#Aufschrei aus der Wissenschaft: Sexismus existiert!

von Nadine

Wissenschaftler_innen der Uni Bielefeld haben sich in die „Sexismus-Debatte“, die durch #aufschrei massenmedienwirksam initiiert wurde, eingeschaltet und stellen fest, dass bisher kaum Fakten aus Studien in den massenmedialen Diskurs einfließen. Das verwundert nicht, wird doch, wenn Machtverhältnisse und Diskriminierungen thematisiert werden, immer wieder versucht „das Problem“ kleinzureden und als Einzelfall abzutun. Nicht als systematisch und einer Gesellschaft inhärent zu behandeln. Sexismus (und andere Machtverhältnisse) zu kritisieren, ist schwer, da Machtverhältnisse in ihren Artikulations- und Realisierungsformen darauf ausgerichtet sind, möglichst „unsichtbar“ zu bleiben. Sie sind normalisiert. Auch Erkenntnisse, die in der Akademie generiert werden, um Machtverhältnisse zu kritisieren, sind darauf angewiesen breit rezipiert und anerkannt zu werden. Nicht nur das. Neben der Anerkennung benötigt es Schlussfolgerungen und Forderungen, die in der politischen Praxis dazu führen, Machtverhältnisse nicht nur zu thematisieren, sondern auch auf Veränderungen hinzuwirken und Interventionen zu ermöglichen.

So lesen sich die zitierten Fakten aus der Uni Bielefeld für viele Queer_Feminist_innen, die seit Jahren Sexismus kritisieren, erstmal nicht weiter überraschend:

Tatsächlich sind Frauen weit häufiger das Ziel sexueller Belästigung: Etwa 30 bis 50% der berufstätigen Frauen und demgegenüber etwa 10% der berufstätigen Männer sind von sexueller Belästigung betroffen (European Commission, 1998). Ergebnisse aus einer repräsentativen Umfrage in der Deutsch- und Westschweiz (Strub & Schär Moser, 2008) zeigen, dass sich diese Zahlen in den letzten 10 Jahren kaum verändert haben: 28% der befragten Frauen und 10% der Männer erlebten in ihrem bisherigen Arbeitsleben sexuelle Belästigung. Dabei zeigte sich auch, dass für Frauen drei Viertel der belästigenden Situationen von Männern ausgehen, meist von einzelnen Männern, auch von Gruppen von Männern oder gemischten Gruppen (Männer und Frauen), selten jedoch von Frauen allein. Für Männer geht ungefähr die Hälfte der sexuell belästigenden Situationen ebenfalls von Männern aus (einzeln oder in Gruppen), nur ein Viertel von Frauen und ein Viertel von gemischten Gruppen. Konstellationen, in denen Männer Opfer und Frauen Täterinnen sind, sind damit natürlich ernst zu nehmen, aber vergleichsweise selten. In den weitaus häufigsten Fällen sexueller Belästigung sind die Opfer Frauen und die Täter Männer.

[…]

Sexuelle Belästigung kann (…) auch nicht darauf zurückgeführt werden, dass Frauen überempfindlich seien und Männer eigentlich in guter Absicht handelten. Vielmehr stimmen Männer und Frauen weitestgehend überein, wenn es um die (Un-)Angemessenheit bestimmter Verhaltensweisen geht. Männer, die sich trotzdem unangemessen verhalten, tun dies aus Rücksichtslosigkeit oder Feindseligkeit – in jedem Fall aber tun sie es in aller Regel wissentlich.

Trotzdem warten die Wissenschaftler_innen im Kontext der aktuellen Diskussion mit Gegenargumenten auf, die Betroffene unterstützen und sensibilisieren können, bestimmte Derailing-Strategien, Mythen und Täter-Opfer-Umkehrungen zu erkennen und diesen (zumindest verbal) entgegen zu treten. Journalist_innen sollten sich solche Zwischenrufe aus der Wissenschaft ausdrucken und ihren Ordner „Kritische Berichterstattung“ heften, soweit vorhanden (lesen und einprägen nicht vergessen!). Vielleicht ergeben sich daraus auch ein paar Expert_inneninterviews und Gegenartikel, die nicht immer wieder Diskriminierungen reproduzieren und den Status Quo rechtfertigen.

Kritisiert wurde an dieser Form der Studien, wie sie die Uni Bielefeld zum Teil zitiert, dass von Sexismus betroffene Menschen (in diesem Fall Frauen) in Versuchen Diskriminierungen ausgesetzt wurden, um Erkenntnisse zu generieren. Es ist überhaupt traurig und macht wütend, dass Betroffene Erlebnisse aus dem eigenen Alltag erneut durchleben müssen, damit der merkbefreiten Mehrheit, die Sexismus verharmlost oder leugnet, überhaupt etwas an Wissen präsentiert werden kann, das sie (wenn überhaupt) anerkennen. Die vergangenen Jahrhunderte Feminismus reichen dazu wohl leider nicht.

Wer sich weiter mit Studien zum sexistischen Normalzustand informieren möchte, dem_der sei der ausführliche Artikel von Helga bei Femgeeks empfohlen oder die umfangreiche Studie zu Gewalt- und (Mehrfach)diskriminierungserfahrungen von lesbischen, bisexuellen Frauen und Trans* in Deutschland, die LesMigraS durchgeführt hat.




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Eintrag geschrieben: Donnerstag, 14. Februar 2013 um 9:32 Uhr unter Gewalt. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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2 Kommentare

  1. Honey Badger sagt:

    Danke für den Artikel. Die zugehörige Quelle habe ich schon vor ein paar Stunden gefunden.

    Ich finde es sehr wichtig, dass solcherlei Studien, aber auch sonstige Erkenntnisse zum Thema nicht in der Versenkung verschwinden, sondern für möglichst viele zugänglich sind.

    Die antifeministische Männerrechtsbewegung ist laut einer Studie aus dem Jahr 2012 ( http://www.boell.de/downloads/antifeminismus-innen_endf.pdf ) extrem gut vernetzt, da alle Blogs sich gegenseitig verlinken. Außerdem verfolgen diese Leute eine Interventionsstrategie, um Diskussionen in Foren (besonders Spiegel online) zu blockieren und auf ihre unsachliche Ebene herunterzuziehen. Dabei werden auch gezielt falsche Zahlen und Fakten vorgetragen, und man tritt immer in der Horde auf. Mehrfachposting ist die Regel.

    Die Studie der Uni Bielefeld ist ein Beitrag, der helfen kann, mit den von der antifeministischen Männerrechtsbewegung immer wieder eingestreuten Mythen ein wenig aufzuräumen. Weitere Zahlen und Fakten, die von Antifeministen vorgebrachte Thesen widerlegen, gibt es hier:

    http://library.fes.de/pdf-files/wiso/07877.pdf

  2. Angelika sagt:

    danke @Nadine !
    aktuell auch ./. weiterführend, hier vom 21.2. – deutsch :
    (…) „Doch Forschungsergebnisse zu den Themen Sexismus und sexuelle Belästigung spielen dabei bislang kaum eine Rolle. Dies ist befremdlich, da viele Argumente, die vorgebracht wurden, mit empirischen Befunden klar widerlegt (oder zum Teil auch belegt) werden können. Im Einzelnen sind uns folgende Punkte aufgefallen, auf die wir aus wissenschaftlicher Sicht eingehen möchten:“(…)
    http://www.gehirn-und-geist.de/alias/gesellschaft/fakten-statt-mythen/1184876

    // oh-key, ich tanze gerade unchoreographiert und singe so caps-mantra-mässig FAKTEN STATT MYTHEN //

    nota : seit mehreren monaten fällt mir auf, dass noch eine „Angelika“ hier kommentiert/als kommentar_in freigeschaltet wird. ich bin, nach wie vor, „die Angelika mit der kleinschreibung“ :)