Alle* Leben sind gleichwertig: Ein Notizzettel voller Gedanken

von Hengameh

(*Die Leben von Personen of Color und Schwarzen Menschen ausgeschlossen.)

Es ist gerade mal zwei Monate her, da feierten der 23-jährige Zahnmedizinstudent Deah Shaddy Barakat und die 21-jährige Yusor Mohammad Abu-Salha, die dieses Jahr das gleiche wie ihr Mann studieren wollte, ihre Hochzeit. Vor 2 Tagen wurden sie in ihrem eigenen Zuhause von dem 46-jährigen, sich als Atheist bezeichnenden, weißen Craig Stephen Hicks erschossen. Auch Yusors Schwester Razan, 19 Jahre alt, wurde ermordet.

Wo bleiben die Solidaritätsbekundungen, Schlagzeilen und Kundgebungen, wenn die Opfer eines Attentats nicht weiß sind? Ist es, weil doch nicht alle Leben gleichwertig sind? Ist es, weil muslimische Tote nichts Bahnbrechendes für die Welt sind? Wo bleiben die Zuschreibungen von Terror, Fundamentalismus und Unterdrückung, wenn die Täter_innen nicht muslimisch sind? Ist es, weil ein weißer Typ einfach ein eigenartiger Einzelgänger sein kann, der seinen Scheiß nicht mehr unter Kontrolle hatte und ausrasten musste? Einfach so? Einfach aus Gründen?

Wo bleiben die Distanzierungen aller Atheist_innen oder gar weißer Personen, wenn eine Person „ihresgleichen“ unschuldigen Personen brutal das Leben nimmt? Ist es, weil es eine zu allgemeine Gruppe ist, die viele Nischen hat und nicht über einen Kamm geschert werden kann? Ist es, weil sie doch überhaupt nichts mit dieser Tat zu tun hatten, schließlich haben sie nichts gegen den Islam™, im Gegenteil, alle Religionen sind gleich und einen Türkeiurlaub haben sie auch schon mal gehabt, also come on, bisschen weit hergeholt dieser Vergleich, denkst du nicht?

Denkst du schon? Denkst du doch? Denkst du es ist systematisch? Denkst du nicht, es ist Zufall? Denkst du, sein Atheismus hatte überhaupt was mit dem Tatmotiv zu Tun? Ein Mensch ist doch schließlich mehr als sein Glaube. Ein Mensch ist viel vielschichtiger als eine Glaubenszugehörigkeit. Die Schichten eines Menschen sind viel mehr, als du glaubst. Das hat nichts mit einander zu tun. Vielleicht hat es auch einfach nur zufällig diese drei Personen muslimischen Glaubens getroffen. Bestimmt hätten es auch andere sein können. Bestimmt! Hundert Pro! Alle Leben sind gleichwertig, alle Leben sind gleich viel wert. #AllLivesMatter, nicht nur Schwarze! Oder weiße!

Aber wenn alle Leben gleichwertig sind, warum habe ich das Gefühl, dass es scheißegal ist, ob meine Schwestern, meine Brüder, meine nicht-binär identifizierten Glaubensgefährt_innen, meine Schwester, meine Mutter, ich, wir alle, dass es der Welt scheißegal ist, ob wir leben oder nicht, weil wir sowieso nur da sind, um den Sozialstaat abzuzocken (gibt ja auch voll viel zu holen, ne?), Terroranschläge zu planen und weißen Personen Angst zu machen – zum Beispiel, indem sie unsere Namen nicht aussprechen können oder indem sie stets die Islamisierung des Abendlandes hinterfragen müssen.

All ihre Angehörigen, Biografien, Chancen, Träume, Ängste, Leben mussten sie zurücklassen. Was bleibt ist eine gelinde gesagt unbefriedigende Berichterstattung und Perzeption der Tat. Was bleibt, sind die Anzeichen dafür, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der Rassismen wie anti-muslimischer und anti-Schwarzer Rassismus zur Normalität gehören, in der eben nicht alle Leben gleichwertig sind, in der alle negativen Zuschreibungen marginalisierten Gruppen angeklebt werden und Personen aus der Mehrheitsgesellschaft mit Gräueltaten einfach so davonkommen.

Die Familie und die Angehörigen der drei Opfer erstellten die Facebook-Seite Our Three Winners, auf der sie ihnen gedenken.

Wer bei #JeSuisCharlie und ähnlichen viralen Netzsolidaritätsbekundungen in erster Reihe dabei war, in diesem Fall aber keine Reaktionen in der Dimension von Profilbildwechsel, Hashtagbeteiligung und Demonstrationsbesuch übrig hat, sollte vielleicht mal über die eigenen Privilegien, Empathie und all die Kritik, die es an benanntem Hashtag gab, nachdenken. Vielleicht merkt er_sie, was hier falsch läuft. Vielleicht bin auch einfach nur ich im falschen Film.




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Eintrag geschrieben: Freitag, 13. Februar 2015 um 12:04 Uhr unter Gewalt, Medienkritik, Zeitgeschehen. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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2 Kommentare

  1. DrMcCoy sagt:

    Als (leider) eine der wenigen atheistischen Stimmen hat es PZ Myers gut auf den Punkt gebracht, finde ich:

    I do not think that atheism compelled him to kill Muslims, just as I don’t think Islam compels one to become a suicide bomber, or Christianity compels one to bomb abortion clinics. But I do think that the ideology must accept some responsibility for failing to teach people not to do those things. And too often, atheism has more than failed to do something, it has actively promoted action. Consider the eloquence of Hitchens attached to the propaganda driving the war in Iraq, and used to foster hate against Iran. Can we honestly say that modern atheism condemns such activity?

    http://freethoughtblogs.com/pharyngula/2015/02/11/own-it/

    Etwas tangential zum Rassismus streift diese Tat auch die Diskussion in der (größtenteils US-amerikanischen) „atheistischen Community“, ob Atheismus als Bewegung existiert und einen Moralkodex beinhaltet / beinhalten soll, oder ob Atheismus nur der nackte nicht-Glaube ist und auch nur so zu behandeln ist.