Alice und ich

von Anna

Sehr geehrte Frau Schwarzer,

lange habe ich überlegt, ob ich Ihnen überhaupt schreiben soll. Doch es gibt einfach ein paar Dinge, über die ich mit Ihnen gerne mal reden würde und Fragen, die ich stellen möchte.

Als Tochter einer Mitte der 50er geborenen westdeutschen Feministin bin ich quasi mit Ihnen aufgewachsen. Noch vor ein paar Jahren hätte ich kein Problem damit gehabt, diesen Brief mit einem lockeren „Du, Alice, wir müssen mal reden“ zu beginnen. Doch diese Vertraulichkeit scheint mir nicht mehr angebracht. Eines der Zeichen dafür, wie sich mein Verhältnis zu Ihnen verändert hat.

(C) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de

Wann Sie in mein Leben traten, weiß ich nicht mehr. Genauso wenig, wie ich weiß, wann ich Feministin wurde. Ich war es einfach irgendwie schon immer. Und so, wie ich schon immer Feministin war, waren auch Sie immer da. Lange wusste ich nicht viel über Sie, wohl aber, dass Sie irgendwie zu den Guten gehörten. Dass Sie viel für die Frauen getan hatten. Meine Mutter schaffte es immer wieder anschaulich, mir zu erzählen, wie die Zeiten so waren, als sie jünger war. Es ging dabei natürlich oft um die großen Probleme wie Abtreibung oder Vergewaltigung in der Ehe, aber auch um den kleinen Alltagssexismus (man suche z.B. nur bei youtube nach alten „Der 7. Sinn“ – Folgen). Alles Themen, die mir teilweise kalte Schauer über den Rücken jagen.
Ich erinnere mich noch sehr gut an die Zeit, als mir klar wurde, wie viele meiner Freundinnen nichts von solchen Dingen wussten. Wie vielen nicht klar war, was Sie, Frau Schwarzer, und ihre Mitstreiterinnen für uns erreicht und getan hatten. Sie waren unbequem, „eine Nervensäge“. Für uns! Ich bin bis heute voller Unverständnis für die Frauen (und Männer) meiner Generation, die das nicht anerkennen.

So war das also. Ich war Feministin, aber fühlte mich damit recht alleine auf weiter Flur, zumindest was Frauen in meinem Alter anging. Ich freute mich, als Charlotte Roche und Judith Holofernes in der Emma auftauchten und wunderte mich, dass das auf einmal nicht mehr passierte. Doch dann wurde das Internet immer populärer und ich fand dort schließlich auch Frauen meiner Generation, die so dachten und empfanden wie ich. Was für eine Erleichterung! Und dann, ja, dann schwappte die so genannte Dritte Welle endgültig zu uns.
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Ich selber treibe allerdings ein wenig zwischen den einzelnen Wogen, um in der Metapher zu bleiben. Es gibt viele Themen, denen gegenüber meine Meinung recht feministisch-konservativ ist. Als Beispiel sei hier mal meine Haltung zu Pornos genannt, die keineswegs so locker flockig ist, wie es das „junge Feministin-Klischee“ erwarten würde. Man kann sagen, was Pornos betrifft, schwimme ich wohl mehr in der zweiten Welle.

Doch dann schaue ich z.B. in Ihr Buch „Alice im Männerland“ hinein und paddele so schnell ich kann wieder rüber zur dritten Welle. Denn dort lese ich zum Beispiel in einem Auszug aus „Der kleine Unterschied“, dass die „Sexualpraktik Penetration“ Frauen grundsätzlich unterdrücken würde.
Ich weiß, warum Sie das damals schrieben und es war wichtig, unglaublich wichtig, dass Sie diese Dinge aussprachen, dass Sie die vielen Ehen anprangerten, in denen es so lief. Doch genau weil Sie diese Dinge damals ansprachen, haben sie sich auch geändert! Ich gehe ja sogar mit Ihnen konform, dass es diese Beziehungen immer noch geben mag. Trotzdem empört und verwundert es mich gleichermaßen, dass Sie diese Aussagen immer noch recht uneingeschränkt aufrecht erhalten. Auch als Feministin finde ich so ein wenig Penetration hin und wieder durchaus ansprechend. Ich empfinde es als übergriffig und anmaßend, dass sich irgendjemand heraus nimmt, den Grad meiner Emanzipation und der Gleichberechtigung in meiner Beziehung daran festzumachen, was mir im Bett gefällt! Wenn Männer so etwas machen werden sie – zu Recht – als Sexisten gebrandmarkt.

Es gibt Feministinnen meines Alters die sagen, sie erkennen an, was Alice Schwarzer für die Frauen getan hat, aber die heutige Schwarzer sei ihnen recht egal. Das gelingt mir nicht und das will ich eigentlich auch gar nicht. Immer wieder wird mir bewusst, wie wichtig mir offenbar ein „okay“ von Ihnen zu sein scheint und wie enttäuscht, traurig und sauer ich bin, dass ich dieses okay nicht bekomme.
Gleichzeitig frage ich mich, ob Sie dem Feminismus nicht mehr schaden als nutzen, wenn Sie so zwanghaft irgendwelche Gräben zwischen jungen und alten Feministinnen buddeln. Innerhalb der „Mädchenmannschaft“ zum Beispiel wird man keine zwei Frauen finden, die immer zu jeder Frage die gleiche Meinung haben. Trotzdem oder gerade deswegen arbeiten wir wunderbar zusammen, diskutieren uns die Köpfe heiß, entwickeln uns weiter und schaffen es so, unseren Meinungen mehr Profil und Schärfe zu verleihen. Wir haben auch gar nicht den Anspruch an uns, immer die gleichen Einstellungen zu allem zu haben. Wieso denn auch? Wichtig ist uns die Sache an sich, das Streben nach einer gleichberechtigten, feministischen Gesellschaft. Hier sind wir uns einig, das ist unser gemeinsamer Nenner. Mehr braucht es erstmal nicht.

Bestimmt gehen jüngere Frauen oft idealistischer oder aus Ihrer Sicht vielleicht auch naiver an manche Dinge heran. Auch ich schüttele manchmal den Kopf, wenn eine Feministin meines Alters sagt, es würde sich nun bestimmt alles ändern, schließlich würden alle ihre Freunde auch keine alte Rollenteilung mehr wollen. Ich denke dann an meine Mutter, die all diese Beteuerungen „schon damals“ gehört (und geglaubt) hat und lerne daraus, dass es mit Lippenbekenntnissen nicht getan ist, so lange die Taten dazu fehlen.
Aber sei’s drum, dann sind „wir“ eben ein wenig naiver. Doch sind nicht genau diese Naivität, der Idealismus und die Begeisterung, mit der wir unverdorben an viele Dinge heran gehen, auch eine große Chance? Viele Feministinnen der 70er sind – verständlicherweise – müde. Müde der immer gleichen Diskussionen, der immer gleichen Vorurteile und der immer gleichen dummen Sprüche. Nicht jede hat Ihren langen Atem. Warum sich also nicht freuen, dass es ein paar unverbrauchte Kämpferinnen gibt?

Als ich mit meiner Mutter über all das sprach, über Emma-Artikel, die mich empört hatten, über die Bild-Werbung und darüber, wie Sie nicht müde werden zu beteuern, wie egal Ihnen die jungen Frauen seien und sich aber gleichzeitig auf eine Art und Weise bedroht zu fühlen scheinen, die mich schon wieder lachen lässt, da sagte meine Mutter: „An und für sich sehe ich diese Dinge genauso wie du. Ich habe aber noch eine andere Zeit erlebt und egal, was Alice Schwarzer heute tut und egal, wie oft auch ich mich inzwischen selber über die Emma ärgere, meine Dankbarkeit und Bewunderung für Schwarzer werden wahrscheinlich immer größer sein als all das. Ich kann jedoch den Ärger deiner Generation absolut nachvollziehen und wäre ich so alt wie du, würde es mir wohl auch so gehen.“

Verehrte Frau Schwarzer, Sie sagen, Sie seien „nicht abzusetzen“. Ich muss gestehen, das ist eine der Äußerungen, über die ich am allermeisten gestolpert bin und die wie keine andere etwas über Ihre Selbstwahrnehmung aussagt. Ist der Feminismus ein Verein, dessen Vorsitzende Sie sind? Bin ich da irgendeiner ominösen Sekte bei getreten und weiß nichts davon? Frau Schwarzer, wie selbstherrlich kann man eigentlich sein, dass man sich eine Strömung wie „den Feminismus“ einfach mal komplett unter den Nagel reißt und so tut, als gehöre diese nur einer Person? Und selbst wenn wir den Gedanken mal zu Ende spielen und so tun, als sei „der Feminismus“ von mir aus eine große Firma: Wie patriarchalisch sind denn die Strukturen dieser Firma dann bitte? Wie viel unbegründete Angst scheint die Chefin dieser Firma vor den nachwachsenden Kräften zu haben? Und ganz ehrlich: Wie sehr würden Sie den jungen Frauen dieser Firma raten, entweder gegen die etablierte Führungsriege zu rebellieren oder aber das Weite zu suchen und selber eine kleine Firma aufzumachen?!
Aber all diese Gedanken sind nichts weiter als Spielereien, denn: Der Feminismus ist weder ein Verein, noch eine Firma. Frau Schwarzer, keine Angst, niemand will Sie absetzen! Absetzen kann man Chefs, Staatsoberhäupter, Königinnen, Leute dieser Art. Bei aller Bewunderung: Sie sind nichts davon. Dieser Thron, von dem gestoßen zu werden Sie anscheinend so sehr befürchten, der interessiert die jungen Feministinnen, die zumindest ich kenne doch gar nicht.

Frau Schwarzer, ich werde Ihnen für viele Dinge immer sehr dankbar sein. Sie haben eine Standfestigkeit bewiesen, die mir, die uns jungen Feministinnen nur Vorbild sein kann. Und lange, lange war mir Ihr Segen wichtig. Ich wollte, dass Sie sagen, dass Sie sich freuen, dass junge Frauen sich wieder Feministinnen nennen. Ich nahm wie selbstverständlich an, Sie würden sich für diese jungen Frauen interessieren. Ich habe nie erwartet, dass Sie alles gut heißen würden. Aber in meinem Idealismus habe ich tatsächlich gedacht, Sie würden es begrüßen, dass es wieder Frauen gibt, die „Feministin“ nicht als Schimpfwort begreifen.

Inzwischen habe ich es verstanden. Vor lauter Furcht, Ihr Denkmal könnte bröckeln, trauen Sie sich anscheinend nicht, sich auch nur ein Stückchen zu bewegen. Okay, sei’s drum. Dann machen wir eben unser Ding alleine. Ganz bestimmt nicht gegen Sie. Aber leider auch nicht mit Ihnen.

Herzliche Grüße
Ihre
Anna Berg




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Eintrag geschrieben: Dienstag, 26. Mai 2009 um 14:20 Uhr unter Geschichte. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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58 Kommentare

  1. Erna sagt:

    ach, anna, du sprichst mir aus der seele…
    hab übrigens alice letztens bei anne will gesehen… das was sie da sagte hat mir zum beispiel wieder gefallen (konnte leider nur das ende sehen, darum kann ich nicht alles bewerten).
    ich glaube das unsere generation, mit diesen müttern und auch vätern, viel gelernt hat und viel neues entdecken kann.
    wir haben eine neue perspektive, haben es teilweise leichter, wegen der veränderten basis aber eben auch neue probleme und herausforderungen.
    und wir lernen jeden tag dazu und finden neue wege. die missstände mit denen wir konfrontiert werden sind subtiler als früher und bedürfen daher auch subtilerem protest. das dieser dann manchmal als zu vorsichtig und naiv wahrgenommen wird, ist irgendwie auch verständlich.
    aber ich muss sagen, ich bin ziemlich stolz auf uns. und bin dankbar das ich nicht radikal sein MUSS um die realität in kleinen schritten zu verändern. das ich mich nicht mehr von menschen distanzieren MUSS um meinen standpunkt auszudrücken.

  2. access denied sagt:

    „hab übrigens alice letztens bei anne will gesehen… das was sie da sagte hat mir zum beispiel wieder gefallen (konnte leider nur das ende sehen, darum kann ich nicht alles bewerten).“
    Naja, DU redest von Anne Will. Da ist selbst die Alice Schwarzer ein Lichtblick.
    Ich find die Frau nur noch peinlich, seit sie Magda Goebbels als Opfer bezeichnet hat. Als sie mit diesem unsäglichen Prinz Porno bei Sandra Maischberger war, hat dieser erzäht, dass er seine Streifen in Prag dreht, worauf diese gleich unterstellte, die Frauen würden das nicht freiwillig machen.

  3. AnKa sagt:

    Ich MUSS mich vielleicht nicht von Menschen distanzieren. Aber Alice Schwarzer ist ein Mensch,von dem ich mich weit möglichst distanzieren will und werde. Und das von der Alice Schwarzer jeder Zeit, sowohl der damaligen als der heutigen.

    Ihre Aussagen zum Fall Bruce Reimer oder Lorena Bobbit oder zum Islam.. sind dermassen menschenverachtend, dass ich nur mit dem Kopf schütteln kann, dass irgendwer auch nur ein Fitzelchen Wert auf ihre Meinung legt.

  4. Mondfee sagt:

    >>>Ihre Aussagen zum Fall Bruce Reimer oder Lorena Bobbit oder zum Islam.. sind dermassen menschenverachtend, dass ich nur mit dem Kopf schütteln kann, dass irgendwer auch nur ein Fitzelchen Wert auf ihre Meinung legt.<<<

    Und ich kann nur mit dem Kopf schütteln, daß jemand es „menschenverachtend“ finden kann, wenn es eine Frau wagt, Mißstände zu Lasten von Frauen öffentlich anzusprechen (u.a. zu den Themen Islam, Vergewaltigung in der Ehe etc.).-

    @Anna: ein bißchen kann ich Deinen Ärger – was Dich als Teil der Mädchenmannschaft betrifft- ja verstehen. Andererseits finde ich es auch schade, daß (manche!) junge Feministinnen denken,sich gegen Schwarzer wenden zu müssen, um sich selber zu profilieren. Warum nicht einfach von der Erfahrung der „alten“ Feministinnen lernen? Wenn ich nur daran denke, wie viele junge Feministinnen sich irgendwann trotz aller guten Absichten in alten Rollenklischees wiederfinden…
    Mir ist eine selbstbewußte und kämpferisch-feministische Frau viel lieber als ein „neues deutsches Mädchen“, das sich gegen den „alten“ Feminismus wendet und gerade dadurch in die Falle tappt (ich sage nur „Stutenbissigkeit“). -Bei gerade genannten habe ich übrigens manchmal das Gefühl, daß sie alles tun würden, um das Wort Feminismus „hip“ zu machen- und sei es, Männern nach dem Mund zu reden oder aus „religiöser Toleranz“ über fundamentale Menschenrechtsverletzungen hinwegzusehen.-
    Aber was ich an der Mädchenmannschaft ganz toll finde, ist, daß es hier viele „kämpferische“ Artikel gibt- trotz des Namens!;)

  5. Erna sagt:

    @ access denied
    ich neige dazu menschen noch zuzuhören wenn ich mir was die grundstimmung betrifft auch schon ein urteil gebildet habe. je nachdem wie wichtig sie eben für mein eigenes leben sind. ich rege mich über vieles auf was sie sagt, dessen muss aber auch ein interesse an dem was sie sagt vorhanden sein, ähnlich wie beim papst. das bedeutet nicht das ich den papst oder auch alice schwarzer unterstütze, ich erkenne nur ihren einfluss an und brauche eine gewisse basis für kritik.

  6. Erna sagt:

    EDIT man streiche „vorhanden sein“ und ersetze mich „zugrunde liegen“

  7. Splinter sagt:

    Du mußt Alice Schwarzer schon sehr mutwillig mißverstehen wollen (Wie ich überhaupt das Gefühl nicht loswerde, daß Frau Schwarzer hier gerne absichtlich falsch verstanden wird.), um ihr anzudichten sie sehe sich als eine Art ominöse Sektenchefpatriarchin. Da hilft es, ihre Aussage komplett zu lesen, bevor man sich so versteigt.
    http://www.aliceschwarzer.de/boerne_preis_rede_2008.html

    „Und ich bin, mit Verlaub, übrigens auch nicht abzulösen. Ich bin keine Funktionsträgerin. Ich bin nicht die Vorsitzende eines Vereins und auch nicht die Kanzlerin, ich bin nicht die Feministin vom Dienst und auch nicht die Führerin der Frauenbewegung. Die hatte noch nie Führerinnen und es gibt sie als politische Bewegung schon seit Ende der 70er Jahre nicht mehr (Der Feminismus ist heute gesellschaftlich allgegenwärtig). Ich als Intellektuelle, als Autorin & Aktivistin – und als Verlegerin -, bin ausschließlich mir selbst verpflichtet.“

  8. access denied sagt:

    @Erna: kein Plan was das jetzt bedeutet.

  9. Miriam sagt:

    @ mondfee: A. Schwarzers negative Einstellung zum Islam bzieht sich allerdings nicht nur auf Mißstände zu Lasten der Frau. Und deshalb neige auch ich dazu, A. Schwarzer als ziemlich totalitär wahrzunehmen, und das IST nunmal menschenverachtend

  10. jj sagt:

    Anna,

    das finde ich eine bemerkenswerte Aussage.

    „Immer wieder wird mir bewusst, wie wichtig mir offenbar ein „okay“ von Ihnen zu sein scheint und wie enttäuscht, traurig und sauer ich bin, dass ich dieses okay nicht bekomme.“

    Und das hier wird ja so langsam zu meiner Standard-Referenz… aber wirklich lesenswert, für alle, die Alices Sex-Mythen problematisch finden. Man sollte nur eine gesunde Portion gesunden Menschenverstand mitbringen, dann kann man auch Andrea Dworkin im Orginal mit einem Amüsement lesen…

    Cicero / Bettina Röhö – „Die Sex-Mythen des Feminismus“ – http://www.cicero.de/97.php?ress_id=7&item=549

  11. Marcel sagt:

    Ob sich junge Feministinnen gegen Alice Schwarzer stellen, um sich zu profilieren, wie Mondfee sagt, wage ich mal zu bezweifeln (aber nicht ausschliessen)- dass dieses Verhalten genauso gut umgekehrt funktioniert- nämlich dass Alice Schwarzer sich auf Kosten junger Feministinnen profiliert, indem sie sie negiert (Weil sie jung sind? Weil sie andere Denkansätze verfolgen? Weil sie den Mann als Feindbild abgeschafft haben?), halte ich da schon für wesentlich wahrscheinlicher.

    Ich persönlich glaube, dass eine politische Bewegung verschiedene Entwicklungsstadien durchlaufen muss- eine sozialpolitische sowieso- wenn sie am Ende nicht zu einer saturierten, trägen Veranstaltung werden will, die sich nur noch mit einem überwiegend selbstreferenziellen Bezugsrahmen begnügt. Das ist wie bei einer Schlange, die sich häuten muss, um weiterleben zu können. Eine sozialpolitische Bewegung wie der Feminismus ist ein dynamischer Prozess, der sich immer wieder von neuem regenerieren muss- und zwar so lange, bis die definierten Ziele ereicht sind. Wobei Zielanpassungen immer wieder nötig sind- etwas, womit sich Alice Schwarzer ja bekanntermassen schon seit Jahren schwer tut.

    Insofern halte ich diesen Brief an Alice Schwarzer für eine absolute Notwendigkeit, die schon längst überfällig gewesen ist.

    Man muss den Blick nach vorn richten und die Vergangenheit vergessen- aber auch würdigen- können.

  12. Marcel sagt:

    jj: Dein Link ist absolut genial, vielen Dank!!!!

  13. Christina sagt:

    Auch ich werde das Gefühl nicht los, daß Frau Schwarzer in ihrer Rolle als Vorreiterin und -Kämpferin Schwierigkeiten hat, andere Meinungen von Feministinnen neben sich gelten zu lassen. Sie ist starr geworden in ihren Ansichten. Bei Männern würde man sagen „ein Platzhirsch“. Dabei ist es in meinen Augen so wichtig, alle Feministinnen zu stärken, nicht in Dogmatismen zu verfallen sondern bei aller öffentlichen Meinungsäußerung mit Nachdruck, die ich in ihrer Aggressivität und Forschheit oft begrüße, nicht stets die eigene als die einzig wahre zu betrachten.
    Wenn die Frauen sich nun selbst in Gruppen teilen und diskriminieren in „altfeministisch“ und „neufeministisch“ und irgendwas dazwischen kommen sie auch nicht wirklich weiter. Viel zu viel Energie wird dann darauf verschwendet, sich zu erklären, seinen Standpunkt zu erläutern bezugnehmend auf alte und neue Ansichten. Nicht, daß ich es für falsch erachte, seine Ansichten zu kommunizieren, aber wir sollten uns nicht zu sehr damit aufhalten, sondern lieber eine Gleichbehandlung fordern und fördern- Tag für Tag!

  14. Christina sagt:

    PS: Die Art, wie Lisa Ortgies bei der Emma erst rein- und dann rauskatapultiert wurde, verstärkte im Übrigen erneut mein oben geschildertes Gefühl in Bezug auf Frau Schwarzer!

  15. access denied sagt:

    JJ, warum postest Du nicht gleich Links von Eva Hermann?
    Die Röhl ist eine der reaktionärsten Gestelten im Journalismus.

  16. Marcel sagt:

    @access denied: Eva Hermann, mein Lieber, ist aber von einem ganz anderen Stern- einem, den ich nicht kenne und auch gar nie kennenlernen will.

    Der Link ist bei genauerer Betrachtung auch wiede nicht so gut.

    Ein weiterer Input, mehr nicht.

  17. jj sagt:

    access denied,

    hast Du den Artikel gelesen? Und wenn Eva Hermann mal was Sinnvolles zum Thema sagt, dann sollte man sie auch lesen. So wie Alice Schwarzer.

  18. access denied sagt:

    Und wenn Du eine Stelle in „Mein Kampf“ findest, die Dir passt, postest Du die dann auch?

  19. palü sagt:

    das hast du gut geschrieben. differenzierte meinungsäußerung ist das allerwichtigste, und dein brief ist sehr gründlich differenziert.

  20. Marcel sagt:

    @Rahab: Wo bleibt eigentlich Dein Standpunkt? Komm jetzt: Du kannst Dich doch nicht einfach so dünne machen! Einen Komment bitte, einen!

  21. jj sagt:

    access denied,

    Das Problem dürfte bei Mein Kampf nicht auftreten. Im Übrigen empfehle ich Voltaire zu lesen, und das war ja wohl eine direkte Abkürzung zur „Godwin’s law violation“…

  22. Christina sagt:

    schade, daß das eigentliche thema bei diesen wortgefechten total ignoriert wird!

  23. Marcel sagt:

    Gut, zurück zum Thema: Man sollte nicht allzuviele Gedanken an die Homogenität der Frauenrechtsbewegung verschwenden. Paralellen dazu gibt es in der Politik zuhauf- als Beispiel sei da mal das linke Parteienspektrum genannt: Da gibt es ganz links aussen die Kommunisten (mitunter auch Anarchisten), dann Die Linke (als einzige „wahre“ Linke, wie sich Lafontaine ausdrückt), dann die Sozialisten, gegen die Mitte hin dann erste rechte Streifen mit sozialem Gedankengut usw.

    Intellektuelle Vielfalt ist Einheitlichkeit auf jeden Fall vorzuziehen- schliesslich ist die Emanzipation kein Verein, wie Anna schreibt.

    Das kann der Sache insgesamt nur nützlich sein. Von Divide et impera kann da keine Rede sein.

  24. Sven sagt:

    So, ich habe den Artikel von der Röhl gerade gelesen. Und er ist, wie es sowohl Autorin als auch Medium bereits vermuten lassen, keine wirkliche Bereicherung für aktuelle Debatten.

    Der (deutsche) Feminismus und die Person Alice Schwarzer haben also neue Mythen rund um Sexualität propagiert? Geschenkt. Simpler Geschlechterkampf bringt den Feminismus als auch die Emanzipation nicht weiter? Geschenkt.

    So, da wir das abgehakt haben, fragt sich, was übrig bleibt. Ich würde behaupten ein konservativer Grundton, nach dem Motto, dass die bösen FeministInnen die Beziehungen zerstört haben. Und dabei werden auch noch flugs ein alte „Sex-Mythen“ wieder in Stand gesetzt und tolle Bekenntnisse abgegeben, dass Vaginalverkehr halt doch alles sei, was Frau wolle, etc.

    Zum Thema schreib ich vielleicht ein ander Mal noch was… Bei Alice Schwarzer wird mein eigentlich schon spruchreifes (natürlich vorläufiges) Urteil gerade im Zuge einer intensiven Auseinandersetzung mit der PorNO-Kampagne überarbeitet…

  25. leonie sagt:

    Denn dort lese ich zum Beispiel in einem Auszug aus „Der kleine Unterschied“, dass die „Sexualpraktik Penetration“ Frauen grundsätzlich unterdrücken würde.

    Lustig finde ich dass dieser Satz immer mit A.S in Verbindung gebracht wird, aber er ist eigentlich aus Simone de Beauvoirs großen Werk „Das andere Geschlecht“ abgeschrieben. Nur wird dieser, der zitierte Satz nicht vorgeworfen, obwohl er wirklich höchst fragwürdig ist.

    (…)
    „Das Klitoris-Spasma ist wie der männliche Orgasmus eine Art Abschwellen, das beinahe mechanisch erfolgt. Es ist nur indirekt mit dem normalen Koitus gekoppelt und spielt bei der Zeugung keinerlei Rolle. In der Vagina erfolgt die Durchdringung und Befruchtung der Frau. Nur durch das Dazwischentreten des Mannes wird sie zum erotischen Zentrum, und jenes stellt immer eine Art Vergewaltigung dar.“

    aus „Das andere Geschlecht“ Erster Teil, Kapitel 3

    Wenn man sich über Schwarzers Theorie aufregt muss man immer wo anders suchen, weil sie das Meiste einfach abgeschrieben/übersetzt hat v.a Beauvoir. Von ihr selbst kam ziemlich wenig an neuer Theorie.

  26. hn sagt:

    was mich an „euch neofeministinnen“ stört ist, dass mit der (teils ja berechtigten) kritik an schwarzer auch gerne große, wichtige, teile der zweiten welle abgelehnt werden.
    klar darf man die forderungen heute nicht mehr wörtlich nehmen, die leute waren damals alle verrückt, deutlich zu machtlos und überradikalisiert…

    aber ein bisschen vermisse ich z.b. dieses alte kampflesbentum. die dritte welle scheint ausschließlich aus jungen glücklich verheirateten heteromüttern um die 30 in prenzlauerberg zu bestehen. anders kann ich mir zumindest dieses appeasement gegenüber der männerwelt nicht vollständig erklären. ihr müsst nicht für die mitkämpfen. einerseits sind die eben „the man“, können also einfacher änderungen durchsetzen, wenn sie denn wollten. andererseits gibts doch genau aus diesem grund diese lächerliche veranstaltung welche sich „neue männer“ nennt, zuhause patriarch, und in der gruppe sich dann drüber ausheulen.
    es ist nicht so, dass ihr mit dem neofeminismus ein konzept vorlegen müsstet, welches 1:1 in der gesellschaft umgesetzt wird. ihr seid zu realistisch. haut besser abgedrehte utopien raus (naja, vielleicht nicht so abgedreht dass man euch nicht mehr ernst nimmt, was ja teils schwarzers fehler war), das wird dann schon im laufe der diskussion so weit verwässert dass was für beide seiten aktzeptables herauskommt.

  27. Marcel sagt:

    @hn: „aber ein bisschen vermisse ich z.b. dieses alte kampflesbentum“

    Und genau das halte ich für die allergrösste Hypothek des neuen Feminismus.

    Gut, dass diese unselige Zeit endlich zu Ende ist.

  28. anders kann ich mir zumindest dieses appeasement gegenüber der männerwelt nicht vollständig erklären. ihr müsst nicht für die mitkämpfen. einerseits sind die eben “the man”, können also einfacher änderungen durchsetzen, wenn sie denn wollten.

    Das ist eben ein großer Irrglaube, dass ein Mann bzw. „die Männer“ einfacher Änderungen durchsetzen könnte als eine Frau bzw. „die Frauen“. Und ganz ekelhaft finde ich, wenn man aus diesem Irrglauben dann noch ableitet, dass Frauenrechte wichtiger sind als Männerrechte.

    Nein, das ist schon gut und richtig so, dass der immer mehr Feministinnen lernen, nicht mehr gegen die Männer zu kämpfen, sondern mit den Männern zu kooperieren. Ich empfinde es als einen großen Fortschritt, dass in den Geschlechterfragen die Geschlechter mehr mit- und weniger übereinander reden als zu Zeiten des 2W-Feminismus.

    (Stelle gerade fest, dass meine Rechtschreibprüfung das Wort „Frauenrechte“ kennt, „Männerrechte“ aber nicht.)

  29. Schnatterinchen sagt:

    hn: „(…) “the man”, können also einfacher änderungen durchsetzen, wenn sie denn wollten.“

    Es gibt in D und anderen Ländern mehr wahlberechtigte Frauen als Männer. Es sind also nicht die Männer, sondern die Frauen, die einfacher Änderungen durchsetzen könnten, wenn sie denn wollten.

  30. Barbara sagt:

    Mädels!

    Alice Schwarzer kämpft nicht gegen euch (im Gegenteil!), sondern immer nur gegen Naivität, Dummheit, Ignoranz…

    Wie Splinter schon sagte: Man muss schon gewaltig und verbissen missverstehen wollen, wenn man jemandem immer wieder so die Worte im Mund herum dreht. Für alle selbsternannten Alpha- und sonstige Mädchen, die bereit sind, ihre Meinung noch einmal zu überprüfen hier gleich noch einmal der Link zur Börne-Preis-Rede
    http://www.aliceschwarzer.de/boerne_preis_rede_2008.html

    Die Rolle, in der ihr Alice Schwarzer da immer bekämpfen wollt, gegenüber der ihr euch heiser schnaubend verteidigen zu müssen glaubt.. in die deutet ihr (!) sie doch erst hineingedeutet. (ist, Mädels allerdings nix Neues…)

    Und wenn sie sich dann weigert, drauf anzuspringen, den Auftrag nicht annehmt, dann fühlt ihr euch gleich noch einmal bestätigt. Typischer Fall von Projektion, würd ich mal sagen. Habt ihr ’nen Mutterkomplex oder sowas…?!

    Sollten wir (Frauen) unsere Kräfte nicht sinnvoller einsetzen?
    Uns auf die Hauptbühne wagen, anstatt uns in künstlich aufgerissenen Nebenschauplätzen weiterhin immer wieder selbst und gegenseitig zu zerfleischen? (..ist Mädels, leider auch überhaupt nichts Neues, kein bisschen revolutionär, leider…!)
    Schon mal überlegt, wem ihr gerade recht kommt, welches System ihr damit stablilisiert?

    Also: Kopf hoch, Nacken strecken, Hirn anschalten, Augen und Ohren auf, das Herz fühlen lassen…
    Auf dass ihr euch traut Frauen zu werden, und keine Mädchen bleiben müsst…

    Nix für ungut,
    Barbara

  31. hasimausi sagt:

    „Wenn man sich über Schwarzers Theorie aufregt muss man immer wo anders suchen, weil sie das Meiste einfach abgeschrieben/übersetzt hat v.a Beauvoir. Von ihr selbst kam ziemlich wenig an neuer Theorie.“

    Richtig. Eine Frau dafür verantwortlich machen dass sie sich Theorien anderer zu eigen macht, wo kämen wir denn da hin? Und wetten, dass sich am Ende Jean-Paul das ausgedacht hat?

  32. Marcel sagt:

    @Barbara: „Schon mal überlegt, wem ihr gerade recht kommt, welches System ihr damit stablilisiert?“

    Ja, das würde ich auch gerne wissen- wen oder was sollen sie damit stabilisieren?

    Ich habe da so eine dunkle Ahnung mit dem Mief der Siebzigerjahre- aber ich mag auch falsch liegen…

  33. Schnatterinchen sagt:

    „Die Rolle, in der ihr Alice Schwarzer da immer bekämpfen wollt, gegenüber der ihr euch heiser schnaubend verteidigen zu müssen glaubt.. in die deutet ihr (!) sie doch erst hineingedeutet.“

    Aufstellung und Abschuss von Pappkameradinnen funktioniert nicht nur in Richtung von jung nach alt, Barbara: Auch umgekehrt werden die Neofeministinnen kräftig in Rollen hineingedeutet. Nach meinem Eindruck schenkt man sich da gegenseitig nix.

    Nur selten wird mal mit direkten Belegen gearbeitet, wie die paar Zitate in Schwarzers Rede zeigen. Aber auch diese dienen wiederum nur als Vorlage für weiteres Polemisieren (was natürlich auch an den Zitaten selber liegt, die ja ihrerseits bereits polemisch waren).

    Sowas mag nicht zielführend und konsensbildend, dafür aber charakteristisch für Feuilletondebatten sein. Die ja ganz unterhaltsam sein können. Wenn man sie nicht zu ernst nimmt.

  34. kousheru sagt:

    ey leute – diese gegenseitige „über die andere artikel – schreiberei“ bringt nix.
    schwarzer hat den alphas was vorzuwerfen, die alphas der schwarzer.
    klar.
    feminismus war noch nie ne homogene bewegung.
    und nu?

    ich wünsch mir was von euch. villeicht ist das heutzutage schon die verrückte utopie, von der hn oben sprach, aber egal, ich wünsch es mir:
    latscht nach köln, klingelt bei der alice, ladet sie auf nen drink ein, besauft euch schwesterlich di nacht lang in irgendnem irish pub und wenn ihr alle wieder nüchtern seid, setzt euch anen tisch, tüftelt die ultimative revolution grrrl style now aus und tretet den ganzen vollidioten dieser welt geschlossen und gestärkt entgegen! so!

  35. Marcel sagt:

    Wenn ich so einzelne Beiträge hier lese, dann frage ich mich ernsthaft, ob ich dem Prinzip der gegenseitigen Toleranz als Bestandteil einer gesellschaftlichen Mehrheit überhaupt noch verpflichtet bin. Offenbar gibt es Elemente, die zwar als Minderheit alle Toleranz für sich beanspruchen- aber selber überhaupt nichts von ihr halten.

    Ausser ich irre mich da.

  36. Lucy sagt:

    Hallo,

    ich lese das Blog hier sehr regelmäßig und gerne. Auch die Kommentare eröffnen mir oft sehr interessante Einblicke und Sichtweisen, die ich noch nicht bedacht hatte.

    Aber auch auf die Gefahr hin, dass ich hiermit einige der offensichtlich männlichen Kommentatoren vor den Kopf stoße und mich unter diesem Namen hier vermutlich nicht mehr blicken lassen kann, möchte ich doch sagen, dass ich diesen Beitrag von Anna für ein Thema halte, welches die Männer unter uns bestenfalls sekundär tangieren sollte. Wie Feministinnen untereinander miteinander klarkommen: sorry, was wollt ihr denn zu dieser Diskussion beitragen können? Ihr wart doch nie betroffen!? Und könnt weder Annas Empfindungen nachvollziehen noch die von sonstigen Kommentatorinnen, weil sie einfach KOMPLETT außerhalb eurer Erfahrungswelt liegen. Beim Lesen dieser Kommentare musste ich an PhysioProf denken, der/die/das (?) das meiner Meinung nach sehr gut auf den Punkt gebracht hat:
    http://scienceblogs.com/isisthescientist/2009/05/comrade_physioprofs_handy-dand.php

    Der Beitrag ist sicher absichtlich etwas überspitzt formuliert, aber entspricht genau dem, was ich mir öfter beim Lesen der hiesigen Kommentare denke. Damit will ich NICHT sagen, dass ihr kein Recht auf eure Meinung hättet und auch nicht, dass es nicht viele Themen gibt, bei denen es richtig, gut und sinnvoll ist, euren Input zu haben. Aber DIESES Thema geht an eurem Erfahrungshorizont einfach vorbei.

    Und auf Grundlage von 35 Kommentaren in einem Internet-Forum die Gesellschaft (bzw. impliziert eher Feministinnen der vorigen Generation) für intolerant zu halten, finde ich etwas übertrieben. Zum einen handelt es sich um einen sehr kleinen Personenkreis. Und zum anderen: Eine andere Meinung zu einem Thema zu haben als jemand anders, ist noch nicht unbedingt intolerant. Genausowenig, wie sie kundzutun. Und Theorie und Praxis sind ja auch noch mal zwei Paar Schuhe…

    So, und dann warte ich jetzt mal auf die reichlichen Kommentare ;)

  37. Matze sagt:

    Lucy: Da ja einer der Punkte, bei denen Uneinigkeit zwischen den feministischen KommentatorInnen besteht, das Verhältnis „des Feminismus“ zu „den Männern“ ist, denke ich schon, dass es Männer nicht so sekundär tangiert wie du es beschreibst.

    Ich sehe hier die Alternativen „Kampf gegen die Männerwelt“ und „Dialog mit Männern“, und was ich bedenklich finde, sind die Vorwürfe von Anhängerinnen der ersten Fraktion, das Befürworterinnen der zweiten Fraktion „Appeasement gegenüber der Männerwelt“ betreiben.

    Appeasement-Vorwürfe sind nicht nur grundsätzlich ein Fall für Godwin’s Law, sie werden auch meistens von Schwarz-Weiß-Denkern gebraucht, um moralischen Druck auf andere auszuüben, Angehörige des Feindbildes (hier: Feindbild Mann) nicht mehr als Individuen sondern als ein großes böses Kollektiv wahrzunehmen. Ähnlich der Vorwurf: „Wenn ihr Feministin XY kritisiert, unterstützt ihr dadurch das Patriarchat“, mit dem versucht wird, jede „weichere“ Haltung als die eigene als latent anti-feministisch darzustellen. Dass von den so kritisierten selten eine Zurückweisung dieses Vorwurfs kommt, finde ich traurig.

    Annas Artikel, der mehr eine Distanzierung von als eine Kritik an Alice Schwarzer ist, finde ich übrigens sehr gut. Man sollte auch als Feministin frei entscheiden dürfen, mit welchen FeministInnen man viel, wenig oder gar nichts zu tun haben will, und das dann auch öffentlich machen. Wer einer Feminstin das nicht zugesteht, hat meiner Ansicht nach wirklich deutliche Probleme mit Toleranz.

  38. hasimausi sagt:

    Ich teile AnKas Sicht, und das steht mir als Mann sehr wohl zu. Gehts noch?

    Als ob Schwarzers importiertes Weltbild nicht, dort wo sie es her hat, sehr qualifiziert als essentialistisch, rassistisch, monokausal und als Sündenbockideologie analysiert und kritisiert wurde. Und das gerade nicht nur von konservativer Seite.

  39. hasimausi sagt:

    (Homophob müsste man noch ergänzen, nach dem Brief an den „Lieben Schwulen Freund“)

  40. access denied sagt:

    „Das Problem dürfte bei Mein Kampf nicht auftreten“

    Ist mir egal, fakt ist, dass es unfug ist, dass man jedem und jeder zuhören muss und die Röhl ist minimal zum ignorieren, am besten aber für ihren Propagandamist auseinanderzunehmen.

  41. Erna sagt:

    ich muss Lucy zum teil recht geben…
    mir geht es aber nicht um kommentare von männern sondern um die viele kommentare von euch, die nur wieder auf diese schwarzer ja/nein – debatte rum hacken…
    anna’s artikel hat in meinen augen relativ wenig damit zu tun. er ist eher ein persönlicher erfahrungsbericht, aus sicht einer frau deren erziehung entscheidend von der 2. welle und damit auch von schwarzer geprägt wurde. ich kann mich in genau diesem gefühl, dass anna da ausdrückt wiederfinden…
    ich kann alice schwarzer nicht einfach so zur seite legen, weil sie aussagen getroffen hat mit denen ich nicht einverstanden bin. und ich glaube eben auch um dieses hin-und hergerissen sein geht es anna (bitte korrigiere mich wenn ich falsch liege)…
    eine diskussion warum ich schwarzer absolut ablehnen müsste oder warum ich sie auf gar keine fall ablehnen darf bringt mir um ehrlich zu sein gar nichts.. aber gut, macht weiter… ich geh dann mal.

  42. Marcel sagt:

    @Lucy: Immerhin handelt es sich beim Feminismus um eine Bewegung, die eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung zur Folge hat. Rein Bevölkerungsstatistisch betrachtet, besteht in unseren Breiten zwar ein leichter Frauenüberschuss (im tiefen, einstelligen Prozentbereich)- doch die Auswirkungen betreffen auch die Männer, die ja, ohne dass man dabei gleich beide Augen mit aller Kraft zudrücken muss, immerhin gut die Hälfte der Gesellschaft ausmachen.

    „Die andere Hälfte“ (oder der Mann, das unbekannte Wesen) wird also in Zukunft ein gewichtiges Wörtchen mitreden.

    Sonst kann man sich nicht dauernd über die Trägheit der Männer beschweren- wenn sie zwar die Konsequenzen vollumfänglich zu tragen- aber kein Sterbenswörtchen mitreden dürfen ;-)

    Ausser man begreift den Feminismus als eine in sich geschlossene Privatveranstaltung, die nur Frauen zugänglich sein darf. Doch soviel sozialpolitischer Autismus kommt auf die Dauer keiner Bewegung gut, wie figura zeigt!

    Nein, Lucy, ich kann und will Dir nicht böse sein- diese Zeiten sind endgültig vorüber!

  43. Anna sagt:

    @Erna: Keine Korrektur nötig ;)

  44. XYZ sagt:

    @Lucy

    Also man kann doch nicht sagen, dass der Diskurs um den Feminismus (in welcher Form auch immer) nur von Frauen geführt werden darf und die Männer gefälligst Ruhe geben sollten…das ist sexistisch.

    Schließlich geht es im Feminismus immer auch um Gleichberechtigung, Gleichstellung und die Veränderung der Gesellschaft…Und zu dieser Gesellschaft gehören eben auch Männer.

    Man kann nicht erwarten, dass sich die Gesellschaft ändert, wenn man einen großen Teil davon einfach ausklammert.

    Ich empfand es immer schon als Fehler, wenn Feminismus hieß „Frauen gegen Männer“, denn das gibt nur böses Blut…

    Deshalb bin ich auch froh, dass das „Kampflesbentum“ anscheinend vorbei ist und man sich nach dem „Krieg“ wieder am runden Tisch trifft und endlich mal ZUSAMMEN Modelle austüftelt und Rollenbilder entwirft, die dem Menschen gerecht werden und bei denen das Geschlecht keine Rolle mehr spielt.

    Außerdem ist doch bekannt, dass gemischte Gruppen besser arbeiten als jeweils reine Männer- oder Frauengruppen.

    Gruß

  45. Christina sagt:

    an alle (die sich nur mit nichtssagenden kürzeln zu wort melden):
    da es ja schließlich um geschlechtbezogene themen geht, ist es durchaus von interesse, zu sehen, ob der autor männlich ist oder eine autorIN! daher würde ich es sehr begrüßen, wenn man sich nicht mit diesen unsäglichen abkürzungen oder initialen hier meldet, sondern mit einem (von mir aus erdachten, wenn man so angst um seine privatsphäre hat) namen des eigenen geschlechtes. ich kann mit diesen äußerungen hier teilweise recht herzlich wenig anfangen, wenn:
    a) der autor nicht mal bereit ist, sein geschlecht anzugeben
    b) ich seine äußerung in keinen kontext einordnen kann.

    keiner verlangt, daß man hier sein alter, sein gesellschaftliches umfeld oder seinen beruf offen legt (was bei diesem diskurs natürlich auch sehr von interesse wäre), aber diese kürzel sind mir einfach zu läppisch. wenn man sich schon äußert zu themen, die einen anscheinend interessieren, und man eine meinung hat, die man kundtun möchte, sollte doch so viel ernsthaftigkeit möglich sein, wenigstens das geschlecht anzugeben.

  46. Mondfee sagt:

    hn schrieb:
    „anders kann ich mir zumindest dieses appeasement gegenüber der männerwelt nicht vollständig erklären. ihr müsst nicht für die mitkämpfen. einerseits sind die eben “the man”, können also einfacher änderungen durchsetzen, wenn sie denn wollten. andererseits gibts doch genau aus diesem grund diese lächerliche veranstaltung welche sich “neue männer” nennt, zuhause patriarch, und in der gruppe sich dann drüber ausheulen.“
    Danke, hn, für diese Deine Bemerkung!
    Bei manchen „neuen Feministinnen“ hat man das Gefühl, daß sie sich nicht trauen, radikal zu sein, aus Angst davor, was Männer dazu sagen könnten.
    Das ist bei Alice Schwarzer zum Glück _nicht_ der Fall.
    Zum Röhl-Link: ausgerechnet sie in einem feministischen Blog anzubringen ist schon fast lächerlich.
    Barbara schrieb:
    „Also: Kopf hoch, Nacken strecken, Hirn anschalten, Augen und Ohren auf, das Herz fühlen lassen…
    Auf dass ihr euch traut Frauen zu werden, und keine Mädchen bleiben müsst…“
    Ja, das wünsche ich Euch von der Mädchenmannschaft auch!
    Und das könnt Ihr auch brauchen, wenn ich so manche Kommentare von Lesern hier anschaue…
    ———
    P.S.: Bitte meinen Kommentar von 1:54 löschen, keine Ahnung, was da schiefgelaufen ist…

  47. Sven sagt:

    Eigentlich sollte ich schon wegen des Kommentars von Christina jetzt ein Kürzel verwenden, mir fällt bloß keins ein, deshalb bleibe ich mal bei meinem realen Namen… aber verwunderlich ist die Argumentation doch schon. Wie kann ein geschlecht eine Aussage (dis)qualifizieren? Wenn man das zu Ende denkt, funktioniert das nur mit essentialistischen Annahmen…

    Ansonsten muss ich Lucys Kommentar scharf kritiseren (was ich mit oder ohne Kürzel gemacht hätte – und die Zeichen, die bei euch auf dem Bildschirm erscheinen, wären auch die gleichen, wenn eine ‚Marie‘ sie abgeschickt hätte). Du propagierst einen Feminismus, der ‚Frauensache‘ ist. Nicht ganz das Falscheste, wenn man sich das Wort anschaut. In einem solchen Modell können ‚Männer‘ höchstens Helfer oder Sympahthisanten sein.
    Nicht nur, dass ich als ‚Mann‘ (da wurde ich nun mal eingeordnet) abgesehen von einem humanistischen Idee nicht so viel von habe, obwohl ich aufgrund meines Geschlechts in bestimmten Zwangszusammenhängen stecke. Sondern auch, dass man mit der Konzeption vom Geschlechterkampf nicht besonders weit kommt, verleitet mich zu dem Schluss, dass die Idee der quasi-universalen ‚Schwesternschaft‘ unter Frauen nicht besonders weit trägt.

    Bei Alice Schwarzer sollte man übrigens differenzierter vorgehen, auch, wenn sich sicherlich nachweisen lässt, wie viele Ideen des Feminismus der 70er Jahre sie heute noch für aktuell hält, siehe zum Beispiel die Kontinuität bzgl. der Pornographie-Frage.

  48. Lucy sagt:

    @ Sven: Moooment. Wo in meinem Kommentar hast du rausgelesen, dass ich einen reinen „Frauenfeminismus“ fordere?

    Meine Aussage war so gemeint, dass Anna einen sehr persönlichen Beitrag über ihr Verhältnis zu Alice Schwarzer geschrieben hat und die Bedeutung, die Sie für sie (gehabt) hat. Ich hatte den Eindruck, dass die einzigen wirklich angemessenen Kommentare auf so ein Post die eigenen persönlichen Erfahrungen sind. Daher meine Meinung, dass ein Mann (oder auch ein Frau, die mit Feminismus nichts am Hut hat) diese Erfahrungen nicht teilen KANN. Egal, wie fortschrittlich er/sie sich verhält und wie gleichberechtigt er/sie leben mag. Nicht mehr und nicht weniger.

    Und daher finde ich Christinas Einwand durchaus berechtigt: Männer und Frauen erleben dieselben gesellschaftlichen Bedingungen größtenteils sehr unterschiedlich, und machen völlig andere Erfahrungen, bei vermeintlich gleichem Umfeld. Daher ist schon spannend, aus welchem ‚Bereich‘ diese Meinung kommt. Ansichten können ja nicht losgelöst von der Person betrachtet werden. Z.B. ein Atomkraftwerksbetreiber hat natürlich eine andere Einstellung zu regenerativen Energien als eine Ingenieurin im Windenergiebereich, logisch. Aber wenn diese z.B. Lobbyarbeit betrieben, möchte man ja schon die Hintergründe kennen. (Ich hoffe, das Beispiel hat meine Aussage verdeutlichen können.)

  49. Erna sagt:

    auch männer können natürlich einen persönlichen bezug zu dem thema haben, durch ihre erziehung im feministischem kontext etc… daher würde ich nicht sagen, dass diese von der diskussion ausgeschlossen bleiben müssen.
    ich finds nur irgendwie anstrengend das auf diesen beitrag der übliche theoriestreit wieder anfängt… junge feministinnen sind zu vorsichtig/alice schwarzer zu radikal oder ihre aussagen nicht angemessen… *schrei* *tret* *beiß*
    darum geht es doch hier gar nicht.
    was haltet ihr davon dieses furchtbare thema woanders auszutragen?

  50. Gedeon sagt:

    @Lucy: Ich denke, Du begehst hier einen Motiv-Fehlschluss (nach dem Motive Meinungen (dis-)qualifizieren). Dann könnte man aber analog argumentieren und einen Bumerang-Effekt provozieren: ‚Eine feministische Politikerin äußert eine (überzeugende) Meinung zu Männerechten. Eine Femnistin betreibt aber Lobbyarbeit und kann nicht losgelöst von der Person betrachtet werden. Ergo: Kann die Meinung nichts taugen, sollte sie die Meinung zurückhalten, hat Sie nicht die richtigen Erfahrungen etc.‘
    Ich glaube, man sollte Meinungen lieber nicht vorschnell im Ansehen der Person beurteilen/diskriminieren, sondern schauen, ob sie was beitragen.

  51. Gedeon sagt:

    ;-)

  52. David Reimer sagt:

    Ich wette, die meisten Mädchen hier wissen, ohne es zu googlen, überhaupt nichts mit den Themen „Bruce Reimer“ und „Lorena Bobbit“ anzufangen.

  53. Erna sagt:

    @ david reimer
    und das hat jetzt welche konsequenzen für welche diskussion?
    wenn es hier frauen (oder männer) gibt die es bis dato nicht wussten, haben sie jetzt eben etwas dazugelernt.

  54. hasimausi sagt:

    @david reimer
    es geht um weibliche Identität..

  55. access denied sagt:

    „Nicht nur, dass ich als ‘Mann’ (da wurde ich nun mal eingeordnet) abgesehen von einem humanistischen Idee nicht so viel von habe,“

    Bei Feminismus geht es ja auch um Frauen, nicht wahr.
    Ich erwarte nicht, etwas von Feminismus zu haben, trotzdem unterstütze ich das vorbehaltlos, wenn’s nicht grade der grösste Unsinn ist. Weil es nunmal im Feminismus um Frauen und ihre Interessen geht. Und nicht um meine (abgesehen von der befreiten Gesellschaft).

  56. AnKa sagt:

    @david reimer: Da der Artikel sich mit Alice Schwarzer beschäftigt, sollte man diese Thematiken kennen. Wenn man nun was dazu lernt, umso besser.

    Irgendwo hier über mir stand auch etwas im Sinne von: Es geht hier nicht darum, ob und warum man Alice feiern oder ablehnen sollte, sondern darum, dass sie für Anna halt wichtig war als moralische Instanz.
    Nun gut, da frage ich mich aber, ob man sich wirklich von eine Person als moralische Instanz abhängig machen sollte. Im Endeffekt, hat man dann die Gesellschaft, die XYZ von einem erwartet, ersetzt durch AS oder „die Feministinnen“, die nun UVW erwarten. Ergo: Man wäre also kein Stück freier.
    Selber denken macht schlau und in diesem Zusammenhang auch frei.
    Daher würde mich gerade interessieren, ob mit dieser differenzierteren Sicht auf Schwarzer auch eine eigenständigere Sicht einhergeht oder ob nun wiederum nur durch eine neue moralische Instanz ersetzt wurde!?

  57. Julian sagt:

    Anna, schöner Brief! Danke!

  58. […] Geschichte für sich. Eine Geschichte, bei der mir sehr vieles überhaupt nicht gefallen hat. Oder wie auch Anna Berg schrieb: Ich nahm wie selbstverständlich an, Sie würden sich für diese jungen Frauen interessieren. Ich […]