Einträge von Sharon


Vom Trauern und Liebe(n)

19. November 2015 von Sharon

Ich liebe eine Frau, eine Schwester, die nicht mehr am Leben ist.
Sie ist plötzlich und unerwarteterweise im Sommer 2014 verstorben. Es ist immer noch unglaublich. Das ist die Art von Frau; würdest du sie kennen, könntest du es dir auch nicht vorstellen, dass sie nicht mehr lebend unter uns ist.

Ich liebe sie noch, denn die Vorstellung, dass ich diesen Satz im Präteritum formulieren soll, kommt mir immer noch nicht über die Fingerspitzen. Mein Alltag verkrafte ich nur, weil ich ihr Schweigen mir so zurechtgebastelt habe: Sie ist noch da, sie hat nur schon wieder ihre Handy (wie eine andere sehr enge Freundin von ihr das nennt) „zwangsverschenkt“.

Sehr sehr oft seit letztem Sommer hätte ich gern ihren Rat gehabt, ihre tatkräftige Unterstützung oder einfach zusammen mit ihr gelacht. Sie fehlt mir wirklich sehr. Ich glaube, sie hätte mir einiges an Schmerz sparen können. Ich glaube, sie versteht mich wirklich sehr gut – besser eventuell, als ich mich selber besser verstehe.

Nun sehe ich mich mit dem Thema Tod noch einmal konfrontiert. Ja. Wegen der Anschläge. Ja, die in Paris. Ja, ich weiß…

Ich habe alle schlauen Artikel zum Thema gelesen (oder vielleicht nur die meisten). Ich habe selbst kritische Gedanken meinem Sohn gegenüber formuliert, weil er einen französische-Fahne-Filter über sein Profilbild veröffentlicht hat. Die Argumente dagegen leuchten mir wirklich alle ein. Dennoch: ich habe Angst. Er hat Angst. Und wir wissen beide wie es ist, eine Person zu verlieren, die wir lieben. Eine Person, die gegangen ist, ohne dass wir uns von ihr verabschieden konnten.

„Es gibt Leute, die sowas blöd finden. Ich erzähle dir das, weil du sonst immer so kritisch bist,“ sagte ich ihm, als wir zwei Tagen nach den Anschlägen wegen seines Profilbilds telefoniert haben.
„Jetzt ist nicht die Zeit kritisch zu sein, mum“ sagte er. Wir telefonieren weiter. Seine Freunde treffen sich sehr oft. Feiern Parties. Sind ständig unterwegs. Haben neulich einen aus ihrem Freundeskreis in noch ungeklärten Umständen verloren. Sie haben alle Angst. Ein Bombenangriff könnte natürlich auch in Berlin passieren. Sie könnten die nächsten sein. Er will sich solidarisch zeigen. Es geht gerade nicht um Politik und Hashtags, sondern um Trauer und Liebe.

Ja, und ich habe auch Angst. Ständig.

Denn, jedes Mal wenn ich mich von meinen Kindern verabschiede, könnte es das letzte Mal gewesen sein. Und es geht mir nicht erst seit Freitag so. Paris ist aber besonders. Eigentlich nicht, weil Paris näher dran ist. Und nicht, weil es sich um weiße, westliche Opfern geht (was natürlich sowieso nicht ausschließlich der Fall ist), sondern weil die Ereignisse in Paris, die Verhältnisse für uns Schwarze Menschen und People of Color in Deutschland – wieder mal – sehr deutlich machen.

Syrien wird augenblicklich zerbombt. Diese Tatsache ist anscheinend so selbstverständlich, es gibt nicht mal in unseren Medien eine Debatte darüber. Nicht-Christliche Menschen auf der Flucht lassen sich wohl am besten taufen. Menschen, die Hijabs tragen, sollten besser auf U-Bahn Gleisen mit dem Rücken zur Wand stehen. Schwarze Menschen und People of Color – besonders die, die Muslim_innen sind, oder als solche durchgehen könnten, sind gerade in der Klemme, wie ich das sehe. Auf der einen Seite könnten sie genau so Opfer von irgendwelche Terroristen-Attacken in Größstädten werden, wie weiße Menschen auch (so viel ich weiß, gab es letzten Freitag wirklich keine WhatsApp Nachricht von ISIS an in Paris lebende Muslim_innen, die deutlich gemacht hat, sie sollten lieber zu Hause bleiben) und auf der anderen Seite werden wir von AfD- und PEGIDA-Sympantisanten u.a. noch bedrohlicher gemacht, als wir es ohnehin schon vorher gemacht wurden.

Darum denke ich im Stillen darüber nach, was könnte helfen?

Was braucht es, damit Menschen, die aus Syrien flüchten, nicht erst einmal beweisen müssen, dass sie keine Terrorist_innen sind, bevor wir, die in relativer Sicherheit leben, sie mit Empathie und Solidarität begegnen?

Was braucht es, damit Menschen, die schon seit Jahren hier in Lagern leben, oder gegen Residenzpflicht und Abschiebungen kämpfen, auch ein wenig von unserer #Willkommenskultur-Aufmerksamkeit geschenkt bekommen?

Was braucht es, damit ich nicht einfach weghöre, wenn ich antimuslimische Aussagen oder Beleidigungen mitkriege?

Was braucht es, damit wir alle gegenseitig weniger Angst voreinander haben, aber vor allem: weniger Angst vor unserer eigenen Verletzlichkeit, ja unserer eigenen Sterblichkeit, haben?

Ich schließe die Augen und denke an meine Freundin.

Es ist fast einundhalb Jahre her, seitdem ich nur noch mit ihr in Träumen kommuniziere.  Der Schmerz ist noch genauso groß. Ich gehe stark davon aus, dass alle – egal in welcher Stadt sie wohnen – alle, denen eine solche Person fehlen, auch erstmal mit Schmerz beschäftigt sind. Ich weiß, was dieser Schmerz mit mir gemacht hat.

In diesen letzten Monaten hatte ich selbst sehr mit Wut zu tun. Ich bin unsensibel gewesen. Ich habe selbst anderen für mich wichtigen Menschen unrecht getan und weh getan. Und das mehrmals. Es ist schmerzhaft diese Seite von mir zu sehen, zu erkennen und zu akzeptieren. Aber es ist enorm wichtig. Ich weiß, warum ich (gerade) so bin wie ich bin. Und ich weiß, dass es Zeit braucht, damit ich wieder so etwas wie eine Balance finde. Ich schätze es sehr, dass mir diese Zeit geschenkt wird. Ich weiß, dass ich geliebt werde.

Allmählich wird es ein wenig ruhiger um mich herum und in meinem Körper. Ich stelle Verbindungen zu den Ereignissen und den widersprüchlichen Emotionen her. Sie gehören ja alle dazu. Sie sind alle ich.

Ich habe noch immer keine klare Antworten auf meine vielen Fragen. Aber im Ansatz schlage ich vorsichtig vor…vielleicht müssen wir einfach erstmal still sein. Und vielleicht brauchen wir einfach Zeit zum Trauern. Und einander, und uns selber, bedingungslos zu lieben.


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Völkermord verjährt nicht…

14. Juli 2015 von Sharon

Nach der Gedenkveranstaltung anlässlich des 100sten Jahrestages des Endes der deutschen Kolonialherrschaft im heutigen Namibia (9. Juli 1915) saß ich letzte Woche in einem Restaurant sowohl mit meinem zwölfjährigen Sohn als auch den namibischen Gästen: dem OvaHerero Paramount Chief Advocate Vekuii Rukoro, der Parlamentsabgeordneten und Nama-Vertreterin Ida Hoffmann, der Vorsitzenden der Ovaherero and Ovambanderu Genocide Foundation Esther Utjiua Muinjangu und Daniel Timotheus Frederick, in Berlin als Vertreter des Nama-Chiefs David Frederick. Sämtliche solidarische Unterstützer_innen waren auch dabei.  Es war ein wunderschöner  Neuköllner Sommerabend.

Wir freuten uns alle, dass so viele Leute sich die Mühe gemacht haben, den Weg in die Werkstatt der Kulturen zu finden, um die Gedenkveranstaltung und anschließende Podiumsdiskussion beizuwohnen. Und während wir anderen Erwachsenen am Esstisch uns über dies und jenes austauschten, merkte ich, wie sich mein Sohn an Daniel Timotheus Frederick wand, um ihn zu fragen: „Ich verstehe es nicht. Warum geben sie dir einfach nicht den Schädel zurück?“

Gemeint war der Schädel, den Daniels Vater unbedingt zurück in Namibia haben will. Der Schädel von Chief Cornelius Frederick – Daniels Großvater. Er wurde 1906 in der damaligen Kolonie Deutsch Süd-West Afrika ermordet und sein Kopf – wie die Köpfe unzähligen anderen OvaHerero und Nama – wurde nach Deutschland verschleppt.

Daniel schaute mich resigniert an. Auch er wusste keine Antwort.

Warum gibt Deutschland nicht einfach die Schädel zurück? Warum entschuldigt sich Deutschland nicht bei den Nachfahren der Opfer für seine Gräueltaten in der Kolonialzeit?

Es dürfte eigentlich nicht so kompliziert sein. Inzwischen wird sogar in offiziellen Kreisen offen von „Völkermord“ gesprochen. In einem Beitrag für die ZEIT hat der Präsident des Bundestages, Dr. Norbert Lammert, den Genozid an den Ovaherero und Nama endlich beim Namen genannt. Kurze Zeit später wurde bekannt: Die Bundesregierung:„(…) erkennt die schwere Schuld an, die deutsche Kolonialtruppen mit den Verbrechen an den Herero, Nama, Damara und San auf sich geladen haben und betont, wie Historiker seit langem belegt haben, dass der Vernichtungskrieg in Namibia von 1904 – 1908 ein Kriegsverbrechen und Völkermord war.“

Ist das für die Nachfahren der OvaHerero und Nama ein Durchbruch?

Israel Kaunatjike, ein in Berlin lebender OvaHerero und Aktivist im NGO Bündnis „Völkermord verjährt nicht!“, verneint es: „Wir begrüßen die überfällige Anerkennung des Genozids und werten sie als großen Erfolg unseres jahrelangen Kampfes. Aber die Formulierung der deutschen Regierung lässt befürchten, dass an keine förmliche Entschuldigung gegenüber den Ovaherero und Nama gedacht ist…“

Auch mein Sohn wundert sich darüber, warum die Bundesregierung ausschließlich die heutige namibianische Regierung als Gesprächspartner anzuerkennen scheint. Laut Kaunatjike: „…Als direkt vom Völkermord betroffene und damals enteignete Gesellschaften sollen wir [Ovaherero] offenbar auch nach der förmlichen Anerkennung des Genozids von den laufenden Entschädigungsverhandlungen zwischen der deutschen und der namibischen Regierung ausgeschlossen bleiben…“

Es ist schwierig, solche Sachen meinem Sohn zu erklären. Ich erzählte ihm, dass Deutschland einen sehr schwierigen Umgang mit seiner Erinnerungskultur auch in Bezug auf die Kolonialzeit zu pflegen scheint. Wir erinnerten uns an die Frage von Esther Utjiua Muinjangu, die sie in ihrem Beitrag bei der Podiumsdiskussion stellte: „Geht man so mit uns um, weil wir Schwarz sind?“ Im Saal wurde betreten geschwiegen. Keine andere Schlussfolgerung scheint naheliegender.

Obwohl die Petition „Völkermord ist Völkermord“ bereits am Bundespräsident abgegeben worden ist, hat sie nichts an Wichtigkeit, Relevanz und Aktualität verloren. Sie kann bis zum 111. Jahrestag des deutschen Genozidbefehls am 2. Oktober 2015 noch unterschrieben werden. Ich habe sie unterschrieben, weil ich fest davon überzeugt bin, dass zu einer anständigen Anerkennung des Völkermords eine offizielle Entschuldigung  und Verhandlungen mit den Ovaherero und Nama gehört.

Die Fragen meines Sohnes kann ich allerdings immer noch nicht beantworten. Auch das verjährt nicht.


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Über das Gucken und Sehen: Schwarze Frauen in Deutschland an_erkennen

4. Mai 2015 von Sharon

[Die englische Fassung des Texts findet sich weiter unten.]

Gestern wäre der 55. Geburtstag von May Ayim gewesen. Anlässlich des Tages wurde der 2. May Ayim Tag am May-Ayim-Ufer gefeiert. In Rahmen dessen wurde die Ausstellung „Daima“ eröffnet. Dazu habe ich einen Text vorgelesen, der hier veröffentlicht wird.

Was passiert, wenn du guckst?

Wahrscheinlich guckst du manchmal ganz unschuldig, überrascht oder aus Interesse. Manchmal wirst du einen fragenden Blick haben – vielleicht um ein Vorurteil, welches du bereits hast, zu bestätigen oder infrage zu stellen. Manchmal guckst du wohl aus Angst oder sogar Abscheu. Was passiert dann?

Meistens wenn Mitglieder einer mächtigen Gesellschaftsgruppe gucken, dann etablieren oder bestätigen sie eine bestimmte Perspektive auf etwas. Der Akt des Guckens erschafft (wieder) ein Objekt, welches angeguckt oder untersucht wird. Wenn viele Menschen auf die gleiche Sache gucken wird eine dominante Ansicht gebildet. Diese dominante Ansicht wird über viele Wege kommuniziert. Wenn ich hier also über „gucken“ schreibe, dann meine ich nicht nur den spezifischen physischen Akt, sondern jegliche Aktivität die eine Perspektive auf ein Objekt etabliert. Insgesamt erzählen die Blicke von Mitgliedern einer mächtigen Gesellschaftsgruppe eigensinnige Geschichten über ein Objekt. Mit der Zeit besitzen diese Geschichten eine größere Autorität, als was das Objekt jemals könnte. Jedoch ist die Information, die das „Gucken“ bietet, unvollständig, da die Kommunikation nur in eine Richtung geht. Gucken ist nicht das Gleiche wie Sehen. In einem Kontext, in dem der weiße männliche Blick dominiert, wurden Schwarze Frauen immer angeguckt aber selten gesehen.

In Deutschland ist die Situation nicht anders. Obwohl Schwarze Menschen seit gut über 300 Jahren in dieser Region leben, haben die meisten weißen Deutschen erstaunlich wenig Wissen über die Anwesenheit und den Einfluss Schwarzer Menschen in diesem Land. Und selbst in Schwarzen Communities in Deutschland sind die bekanntesten Beispiele für Schwarze deutsche Selbstbestimmung und Widerstand gegen Rassismus vor den Mit-1980ern üblicherweise männlich: Zum Beispiel Anton Wilhelm Amo, ein Schwarzer Mann, der 1736 der erste Professor afrikanischer Herkunft wurde, der an einer deutschen Universität studierte und arbeitete. Und Rudolf Duala Manga Bell, ein in Kamerun geborener König und Aktivist, der sich in seinem Heimatland Anfang des 20. Jahrhunderts der deutschen Kolonialherrschaft widersetzte und darum 1914 wegen Hochverrats hingerichtet wurde.
Ähnlicher Weise sind Simone de Beauvoir und Clara Zetkin innerhalb der deutschen feministischen Bewegung und zum Teil auch in der deutschen Mehrheitsgesellschaft bekannte und respektierte Persönlichkeiten. Beide Frauen sind weiß. Jedoch verdienen Schwarze Frauen wie Emily Duala Manga Bell, eine anti-koloniale Aktivistin, die ihren (oben genannten) Ehemann überlebte oder Fasia Jansen, eine Friedensaktivistin und Überlebende des Neuengamme Konzentrationslagers, ebenfalls Ansehen und Anerkennung für ihre jeweiligen Beiträge zur anti-rassistischen Bewegung und Frauenbewegung in Deutschland.
Der deutsche Kontext ist einer, in welchem historisch die Existenz Schwarzer Deutscher rechtlich verleugnet wurde und selbst heute gibt es keine rechtlichen Möglichkeiten sie statistisch zu erfassen; ein Kontext, in dem zahllose Schwarze Kinder mit ausschließlich negativen Begriffen zur Selbstbeschreibung aufwuchsen; einer, in dem viele genau dieser Kinder aufgrund von rassistischen Nazi-Gesetzen zur „Rassenmischung“ sterilisiert wurden; und einer, wo Schwarze Individuen oftmals ihr ganzes Leben verbrachten ohne andere Menschen zu kennen, die so aussahen wie sie selbst. In diesem Kontext, wo die kulturelle Repräsentation von weißen und männlichen Idealen dominiert wird, und wo kritische Positionen dagegen entweder Schwarz männlich oder weiß weiblich waren, sehen sich Schwarze deutsche Lesben_Frauen vielfachen Hürden gegenüber. Es war in diesem Kontext, dass Audre Lorde, eine afro-amerikanische Lesbe, Feministin, Dichterin, Aktivistin, Wissenschaftlerin und Mutter, erstmals Berlin im Jahr 1984 besuchte, um an der Freien Universität zu unterrichten und Verbindungen zu jungen Schwarzen Frauen, die hier lebten, aufzubauen.

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Ein Tag gegen Rassismus – Fünf Fragen, Fünf Antworten

20. März 2015 von Sharon

Für alle, die sich einfach kurz mal einen Überblick verschaffen wollen :-)

1. Warum gibt es den Internationalen Tag gegen Rassismus?

Bei einer friedlichen Demonstration von ca. 20.000 Personen gegen die diskriminierenden Passgesetze des damaligen Apartheid-Regimes wurden am 21. März 1960 69 Personen (darunter 8 Frauen und 10 Kinder) in Sharpville (Südafrika) von der Polizei erschossen. 180 wurden verletzt. Seit 1966 wird jedes Jahr am 21. März, durch einen Beschluss der Vereinten Nationen, dem Internationalen Tag für die Beseitigung der rassistischen Diskriminierung* gedacht.

2. Gibt es überhaupt Rassismus in Deutschland?

LOL :-)

(Oder war das eine ernstgemeinte Frage?)

3. Was passiert denn am 21. März dieses Jahr in Deutschland?

Well, auch in Deutschland gibt es sogar inzwischen Internationalen WOCHEN gegen Rassismus!!! Und wir sind schon mitten drin: dieses Jahr finden sie nämlich 16.-29. März 2015 statt.

In Berlin findet u.a. diesen Samstag (21 März) einige Events statt, organisiert von der Kampagne „My Right is Your Right„. Die Demonstration fängt um 13:00 am Spreewaldplatz (Kreuzberg) an.

4. Und was kann ich tun, wenn der Tag bzw. die Wochen vorbei sind?

Rassismus geht uns alle** an. Es lohnt sich wirklich, sich mit den Erscheinungsformen und Folgen von Rassismus auseinanderzusetzen. Erst dann ist es überhaupt möglich Rassismus effektiv entgegenzutreten.

Meine ganz persönliche „top ten“ an Weiterbildungs- bzw. Empowerment-Empfehlungen (in Deutschland):

  • ADEFRA e.V. (Empowerment für Schwarze Frauen in Deutschland, Generation ADEFRA Stammtisch findet jeden dritten Freitag im Monat statt – offen für Schwarze Frauen)
  • Black Diaspora School (Ein Empowerment Projekt für Schwarzen Jugendlichen von der in Berlin basierten Bibliothek „Each One Teach One e.V.“ )
  • Der Braune Mob e.V. (Empowerment, Medienanalyse und Bildung für Schwarze Menschen und weitere People of Color in Deutschland)
  • IniRromnja (Ein Zusammenschluss von Berliner Roma-und-Sinti-Frauen)
  • Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD-Bund) e.V. (Empowerment für Schwarze Menschen in Deutschland)
  • Institute für diskriminierungsfreie Bildung (Fortbildungen für Lehrkräfte zu diskriminierungsfreier und rassismuskritischer Bildungsarbeit)
  • Korientation e.V. (Ein kulturpolitisches Netzwerk von Asiatischen Deutschen und Asiaten und Asiatinnen mit dem Lebensschwerpunkt Deutschland)
  • LesMigraS  (Beratung und Unterstützung für lesbische/bisexuelle Migrant_innen und Schwarze Lesben und Trans*Menschen)
  • Phoenix e.V. (Anti-Rassismus Trainings für Weiße, Empowerment Trainings für Rassismuserfahrenen)
  • ReachOut e.V. (Beratungsstelle in Berlin für Opfer rassistische Gewalt)

5. Ich bin wirklich kein Rassist, ab…

Oh, stop! Dieser Artikel ganze Webseite ist nicht für dich. #SeeYa

*Im Original „Rassendiskriminierung.“ Ich habe es geändert um deutlich zu machen, dass es keine biologischen Rassen gibt. Wirklich nicht.

**Wer sich nicht involviert sieht, hat vielleicht ein wenig zu viel Privilegiensaft getrunken. Oder ist heftig am Verdrängen. Oder beides.

 


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Warum wir ehrlich gesagt nicht Nigeria sind*

23. Januar 2015 von Sharon

Die englische Fassung des Textes findet sich weiter unten.

(*es sei denn, natürlich, ihr seid es wirklich)

Infolge der Gräueltaten, die Boko Haram zu Beginn des Jahres in  den nordnigerianischen Städten Baga und Doron Baga sowie in den  umliegenden Dörfern verübt hat, ist es natürlich absolut legitim,  Empörung, Abscheu und Betroffenheit zu empfinden über die – wie  formuliere ich es mal taktvoll? – „unausgewogene“ Berichterstattung in den Medien. Verglichen mit dem öffentlichen Erguss von Trauerbekundungen nach dem Terrorangriff auf die Redaktion des französischen sogenannten Satiremagazins „Charlie Hebdo“ würde man die Frage verzeihen: Sind manche Leben etwa mehr wert als andere? Warum eilt Angela Merkel sofort nach la belle Paris, um für die Meinunsgfreiheit zu marschieren, gemeinsam mit anderen Staatsoberhäuptern, die nicht unbedingt bekannt dafür sind, in ihren Heimatländern die Meinungsfreiheit hochzuhalten? Was ist mir entgangen?

Aber ich bin Zynikerin. Das sind alles rhetorische Fragen, und sie wurden sowieso bereits von vielen exzellenten Kommentator_innen beantwortet. Stattdessen schreibe ich über die Äußerungen von jenen, die sich in den sozialen Medien mit den Opfern von Boko Haram solidarisch zeigen wollen. Es dauerte nicht lange, bis das Hashtag #IAmNigeria (ich bin Nigeria) auftauchte, um #JeSuisCharlie (ich bin Charlie) etwas entgegen zu setzen – fast so, als könne man nur entweder das eine oder das andere sein.

Aber mal ehrlich, Leute – wir sind wirklich nicht Nigeria(ner_innen). Jedenfalls die meisten von uns nicht.

Zu allerest: Auch wenn ich das Bedürfnis verstehe, ein klares (visuelles) Statement auf Facebook zu setzen, fühlt es sich für mich total falsch an, dazu die Worte „Ich bin …“ zu verwenden. Die meisten Leute aus meinen sozialen Netzwerken werden niemals die Verheerungen eines Bürgerkrieges erfahren; die meisten mussten niemals befürchten, dass sie, ihre Familien und Nachbar_innen von selbsternannten Bürgerwehren dahingemetzelt werden, weil das geltende Recht völlig außer Kraft gesetzt ist; und die meisten Leute aus meiner Timeline leben nicht in improvisierten Notunterkünften in Nachbarländern, weil ihre Heimatorte dem Erdboden gleich gemacht wurden. Wir sind nicht diese Menschen. Zu behaupten, wir wären es – auch wenn ich natürlich weiß dass das nicht wörtlich gemeint ist – fühlt sich an wie eine unbesonnene Banalisierung des unfassbaren Leids dieser Menschen.

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Wenn Schwarze Menschen nicht lächeln…

25. November 2014 von Sharon

Sharon Dodua Otoo ist Schwarze Britin – Mutter, Aktivistin, Autorin und Herausgeberin der englischsprachigen Buchreihe “Witnessed” in der edition assemblage. Sie ist aktives Mitglied in der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) e.V. Unter dem Namen Ms.Represented bloggt und twittert Sharon ebenfalls.

Liebe Schwarze Menschen,

es ist eine Kleinigkeit, aber offensichtlich bedeutet sie den Unterschied zwischen Leben und Tod: Ihr müsst der Welt zeigen, dass ihr glücklich seid.

Es scheint, dass in (vorwiegend weißen) Ländern, in denen Schwarze Menschen nicht lächeln, oft fälschlicherweise angenommen wird, dass sie teuflische Superkräfte besitzen. Falls sie beispielsweise kleine Jungs sind, wird fälschlicherweise angenommen, dass sie andere Kinder auf dem Spielplatz anschießen und töten könnten (mit einer Spielzeugpistole). Oder falls sie männliche Teenager sind, wird fälschlicherweise angenommen, dass sie in einem Radius von einigen Metern um sich herum alle töten könnten mit ihren bloßen Händen (die sie in die Luft halten als Zeichen des Ergebens). Oder falls sie Frauen sind, wird fälschlicherweise angenommen, dass es ihnen möglich ist die Flugbahn einer Kugel mit Willenskraft zu ändern (welche absichtlich in die Wand gefeuert wurde). Nichtlächelnde Schwarze Menschen müssen auf den Boden niedergerungen und außer Gefecht gesetzt werden. Einfach so.

Natürlich sind alle meine Beispiele aus den USA. Aber es gibt auch andere Beispiele näher dran.

In Deutschland bedeutet die Illusion von STSK (Schwarze Teuflische Superkräfte), dass Polizeibeamte schießen, um eine Frau in ihrem ehemaligen Zuhause zu töten, oder auf dem Arbeitsamt. Bei Männern wird angenommen, dass sie so eine Gefahr darstellen, dass sie, selbst wenn sie mit gefesselten Händen und Füßen auf einer feuerresistenten Matratze liegen, direkt eliminiert werden müssen.

Wenn Schwarze Menschen nicht lächeln, gelten sie als unfreundlich, aggressiv und verbreiten Angst. Denk darüber nach. Als eine Schwarze Person in deiner Nähe zeigte, dass sie irgendetwas anderes als vollkommene Zufriedenheit mit der Welt spürt, was war deine emotionale Antwort?

Für mich ist es so: Wenn ich unglücklich bin, erlebe ich nur in den seltensten Fällen bedingungslose Empathie. Und wenn, dann meistens von einer anderen Schwarzen Person.

Und da wir offensichtlich nicht zu jeder Zeit ausschließlich von Schwarzen Menschen umgeben sein können, müssen wir über unsere Optionen nachdenken. Britisch wie ich bin, glaube ich nicht, dass uns ein 24-Stunden-Lächel-Marathon schützen wird. Nun, ich habe keinen besseren Vorschlag als zu sagen, das wir weiterhin auf einander achten sollten und wir sollten auf diesen utopischen Tag hinarbeiten, an dem auch in vorwiegend weißen Gesellschaften jede_r wirklich Menschenrechte hat. Selbst jene, die nicht lächeln.

P.S.:

Liebe Allies,

es ist an der Zeit sich zu steigern – Bitte wirkt der tatsächlichen Gewalt, die Schwarze Menschen jeden Tag in ihren Intraktionen mit weißen Menschen in überwiegend weißen Gesellschaften erleben, entgegen, erkennt und benennt sie.

Des Teufels Advokaten gibt es genug.

 

When Black people don’t smile…

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Wir haben die Definitionsmacht!

23. Oktober 2013 von Sharon

Sharon Dodua Otoo ist Schwarze Britin – Mutter, Aktivistin, Autorin und Herausgeberin der englischsprachigen Buchreihe „Witnessed“ in der edition assemblage. Sie ist aktives Mitglied in der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) e.V. Unter dem Namen Ms.Represented bloggt und twittert Sharon ebenfalls. Wir freuen uns über diesen Gastbeitrag zur Veränderung von Realitäten durch Wörter, der kürzlich ebenfalls bei Analyse & Kritik in der Sonderbeilage zu Critical Whiteness erschien.

Natürlich haben wir alle die Möglichkeit unsere Umwelt mit Sprache zum Positiven zu verändern – wie denn sonst? Sprache inspiriert! Dr. Martin Luther King sagte damals: „I Have a Dream!“ und nicht etwa „Ich habe da so eine vage Idee…“ Mit seiner Rede hat er Milliarden von Menschen weltweit erreicht und zum Teil erstmalig glauben lassen, ein Leben ohne Rassismus sei nicht nur erstrebenswert, sondern auch wirklich erreichbar. Und warum sonst achten wir auf Tonfall und Wortwahl, wenn wir uns für eine Arbeitsstelle bewerben? Warum genau freuen wir uns, wenn wir eine Person kennenlernen, die sich bemüht hat, ein paar Sätze in unserer Muttersprache zu lernen, wenn diese für sie sehr schwierig ist? Wie wir mit unseren Mitmenschen kommunizieren, hat auf jeden Fall einen großen Einfluss auf das, was um uns herum geschieht.

Sprache ist ohnehin lediglich ein Mittel zum Zweck. Eigentlich ist es unmöglich, unsere diversen Realitäten durch Sprache zu erfassen. Diejenigen von uns, die mehr als eine Sprache können, wissen, dass wir manchmal ein Gefühl, einen Gedanken oder ein Erlebnis besser in einer Sprache ausdrucken können als in der anderen. Manchmal existiert das Wort, das wir brauchen, auch ganz einfach nicht. Vermutlich sind wir ständig dabei haarscharf aneinander vorbeizureden bzw. zu kommunizieren. Unsere eigentliche Aufgabe wäre dann, nicht klare Absolute zu verhandeln, sondern geschickt(er) mit den Gegensätzen und Widersprüchen, die zum Alltag gehören, umzugehen – und uns so einer besseren Verständigung anzunähern.

Lässt sich Bewusstsein durch Wörter verändern?

In ihrem Artikel „Nur für Eingeweihte“ bezweifelt Wettig, dass es möglich ist, unser Bewusstsein durch unseren Sprachgebrauch zu ändern. Sie schreibt: „Welches Wort ich benutzte, ändert nichts, solange sich die Verhältnisse nicht ändern.“ Eine solche Behauptung kann nur von einer Person gemacht werden, die sich über ihre Privilegien nicht bewusst ist und der durch die vermeintlich „neutrale“ deutsche Sprache nicht täglich Gewalt angetan wird. Ich rede nicht für andere, doch meine Vermutung ist, dass die Eltern eines neugeboren Babys mit „uneindeutigen“ Geschlechtsmerkmalen sich sehr freuen würden, wenn sie auf die begeisterte Frage: „ist es ein Junge oder ein Mädchen?“ noch (mindestens) eine weitere Antwort geben könnten, die nicht sofort mit einem Defizit ihres Kindes in Verbindung gebracht werden würde. Und ich wünsche mir, als Cis-Frau, dass ich überhaupt das Wort „Cis“ bereits in meiner Kindheit kennengelernt hätte. Mir ist erst seit wenigen Jahren bewusst, dass es Menschen gibt, die sich weder als weiblich noch männlich definieren können_möchten oder die das ihnen bei der Geburt zugeschriebene Geschlecht nicht als passend empfinden. Durch die Verwendung der dominierenden Sprache habe ich gelernt, diesen Menschen ihre Existenz abzusprechen – eine gewaltvoller Akt. Intersex Babys werden zwangsoperiert, Transpersonen werden gemobbt, gehetzt, gefoltert und getötet. Ich tue anderen Menschen nicht gern Gewalt an und ich werde nicht gern dazu manipuliert, mich in eine solche Tradition einzureihen. Sprache macht es mir möglich, die Existenz von Inter- und Transpersonen anzuerkennen und durch die Verwendung des Gender Gaps habe ich die Möglichkeit zu signalisieren, dass ich mich im Kampf gegen diese Formen von Gewalt solidarisch zeigen möchte.

Das Leben für Menschen, die Diskriminierungserfahrungen ausgesetzt sind, ist ein Minenfeld. Wir machen viel zu oft schmerzhafte, negative Erfahrungen und noch dazu, wird unser Leid von der dominanten Gesellschaft nicht anerkannt. Darum entwickeln wir Strategien um zu erkennen, ob wir uns in bestimmten Kontexten sicher(er) fühlen können, oder nicht. Die verwendete Sprache unserer Gesprächspartner_innen – oder vielmehr die Wortwahl – ist ein relativ eindeutiger Hinweis dafür. Wer zum Beispiel 2013 in Deutschland nicht Schwarz ist und noch immer herkömmliche rassistische Bezeichnungen verwendet um Schwarze Menschen zu beschreiben, in der Überzeugung, dass diese einfach neutral sind, misst dem respektvollen Umgang mit den Belangen von Schwarzen Menschen in Deutschland offenbar keine große Priorität bei. Das muss natürlich nicht heißen, diese Person sei rechtsradikal. Es ist aber ziemlich wahrscheinlich, dass diese Person sich nicht sonderlich gründlich mit ihrer Positionierung in einer rassistischen Gesellschaft auseinandergesetzt hat. Somit haben diese Person und ich eine gänzlich andere Wahrnehmung von den Machtstrukturen innerhalb Deutschlands und wenige (um nicht zu sagen keine) gemeinsamen Anknüpfungspunkte um gegen diese anzukämpfen.

Kommunikation ist das was bei der anderen Person ankommt.

Es gilt anzuerkennen, dass bestimmte Wörter verbrannt sind. Das Wort „Endlösung“ können wir nicht mehr verwenden, um zum Beispiel über das Ergebnis einer Rechenaufgabe im Matheunterricht zu sprechen, denn es hat eine grausame Konnotation. Klar ist auch, dass die Intention der sprechenden Person hierbei nicht maßgeblich ist. Andere Wörter, die mit Gewalt, Hass und Verbrechen konnotiert sind, gehören ebenfalls auch nicht in unserem Wortschatz. Als Amadeu Antonio 1990 in Eberswalde von Rechtsradikalen zu Tode getreten wurde, und als ich im gleichen Jahr an einer Bushaltestelle in Hannover von einem Nazi angeschrien und bedroht wurde, sind dieselben rassistische Bezeichnungen gefallen, über die in Deutschland 2013 immer noch hitzig diskutiert wird, ob sie wirklich aus Kinderbüchern gestrichen werden sollten. Weil das Leid, das durch die dominante Sprache erzeugt wird (oder woran erinnert wird) nicht an weißen hetero cis-männlichen Körpern erfahren wurde, stößt die Idee von einer „politisch korrekten“ Sprache für die deutsche Mainstream anscheinend auf Unverständnis. Es wird argumentiert, dass dieses „unkorrekte“ Kommunizieren Diskriminierende schafft, wo es gar keine gibt und dass „Political Correctness“ die eigentliche Arbeit gegen Diskriminierung unnötig erschwert. Und dennoch: anscheinend lässt sich über ungleiche Machtverhältnisse selten so kontrovers in den Mainstream Medien diskutieren wie über die vielen Versuche durch sprachliche Veränderungen eben diese Machtverhältnisse aufzubrechen. Die Verwendung des generischen Femininums in der Grundordnung an der Universität Leipzig ist ein weiteres sehr schönes Beispiel dafür.

Wettig behauptet außerdem: „Ob jemand nun »Kanaken« sagt oder »Menschen mit Migrationshintergrund«: Bei dem/der ZuhörerIn entsteht das Bild eines Menschen, der weniger gebildet und weniger erfolgreich ist, im schlimmeren Fall wird auch noch Kriminalität, Frauenfeindlichkeit oder religiöser Fanatismus assoziiert. Keines dieser Vorurteile wird korrigiert, wenn man stattdessen von »People of Color« spricht.“ Es klingt so, als würde sie voraussetzen, dass anti-rassistische Sprache allein dem Zweck dienen soll, weiße Menschen zu sensibilisieren. Das Recht auf Selbstbezeichnung wird dabei völlig außer Acht gelassen. Fremdbezeichnungen sind in der Tat meist negativ konnotiert. Die Verwendung politischer Eigenbezeichnungen hingegen stärkt. Sie zeigen Wege aus der Isolation und Demütigung und sie weisen auf Verbündete.

Ganz abgesehen davon, dass „Menschen mit Migrationshintergrund“ und „People of Color“ weder die gleiche Konnotation noch die gleiche Bedeutung haben. „Menschen mit Migrationshintergrund“ ist ein Euphemismus, der auf der falschen Annahme basiert, es könne einer Person angesehen werden, ob sie „fremd“ wäre und darum weiterhin den Glauben stützt „richtige“ Deutsche sind weiß. „People of Color“ hingegen ist eine politische Selbstbezeichnung, ebenso wie „Schwarz“ mit großem „S“. Sie beschreiben eine Positionierung innerhalb einer mehrheitlich weißen Gesellschaft und keine körperlichen Merkmale . Beides sind Versuche Alltagsrassismus wahrnehmbarer zu machen. Mit der Betonung auf dem Wort: Versuch. Keine_r behauptet, dass allein durch die Verwendung einer „korrekten“ Sprache Machtstrukturen von selbst aufgelöst werden. Der Vorschlag ist stattdessen Sprache wie einen Post-it Note zu verwenden: als ständige Erinnerung daran, dass wir alle die Aufgabe haben gegen Diskriminierung anzugehen, und zwar damit, dass wir bei uns selbst anfangen müssen.

Es ist also dir überlassen, welches Vokabular du benutzen möchtest. Wenn es um diskriminierende Sprache gegen marginalisierte Menschen geht, gibt es – trotz des Zensurvorwurfs – keinerlei wirksame Sanktionen. Dennoch musst auch du akzeptieren, dass du nicht in der Lage bist zu bestimmen, wie ich mich zu fühlen oder zu reagieren habe, wenn du diskriminierende Sprache verwendest. Wie Noah Sow einst treffend sagte, wenn eine Person auf deinem Fuß ein Klavier abstellt, ist es für deinen Schmerz erst mal nicht so entscheidend, dass dies versehentlich passiert ist. Nur du hast das Sagen darüber ob du Schmerzen hast, wie stark sie sind und wie du dies zum Ausdruck bringst.

Der Weg ist das Ziel

Eine wertschätzende, respektvolle Kommunikation erfordert vielleicht Geduld und Durchhaltevermögen, denn Sprache ist dynamisch und hat sich einer stetig wechselnden Realität anzupassen. Dennoch sind wir alle erst wirklich handlungsfähig, wenn wir diese Tatsache akzeptieren und in unserer Kommunikation berücksichtigen. Unsere Wörter haben das Potential für uns alle befreiend und stärkend zu sein, sofern sie nicht darauf bauen, Normen herzustellen bzw. aufrechtzuerhalten, indem andere Identitäten negiert oder erniedrigt werden. Lasst uns also aufhören am Duden zu klammern! Die Definitionsmacht liegt bei uns. Wir können entscheiden, ob wir uns gegenseitig inspirieren wollen oder nicht.

Was willst du mit deiner Sprache erreichen?


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Das Wort, das fehlt.

26. April 2013 von Sharon

Sharon Dodua Otoo ist Schwarze Britin – Mutter, Aktivistin, Autorin und Herausgeberin der englischsprachigen Buchreihe „Witnessed“ in der edition assemblage. Ihre jüngste Publikation ist The Little Book of Big Visions. How to be an Artist and Revolutionise the World herausgegeben mit Kuratorin und Künstlerin Sandrine Micossé-Aikins (edition assemblage, 2012). Außerdem ist sie im Vorstand der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD-Bund) e.V.  „Die Geschichte vom Kreis und Viereck“ erschien in (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache, herausgegeben von Susan Arndt und Nadja Ofuatey-Alazard (UNRAST Verlag, 2011). „the things i am thinking while smiling politely“ erschien im Februar 2012 und ist ihre erste Novelle. Sharon Dodua Otoo lebt, lacht und arbeitet in Berlin.

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Deutschland ist ein armes Land. Ich habe dies festgestellt, als ich immer wieder erlebt habe, dass ich schief angeschaut wurde, immer wenn ich mein Bedauern für etwas ausdrücken wollte.

„Wieso?“ kam meist als Antwort. „Du kannst doch nichts dafür. Es ist nicht deine Schuld.“

Diese Aussage hat mich sehr oft irritiert, denn von Schuld war gar nicht die Rede. Mir war klar, dass ich nicht diejenige gewesen bin, die den Zug zum Anhalten gebracht hat und darum mein Gegenüber zu spät zum Einstellungsgespräch kam. Natürlich habe ich nicht das Wetter so eingestellt, dass die Freundin doch nicht ihre Party draußen feiern konnte wie geplant. Und klar: ich war nicht mal in der Nähe, als mein Arbeitskollege gestolpert ist. Trotzdem, ich wollte zum Ausdruck bringen, dass ich mich nicht gerade über diese Ereignisse freue.  Warum wird dieses Bedürfnis hierzulande als Schwäche angesehen?

Ich habe das bisher immer auf mein Britin-Sein geschoben. In London kommen die meisten Menschen nicht ohne schlechtes Gewissen durch den Tag, ohne mindestens fünfmal  „Sorry“ gesagt zu haben. „Sorry“ kann alles heißen von „Wie bitte?“ über „Ich wiederhole; was ich eigentlich sagen wollte ist…“ und „oh – da hast du aber Pech gehabt“ bis  „es tut mir Leid.“ In Deutschland, habe ich gelernt, wird tatsächlich um „Entschuldigung“ gebeten.  Darum ist es eigentlich verständlich, dass das Wort nicht gerne in den Mund genommen wird (um von Verzeihung – laut Wiki „die Annahme von bekundeter Reue“ – ganz zu schweigen).

Dennoch finde ich es sehr schade, dass es nicht ein Wort in der deutschen Sprache gibt, kurz und prägnant, das ich benutzen kann, um meinem Gegenüber mitzuteilen: „Es tut mir Leid, dass es dir so schlecht geht. Ich fühle mit dir.“ Eine Botschaft, die sicherlich oft nötig und willkommen wäre. Eine Botschaft, die bestimmt viel Gutes zu unserer Gesellschaft beitragen würde.

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