Annäherung an Alma Mahler-Werfel

von Barbara
Dieser Text ist Teil 20 von 78 der Serie Die Feministische Bibliothek

Geboren Ende des 19. Jahrhunderts in Wien als Tochter des bekannten Malers Emil Jakob Schindler galt Alma Schindler als “das schönste Mädchens Wiens”. Sie war verheiratet mit dem Komponisten und Dirigenten Gustav Mahler, dem Architekten Walter Gropius sowie dem Dichter Franz Werfel. Einige andere bekannte Künstler wie Gustav Klimt oder Oskar Kokoschka zählten auch zu ihrem intimen Bekanntenkreis. Leichtfertig könnte man sie als hübsche Muse des Who-is-Who eines ausgehenden Jahrhunderts zählen, zu dessen künstlerischen Zentren die österreichische Hauptstadt auf jeden Fall gehörte. Doch Alma Mahler-Werfel komponierte selbst und schrieb und unterstützte das Schaffen ihrer Männer tatkräftig.

Alma Mahler-Werfel fasziniert die Geschichtsschreibung ebenso wie ihre Fans zu Lebzeiten und posthum. Neben der Autobiografie “Mein Leben” möchte ich besonders das relativ neue Werk “Witwe im Wahn. Das Leben der Alma Mahler-Werfel” von Oliver Hilmes empfehlen. In seinem 2004 veröffentlichten Buch widmet sich Hilmes nämlich auch einer bislang verborgen gebliebenen Seite von Mahler-Werfel: ihrem Antisemitismus, der ihr Denken bis zuletzt prägte. Zwei ihrer Ehemänner, Mahler und Werfel, waren jüdischer Abstammung.

Hier kommen einige höchst spannende Dinge zusammen: eine kreative Frau, eingesperrt in das bürgerliche Korsett ihrer Zeit. Der Fluchtweg scheint die Ehe mit einem Mann zu sein, der auch kreativ ist. Doch die Ehe war die Traufe nach dem Regen der Familie – sie schränkte das Freiheitsbewusstsein Alma Mahler-Werfels erneut ein. Als kämpferischer Geist gab sie sich aber damit nie zufrieden. Sie hätte mehr an ihrer eigenen Legende gearbeitet als an den Legenden der Männer an ihrer Seite, wird ihr vorgeworfen. Ein unzulässiger Vorwurf, finde ich.

Einige Auszüge:

Für eine junge Frau am Ende des 19. Jahrhunderts war das Erwachsenwerden mit ganz anderen Problemen verbunden, als sie heutzutage von Mädchen erlebt werden. Regelmäßiger Utnerricht, eine mit dem Abitur abgeschlossene Schulbildung oder gar ein Studium an der Universität waren für Mädchen damals praktisch undenkbar. … Schon früh stellte sie bei sich einen Mangel fest, worunter auch ihre späteren Partner erheblich zu leiden hatten: Ich kann nichts ganz ausdenken! Ich möchte eine große That thun. Möchte eine wirklich gute Oper componieren, was bei Frauen wohl noch nie der Fall war. …Die Neunzehnjährige glaubte, dass Frauen keine Genies sein können, weil sie zu wenig geistige Tiefe und philosophische Bildung haben. An anderer Stelle wünschte sie sich: Ach – nur ein Mann sein!

Bei Alma diente Judenfeindschaft als ihr hochwirksames Machtinstrument … lag für sie in der jüdischen Abstammung einer Person die Möglichkeit, dagegen ihre eigene “arische” Überlegenheit auszuspielen. Die “rassische” Herkunft eines Menschen war für Alma dessen wunder Punkt, seine Achillesverse. Hier wird etwas sichtbar, das für Almas ganzes Leben charakteristisch bleibt und in ihren Tagebüchern immer wieder deutlich hervortritt: ihr Wille zur Macht, ihr extrem ausgeprägtes Bedürfnis, andere Menschen, insbesondere Männer, zu unterdrücken und klein zu halten.

Ihre Beziehung zu Mahler hat sich trotz gelegentlicher Aufhellung auf ein mehr oder weniger gleichgültiges Nebeneinander eingependelt, das fast nur noch – und darin ist diese Verbindung typisch für die bürgerliche Ehe des beginnenden 20. Jahrhunderts – der äußeren Repräsentation dient.

“Witwe im Wahn. Das Leben der Alma Mahler-Werfel” von Oliver Hilmes ist bei btb erschienen. 480 Seiten, kartoniert, 10 Euro.

ANZEIGE:
Das Buch über diesen Link zu bestellen unterstützt die Mädchenmannschaft.

libri Witwe im Wahn jetzt bestellen




Tags: ,

Eintrag geschrieben: Dienstag, 18. November 2008 um 11:46 Uhr unter Kultur. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



Anzeige



17 Kommentare

  1. crashintoahouse sagt:

    dass diese frau antisemitin war, ist offensichtlich kein grund für die autorin, kritische töne anzuschlagen.
    schlimmer noch, die mahler-werfel wird regelrecht bejubelt.

    wie glaubwürdig ist denn bitte ein feminismus, der das geschlecht vor das menschsein stellt? unerträglich, diese undifferenzierte gutfinderei.

    nein, nein. das ist nicht der feminismus.

  2. Susanne sagt:

    @ crashintoahouse: Hä?! Was genau an dem Text hab ich jetzt überlesen, dass ich nicht wie du finden kann, dass hier A. M.-W.s Antisemitismus “bejubelt” wird, wie du schreibst. Er wird aufgezeigt und anhand von Zitaten belegt und interpretiert. Das ist wertneutral. Und sollte bitte auch so gelesen werden. (Du drehst dir da was zurecht – vielleicht, um den Feminismus mal wieder ganz allgemein als Mist zu beschimpfen? Biste hier an der falschen Stelle, kannste woanders im Internet machen.)

  3. crashintoahouse sagt:

    diese reflexhafte annahme, ich sei antifeministin, weil ich ne kritik übe, war zwar erwartbar, is aber trotzdem zum kotzen.

    Hier kommen einige höchst spannende Dinge zusammen: eine kreative Frau, eingesperrt in das bürgerliche Korsett ihrer Zeit. Der Fluchtweg scheint die Ehe mit einem Mann zu sein, der auch kreativ ist. Doch die Ehe war die Traufe nach dem Regen der Familie – sie schränkte das Freiheitsbewusstsein Alma Mahler-Werfels erneut ein. Als kämpferischer Geist gab sie sich aber damit nie zufrieden. Sie hätte mehr an ihrer eigenen Legende gearbeitet als an den Legenden der Männer an ihrer Seite, wird ihr vorgeworfen. Ein unzulässiger Vorwurf, finde ich.

    wo das wertneutral ist, bleibt mir unklar. das ist doch ganz unverhohlen positiv. ne kritische auseinandersetzung mit ner frau, die ner menschenverachtende ideologie anhing, kann ich nirgends entdecken.

  4. Susanne sagt:

    Gut, is dann deine Meinung. Kann man aber auch ohne “kotzen” und Co. ausdrücken. Und schön, dass du das dann auch schon vorher “erwartet” hast.

  5. crashintoahouse sagt:

    das ist nicht “meine meinung”, pro- und anti-humanismus sind nicht diskutierbar und antisemitInnen vorzustellen, ohne wenigstens einen kritischen kommentar zu ihrem weltbild, ist extrem fragwürdig.

    und: diesen “ich hab meine meinung, du deine meinung”-mist in stellung zu bringen, gegen meine berechtigte kritik, finde ich armselig.

  6. Schnatterinchen sagt:

    Meine Großmutter war auch so eine 1a-Arier-Schnecke: klug, schön, emanzipiert, selbstbewusst, kämpferisch, kreativ und…

    …glühende Antisemitin. *grusel*

  7. Barbara sagt:

    Hallo in die Runde. Dass Antisemitismus etwas ist, mit dem ich und alle anderen hier auf dieser Website nichts zu tun haben wollen, ist selbstverständlich. Was ich an Alma Mahler-Werfel interessant finde, ist, wie oben beschrieben: Sie wurde jahrzehntelang quasi als Muse-Ikone präsentiert, auch gesteuert durch sie selbst. Dass sie eine große Portion Antisemitismus in ihrem Denken und Handeln hatte, wurde zumeist unter den Tisch gekehrt. Auch gesteuert durch sie selbst. Nun wirft das oben genannte Buch darauf ein anderes Licht. D.h., wir haben diese Muse-Ikone, die aber eine Menge Dinge geschrieben, gesagt und getan hat, die einem sauer aufstoßen können. Das steht übrigens auch alles in meinem Text.

    Feminismus bedeutet, einen Menschen nicht aufgrund seines Geschlechts zu bejubeln, sondern ihn immer auch kritisch zu hinterfragen. Aber einen Menschen nicht auf eine negative Seite reduzieren, gehört auch dazu. Alma Mahler-Werfel hat niemanden ins KZ gesteckt, sondern – so erfährt man in oben genanntem Buch – auf der jüdischen Herkunft ihrer Ehemänner herumgehackt. Wie Schnatterinchen bestätigt … Sie war ein freiheitsliebender Mensch und wohl auch ein Kind ihrer Zeit.

  8. Neeva sagt:

    Ähem. Ich hätte gedacht, dass es reicht darauf hinzuweisen, wenn jemand antisemitisch ist/war. Für mich ist selbstverständlich, dass das negativ ist und man nicht noch extra betonen muss, dass man das ablehnt.

    Ich stell mir gerade vor, ich beschimpfe jemanden als A..loch und füge dann an “Ich finde A…löcher schlecht.”

  9. Susanne sagt:

    @ Neeva: Ja, dachten wir bis zum ersten Kommentar da oben auch.

  10. Schnatterinchen sagt:

    “Feminismus bedeutet, (…). Aber einen Menschen nicht auf eine negative Seite reduzieren, gehört auch dazu. Alma Mahler-Werfel hat niemanden ins KZ gesteckt, sondern – so erfährt man in oben genanntem Buch – auf der jüdischen Herkunft ihrer Ehemänner herumgehackt. Wie Schnatterinchen bestätigt … Sie war ein freiheitsliebender Mensch und wohl auch ein Kind ihrer Zeit.”

    Barbara, ich fand meine Großmutter allerdings wirklich gruselig in ihrer herrschsüchtigen Art und verblödeten Nazibegeisterung. Wenn das stimmt, was Du bzw. Oliver Hilmes über Mahler-Werfel schreib(s)t, dann hatte MW anscheinend nicht alle Tassen im Schrank. Ich finde es schwer, wenn nicht unmöglich, jemanden losgelöst von rassistischen Wahnvorstellungen wertzuschätzen oder gar zu bewundern. Es entstammt doch alles ein und derselben Person. Wenn es um weibliche Vorbilder geht, die alle Attribute von MW abzüglich ihres Antisemitismus aufweisen, so wird man doch ganz sicher fündig. So aber entsteht bei mir der Eindruck, als sollte katastrophales Denken und Handeln einer Frau relativiert werden, um sie in ihrer Funktion als identitätsstiftende feministische Projektionsfläche (siehe Tag “Ikone”) zu “retten”. Warum in Gottes Namen “1a-Schnecke”?!

  11. Mit ihrem Antisemitismus war AMW ein Kind ihrer Zeit und in guter Gesellschaft. Gab es damals überhaupt irgend einen (nicht jüdischen) Künstler, Schriftsteller etc. männlichen oder weiblichen Geschlechts im deutschsprachigen Raum, der nicht eine antisemitische Einstellung hatte?

  12. Judith sagt:

    mir kam barbaras text auch sehr differenziert vor.
    die tags haben mich allerdings auch irritiert. hätte nämlich angenommen, dass antisemitismus (auch in der harmlosen, nicht-kz-aufseherin-variante) ein ausschluss-kriterium für’s 1a-schnecken-dasein ist.

    und von wegen “kind ihrer zeit”: mit dem argument hat man später viele alte nazis entschuldigt, die – mei, die armen – opfer ihrer zeit waren. das gefällt mir gar nicht.

    alternativ kann ich meine oma bieten. ;-) die ist zwar weder künstlerin noch prominent. aber sie hat es trotz der “kind ihrer zeit”-geschichte geschafft das dritte reich als anti-nazi und ohne anti-jüdische ressentiments zu überleben. weil: ja, das geht auch.
    nebenbei ist sie zu einer selbstbewussten, emanzipierten frau geworden, die sowohl mit ihrem beruf als auch mit ihren vier kindern glücklich geworden ist.
    und klar, sie hat sicherlich auch ihre negative seite. sie kann schrecklich stur und stolz und anstrengend sein.
    aber das prädikat “1a-schnecke” hat sie – und zwar ohne beigeschmack – definitiv verdient.

  13. access denied sagt:

    “Gab es damals überhaupt irgend einen (nicht jüdischen) Künstler, Schriftsteller etc. männlichen oder weiblichen Geschlechts im deutschsprachigen Raum, der nicht eine antisemitische Einstellung hatte?”

    Karl Kraus zum Beispiel

  14. Susanne sagt:

    Die “1a Schnecke” haben wir jetzt mal rausgenommen, danke für euer Feedback!

  15. Schnatterinchen sagt:

    Und ich habe gerade das Buch bestellt, weil Ihr mein Interesse an dieser Person geweckt habt! :-)

  16. Barbara sagt:

    … also nur noch zur Erklärung: 1-a-Schnecke war insofern differenziert gemeint, als dass Alma Mahler-Werfel bis zu diesem Buch in meinem Kopf als absolute 1-a-Schnecke gespeichert war. Doch ihre antisemitische Einstellung passt dazu nicht. Demnach ist der Tag wieder weg.

  17. Amy sagt:

    Ich glaube, dass Alma Mahler-Werfel sehr unglücklich war über die frühen diskriminierenden worte ihres ehemannes “die rolle des komponisten fällt mir (mahler) zu …,deine ist die der liebenden gefährtin.” Sie hatte ihre karriere für ihren ehemann aufgeben müssen. Das finde ich wenig beglückend für einen guten start in die ehe. Als der 2o jahre ältere mahler sich nach einer ehekrise für die kompositionen seiner frau begeisterte – fünf ihrer lieder liess er drucken, hat sie längst resigniert: “zehn jahre verlorene entwicklung sind nicht mehr nachzuholen. Es war ein galvanisierter leichnam, den er neu beleben wollte.” Zeigt das nicht all ihre resignation?
    Die sicherheit ihrer ehe gibt sie auf für den jungen dichter Franz Werfel, den sie beeinflusst und inspiriert, organisiert sein leben und seinen ruhm und emigriert 1940 mit ihn in die usa – Werfel war übrigens Jude -.
    In ihren erinnerungen schreibt sie : gott vergönnte mir , die genialen werke unserer zeit zu kennen , ehe sie die hände ihrer schöpfer verliessen. Und wenn ich eine weile die steigbügel dieser ritter des lichts halten durfte, so ist mein dasein gerechtfertigt und gesegnet. (quelle: http://www.fembio.org)

    Tausende, abertausende frauen mussten ihre eigenen talente, fähigkeiten in kunst, wissenschaft usw. zugunsten der herrschenden männerdominanz verbergen oder zurückstecken – wie viele frauen haben sich widerwillig diesem männl. diktat gebeugt, wurden unsichtbar gehalten und waren darüber ein leben lang unglücklich… bestimmt wäre das leben von Alma Mahler-Werfel auch anders verlaufen, hätte mann ihr eine karriere als künstlerin vergönnt …..