Altfeministin über den großen Graben

von Gastautor_in

Dieser Artikel von Ursula Müller ist eine Antwort auf den Beitrag von Antje Schrupp über den großen Graben zwischen jungen und alten Feministinnen (den Text von Antje kann man hier nachlesen).

Liebe Antje,

ich habe deine Nachlese zum Podium in Gießen am 24.9.2010, also deinen Text über den Graben, mit Interesse gelesen, stimme deiner Einschätzung aber nur bedingt zu.

Sicher hat es an dem Abend Verständigungsschwierigkeiten unter den Podiumsteilnehmerinnen und zwischen allen TeilnehmerInnen gegeben. Es mag sein, dass Jüngere uns Ältere mit Positionen von Alice Schwarzer und Emma-Beiträgen identifizieren; das kam allerdings nach meiner Erinnerung dort nicht zur Sprache. Auch ist es sicher richtig, dass vielen die maßgebliche Literatur und Theorien aus den verschiedenen Jahrzehnten der Frauenbewegung nicht bekannt sind. Aber was heißt das? Können wir nur dann ein Gespräch miteinander führen, wenn wir vorab ein Seminar über Literatur und Theorien der Frauenbewegung belegt haben? Oder ist es bei einer Veranstaltung wie der in Gießen nicht vielmehr Aufgabe derjenigen, die ein Stichwort in die Diskussion einbringen, dies auch verständlich erläutern und deutlich machen, welchen Aspekt davon sie für die Diskussion für relevant erachten? So ist jedenfalls mein Anspruch an mich selbst, denn ich gehe nicht davon aus, dass die Zuhörenden all das gelesen haben, was ich für wichtig und diskutierenswert erachte.

Was nun speziell den Queer-Ansatz und die Dekonstruktionstheorie angeht, so ist meine Wahrnehmung nicht, dass Ältere deswegen aus einer Theoriediskussion ausgestiegen sind. Vielmehr spielen/spielten sich diese Diskussionen in einem universitären Umfeld ab, wie z. B. die Forschung von Melanie Groß deutlich macht. Dazu hat frau tatsächlich ab einem bestimmten Alter keinen Zugang mehr. Aber ist es dann nicht wichtig, dass solche Ansätze aus den Elfenbeintürmen herausgetragen werden? Dass sie „übersetzt“ werden in Begriffe und evtl. politische Konzepte, die für ein nicht akademisches Publikum verstehbar sind? Gerne wäre ich dazu in ein Gespräch eingestiegen, aber damit hätte sich das Podium völlig vom Publikum abgehoben und das hätte ich sehr bedauert. Du hast ja selbst gemerkt, wie deine Erklärung des Dekonstruktivismus als „Abschaffung der Geschlechter“ (einen nebenbei bemerkt unglückliche Formulierung, die den Zugang nicht eben erleichtert) Heiterkeit und absolutes Unverständnis auslöste.

Nach meiner Wahrnehmung werden in jüngerer Zeit in der Theorie andere Akzente sichtbar: es geht einigen Autorinnen (die von mir am 24.9. zitierte Nancy Fraser gehört dazu, aber auch Gabriele Winker, Professorin in Hamburg) um eine Kritik des Neoliberalismus aus feministischer Sicht. Außerdem beginnt sich zaghaft eine Diskussion um „linken Feminismus“ zu entwickeln, wie etwa der Argumentband 281 und die breite Resonanz, die Frigga Haug mit ihrer Vier-in-einer-Perspektive findet. Das finde ich sehr spannend und vielleicht geeignet, Alt und Jung näher zueinander zu führen. Dazu gehört dann allerdings auch, dass wir neue Beiträge nicht von vornherein als „alt“ abtun, nur weil die Autorin zu den Älteren gehört. Eine Klassifizierung nach inhaltlichen Schwerpunkten und Positionen dagegen ist m. E. wesentlich zileführender.

Recht gebe ich dir, was den durch das Internet vergrößerten Graben angeht. Ich selbst nutze seine Möglichkeiten des Protestierens gerne bei internationalen Themen wie Rettung des Regenwalds etc. Nationale Anliegen dagegen erreichen die „klassischen“ Print- sowie elektronischen Medien (wie Radio und Fernsehen) immer noch viel eher durch „klassische“ Formen des Protests besonders dann, wenn dafür kreative Formen gefunden werden. Dabei kommt es, wie ich während meiner sechs Greenpeace-Jahre gelernt habe, darauf an, eindrucksvolle Bilder zu erzeugen. Dann braucht es auch keine große Zahl von Beteiligten.

Wenn du nun Älteren rätst, dringend ins Internet zu gehen, so habe ich dabei dasselbe mulmige Gefühl, das mich befällt, wenn ich vor meinem PC sitze, was ich täglich mehrere Stunden tue. Denn so sehr ich die von mir genutzten Möglichkeiten, die sich dort bieten, schätze, so beklommen ist mir bei den Gedanken zumute, dass allein der Strom für eine Stunde PC-Nutzung 75 g CO2 produziert, dass die bereits heute in Deutschland vorhandenen Rechner so viel CO2 ausstoßen wie der gesamte Luftverkehr über Deutschland. Frühere Untersuchungen hatten belegt, dass Frauen im Durchschnitt ein anderes, pragmatischeres, distanzierteres, aber auch kritischeres Verhältnis zur Technik haben; nicht einfach neue Möglichkeiten nutzten, sondern sich konkret nach dem Verwendungszweck erkundigten und nach den Nachteilen. Auch heute ist bekannt, dass Frauen sehr viel umweltbewusster an Technik herangehen; das gefällt mir gut. Ich würde mir sogar wünschen, dass sie/wir damit öffentlicher würden und konsequenter handelten, woran es nach entsprechenden Untersuchungen noch hapert.

Wenn du nun im Gegenzug Jüngeren rätst, in die altmodischen Frauenzentren zu gehen, zu Vortragsreihen und in Bildungsinstitute, so wüsste ich keine Antwort, sollte mich eine junge Frau fragen, wo sie denn da in Schleswig-Holstein hingehen soll. Solche Orte gibt es in meiner Region nicht mehr.

Ab und zu kann man und frau jedoch Vorträge zu solchen Themen hören. So gab es vor einigen Monaten an der Fachhochschule in Kiel einen Gender-Tag. Ich war die einzige Ältere, die daran teilgenommen hat. Der Landesfrauenrat Schleswig-Holsteins hatte, ebenfalls vor einigen Monaten zu einem ersten frauenpolitischen Salon eingeladen. Eine junge Freundin von mir war die einzig Jüngere dort. Was ich damit sagen will: Es gibt derzeit in der realen Welt wenig Orte, an denen beide Altersgruppen sich treffen könnten. Trotzdem bin ich nicht pessimistisch, denn derzeit scheint sich einiges in Bewegung zu setzen. Im kommenden Jahr bin ich zu mindestens einer, evtl. zwei Veranstaltungen über Feminismus als Referentin eingeladen. Mal sehen, was sich dabei tun wird und was sich daraus ergibt.

In deinen Überlegungen scheint anzuklingen, dass wir uns besser verstehen würden, wenn wir mehr voneinander wüssten. Da wäre ich mir nicht so sicher. Was, wenn wir dann feststellen, dass wir  immer noch verschiedene Positionen vertreten? Denk doch nur an die endlose Geschichte über Gleichheit und Differenz. Hat da eine Annäherung stattgefunden? Wohl nicht in dem gewünschten Maße. Dabei gibt es auch hier interessante Beiträge (z. B. einer von Renate Bitzan), die  wichtigen  Begriff Herrschaftskritik vorschlägt. Herrschaftskritisch können sowohl Ansätze sein, die Gleichheit betonen wie auch solche mit Differenzfocus. Beide können aber auch herrschaftsunkritische Elemente enthalten. In diese Richtung sollten wir weiter denken und diskutieren.

Sollte ich Recht haben, mit dieser Einschätzung bestehende Kontroversen betreffend, dann stellt sich die Frage, wie wir damit umgehen können und wollen. Nach einer Information über andere Positionen muss dann vielleicht etwas entwickelt werden, was wir Alten in der Vergangenheit nicht ausreichend haben leisten können: eine Schwesterstreitkultur zu schaffen.

Ursula Müller
10.10.2010




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Eintrag geschrieben: Samstag, 23. Oktober 2010 um 13:25 Uhr unter Aktivismus, Geschichte, Ideen - Theorien. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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Ein Kommentar

  1. […] „Altfeminismus“ wagen das Gespräch. Allein die Aneignung solcher Kategorien der Selbstbeschreibung ist schon […]