25 Jahre Mauerfall: Deutsche Selbstverständlichkeiten

von Nadine

In der Erinnerungsarbeit und Aufarbeitung der DDR-Geschichte, auch in den vergangenen Tagen, wird deutlich: Es sind die immer gleichen Geschichten, die erzählt werden: Staatliche Verfolgung, Überwachung, Repression, Morde, die – zum Glück – mit dem Fall der Mauer am 9.11.1989 und dank einer „friedlichen Revolution“ beendet wurden. Die langersehnte deutsche Einheit 1990, ein einig „Volk“. Es kam endlich zusammen, was schon immer zusammengehörte?

Viel wurde getan nach 1989, damit die ehemaligen IMs, SED- und Stasifunktionäre aufgespürt, sanktioniert und ausgegliedert werden konnten. Nicht allen widerfuhr ihre „rechtmäßige“ Bestrafung, doch es ist auffällig, mit welchem Nachdruck die gesamtgesellschaftliche Verurteilung des DDR-Regimes bis heute passiert – eine positive Bezugnahme auf die DDR ist tabuisiert. Das Urteil „Unrechtsstaat“ ist unwiderruflich. Die Linkspartei muss sich immer wieder legitimieren. Selbst der Bundespräsident und die Bundeskanzlerin dürfen ihre Bedenken zur Regierungsbildung in Thüringen äußern und damit demokratische Prozesse auf den Prüfstand stellen. Wo die Linke mitregiert, ist die SED nicht weit. Während zeitgleich Koalitionsüberlegungen der CDU mit der rechten AfD okay sind. „Man wird ja wohl noch koalieren dürfen“, gilt eben nicht für die Linke, eine Partei mit SED-Vergangenheit, eine Partei mit sozialistischen Grundsätzen.

Noch immer mischen sich antisozialistische und antikommunistische Ressentiments in der Bundespolitik genauso wie in der westdeutschen Gesellschaft mit klassistischen und klassenspezifischen Abwertungen, die die Linkspartei treffen und viele weiße Ostdeutsche, die ihre Herkunft nicht hinter einer dialektfreien Sprache oder neoliberalen, sozialchauvinistischen Ideologien verbergen können oder wollen. Wer sich rot äußert oder darauf aufmerksam macht, dass sich die Lebensqualität der meisten Ostdeutschen nach 1989 eher verschlechtert als verbessert hat, gerät unter Generalverdacht ein Gesellschaftssystem zu präferieren, das dem Faschismus gleicht. Linksradikale Bewegungen werden kriminalisiert und dem Vorwurf der Verfassungsfeindlichkeit und Volkszersetzung ausgesetzt. Während Nazis weiterhin von staatlicher Seite ungehindert marschieren und morden dürfen.

Es verwundert nicht. Es ist die Fortsetzung deutscher Geschichte, die schon immer darum bemüht war, die Errungenschaften sozialer Bewegungen möglichst schnell zu revidieren. Dass sich ein sozialistisches Gesellschaftsmodell auch nach 1945 hierzulande nicht behaupten konnte, geschweige denn in seinem kurzen Bestehen für alle ein besseres Zusammen_Leben ermöglichen konnte, ist nicht nur Folge von globalen gesellschaftspolitischen Machtkämpfen und einem aggressiven Kapitalismus, sondern eigentlich eine deutsche Selbstverständlichkeit.

Es verwundert nicht. Es ist die Aktualisierung eines deutschen Bewusstseins, das bis heute von weißen, christlichen, völkisch-nationalistischen Allmachts- und Überlegenheitsfantasien und einem soziopathologischen Begehren nach Obrigkeit und Führung geprägt ist. Dass in den Erzählungen um den 9. November weder die staatlichen verordneten Pogrome 1938, die Verfolgung und Ermordung von Jüd_innen und allen anderen, die zu Nicht-Menschen degradiert wurden, einen dem Mauerfall ebenbürtigen Platz in der Erinnerungsarbeit bekommen, ist nicht nur Folge eines Jubeltaumels über den Zerfall der DDR mit Bier und Bratwurst, sondern eigentlich eine deutsche Selbstverständlichkeit.

Es verwundert nicht. Es ist die unhinterfragte und ungebrochene Hervorhebung weißer, deutscher Opfer historischen Unrechts, die die Erzählungen der ehemaligen Vertragsarbeiter_innen aus BRD und DDR, der migratisierten und kolonialisierten Generationen, die hier lebten und leben, den Geflüchteten, die hier leben wollen, systematisch aus deutscher Erinnerungsarbeit ausgeschlossen werden. Hoyerswerda, Solingen, Lichtenhagen, Mölln – bedauerlich für das Ansehen von Deutschland, aber nicht betrauernswert für die Angehörigen, Hinterbliebenen, Vertriebenen. Dass 1884, 1938, 1989, 1991, 1992 und 2014 oft einseitig erinnerte und zusammenhangslose Jahreszahlen bleiben, ist nicht nur Folge kollektiver Geschichtsamnesie, sondern eigentlich eine deutsche Selbstverständlichkeit.




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Eintrag geschrieben: Montag, 10. November 2014 um 14:59 Uhr unter Geschichte. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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7 Kommentare

  1. Papadopoulos sagt:

    „Wer sich rot äußert oder darauf aufmerksam macht, dass sich die Lebensqualität der meisten Ostdeutschen nach 1989 eher verschlechtert als verbessert hat, gerät unter Generalverdacht ein Gesellschaftssystem zu präferieren, das dem Faschismus gleicht.“

    Öhm. Der „meisten“? D.h., von den knapp 16 Millionen ging es nach der Wende über 8 Millionen schlechter? Worauf gründet sich diese Behauptung? Quellen? Daten? Fakten? Gefühle?

  2. Papadopoulos sagt:

    Danke für den Link. Die Geschichtsvergessenheit (Oder besser: -egalheit) ist in der Tat ein beklagenswerter Umstand. Ich kann mich als selbst in der DDR Aufgewachsener zudem bestens an das allfällig abfällige Reden über Vietnamesen, Kubaner, Angolaner und Russen erinnern.
    Ohne aber kleinlich erscheinen zu wollen: meine Frage nach der Mehrheit, der es nach der Wende schlechter gegangen sein soll, beantwortet auch der Artikel nicht. Mein privates Umfeld war ganz überwiegend glücklich und ist es in Sachen Überwindung dieses unfassbar menschenverachtenden Systems noch immer.

  3. Nadine sagt:

    nein das ist nicht kleinlich, im gegenteil. es ist halt auch eine seite der geschichte der wendezeit und ich würde dir da zustimmen. ich habe in meinem familiären umfeld und auch in der stadt in der ich aufgewachsen und 19 jahre verbracht habe, allerdings völlig gegenteilige erfahrungen gemacht, die der artikel in der taz illustriert: 3/4 mussten job wechseln oder wurden arbeitslos, perspektivlosigkeit oder die rente reicht nicht zum leben und es müssen zweit/drittjobs her. ich denke, dass das auch mit klassenzugehörigkeit zu tun hat und wer wo gelebt hat (stadt/land, grenzgebiete oder eher „mittendrin“), wer welche (beruflichen) positionen und welchen status in der DDR inne hatte, wie die erfahrungen vor, während und nach der wende waren und sind. auch wenn menschen profitiert haben von der wende, heißt das nicht, dass sie nicht doch sich völlig neu einstellen oder umstellen mussten auf das soziokulturelle und wirtschaftliche system der BRD, was westdeutsche schlicht nicht mussten. auch wenn menschen nicht mehr verfolgung und überwachung ausgesetzt sind, geschieht diese doch heute auch noch, nur eben unter demokratischem deckmantel und vielleicht für den_die einzelne_n nicht immer sofort am eigenen leib spürbar. (und geschah diese auch vor 89 in der BRD, thematisiert wird das nie). mir ist es wichtig, dass umfassend berichtet, aufgearbeitet und erinnert wird und alle perspektiven ihren platz finden.

  4. Carsten sagt:

    Du schreibst: “ “Man wird ja wohl noch koalieren dürfen”, gilt eben nicht für die Linke, eine Partei mit SED-Vergangenheit, eine Partei mit sozialistischen Grundsätzen.“ Ist das so?
    In Brandenburg steht ja jetzt ein rot-rotes Regierungsbündnis. Okay, es ist das einzige in Deutschland und z.B. Merkel äußerte sich ja tatsächlich, wie von dir beschrieben. Aber trotzdem gilt auch für die Linke: „Man wird ja wohl noch koalieren dürfen.“ Die Koalitionsüberlegungen der CDU mit der AfD wurden hingegen nicht als „okay“ empfunden, es gab Empörungsbekundungen von allen Parteien und auch die CDU distanzierte sich schließlich ausdrücklich von der AfD.

  5. Nadine sagt:

    hey carsten,

    ich hab dazu glaube ich eine andere wahrnehmung. dazu geben auch die beteiligung an den landesregierungen aufschluss: seit dem mauerfall war die linke lediglich in berlin (seit 2002 – nach korruption und verschuldung berlins durch die cdu – bis 2011), in meckpomm von 98 bis 2006 und in brandenburg seit 2009 an regierungen beteiligt. in allen regierungsbeteiligungen war/ist die linke lediglich koalitionspartner. mit der wahl in thüringen stellt nun das erste bundesland seit mauerfall einen linken regierungschef. vor der thüringen wahl also gab es aktuell nur brandenburg mit wie du schreibst geringer linker beteiligung. die koalitionsverhandlungen / sonderierungsgespräche sind immer von mindestens misstrauen und argwohn begleitet. jede partei muss sich quasi schon im vorfeld zur linkspartei ablehnend positionieren. auch bei bundestagswahlen sieht das nicht anders aus.

    großes negativbeispiel waren hessen und andrea ypsilanti. die vorbehalte bei ihr und später in der eigenen partei waren ursächlich dafür, dass erneut der rechtskonservative roland koch, der eigentlich zur abwahl stand, wieder das zepter in die hand nehmen konnte. die spd bemüht sich auf bundes- und kabinettsebene redlich, den eigenen linken flügel und die eigene basis ins aus zu schießen, aus angst davor, es könnte zu rot werden in der spd.

    dass die afd überhaupt erwogen wurde zur koalition von der cdu und auch erst eine eindeutige absage nach empörungsbekundungen kam und nicht schon lange im vorfeld angesichts, dass es eine offen rechte partei ist, lässt doch auch sehr verwundern.

  6. Lena sagt:

    Vielen Dank, ein wichtiger Artikel!