das deutsche Institut für Menschenrechte Stellung und schreibt: “An zahlreichen Punkten bleibt der Entwurf allerdings verhalten und hinter den Anforderungen zurück.”.

Was jetzt?
Der Entwurf wurde angenommen und soll noch in dieser Legislaturperiode umgesetzt werden.

Lauter Protest von nicht behinderten Menschen? – bisher doch reichlich verhalten.

Und das, obwohl die Lebensrealität behinderter Menschen, die Lebensrealität aller Menschen der Gesellschaft ist.
Die überwiegende Mehrheit aller behinderten Menschen ist nicht von Geburt an behindert. Ein Großteil bestehender Behinderungen liegen nicht in dem spezifischen Funktionieren von Körpern oder den spezifischen Fähigkeiten von Menschen begründet, sondern im direkten Lebensumfeld und den Strukturen, die diese produzieren.

Sich mit dem Thema “Leben mit Behinderung” und auch den Fragestellungen um die Möglichkeiten des Zugangs um soziale und kulturelle Teilhabe zu befassen ist manchmal schwierig. Gerade, wenn man selbst nie darüber nachdenken musste, ob und wie genau man selbst eigentlich Teilhabe genießen kann. Den wenigsten ist bewusst, was ihr Kinobesuch mit kultureller Teilhabe und ihre freie Wahl bezüglich der Wohnform, in der sie leben, mit Selbstbestimmung zu tun hat. Den wenigsten ist klar, wie tief die Privatwirtschaft in die Gestaltung des Lebensumfeldes aller Menschen hineingreift, ohne gleichermaßen umfassend die Verantwortung für die Partizipationsoptionen aller Menschen gleich übernehmen zu müssen.

Macht es euch bewusst. Macht euch bewusst, wie es wäre, würdet ihr morgen von einem Laster erwischt, von einem Laser geblendet, mit einer Hand in eine Maschine gerutscht oder mit einer chronischen Krankheit diagnostiziert, die euch für den Rest eures langen Lebens diverse Unterstützungen und Hilfen brauchen lässt, um es zu leben, wie ihr es euch für euch selbst wünscht.

Das Leben mit, trotz und ohne Behinderungen wird weder gewählt, noch erarbeitet oder sich verdient – es wird gelebt und zwar von allen Menschen gleich!

Unterstützt behinderte Menschen und ihren Protest gegen die Umsetzung des vorliegenden Gesetzesentwurfes.
Es geht um mehr als den Wunsch arbeitender Menschen mit Behinderungen ihr Einkommen für sich zu behalten.

Es geht um Menschenrechte.
Für die sind alle Menschen mitverantwortlich.


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vom Luxus über #armeLeuteessen zu fantasieren

7. März 2016 von Hannah C.
Dieser Text ist Teil 58 von 59 der Serie Meine Meinung

Selbstversuche und Sozialexperimente – es gibt wenig mehr, das als Missachtung wie eine Ohrfeige auf konkret betroffene Menschen wirken kann.

Da ist das “einen Tag im Rollstuhl”-Experiment, von Menschen, die keinen Rollstuhl benötigen, um sich selbstbestimmt von A nach B zu bewegen, genauso unangebracht, wie der “eine Woche obdachlos”-Selbsterfahrungstrip von Menschen, die ein Obdach haben.
Es ist unangebracht, weil die sinnhaftere Variante ein “Ich höre den konkret betroffenen Menschen zu, die mir etwas über ihre Lebensrealität erzählen”-Experiment wäre, das bis heute noch viel zu wenig Medienmachende wagen.

Aktuell gibt einen Selbstversuch im Magazin “Biorama” für nachhaltigen Lebensstil.
Nachhaltig befeuert werden in diesem Selbstversuch vor allem Stereotype und Vorurteile. Schlagwortartige Phrasen werden recycled, um konkret Betroffenen die eigenen Argumente und Er_Lebensrealitäten abzusprechen und umzudeuten. Man will nicht glauben, dass Armut mehr sein könnte, als eine Frage des Geldes, des Bildungshintergrundes oder der allgemeinen kognitiv geprägten Entscheidungsfindung. Darum setzt sich nun also ein Mensch hin, gibt sich ein Budget für seine Mahlzeiten und hält das für den richtigen Weg sich Fragen nach Luxus zu stellen.

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do it yourself – just for fun?

4. März 2016 von Hannah C.

Vor Kurzem lernte ich an der Nähmaschine zu nähen und wie immer, wenn sich neue Handlungsoptionen ergeben, kam es mir vor wie der Übertritt in eine neue Welt.
Kleidung, die wirklich passt nähen! Stoffdinge nähen, die mir gut tun! Stofftiere nähen, die andere Menschen erfreuen! Yeay!

Und dann kam, was kommen musste: die Kostenfrage
Nicht nur “die Geldfrage” – an Material kommt man immer irgendwie und auch an verschiedenes Spezialwissen.
Wenn man einen Internetanschluss hat.
Und den bezahlen kann.

Für mich gab es im Stoffladen einen Moment, in dem ich mich fragte: “Okay – ist es das jetzt wirklich wert?”, nachdem ich als Frau kategorisiert und mit einer Kinderwunschunterstellung konfrontiert wurde. Dann gab es das Moment, nachdem ich frustriert und den Tränen nah vor meinem Projekt saß und merkte, wie viel Arbeit, Zeit, Kraft es bis zu seiner Fertigstellung von mir abverlangen wird. Und dann gab es das Moment, in dem mir sehr bewusst wurde, dass ich mir gerade etwas selbst mache, was an anderer Stelle als therapeutisches Hilfsmittel gilt und entsprechend teuer auch verkauft wird. Weshalb ich es mir ja selbst machen wollte. Weil ich kann mir ja selbst helfen. Ich bin ja superautonom selbstbestimmt Powermenschwesen Rosenblatt.

“Do it yourself” ist seit Jahren ein Schlagwort für Eigeninitiative, kreatives und eigenverantwortliches Selbermachen.
Geht es in Sachen „Heimwerk(en)“ nachwievor überwiegend darum (cis) Männern ihre Erfolgserlebnisse bei der Materialverarbeitung im Zuge von Badezimmersanierung und Garagendämmung zu verkaufen, geht es in Sachen „Handarbeit“ nachwievor überwiegend darum (cis) Frauen Spaß und Freude bei der Materialverarbeitung für eher gestaltend-dekorierend bis praktisch-schönem Allerlei anzudrehen.

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zu „Suffragettes – Taten statt Worte“

11. Februar 2016 von Hannah C.
Dieser Text ist Teil 25 von 26 der Serie Die Feministische Videothek

Glücklicherweise kenne ich Menschen, die mit mir in “so einen Film” gehen. Feminist_innen. Menschenrechtler_innen. Gemochte.
Wir treffen uns, die Taschen voller Süßigkeiten und neugierig auf den Film “Suffragettes – Taten statt Worte”. Am Nebentisch sitzen drei andere Menschen, vielleicht auch Feminist_innen. Menschenrechtler_innen. Einander mögende. Nur 20 bis 30 Jahre älter. Mit einem Weinglas vor sich.

Wir wissen, dass wir uns auf eine weiße Geschichtserzählung einlassen, wagen aber die Hoffnung, den Rassismus der Zeit auf der Leinwand abgebildet zu finden. Wir, ich, als eine von drei Einsmenschen im Bunde, bilde mir ein, viel über die Suffragettenbewegung zu wissen. Weil ich weiß, dass es weiße privilegierte Frauen waren, die dort, damals vor mehr als hundert Jahren für ein Frauenwahlrecht auf die Straßen gingen. Weil ich in den letzten zweieinhalb Jahren viel über feministische Geschichte gelernt habe und noch immer lerne.
Ich bilde mir Offenheit ein, bilde mir ein zu merken, wo mein Horizont endet und wo ich mich hinbewegen muss, wenn ich mehr sehen möchte.

Am Ende sitze ich in diesem Film und merke: einen Scheiß weiß ich.
Es wird keine Geschichte von einer gelangweilten unglücklichen Frau* erzählt, die eingesperrt im goldenen Käfig nicht im Kopf aushält, was um sie herum passiert und nach und nach auf die Idee kommt: “Och – Wahlrecht wäre nett. Gib mal!”, sondern die Geschichte einer Wäscherin, die sich nach und nach den bereits aktiven Suffragetten in ihrer Stadt anschließt und darüber Ehemann und Kind verliert. Die Geschichte von verschiedenen Frauen, die ins Gefängnis kommen, weil sie Briefkästen sprengten und Telegrafenleitungen kappten. Wo sie hungerstreikten. Zwangsernährt wurden. Nicht als politische Gefangene anerkannt wurden. Bei der Entlassung mit Blumen von der “Women’s Social and Political Union” empfangen wurden.

Der Kinofilm spielt 50 Jahre nach Beginn der eigentlichen Bewegung, die 1867 mit der  Gründung der “National Union of Women’s Suffrage” durch Millicent Fawcett verortet wird. Ich fand aber auch noch andere Anfänge. Ob das alle sind oder ob es nur diese Geschichte ist, die es bis heute geschafft hat sich zu halten, weiß ich nicht und finde das schade. Einfach, weil ich es in den letzten 2 Jahren an jedem neuen Hashtag, jedem neuen Diskursherd erlebe, wie Geschichten sozialer Bewegungen geschrieben werden.

Der Film beginnt mit Einstellungen harter körperlicher Arbeit. Schaltet dann aber doch zügig zu den ersten eingeschlagenen Fenstern. Da steht eine Frau, holt faustgroße Steine aus ihrem Kinderwagen, wirft diese in ein Schaufenster und ruft: “Wahlrecht für Frauen!” und die Hölle bricht los.
Es gibt einen Tumult und das ist die erste Begegnung.
Das sind also diese Suffragetten. Steineschmeißerinnen mit Ausruf. Aha.

Während die Geschichte weiterplätschert und nach und nach mehr Charaktere einfädelt, merke ich, dass ich mich frage, was genau mich gerade an der Gewalt, die ich dort vor mir sehe, eigentlich nun so verwirrt.
Wir sehen wie die Frauen, denen durch Arbeiter_innenbefragungen des Parlamentes Hoffnungen auf ein Wahlrecht gemacht wurden, erneut enttäuscht werden – nach Jahrzehnten friedlicher Auseinandersetzung mit logischen Argumenten um die Herren der Schöpfung erst recht davon zu überzeugen, dass es sich bei Frauen erstens um Menschen handelt, die, zweitens, so eine verantwortungsvolle Sache, wie eine politische Wahl, verantwortungsbewusst und vernünftig ausführen können.
Sie sind wütend. Und werden deshalb von Polizisten niedergeschlagen und verhaftet.
Sie sind einfach nur wütend und enttäuscht und werden deshalb verprügelt und verhaftet – hallo? (mehr …)


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das Problem an „Sei doch lauter“

28. Januar 2016 von Hannah C.
Dieser Text ist Teil 1 von 59 der Serie Meine Meinung

Immer wieder mal wird das an mich herangetragen. “Sei doch lauter”, während es eigentlich darum geht auszudrücken, dass man sich mehr von mir wünscht. Mehr (von dieser Person als so wahrnehmbar) Aktivismus. Mehr Aktion. Mehr Bäng. Mehr Pow. Mehr KRWÄÄÄÄM. With the Faust in the Gesicht of Patriarchy, Racism und überhaupt aller Kackscheiße.
Ich lese solche Ansprüche und halte mir dabei die Ohren zu. Weil diese Ansprüche für mich laut sind. Sie stehen vor mir und brüllen mich an. Schreien mich nieder und machen die Begegnung zum Schlachtfeld.

Es ist mir gegenüber ein ableistischer bis schlicht ignoranter Anspruch. Obwohl – ich mag es nicht so individualisieren – vielleicht gibt es noch mehr Menschen, die einfach nicht als laut wahrgenommen werden, obwohl sie sich selbst als sehr laut und aktiv(istisch) erleben und merken, dass es ihnen viel Kraft und viele Verluste bedeutet, überhaupt von anderen Personen ganz allgemein bemerkt zu werden. Und sei es als leises Stimmchen ohne Bäng ohne Pow ohne KRWÄÄÄM.

Ich verstehe, dass bestimmte Bemühungen mehr erfordern als Twitternachrichten zu formulieren oder Blogposts zu schreiben. Anastasia Umrik beschreibt das in ihrem letzten Blogpost und kaum eine andere Schrift, die sich mit “dem Feminismus ™” in “diesem Internet” befasst, kommt ohne diese Spitze aus.
“Nänänä n Tweet schreiben kann ja jede_r – (aber mich zu überzeugen (“die Massen ™” bewegen), DAS ist doch das, worum es geht = gehen muss … ODER?”)”

Ganz ehrlich? Nein.
Kann eben nicht jede_r. Kann sich eben nicht jede_r erlauben. Kann eben nicht jede_r schaffen.

Ich erlebe es auch nicht so, dass laut sein alles ist. Ich erlebe es auch nicht (mehr) so, dass es aktivistischer oder auch selbstvertretender Anspruch sein muss, möglichst viele Menschen für oder gegen etwas zu mobilisieren. Für mich ist das zwar ein tolles Gefühl zu mehreren in einem Thema vereint zu sein – ich weiß aber auch, warum es sich so toll anfühlt.
Weil man sich überlegen oder mindestens weniger schwach fühlen kann. Heimlich. Ein bisschen für sich allein.

Für mich persönlich ist genau das aber nicht, wie ich Menschen begegnen will. Ich will mich niemandem gegenüber unter- oder überlegen fühlen. Ganz generell nicht. Weil ich das als ganz großen Anteil der ganz alltäglich passierenden Gewalten erlebe zum Einen und zum Anderen, weil ich weder Kraftreserven noch Fähigkeiten habe, solche Dynamiken lange durchzuhalten.

Ich mag es nicht, wie es gelesen wird, wenn ich schreibe: “Mein Leben ist schon schwer genug” – aber mehr kann ich nicht anführen, wenn ich begründen will, warum es nicht mein oberstes Ziel ist, für alle und immer gleich “laut” oder “aktiv(istisch)” vernehmbar zu sein.
Hier ne Demo, da ne Veranstaltung – hier ein Scharmützel bei Twitter, da eine Kommentarschlacht und im Backend noch schnell die Schultern der Verbündeten klopfen und während all dem nicht vergessen, wer mit wem wann mal welchen Streit warum hatte und welche Positionen von wem warum gar nicht gehen und überhaupt gar keine Beachtung mehr ever verdienen … – sorry kann ich nicht. Will ich nicht. Ist nicht, was ich mir wünsche für später, wenn …

Ich alleine atme mit jedem Tweet durch. Beruhige mich nach jedem Blogpost. Für mich ist jedes Rausgehen und vor Menschen sprechen ein BÄNGPOWKRWÄÄÄÄNMEGADING – auch dann, wenn “die Massen ™” es für etwas halten, dass angeblich jede_r (und natürlich auch besser, lauter, krawalliger) kann und deshalb als beliebig und wenig relevant, wahrnehmen.

Am Ende spreche ich hier nicht nur von Wertschätzung dessen, was andere Menschen zu einem Thema beitragen, sondern auch davon, dass Aktivismus letztlich vor allem Aktivität meint, die für sich als Spektrum anerkannt werden muss.

Auch ein leiser Widerspruch ist ein Widerspruch.


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zu Gewalt legitimierender Gewalt

5. Januar 2016 von Hannah C.

Meine aktivistische Timeline bemüht sich gerade darum aufzuzeigen, wie rassistisch derzeit über die Gewalt in der Silvesternacht in Köln berichtet wird.
Dort wurden Vergewaltigungen, Belästigungen und Diebstähle angezeigt. Gesprochen wird von Gruppengewalt und von vielen unbestätigten Personenzahlangaben.
NRWs Innenminister Ralf Jäger wird zitiert:  “Wir nehmen es nicht hin, dass sich nordafrikanische Männergruppen organisieren, um wehrlose Frauen mit dreisten sexuellen Attacken zu erniedrigen”.
Und das Rassismus – rape culture – Bingo ist voll, wie die Schnauzen der “Frauen gegen Gewalt e.V.”, die sich nun versammeln um sich „zu wehren“.

Vielleicht liegt es an rosenblattschen Sprachknall – aber ich habe gelernt “sich zu wehren” passiere erst, wenn man angegriffen wird. Agiert man gegen Personen oder Umstände außerhalb eines konkreten Bedrohungsmoments, so handelt es sich weniger um Abwehr zum Zwecke des Selbstschutzes, als um Verstärkung bzw. Etablierung bestehender Abwehrmechanismen. Das kann dann auch mal bedeuten, dass es um Rassismus, rassistische Ressentiments, cissexistische Täter-Opferspaltung und diverse viele (alle) andere mögliche *ismen geht.
Nur halt leider nicht darum, ein gutes und respektvolles Miteinander zu suchen und zu etablieren.

Und eigentlich könnte dieses schon an der Stelle beginnen, wie es kommt, dass es bei Großveranstaltungen, wie einer Silvesterfeier, die durch die Kombination von Menschenmasse, Alkohol und freien Zugang zu Sprengstoffen grundsätzlich hochgefährlich ist, ein ganzes Aufgebot von Polizist_innen und Sondereinheiten bereitsteht – dieses jedoch nicht in der Lage ist, Straftaten jeder Art auch tatsächlich zu verhindern bzw. Täter_innen noch vor Ort auch zu stellen und in Gewahrsam zu nehmen.
Die gleiche Frage stellt sich in Bayern zu jedem Oktoberfest und vermutlich steht diese Frage zu jeder größeren Veranstaltung gleichsam im Raum.

Aber nein – diesmal gibt es die rassistische Nische, die dann auch von Kristina Schröder genutzt wird, um von “gewaltlegitimierender Männlichkeitsnorm muslimischer Kultur” zu sprechen, statt davon, wie der Umgang mit Gewalt, ihren Opfern und denen, die sie ausüben, generell so ist.
Es wird “der muslimische Mann” in den Fokus gerückt und wieder einmal ist “der deutsche Ehemann und Vater”, der vielleicht nicht einmal tatsächlich auch ein Mann sondern ein Nongender, Agender, ein was auch immer ist, aus dem Kreis möglicherweise problematisch gewaltlegitimierend sozialisierter Personen gestrichen.
Und wieder einmal sind es weiße deutsche Frauen, die als Schutzobjekt herhalten müssen. Wieder geht es nicht um geflüchtete Frauen, behinderte Frauen, Frauen, die nicht als weiß und deutsch kategorisiert werden, die zu Frauen erklärten Personen, die Transfrauen und und und, die, alle jeden Tag, mit Gewalt konfrontiert sind, die manchmal mit, manchmal ohne physische Spuren bleibt.

Die derzeitige Debatte lockt antifeministisch bis pseudomaskulinistisches Pack an, das sich von rechtspopulistischen Figuren wie Birgit –rape culture seems legit – Kelle nur bestätigt fühlen kann und viele Twitteraktivist_innen erleben gerade einen Aufschrei-Flashback. Es ist wie die tausendste Runde Kackscheiße, die weh tut, die verletzt, die zermürbt und letztlich – trotz Grimme online Award und so vielem gutem mehr, das aus dem Hashtag hervor ging – wenig Konkretes in den Köpfen derer, die Verantwortung übernehmen müssten und auch können! stehen ließ.

Ich würde gerne die Silvesterstatistiken der letzten Jahre sehen. Würde gerne überprüfen, ob es sich um ein echtes “mehr Gewalt” handelt, oder um einen Grund “über eine personelle Verstärkung der Polizei sowie eine temporäre Videoüberwachung” zu diskutieren.
Ich möchte eine Auseinandersetzung damit, dass Gewalt – insbesondere sexualisierte Gewalt an Frauen und als “Frauen” (trotz anderer Geschlechtsidentität) benannter Personen – mehr und mehr zu einem gewaltlegitimierendem Grund für Rassismus und andere Formen von Diskriminierung und damit: Gewalt wird, statt zum Anlass sich ganz konkret mit Aufklärungs-, Präventions- , Schutz- und Hilfemaßnahmen für alle Personen gleich auseinander zu setzen.

Hier ein paar Missstände, an denen man sich gleichermaßen abarbeiten kann
– es gibt zu wenig Schutz- und Beratungsstellen für Menschen, die Gewalt erfahren (haben)
– es gibt zu wenig Therapieplätze für Personen, die Gewalt erfuhren und Verarbeitungsprobleme haben
– es gibt zu wenig kultursensible Beratungs- und Hilfsangebote
– es gibt zu wenig gendersensible Hilfs- und Beratungsangebote
– es gibt zu wenig gute und sichere Unterkünfte für geflüchtete Personen
– es gibt eine erbärmliche Rechtslage in Sachen sexualisierter Gewalt
– es gibt erbärmliche Rechtsgrundlagen in Bezug auf alles, was zwischenmenschliche (im Sinne von sozialer) Gewalt angeht
– es gibt zu wenig Menschen, die begreifen, was Rassismus, Sexismus – allgemein Diskriminierung und Gewalt überhaupt ist
– es gibt zu wenig Orte, an denen respektvolles Miteinander für alle gleichermaßen einzuüben ist
– es gibt zu wenig Menschen, die begreifen, dass sie gemeint sind, wenn es um Aufrufe zum angenehmen und inklusivem Miteinander geht

Es gibt so verdammt viel mehr zu tun, als ausgerechnet jetzt seinen Rassismus auf Kosten von Personen, die zu Opfern wurden, zu legitimieren!


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mein mutiges Inklusionsprojekt

10. Dezember 2015 von Hannah C.

Eine meiner letzten Vortragsfolien hatte den Titel “ewige_r Abweichler_in oder Erklärbär_in?” und während ich mich auf den Vortrag vorbereitete, dachte ich darüber nach wie traurig es ist, dass mir tatsächlich keine dritte Option eingefallen war. Weil die dritte Option an der Stelle “der normale Mensch” gewesen wäre und das eine kackscheißige Option gewesen wäre. Normativ. Anti-inklusiv.
N_orrrrrr_male Ausweichmöglichkeit derer, die glauben möchten, man könne seine Behinderung ab und anschalten, je nachdem was man tut oder nicht tut oder wie sichtbar man damit umgeht. Ein Leben mit Behinderungen hängt aber nicht davon ab, wie man sich entscheidet oder welche Einstellung man selbst hat – es hängt davon ab, welche grundlegenden Einstellungen das Umfeld gegenüber Menschen mit Behinderungen/Behinderten und dem Miteinander allgemein hat.

Grundlegende Einstellungen sind übrigens etwas anderes als Vorurteile.
Während Vorurteile in der Regel sehr bis extrem starre, irrationale und negative Einstellungen sind, die sich jedweder Beeinflussung widersetzen, handelt es sich bei grundlegenden Einstellungen um einen Rahmen aus positiven und negativen Bewertungen, gefühlsgebundenen Haltungen und Handlungsoptionen in Bezug auf soziale Objekte.

Heißt: die meisten Menschen haben eher eine schwierige Einstellung gegenüber Menschen mit Behinderungen/Behinderten und brauchen mehr oder weniger viel Kontakt und Auseinandersetzung mit dem Thema, wenn es darum geht ein respektvolles Miteinander entstehen zu lassen.
Aber was bedeutet das konkret?

Ich merke oft, dass Menschen meine Behinderungen woanders verorten als ich selbst und, dass es häufig dieser Umstand ist, der mich vor der Wahl “Abweichler_in” oder “Erklärbär_in” stehen lässt.
Ich bin eine durch organisierte Gewalt komplex traumatisierte Autistin*, die auf Hartz 4 lebt, einer religiösen Minderheit angehört, als weiblich kategorisiert wurde und Krampfanfälle hat.
Für mich sind das alle meine Behinderungen. Viele Menschen in meiner Umgebung denken aber, dass es die Krampfanfälle – vielleicht noch die Traumafolgen und der Autismus – sind, die mich behindern.

Es gibt verschiedene Modelle zur Definition von Behinderungen. Manche gehen davon aus, dass die Behinderung immer in einer Eigenschaft der Person verankert sein muss. Weil die Person irgendetwas “nicht kann” und so der Schluß ist: “Ja klar behindert Nichtkönnen beim Leben.”.
Dann gibt es das Modell, das sagt, dass die Behinderung in den Bedingungen der Umwelt verankert ist, nach der eine Person auch Dinge nicht “können” müssen bräuchte, um am gesellschaftlichen Leben zu partizipieren. Dort entsteht der Schluß: “Eine Rampe muss her, damit Rollstuhlnutzende nicht draußen warten müssen.” oder auch “Wir starten jetzt ein mutiges Inklusionsprojekt und bauen alle Vorurteile ab – dann wird das alles schon.”.

Eine soziologische Definition (Cloerkes 1988,87) sagt unter anderem aber: “Ein Mensch ist “behindert”, wenn erstens eine unerwünschte Abweichung von wie auch immer definierten Erwartungen vorliegt und wenn zweitens deshalb die soziale Reaktion auf ihn negativ ist.”.
Na? Kommt irgendwie vertraut vor, oder?

Erwartungen speisen sich aus verschiedenen Aspekten menschlichen Lebens und bilden die Haltung mit der Menschen letztlich auch aufeinander treffen.

Ich habe vor ein paar Tagen beschlossen meine Erwarten gegenüber Menschen, die sich als nicht behindert erleben, zu verändern. Mein mutiges Inklusionsprojekt ist, mich mehr und mehr an Menschen anzunähern und mit ihnen zu sein.
Ich frage mich, ob es für mich irgendwann mal üblich und unspektaktulär sein kann mit anderen Menschen zusammen zu sein und sie weder als Abweichler_innen meiner inneren Normen und Wahrnehmungen, noch als Erklärbär_innen einer mir so fremden Welt zu erleben.


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