Anonym sucht Job
von BarbaraIn dieser Kolumne werden die politischen Aktivitäten der Bundesregierung rund um das Reizthema „Frauenpolitik” kritisch betrachtet, das sich zumeist hinter der Familienpolitik verstecken muss.
„Eine Frau. Ach, die kriegt sicher ein Kind. Absagen.“ – „Der Name klingt irgendwie ausländisch. Das gibt sicher Ärger. Absagen.“ Auch wenn das Allgemeine Gleichstellungsgesetz vorsieht, dass niemand aufgrund seines Geschlechts, seines Alters, seiner Religionszugehörigkeit oder sonst etwas im Arbeitsleben benachteiligt werden darf, gibt es das natürlich trotzdem. Eine Studie des Bonner Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) und der Universität Konstanz zeigt etwa, dass Bewerbungen von Menschen mit türkischen Namen deutlich benachteiligt werden.
Nun starten fünf Unternehmen in Deutschland einen Versuch: Anonyme Bewerbung. Ab September wird in den Personalabteilungen von der Deutschen Post, der Deutschen Telekom, bei L’Oréal, Mydays und Procter & Gamble nur noch nach der Qualifikation geurteilt. Eine Idee, die es im Ausland schon länger gibt. In den USA etwa werden Bewerbungen anonymisiert bis auf die Angaben zu Name und Aufenthaltsstatus. Das Projekt wird vom BUND unterstützt: „Wir wollen Menschen eine Chance geben, die sonst womöglich nie zum Vorstellungsgespräch eingeladen würden“, sagte Christine Lüders, Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes und Initiatorin des Projekts.
Der Arbeitgeberverband BDA freut sich nicht. Durch die Anonymisierung würden alle Bemühungen von Unternehmen, eine Belegschaft vielfältig zusammenzustellen, zunichte gemacht werden. Weder können Frauen gezielt eingeladen werden noch Menschen mit ausländischer Herkunft. Klar, dass ein solcher Vorstoß auch mit der Quote nicht unter einen Hut zu bringen ist.
Aufgebrochen wird die Anonymität einer Bewerbung, die Reduktion auf die Qualifizierung, natürlich beim Vorstellungsgespräch. Da kann es schon passieren, dass aufgrund von Äußerlichkeiten eine Entscheidung gefällt wird, die rein auf faktischer Ebene anders entschieden worden wären. Natürlich könnte man während des Vorstellungsgesprächs hinter einem Vorhang sitzen. Das gibt es nämlich auch, viele Orchester-Chefs lassen ihre Neuzugänge aus einem Versteck heraus vorspielen, um sich so ausschließlich auf die Musik konzentrieren zu können. So könnte auch ein Personalchef nur aufgrund eines Bewerbungsschreibens und einer Stimme entscheiden, wie er eine Stelle besetzt. Aber ist das wirklich eine gute Idee?
Ich denke, dass alle Versuche, die Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt zu stärken, lobenswert sind. So hilft auch die Idee der anonymisierten Bewerbung, die erste Hürde bei einer Bewerbung so auf ein Terrain fern der Diskriminierung zu rücken. Die Utopie einer Welt, in der solche Vehikel nicht mehr nötig sind, möchte ich mir aber dennoch nicht aus dem Kopf schlagen.
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Eintrag geschrieben: Donnerstag, 2. September 2010 um 8:46 Uhr unter Alltag, Frauenfakten, Working Girl. RSS 2.0. Kommentieren. Trackback.







Hallo,
die Süddeutsche hat die Ablehnung seitens BDA (und auch Verband der Familienunternehmen) sehr schön eingestuft: http://www.sueddeutsche.de/karriere/anonyme-bewerbung-ohne-vorurteile-geht-es-nicht-1.984750http://www.sueddeutsche.de/karriere/anonyme-bewerbung-ohne-vorurteile-geht-es-nicht-1.984750.
Viele Grüße
Ist ja schon fast putzig, dass ein Arbeitgeberverband gegen ein Instrument argumentiert, weil das ja die Umsetzung einer Quote und gezielte Frauenförderung verhindern würde… Wo doch die ArbeitgeberInnen seit Jahren für die Quote kämpfen, das weiß man ja!
Das verstehe ich dann so, dass aus ArbeitgeberInnensicht die Quote ein geringeres Übel wäre als eine anonyme Bewerbung? Ich bin auf jeden Fall sehr auf die Ergebnisse des Pilotprojekts gespannt.
Hey, cool (und lustig, weil ich gerade gestern noch mit meiner Schwester diskutiert habe, warum wir hier nicht wie in den USA auch anonymisierte Bewerbungen haben… :) )!
Das Argument, dass dann “die Vielfalt” abhanden kommt in den Unternehmen ist ja irgendwie irrwitzig, oder? Das geht ja quasi davon aus, dass Frauen, AusländerInnen etc. sowieso nur aus Barmherzigkeit eingestellt werden, und sie sonst eigentlich komplett unterqualifiziert wären (um das mal provokant auszudrücken).
Ich finde die Idee der anonymisierten Bewerbungen jedenfalls ziemlich gut und würde sowas auch in Österreich begrüßen.
Wenn ich kurz krümelkacken darf: Es heißt Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz und nicht jedes Merkmal ist von Diskriminierung ausgeschlossen. Sprache z.B. nur indirekt (Muttersprachenkenntnisse dürfen bspw. nicht mehr verlangt werden), soziale Herkunft/Zugehörigkeit, Körper, usw. auch nicht.
Die Kritik des BDA ist ja wirklich entlarvend und peinlich.
Würde in Deutschland nicht funktionieren, man könnte zumindest in 90% der Fälle sehen ob im Lebenslauf Zivi oder Wehrpflicht angegeben wurde….das wird dann schonmal keine Frau sein. Und Lebenslauf ist ja ein Muss und da kann man ja nicht bliebig irgendwelche Zeiten verschwinden lassen.
Auch den Namen muss man ja angeben und dann sieht man ja ob Deutscher oder Mitbürger mit Migrationshintergrund.
Fazit: In Deutschland völlig ungeeignet
@madeleine
Das Problem ist doch gerade, dass in einen Lebenslauf Angaben hinein sollen, die mit der fachlichen Anforderung des in Aussicht stehenden Jobs rein gar nichts zu tun haben. Natürlich würde in diesem Fall auch die Angabe zur Wehrpflicht, Zivi usw. wegfallen, insofern sie nicht erforderlich für das Profil ist.
Bei anonymisierten Bewerbungen werden selbstverständlich auch die Namen entfernt, die oft Diskriminierungsgrund sind, bspw. bei “ausländisch klingenden” Namen.
Worum das in Deutschland nicht funktionieren sollte, in anderen Ländern aber schon, verstehe ich nicht.
Namen weglassen ist ja einfach und sinnvoll, so wird das ja auch schon in Frankreich erfolgreich eingesetzt.
Aber solange in Deutschland bei Männern noch Wehr- und Ersatzdienstszeiten die Regel sind, stell ich mir das eher schwierig vor. Dann entstehen ja plötzlich “verdächtige” Lücken im Lebenslauf. Oder lässt man Alter und Jahreszahlen auch weg?
Den Wohnort oder den Ort wo man Schulen besucht hat, weil es sich dabei vielleicht auch um Problemviertel handeln könnte?
Ich würde gerne mal beispielhaft so einen anonymisierten Lebenslauf sehen. Das fände ich echt spannend.
Seit fast 10 Jahren werden junge Männer die T3 oder schlechter gemustert wurden nicht mehr eingezogen. Ich hab jetzt keine Zahlen aber das muss auf eine ganze Menge zutreffen. Von daher bedeutet das Fehlen von Wehrpflicht/Zivildienst häufig nicht, dass es sich um eine Frau oder jemand mit anderer Staatsbürgerschaft handelt.
@Judith
Ich könnte mir hier vorstellen, dass Lebensläufe umstrukturiert werden, also nicht mehr chronologisch, sondern fachbezogen, d.h. nur noch die Angaben getätigt werden, die für die Jobanforderung relevant sind bzw. der/die Bewerber_in für relevant hält. In US-amerikanischen Lebensläufen ist das ähnlich.
Fragen können dazu immernoch im Bewerbungsgespräch gestellt werden.
@Judith, madeleine
Klassische Lebensläufe dürften doch in einer anonymisierten Bewerbung sowieso nicht zu finden sein. Gerade auch um Diskriminierung aufgrund des Alters unmöglich zu machen. Und ehrlich, was macht es denn bei der Vorauswahl für einen Unterschied, ob ich mein Diplom mit 23 oder mit 46 Jahren gemacht habe? Wichtig ist schließlich die Uni und die Note.
PS: Ich habe übrigens irgendwie nicht ganz verstanden, was der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) mit dem Thema zu tun hat?
Dieses anonymisierte Bewerberverfahren ist nichts weiter als ein möglicher Türöffner zum Berwerbungsgespräch für angeblich diskriminierte Ethnien, Gruppen was auch immer.
Der Arbeitgeber hat auch weiterhin alle Möglichkeiten, ungewollte Bewerber nach einem Gespräch abzulehnen, egal aus welchen Beweggründen.
Dieses Verfahren erschwert die Personalsuche für die Arbeitgeberseite, da sich gewünschte Bewerber dann nicht mehr einfach heraus filtern lassen.
ZB wenn eine Firma im Geiste des momentan modischen Diversity Management explizit eine Frau, Mann, Migrant, halt je nachdem, einstellen möchte, kann es zB passieren, dass nur Bewerber zum Bewerbungsgespräch eingeladen werden, die eben überhaupt nicht den Vorstellungen des Arbeitgebers entsprechen.
Werden diese alle abgelehnt, trotz Befähigung, ist es scheinbar Diskriminierung, obwohl es ja eigentlich eine Missachtung der Wünsche des Arbeitgebers darstellt.
Sucht man neue Bewerber, erhöht dies die Kosten, sowie die Dauer der Suche, während dessen eine benötigte Arbeitskraft fehlt.
Imho ist solch ein Vorgehen nur ein Feigenblatt, ohne wirklichen Nutzen, ausser für eine Gruppe, aber es passt perfekt in die heutige “progressive” Zeit, die sich selbst bereits überlebt hat, ohne es zu merken.
“Echte” Probleme wie Spekulation auf Nahrungsmittel, neoliberale Abzocke, Abschaffung des Staates, Finanzrambos, Verminderung der Bürgerrechte usw usf werden weiterhin missachtet, auch mit grosser Unterstützung der Bilderberger in Grün und Rot.
Von daher ist es kontraproduktiv und hilft am ehesten Frauen, aber nicht Migranten mit türkischen Namen, wie im Artikel angesprochen.
Hier noch eine recht interessante Studie aus dem hier so allseits geliebten Schweden.
http://www.ifau.se/upload/pdf/se/2007/wp07-31.pdf
Insbesondere der letzte Satz des Abschnitts 5.3.3. wird hier wohl einigen sauer aufstossen.
Ich habe gerade ziemlich viele Bewerbungen in den USA geschrieben und auch ein paar Bewerbungsgespräche hinter mir. Was ich dazu sagen kann: Ja, es gibt kein Foto, kein Geburtsdatum, keinen Geburtsort etc.
Aber natürlich ist durch den Namen einigermaßen ersichtlich, woher der Kandidat kommt; durch die angegeben Daten kann man sich ungefähr ausrechnen, wie alt der Bewerber/in ist.
Ein interessantes Kommentar , was mir gerade ein guter Bekannter per E-Mail schickte…
“Dass Frauen weniger verdienen als Männer ist ganz logisch. Wirst du auch erfahren wenn du ins Berufleben kommst Erstens kann man Frauen nicht alles machen lassen (wie z.B. schwere Sachen schleppen) und zweitens werden Frauen schwanger, was dann später für den Arbeitgeber eine Stange Geld kostet.”
In Frankreich und den USA gibt es anonyme Bewerbungen tatächlich schon lange? Ich halte diesen Versuch für äusserst vielversprechend. Allerdings dürften sich die Wehrdienstpflicht, bzw. der Zivildienst tatsächlich als Belastungsprobe herausstellen.
Die Arbeitsmärkte kenne ich wirklich in und auswendig- doch dass in Frankreich und den USA anonyme Bewerbungen bereits an der Tagesordnung sind, wusste ich nicht! Da muss ich mal meine Bekannte in Kalifornien fragen. Wird das in diesen Ländern bereits schon auf breiter Ebene praktiziert? Und wenn ja: Gibt es dazu weiterführende Berichte oder Untersuchungen, Studien?
Anonyme Bewerbungen bzw. Bewerbungen, die keinen Aufschluss auf Rasse, Geschlecht usw. aufkommen lassen sollen, sind in den USA zumindest an der Tagesordnung.
Bewerbungen mit Foto oder Geburtsdatum sortieren die Firmen selbst aus, um sich keine Klagen wegen des Antidiskriminierungsgesetzes einzufangen.
Für mich scheint es als ob durch anonyme Bewerbungen (vordergründig) Chancengleichheit geschaffen wird. Doch wird am eigentlichen Problem, dem der fehlenden Bildungsgerechtigkeit nichts geändert. Eine fehlende Bildungsgerechtigkeit finde ich ebenso diskriminierend wie z.B. Rassismus. Bernstein hat schon vor Ewigkeiten festgestellt, dass anhand der Sprachsozialisation durch die Familie das “unterschicht” Kind in der Schule andere Bildungschancen zugeschrieben bekommt als das “mittelschicht” Kind. Anonymisierte Bewerbungen versuche ledig die Chancen derjenigen anzugleichen, die es sowieso schon geschafft haben. Ich bin eine Frau, habe Migratinshintergrund, bin alleinerziehende Mutter… und würde niemals einen Job annehmen, den ich nur anonymisiert bekomme. Wer mich nicht so nimmt wie ich bin, hat mich nicht verdient, finde ich.
Nun genug zu meiner Meinung… einen schönen Tag Euch noch.