Arschlecken!

von Susanne

Zurzeit öffne ich meinen Briefkasten sehr vorsichtig. Ich linse erst mal hinein. Sehe ich nur Werbeprospekte und Rechnungen, greife ich erleichtert zu. Klemmt aber zwischen den weiß-nüchternen Umschlägen von Banken und Behörden wieder einmal ein großes Kuvert aus Büttenpapier, atme ich tief ein und noch tiefer aus. Aber es hilft ja nichts, ich nehme den feinen Umschlag heraus. Also, wer zur Hölle stellt sich als nächstes in den sommerlichen nie enden wollenden Reigen der Heiratswilligen?

Brauner Hintergrund mit 2 Bäumen und 3 Pilzen. Ein Wolf liegt blutend auf dem Boden. Im Vordergrund steht ein Mädchen mit lila Käppchen und einem blutigen Messer in der Hand. Es sagt: I don't need to be saved. I can do that myself.

(c) Frl. Zucker

Nie hätte ich gedacht, schon mit Anfang 30 erste Alterserscheinungen zu bekommen, aber dass ich sommers meine Wochenenden auf Hochzeiten verbringe, ist genau eine solche altersbedingte Erscheinung. Und fast so lästig wie Akne in der Pubertät.

Anfangs dachte ich noch, mein einziges Problem mit Hochzeiten sei das Ding Ehe an sich – so ganz von dieser Einrichtung überzeugt bin ich immer noch nicht. Die Ehe als staatlich legitimierte und finanziell geförderte Form des Zusammenlebens: Was bitte ist daran romantisch? Und die Eheschließung als Moment, bei dem die Frau sich vom Vater an den Zukünftigen übergeben lässt und seinen Namen annimmt – weibliche Selbstbestimmung sieht anders aus. Aber je öfter ich den Wandel der Braut zwischen Einladung und Ja-Wort mitbekomme, desto mehr sehe ich noch ein anderes Problem: dass Hochzeiten für Frauen zur konsumfixierten Leistungsschau geworden sind.

Und zwar jetzt gar nicht einfach so: Wer hat die geilere Location, das bessere Geschirr, das schönere Kleid vom bekannteren Designer. Nein, viel subtiler, denn natürlich orientiert sich niemand an anderen Menschen, Stichwort Individualität und so. Der Wettbewerb läuft eher unter dem Motto: Wer schafft es, seinem Traum einer perfekten Hochzeit so nahe wie möglich zu kommen? Egal ob dieser Traum im Landhaus-, Mittelalter-, Romantik- oder irgendeinem anderen Stil gehalten ist. Die Hochzeitsindustrie ist auf jeden Geschmack vorbereitet und setzt mit der Realisierung dieser Träume jedes Jahr fast zwei Milliarden Euro um.

Früher zahlte der Vater der Braut die Hochzeit, wobei „früher“ relativ ist, auch auf so einer Hochzeit war ich im letzten Jahr. Heute jedenfalls zahlen viele Brautleute selbst, und da auch Frauen ganz selbstverständlich Geld verdienen, darf es gern etwas teurer werden. Dann leistet man sich bestickte Platzkärtchen, weiße Tauben und eine mehrstöckige Torte mit Marzipanrosen als absolute Basics für „den schönsten Tag im Leben“, „den man schließlich nur einmal feiert.“ Also gleich noch den spitzenumrangten Torbogen für die Freiluft-Hochzeit gemietet und das – heute wieder zwingend weiße – Kleid doch maßanfertigen lassen.

Freundin P. jedenfalls, die in diesem Sommer ebenfalls heiratet, beschwerte sich bereits, dass es allein schon ziemliche Überwindung koste, eine einfache, handgeschriebene Einladungskarte zu verschicken. „Sogar meine Mutter redete mir ein, ich solle ins Grafikstudio gehen. Meine Mutter, die barfuß auf einem Acker geheiratet hat! Im Studio bekomme man auch das allertollste Papier, sogar parfümiertes“, erzählte sie augenverdrehend. „Arschlecken!“ schloss sie auf ihre von mir sehr geschätzte direkte Art, „ich klopp doch nicht mein sauer verdientes Geld für so einen reaktionären Scheiß raus.“

Ihre Parole Arschlecken! will ich seit unserem Gespräch jeder Braut zurufen, deren Einladung mich erreicht. Leider bin ich nicht abgebrüht genug, diejenige zu sein, die ihnen „den schönsten Tag im Leben“ versaut. Also gehe ich am Wochenende auf die nächste Hochzeit. Der schöne Sommer.

(Dieser Text erschien ursprünglich als Kolumne in der Taz)




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Eintrag geschrieben: Donnerstag, 24. Juni 2010 um 19:20 Uhr unter Familien_politik. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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14 Kommentare

  1. birgit sagt:

    Genau so!!! Ich hatte mir den Artikel schon aus der taz ausgeschnitten – für meine Wahre-Worte-Sammlung…

  2. gosia sagt:

    Ach neeee. Klischees und Stereotype. Kenne genug Leute, die einfach nur alleine auf dem Standesamt aufgetreten sind, die sich nicht um das weisses Kleid kümmern und schickes Designgeschirr…

  3. Du hast in vielen Punkten recht (Leistungsdruck, Konsumterror) und dennoch was ist falsch daran, wenn beide Partner mit so einer Hochzeit glücklich sind. Meine Meinung, solange die Hochzeit zu den Brautleuten passt ist alles ok, auch wenn ich sie vielleicht kitschig oder überzogen finde.

    Nur Hochzeiten wo Kleid, Location usw. wichtiger wie die Gefühle sind, enden überprobortional häufig in frühen Scheidungen. Nicht repräsentativ, aber subjektiv in meinem Bekanntenkreis.

    Und als ich vor 7 Jahren meinen Partner nach 7 Jahren Beziehung geheiratet habe dachten wir beide, ok jetzt machen wir es eben offiziell, aber es wird sich wenig ändern. Aber am Abend nach der Hochzeit als wir beide in Ruhe auf dem Balkon gesessen haben, hatten wir beide unabhängig voneinander das Gefühl, dass wir jetzt doch noch näher zusammen gehörten und das Gefühl hat bis heute gehalten. Und von uns hat sich zum Glück keiner Aufgeben müssen. Wir sind gemeinsam gewachsen.
    Ich fand es weniger ein Gefühl der Romantik, als ein tiefes Gefühl von Verbundenheit und Verantwortung füreinander. Und Ich hatte nicht das Gefühl mich aufzugeben. Es ist schwer zu beschreiben, aber der Abend zwischen Uns war wichtiger als die Feier.

    Aber die spätere kirchliche Feier mit Kleid, Hochzeitstorte und Freunden und Familie war war auch wichtig, da wir unser Glück mit allen teilen konnten und ja ich gebe es offen zu. Ich fand es toll für einen Tag „Prinzessin“ zu sein. Es war ein Kindheitstraum und ich liebe das Kleid noch heute :) Aber auch ohne dieses Fest wäre unsere Ehe schön. Rituale gehören für mich aber auch zum Leben und es sind einfach schöne Erinnerungen und eine gute Gelegenheit Freunde / Familie einzuladen, die man sonst im Alltag sehr selten trifft.

    Was ich hingegen schlimm finde, wenn sich Paare für die Hochzeit verschulden oder etwas inszenieren was sie selbst nicht sind. Wenn Ich auf eine Hochzeit komme wo das Brautpaar eher gestresst und gehetzt wirkt läuft meiner Meinung nach etwas falsch. Denn es sind doch gerade die nicht perfekten Momente an die man sich später oft erinnert und die ein Fest individuell prägen.

  4. Cassandra sagt:

    Ich verstehe die Idee hinter dem Text (den Konsumterror den meine Vorrednerin anspricht) aber ähnlich wie gosia finde ich das das ganze kritische Potenzial durch die ganzen Klischees/Stereotype verpufft.
    Der Text kommt auch arg heteronormativ rüber: Viele Frauen können/konnten eben nicht davon ausgehen das beispielsweise früher der Vater die Hochzeit ausrichtete oder viele hätten das Drängen der Mutter auf ein professionelles Grafikstudio in Kauf genommen, wenn sie denn überhaupt die Möglichkeit gehabt hätten zu heiraten…

  5. Jules sagt:

    Haha, ich mag deine Freundin P.! :)

  6. Katharina sagt:

    Haha, ich mag deine Freundin P.! :)

    Das wollte ich auch gerade sagen! Leihst du sie mir mal? Meine Freundinnen haben alle klassisch geheiratet (und natürlich ihren Namen abgegeben…). Ich hatte dagegen schon immer Horror vor dem Heiraten, wie auch mein (nicht Ehe-)Mann. Naja, aus praktischen Gründen ist es doch wohl nächstes Jahr so weit, der Staat hat gewonnen. Aber bestimmt nicht in Weiß, und Einladungskarten gibt es gar nicht. Irgendwo muss man ja die Grenze ziehen.

    Barfuß auf dem Acker ist übrigens eine super Idee, bieten das die Hochzeitsveranstalter auch an…?

  7. Miriam sagt:

    Mir ist die Verbindung zwischen Selbstaufgabe und Konsumterror noch nicht so ganz klar… Ich stimme dir absolut zu, dass es eine riesige Hochzeitsindustrie gibt, der sehr viel daran liegt, dass es diesen Wettstreit um den „schönsten Tag im Leben“ gibt. Den gibt es aber auch darum, wer die coolste Party zum 40. Geburtstag macht. Und Konsumterror gibt es auch an Weihnachten, Ostern, Muttertag, Kindergeburtstag, etc.

    In meinem Freundinnenkreis konnte ich allerdings noch nicht beobachten, dass sich jemand aufgegeben hat, weil sie geheiratet hat, aber bei voller Berufstätigkeit lohnt sich in meinem Freundeskreis das Ehegattensplitting meistens schlicht und einfach nicht. Problematisch in dieser Hinsicht ist meiner Meinung nach vielmehr die Geburt eines Kindes und da spielt es auch keine Rolle, ob Trauschein oder nicht, in vielen Fällen ist es die Frau, die plötzlich beruflich zurücksteckt (und dementsprechend Steuerklasse 5 plötzlich attraktiv erscheint). Und das ist nur zum Teil eine selbstbestimmte Selbstaufgabe, teilweise sind es auch einfach gesellschaftliche Strukturen und Erwartungshaltungen, die da massiv mit reinspielen.

    Aber von Heirat in Weiß und Namensänderung abzuleiten, dass das Heimchen am Herd schon vorprogrammiert ist, halte ich für arg stereotyp!

  8. elbu sagt:

    Mir geht es ähnlich wie gosia und Cassandra. Die wichtige und sympathisch vorgetragene Kritik schwächt sich nicht nur durch ihre Klischees selbst, ist nicht nur heteronormativ, sondern scheint auch in einem ökonomisch durchaus privilegierten Milieu angesiedelt. Es ist – Überraschung! – gar nicht so selbstverständlich, dass Leute Geld verdienen.

    Ich bin Ehe und Konsumterror selbst kritisch gegenüber eingestellt. Bin aber auch selbst verheiratet. Wir haben uns zusammen überlegt, wie wir feiern möchten, und das dann auch zu unseren Bedingungen gemacht. Mit Unterstützung der Eltern übrigens, wofür ich dankbar bin. Nicht im Heimatort, ohne Büttenpapier, ohne Kirche, ohne weißes Kleid, ohne irgend eine creepy Übergabe von einem Mann an den anderen. Eine Feier mit Freund_innen und Familien. Eine Party für uns und unsere Liebe (auch wenn’s schmalzig klingt). Geld wurde ausgegeben für Standesamt, Essen, Getränke, ein paar Blumen und Gema-Gebühren. Bis auf die Stadtverwaltung und die Floristin würde ich nichts von dem, was wir bezahlt haben, der „Hochzeits-Industrie“ zurechnen. Will sagen: die Kritik, die im Artikel formuliert wird, teile ich. Aber eine Hochzeitsfeier lässt sich genau so wie eine monogame Paarbeziehung, eine gemeinsame Wohnung, ein Handarbeits-Hobby, etc. pp. selbst aneignen und umformen – wobei man sich natürlich bewusst sein muss, dass das nicht im luftleeren Raum stattfindet, sondern innerhalb bestimmter gesellschaftlicher und Machtstrukturen. Bei den Recherchen in diversen Brautforen überkam mich das kalte Gruseln. Glücklicherweise wurde ich zu solchen Hochzeiten, wie Du sie beschreibst, noch nicht eingeladen. Wohl der, die arme Freund_innen hat?

  9. Katharina sagt:

    Mir geht es ähnlich wie gosia und Cassandra. Die wichtige und sympathisch vorgetragene Kritik schwächt sich nicht nur durch ihre Klischees selbst, ist nicht nur heteronormativ, sondern scheint auch in einem ökonomisch durchaus privilegierten Milieu angesiedelt. Es ist – Überraschung! – gar nicht so selbstverständlich, dass Leute Geld verdienen.

    Wo steht im Artikel, dass das Problem in allen Gesellschaftsschichten auftritt? Oder dürfen wir gar nicht mehr über weiße hetero Mittelschichtsfrauen reden, weil wir dann ganz böse diskriminierend sind? Es gibt hier doch weiß Gott genug Artikel, die sich auch oder nur oder hauptsächlich auf andere Gesellschaftsgruppen beziehen. Ich finde es wenig kritisch, dass sich dieser spezielle Artikel auf diese spezielle Gruppe (nämlich Frauen aus dem Bekanntenkreis der Autorin) bezieht.

  10. Laura sagt:

    Ich finde den Text jetzt auch nicht schlimm, er bezieht sich eben auf eine Erfahrung, die die Autorin so gemacht hat und, offenbar, auch einige Leser_innen gemacht haben. Ausserdem sind Hochzeitsfeiern doch heute gar nicht mehr nur Heteros vorbehalten? Und auch Ikea hat gerade eben gezeigt, wie günstig eine Traumhochzeit gestaltet werden könnte (http://blog.tagesanzeiger.ch/sweethome/index.php/2868/morgen-heiratet-eine-prinzessin/) – für die „perfekte Hochzeit“ und den „schönsten Tag im Leben“ müsste längst nicht mehr ein Vermögen hingeblättert werden.

    Ich hatte aber bei der Hochzeit einer Freundin auch das Gefühl, dass die Familie des Bräutigams (die auch bezahlt hat), hauptsächlich zeigen wollte, was sie hat. Zum Thema Oberflächlichkeit sehr sauer aufgestossen ist mir z.B. vor kurzem das Gala Hochzeitsspecial (http://www.gala.de/lifestyle/trend/78960/Hochzeit-mit-Starappeal.html) und daraus ganz besonders dieser Artikel (http://www.gala.de/beauty_fashion/beauty/102175/Beauty-Countdown-Jetzt-gehts-los.html), in dem suggeriert wird, dass bei der eigenen Hochzeit vorallem eines wichtig ist, nämlich das Aussehen der Braut. Um all diese Tipps, die 8 Monate (!) vor der Hochzeit beginnen, umsetzen zu können, müsste ich meinen Job aufgeben. Aber ich würde dann ja eh heiraten, also was solls :D

    Ich denke auch, dass alles okay ist (oder sein muss), solange die Hochzeit zu den Brautleuten passt. Nur wenn die Traumhochzeit so aufwändig wird, dass sie kaum noch richtig genossen werden kann, dann ist das nicht so mein Fall…

  11. Cassandra sagt:

    @Laura

    „Ausserdem sind Hochzeitsfeiern doch heute gar nicht mehr nur Heteros vorbehalten?“

    Dazu antworte ich mal mit einem entschiedenen jein. ;)
    Bspw.:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Lebenspartnerschaftsgesetz#Rechtliche_Unterscheidung_zur_Ehe

    Ich wollte denn Text auch gar nicht als „schlimm“ oder so darstellen, aber er verallgemeinert, meiner Meinung nach, eine richtige Beobachtung auf alle Frauen und das kann ich so nicht unterschreiben.
    Nicht jede Frau ist dem Konsumterror auf diese Weise ausgesetzt (oder hat überhaupt die finanziellen Mittel dazu, wie elbu auch schrieb).
    Wenn man beispielsweise einfach statt „dass Hochzeiten für Frauen zur konsumfixierten Leistungsschau geworden sind“ sowas wie „dass Hochzeiten für viele Frauen/eine große Gruppe von Frauen … “ schreiben würde, würde das dem Text schon ein Stück weit die Problematik nehmen.

    Ich denke der Feminismus (zu dem ich mich auch zähle) sollte es sich auch zur Aufgabe machen, die Lebensrealitäten von Frauen die nicht oder nur teilweise dem „Mainstream“ angehören nicht unsichtbar zu machen.
    Das ist jetzt in diesem Text natürlich noch harmlos und auch nicht wirklich „schlimm“ (ich bin auch sicher das Susanne für die Homo-Ehe und gegen Heteronormativität ist), aber solche Auslassungen addieren sich und tragen im Kleinen mit dazu bei diskriminierende Strukturen aufzubauen, bzw. das Erfahrungen jenseits des „Mainstreams“ schwerer wahrgenommen und gehört werden.

  12. Anna sagt:

    Wer sich übrigens Interesse daran hat, wie Hochzeitsfeiern abseits des von Susanne beschriebenen Szenarios laufen können, vielleicht Inspiration sucht ;) oder einfach nur schöne Bilder gucken mag, dem/der sei diese Seite empfohlen:
    Offbeat Bride – Altar Your Thinking

  13. Cassandra sagt:

    @Anna

    Cool, ich find das hier ja schick:
    http://offbeatbride.com/2010/05/space-invader-wedding-invitation
    und hübsch minimalistisch. :) Das Design kann man sicherlich auch für Nicht-Hochzeitsanlässe gut verwenden.

  14. Laura sagt:

    @Cassandra: mir gings um die HochzeitsFEIER, nicht um die Ehe(-schliessung) an sich. Die rechtlichen Feinheiten sind mir schon bewusst, auch wenn ich nicht in Deutschland lebe.

    Ich kenne Paare, die eine Traumhochzeit gefeiert haben, ohne wirklich verheiratet zu sein. Deswegen meinte ich, das stünde ja allen offen.