Anonymous oder Susimaus – Geschlecht im Internet

von Helga

Realname oder Nickname, bzw. Spitzname? Seriös oder lustig? Geschlechts­bezogen oder nicht? Wer im Internet unterwegs ist, muss sich viele Gedanken machen, wie er oder sie sich benennt. Zumindest bei der letzten Frage wird oft geraten, als Frau einen möglichst geschlechtsunspezifischen Namen zu wählen. Und das leider nicht ohne Grund.

Laut einer Studie der University of Maryland werden Accounts mit weiblichen Benutzernamen 25 mal mehr böswillige Nachrichten geschickt. Bereits 2006 in Chaträumen durchgeführt, bekamen die Testaccounts jede Menge privater Nachrichten. Als harmlos aussortiert wurden etwa “helo” (hallo) und “care 2 intro” (magst du dich vorstellen). Als böswillig wurden dagegen Nachrichten gezählt, die von “feeling horny” (bist du geil) bis hin zu Drohungen reichten.

Screenshot eines Tweets von Ti_Leo: Ah, ich wurde gesperrt. Google+ macht ernst mit den Echtnamen, scheint es. - 6 minutes ago via HootSuite

Spannend wäre jetzt natürlich eine Untersuchung, die sich mit dem verstärkten Gebrauch von Klarnamen in sozialen Netzwerken beschäftigt. Wenn ihr eine kennt, nur her damit. Wichtig wird eine Diskussion gerade jetzt, weil z.B. Google+ Leute verstärkt zum Klarnamen zwingt und auch die Geschlechtseinstellung öffentlich gemacht hat (man kann immerhin zwischen männlich, weiblich und „anders“ wählen)!

So geht der Trend im Internet immer mehr zu einer Abbildung der Realität. Das Schaffen von Netzidentitäten wird schwieriger, wenn überall die Verbindung zum Offline-Leben durch den Namen gegeben ist. Gleichzeitig werden aber auch die Probleme der Realität mitgenommen. Bisher gab es dagegen Strategien – etwa das wählen eines uneindeutigen Namens, um nicht belästigt zu werden. Diese werden zunehmend eingeschränkt oder sogar verboten, jedoch ohne klare neue Strategien und Auswege. Vermutlich gibt es bei Google nicht mal ein Bewußtsein dafür, dass Userinnen derartigem Sexismus ausgesetzt sind und die Firmenpolitik den noch verstärkt.

All das, was im realen Leben schon nötig ist, wird nun im Internet noch dringender. Das Verbreiten der Einstellung, dass es nicht ok ist, Frauen sexuell zu belästigen. Möglichkeiten, Belästigungen zu melden, dabei ernst genommen zu werden. Für andere Probleme wie Rassismus, Behindertenfeindlichkeit und ähnliches. gilt das genauso. Leider gibt es aber bei Google bisher keine Kampagne, die ihren Feldzug für mehr Öffentlichkeit, explizit um den respektvollen, nicht-sexistischen, nicht-rassistischen etc. Umgang miteinander ergänzt. Die Probleme werden wieder einmal auf die einzelnen Betroffenen abgewälzt und zu deren persönlichen Problemen erklärt. Ändern wird sich so nichts!

Im Internet weiß niemand, dass Du ein Hund bist. Wer aber meint, Dein Geschlecht zu kennen, bringt die ganze Scheiße aus dem realen Leben mit.

(via Liz Henry)




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Eintrag geschrieben: Freitag, 8. Juli 2011 um 12:54 Uhr unter Netz(kultur). RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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25 Kommentare

  1. Nandoo sagt:

    Andererseits dürften sich die Belästiger durch die Klarnamen auch abschrecken lassen, da sie ja wahrscheinlich selbst auch mit ihrem drin stehen. Anonymität geht verloren, somit steigt auch die Hemmschwelle. Ich finds schwierig die Auswirkungen davon abzuschätzen, genauso die Bewertung ob die Tendenz des Verlustes der Anonymität im Internet gut oder schlecht sei. Mit der zunehmenden Verbindung von Reallife und Web ist es nur logisch das auch mehr individuelle Infos ins Netz getragen werden und dieses somit zu einer Art Kopie der echten Welt wird. Man darf auf weitere Entwicklungen gespannt sein.

  2. poetin sagt:

    Genau darum bin ich im englischsprachigen Raum als neutrales „poet“ unterwegs! Beim Weiterklicken auf den Bericht über die Studie habe ich auch prompt die Wiederspiegelung von Sexismus und Rassismus in der westlichen Welt in Form einer absolut unpassenden, aber von Google als passend erachteten Anzeige gefunden:

    http://www.flickr.com/photos/babel-poet/5915341576/in/photostream

  3. […] Ein weiblicher Name – oder die Bekanntgabe des Geschlechts als weiblich – ist ein Magnet für Anmachen und Beschimpfungen und Vergewaltigungsdrohungen im […]

  4. poetin sagt:

    … und am Ende des Artikels geht es genauso weiter: http://www.flickr.com/photos/babel-poet/5915358126/in/photostream

  5. A. sagt:

    Klarnamen kann jeder überall posten und verwenden.
    Auch wenn die wirkliche Person das nicht gewesen ist, wird dadurch ein Zusammenhang mit dieser hergestellt.

    Es gibt genügend üble Menschen, öfters Männer, die das machen.

  6. Thomas sagt:

    Ich habe eine Verständnisfrage und bitte darum sie ernsthaft zu beantworten. Wieso sollen sich Frauen hinter einen Pseudonym verstecken müssen, weil männliche Idioten sie belästigen? Sollten nicht lieber diese Vollidioten rausgeworfen und bestraft werden?

    Mir sind die Statistiken bekannt, nur die Aufforderung an Frauen sind neutrale Pseudonyme zu suchen klingt in meinen Ohren wie die Aufforderung sich zu verkleiden, um nicht als Frau aufzufallen. Dabei ist es doch gar nicht die Verantwortung der Frau dafür zu sorgen nicht belästigt zu werden.

  7. Was ich nicht so ganz verstehe ist, woher will Google oder Facebook wissen ob „Jeena Paradies“ mein richtiger Name oder nur ein Internet-Pseudonym ist? Ich bin seit ca. 2002 im Netz unterwegs und konnte bisher einigermaßen gut meinen Realnamen da raushalten, nur ab und zu gibt es eine Zeitung die ihn ungefragt im Netz veröffentlicht oder die Uni oder eine Firma.

  8. side-glance sagt:

    Habe mit Freundinnen schon vor 12 Jahren regelmäßig Leute in Chats verarscht, die uns irgendwie sexuell belästigen wollten. Nach dem großen Schock richtig übler Nachrichten kam die Erkenntnis, dass das leider Alltag ist und dann das Bedürfnis sich zu wehren. Sehe das mit dem Realnamen jetzt echt kritisch. Wüsste nicht, wie ich mich gefühlt hätte, wenn ich damals schon überall meinen echten Namen hätte angeben sollen, denn manche Situationen haben echt Angst gemacht und da war es immer beruhigend zu wissen, dass man sich hinter einem Pseudonym versteckt.

  9. Helga sagt:

    @Thomas: Das Frauen sich im Internet nicht verstecken müssen, fände ich besser – aber im Moment ist es fast das einzige, was sie tun können. Der Sexismus im Internet ist ja da und z.B. Google tut nichts dagegen, sondern nimmt diese Möglichkeit. ich habe heute leider kaum Zeit, aber ich denke, dass ist eine Entwicklung, die man kritisch begleiten muss.

  10. Thomas sagt:

    @Helga: Wie oben schon angesprochen, gilt die Benutzung der Realnamen für alle. Die Idioten müssen also auch mit ihrem Realnamen agieren und können sich nicht hinter Pseudonymen verstecken. Mir kommt jetzt das Bild einer hellerleuchteten Straße im Gegensatz zu einer dunklen Straße in den Sinn.

    Viel schwieriger ist es für mich zu verstehen, wieso sich bei Google+ die Sichtbarkeit des Geschlechts nicht einschränken lässt. Alle Angaben im Profil können versteckt werden, mit dieser Ausnahme.

    Randall Munroe (xkcd) hat sich auch so seine Gedanken darüber gemacht:
    https://plus.google.com/111588569124648292310/posts/SeBqgN9Zoiu

  11. KkLea sagt:

    @poetin
    Hm, also ich bekomme dort keine solche Werbung. Aber Google personalisiert seine Werbung anhand bei Dir gespeicherter (Flash-)Cookies, wo Du sonst rumgesurft bist (google-analytics), dem eingeloggten Google-Konto …
    Probier mal wenn Du Firefox benutzt Erweiterungen wie:
    https://addons.mozilla.org/en-US/firefox/addon/ghostery/
    https://addons.mozilla.org/en-US/firefox/addon/cookieculler/
    oder
    https://addons.mozilla.org/en-US/firefox/addon/betterprivacy/

    Bei mir wird übrigens Werbung für Kredite ohne Schufa angezeigt… rein aus dem Gefühl halte ich die nicht auf mich personalisiert.

  12. […] yesterday I was reading a feminists blog post Anonymous oder Susimaus – Geschlecht im Internet (I'm sorry it's in German, you could try the Google translation if you do not understand German) […]

  13. Janina sagt:

    Ich werde Google+ sowieso ignorieren, solange es geht. Die Klarnamen-Geschichte zeigt auch, dass sie in erster Linie eins wollen, nämlich unsere Daten NOCH besser verkaufen können als z. B. Facebook es bereits tut. Und das in Kombination mit allem, was ich sonst noch bei Google eingebe, na danke…

    Thomas trifft aber, finde ich, den Nagel auf den Kopf. Das Ganze geht durchaus ein wenig in die Richtung „Hätte sie mal keinen kurzen Rock getragen“. Helga hat natürlich auch Recht. Ebenso wie es mancherorts riskant sein kann, einen kurzen Rock zu tragen, kann es riskant sein, einen weiblichen Nick zu benutzen. Ich z. B. gebe mich auch ungern gleich als Frau zu erkennen (außer auf dieser schönen Oase hier!).

  14. Ich würde es mir ziemlich langweilig vorstellen, als „geschlechtsneutrales“ Wesen im Netz unterwegs zu sein. Allerdings glaube ich, man kann sich mit etwas Klickübung die unliebsamen Leute auch ausfiltern bzw. sich in dieser Hinsicht ein dickes Fell zulegen. Sicher ist das ungerecht gegenüber denen, die das nicht brauchen, weil sie männlich sind. Aber so ist es nun mal.

    Für mich als Leserin wiederum ist es auch eine interessante Information, ob jemand weiblich oder männlich ist, weil ich nicht an „objektive“ Positionen glaube. Mich interessiert einfach besonders das politische Denken von Frauen, und daher fände ich es schade, wenn diese Information aus dem Netz verschwinden würde.

  15. PS: Wobei ich aber denke, die Angabe muss freiwillig sein. Also Goole+ braucht neben der Option „anderes Geschlecht“ auch die Option „keine Angabe“.

  16. Helga sagt:

    @Janina: Leute zur Angabe eines Geschlechts zu nötigen, ist für mich eher wie Frauen vorzuschreiben, sie könnten nur noch kurze Röcke tragen und das geht einfach nicht.

    @Thomas: Das mit Realnamen ist auch so eine Sache, auch dahinter kann man sich verstecken. Maria Meier und Thomas Müller etwa haben das einfach.

    Ich habe das hier nur kurz anreißen können, dahinter stecken aber noch viel tiefgreifendere Fragen. Was ist, wenn mein Name sehr ungewöhnlich ist und Google mir nicht glaubt (bei Facebook oft passiert)? Wie wird dann am Ende alles verifiziert? Google und Facebook erlauben sich ja auch, mein „Ich-sein“ und meine Echtheit an diversen anderen Dingen festzumachen. Von wo aus ich mich einlogge etwa.

  17. Der göttinger sagt:

    Nun, dazu könnte man folgenden vergleich ziehen — um belästigung in einer umkleide einzudämmen, was ist besser? blickdichte, geschützte, abgetrennte bereiche oder offene einsehbarkeit von allen seiten?

    Ich wäre eindeutig für die einsehbarkeit.

  18. Der göttinger sagt:

    @antje
    mit der weiblichen rolle gehen auch vorteile einher

    je nach situation wollen frauen auch weibliche person sichtbar sein, um diese diviende einfahren zu können, in RL ebenso wie virtuell

  19. Angelika sagt:

    vielen dank Helga.

    leider ist die studie ja von 2006. ich fände es interessant, wenn da etwas aktuelleres käme, denn i.d. letzten jahren gibt es ja immer/mehr web-nutza.

    FYI/zK, bei geek-feminism habe ich dies gefunden mit links – englisch :
    http://geekfeminism.org/2011/07/08/anti-pseudonym-bingo/

    ebenda noch/mal eine zusammenfassung von merkmalen, was denn ein „feminist-informed social network“ haben sollte – englisch :
    http://geekfeminism.org/2011/07/08/social-networking-requirements/

  20. GodsBoss sagt:

    @Helga: Als Geschlecht kann man auch „Sonstiges“ angeben, aber öffentlich ist es tatsächlich immer, ich habe gerade nachgeschaut. Auf was anderes als „Alle im Web“ (also öffentlich) kann man es nicht einstellen. Wer also nicht als männlich/weiblich erkannt werden möchte, dem bleibt nur die Flucht in „Sonstiges“.

  21. Helga sagt:

    @GodsBoss. Ja, das mit dem Sonstigen steht auch im Text und ich habe auf das FAQ von Google selbst verlinkt, in dem das „muss öffentlich sein“ steht. Wer jetzt z.B. Julia heißt, die wird aber auch mit uneindeutiger Geschlechtsangabe leicht einsortiert.

  22. lasterfahrer sagt:

    was soll es bringen einen realnamen zu verlangen wenn ich einen gefakten realnamen benutze? die konsequenz daraus ist das eine kontrolle her muss um zu prüfen ob der name den ich angebe auch wirklich mein name ist. gut das es da den neuen computer lesbaren personalausweis gibt. das wär perfekt, um überhaupt noch das internet benutzen zu dürfen muss sich mit dem ausweiszeigen der zugang freigeschaltet werden.

  23. Angelika sagt:

    p.s. und z.K. – hier wird G+ diskutiert und der aktuelle stand berichtet – englisch :
    http://geekfeminism.org/2011/07/10/the-status-of-pseudonymity-and-privacy-on-google/

  24. Timo Reitz sagt:

    Aus dem Namen kann man sicher weiterhin in vielen Fällen das Geschlecht ableiten, aber es wird wohl bald einstellbar sein, wer es direkt sehen darf:
    Etwas mehr Privatsphäre

    Vielleicht gibt es das ja auch irgendwann für Namen, so dass nur diejenigen, denen man das erlaubt, den Realnamen sehen dürfen.

  25. […] Mädchenmannschaft ~ Anonymous oder Susimaus – Geschlecht im Internet (German) /* */ I don't want to use my real name […]