Archiv für Juli 2009


Wieso die EU nur wenig am Abtreibungsrecht in ihren Mitgliedsstaaten ändern kann

25. Juli 2009 von Franziska
Dieser Text ist Teil 3 von 19 der Serie Post aus Brüssel

Bonjour,

heute möchte ich auf Leonies Frage eingehen. Sie schrieb beim letzten Mal: “Was sagt eine Europapolitikerin dazu, dass die EU bereit ist, Irland weiterhin ein totales Abtreibungsverbot zu zugestehen, nur um einen EU-Vertrag durchzubringen? Der Zweck heiligt die Mittel? Sehr interessant ist dies auch, da die EU eigentlich einheitlich beschlossen hatte, das alle Frauen in EU-Ländern ihr Recht auf einen Abbruch einfordern können. Kann die EU in diesem Fall wirklich Frauenrechte so ernst nehmen? Müsste in diesem Fall nicht eigentlich der europäische Gerichtshof einschreiten, denn immerhin werden hier die Grundrechte von einigen EU-Bürgern mit Füßen getreten?“

Illustration: (c) Eva Hillreiner

(c) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de

Zuerst einmal zum Hintergrund: Die EU hat nie einheitlich beschlossen, dass alle Frauen ihr Recht auf einen Schwangerschaftsabbruch einfordern können. Das hat der Europarat getan – das Gremium mit 47 Mitgliedsstaaten, unter anderem Russland, dessen Entscheidungen nicht bindend sind – und nicht die Europäische Union (EU). Deswegen hat die irische Staatspräsidentin Mary McAleese auch in der Parlamentarischen Versammlung des Europarats die geltenden Regelungen in Irland verteidigt. Vielleicht erinnert ihr euch jetzt an europäische Gerichtsverfahren, unter anderem den Fall der polnischen Frau, die trotz eklatanter Gesundheitsrisiken nicht abtreiben durfte, und dann auch tatsächlich erblindete. Dafür wurde die polnische Regierung verurteilt – aber nicht von einem EU-Gericht, sondern vom Europäischen Menschengerichtshof (der nichts mit der EU zu tun hat). Das hört sich jetzt kompliziert an, bringen Journalisten auch ständig durcheinander, aber ist wichtig für eine politische Debatte.

Das Recht auf Abtreibung ist also kein europäisches Sekundärrecht im Sinne von bindendem EU-Recht. Es wurde (leider) noch nie so von den Regierungschefs beschlossen. Das hat vor allem einen Grund: Bis jetzt argumentieren die Regierungschefs, dass eine solche Entscheidung nicht im Kompetenzbereich der EU läge. Die EU habe gar kein Recht darüber zu entscheiden, genauso wenig wie zum Beispiel über die Gliederung des Schulsystems. Das Argument lautet wahlweise: Abtreibung ist eine „Gesundheitsfrage“ oder eine „kulturelle/moralische“ Frage und damit nationale Kompetenz. Würden die Regierungschefs das Recht auf Abtreibung als Menschenrecht verstehen, könnte die EU die richtige Plattform sein. Aber diesen Schritt zu tun weigern sich bis jetzt die EU-Regierungen.

Basierend auf dem Argument „Gesundheit“ darf nach den aktuellen Verträgen – und auch dem Lissabonvertrag – die EU in diesem Bereich also gar nichts entscheiden. Die irischen Gegner, die sich auf das Abtreibungsrecht im Lissabonvertrag beriefen, wollten vor allem sicherstellen, dass die EU nicht irgendwann doch das Recht auf Abtreibung als Menschenrecht definiert und es damit zur EU-weiten Durchsetzung diesen Rechts kommen könnte. Was die Iren also bekommen haben, ist die Zusage, dass der Lissabonvertrag der EU keinerlei Kompetenz überträgt im Bereich der Abtreibung (es also weiterhin bei ihrem “Gesundheits”verständnis bleibt).

Am 3. Juli 2002 hieß das Europaparlament mit 280 zu 240 Stimmen eine Resolution gut, in welcher den Mitgliedstaaten und den Beitritts-Kandidaten in Mittel- und Osteuropa empfohlen wurde, den Schwangerschaftsabbruch zu legalisieren. Im Vorfeld der Debatte waren die Abgeordneten von Zuschriften der Abtreibungsgegner überschwemmt worden. Mit der aktuellen Sitzverteilung nach der Wahl am 7. Juni 2009, bei der die Konservativen als Sieger hervorgingen, wäre auch so eine – unverbindliche – Resolution nicht mehr denkbar.

Eine mögliche Kompetenzverlagerung hat außerdem das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Lissabonvertrag erschwert. Das Gericht spricht, dass „kulturell“ besonders bedeutsame Entscheidungen auf nationaler Ebene bleiben sollen. Das Abtreibungsrecht wurde bis jetzt auch häufig mit Verweis auf die „kulturellen“ Unterschiede der Mitgliedsländer von der europäischen Ebene ferngehalten.

Hier herrscht der Handlungsdruck also vor allem auf der nationalen Ebene (für die Umgestaltung der nationalen Politik und die Positionierung der Regierung in Brüssel) und erfordert die Solidarität der Frauenbewegungen untereinander.

Au revoir, eure Franziska


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Was war denn da los?

24. Juli 2009 von Katrin
Dieser Text ist Teil 38 von 152 der Serie Kurz notiert

Kurz verlinkt einige interessante Themen und Diskussionen aus der vergangenen Woche:

Eine Frau wird geschlagen und keiner rührt sich. Zivilcourage? Nö. Paul Plamper hat ein Hörspiel über so eine Situation gemacht, das bedrückend macht. Doch er hat selbst eine solche Situation erlebt, wie er im Interview mit dem Freitag berichtet. Doch anstatt den moralischen Zeigefinger zu heben plädiert er für mehr Übung in Sachen Zivilcourage.

Wehrgerechtigkeit ist schon lange nicht mehr (war sie je?).  Jetzt ist ein neues Argument gegen eine reine Berufsarmee auf dem Tisch: Die Abiturienten würden dann ja gar nicht mehr mitmachen – die taz berichtet. Aha. Und wie groß soll der Unterschied bitte sein, wenn doch bereits jetzt ein Bildungsunterschied die Entscheidung zwischen Wehrdienst und Zivildienst beeinflusst? Eine alte Debatte in neuer Auflage.

Feministing-Autorin Jessica Valenti greift in ihrem aktuellen Video-Statement die Problematik um Erin Andrews auf: Diese wurde ohne ihre wissen gefilmt, als sie nackt durch ihr Hotel-Zimmer lief – das Video geht nun um die ganze Welt.

Maxi Obexer ist Theaterautorin und schreibt in der taz über eine Studie, die belegt, dass weibliche Dramatikerinnen es wesentlich schwerer haben, als männliche Kollegen: Sie müssen wesentlich mehr Kritik einstecken und weniger sind sie eh. Doch was vor allem zu denken gibt: Die größten Kritikerinnen der schreibenden Frauen sind: Frauen.

Man kann es ja gar nicht oft genug schreiben: Wie schön, dass neue Dynamik in die Debatte um das Adoptionsrecht von gleichgeschlechtlichen Paaren kommt! Die taz hat ein lesbisches Pärchen interviewt, das im September ihr Kind bekommt  und dann zum Drei-Mädchen-Haushalt wird.

Schöne Bilder von Frauen mit Forscherinnendrang – solche macht Fotografin Bettina Flitner. Einige dieser Bilder, die Flitners jüngstes Projekt mit dem Titel “Frauen die forschen” sind bei sueddeutsche.de zu sehen – vor allem aber ein Artikel über eine Fotografin die von forschenden Frauen überrascht worden ist. Lest selbst.

Und zum Schluss ein Kommentar über den “Berlusconi-Idioten” und Männer, die versuchen mit Lolitas an die Macht zu kommen aus der FR-Online.


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Sex auf Rezept

24. Juli 2009 von Verena

In dieser Woche gab es ein kleines Sex-Special bei der ZEIT, das sich unter anderem mit der Frage nach sexueller Leistungsfähigkeit – vor allem von weiblicher Seite – beschäftigte.

In „Projekt Pink Viagra“ stellt Heike Faller die Bemühungen der Pharmaindustrie vor, die weibliche Sexualität erfüllender zu gestalten. Verhilft das ‚blaue’ Viagra seit mehr als zehn Jahren Männern zum Lustgewinn, erzeugt es zwar auch bei Frauen die entsprechende Reaktion, indem die Genitalien anschwellen, auf das psychische Empfinden aber hat es keine Auswirkung.

Also muss ein ‚pinkes Viagra’ her. Und da wird es interessant, denn nach Ansicht der Forscher und mitunter ja auch der Gesellschaft spielt bei der Frau das körperliche Erleben weniger eine Rolle, als die Bereitschaft im Kopf, Lust zu empfinden. Wie genau das Zusammenspiel von genitaler und gefühlter Erregung bei Frauen funktioniert, darüber herrscht Uneinigkeit.

Die weibliche Erregungsstörung ist sehr viel komplexer als die Erektile Dysfunktion. Um sie zu diagnostizieren, müssen körperliche, emotionale und Beziehungs-Faktoren in Erwägung gezogen werden, und diese komplexen und voneinander unabhängigen Faktoren machen es sehr schwierig, die Wirkung eines Medikaments zu messen.

Trotzdem haben Forscher eines Schwäbischen Pharmaunternehmens einen Wirkstoff entwickelt, der lustentfachend auf das zentrale Nervensystem der Frauen wirken soll – Filbanserin heißt der Wirkstoff, den die Firma gerade an 5000 Frauen in Europa und Nordamerika testet.

Sehr treffend stellt sich Frage, warum Frauen eine Pille schlucken sollten, um ihre sexuellen Bedürfnisse in Bahnen zu lenken, die am männlichen Sexualverhalten gemessen werden?

Angeblich liegt die Zahl der Frauen, die an vermindertem sexuellen Verlangen (hypoactive sexual desire disorder) oder an einer übergeordneten Funktionsstörung (female sexual dysfunction) leiden, bei zehn bis dreißig Prozent. Dass es schwierig ist, bei einem Phänomen, das jede dritte Frau betrifft, von einer »Störung« zu reden, ist offensichtlich. In einem Aufsatz im Journal of British Medicine von 2003 wurde die female sexual dysfunction als krassestes Beispiel für eine »unternehmensgesponserte Krankheitserfindung« kritisiert. Die Diagnose sei eine abermalige Gleichsetzung männlicher und weiblicher Sexualität, die etwas pathologisiere, was bei Frauen einfach normal sei.

Meiner Meinung nach wird auch männliches Sexualverhalten stark pauschalisiert, aber für alle Geschlechter und jedes Individuum gilt es außerdem zu überlegen, ob mehr Sex auch gleich besserer Sex ist.

Auch ZEIT-Kolumnistin Sigrid Neudecker warnt einen Klick weiter vor der Lust als Muss…

Wer sich der sexuellen Leistungsgesellschaft entzieht, macht sich verdächtig. {…} Höchstwahrscheinlich haben wir den gleichen Sex wie seit Jahren, Jahrzehnten. Aber das Messsystem wurde verschoben. Wer vor 20 Jahren noch im guten Mittelfeld lag, ist heute ein Underachiever. Links und rechts rauschen sie vorbei, die sexuell Aufgeschlossenen, die sicher viel mehr Spaß im Bett haben. Das zumindest suggerieren die Frauen- und Männermagazine, die mittlerweile alle eine eigene Rubrik für das Thema Sex haben.

… und fragt ironisch…

Soll denn die ganze sexuelle Revolution zu gar nichts gut gewesen sein? Multipel müssen die Orgasmen immerhin nicht mehr sein, aber bitte wenigstens regelmäßig. Sonst müssen Maßnahmen ergriffen werden. Vibrator, Therapie, und irgendwann gibt es sicher auch dafür eine Pille.

Also Mädels, die Entwicklung läuft – aber wie geschildert, ist fraglich, ob so ein Stück Chemie direkt Bock auf mehr macht. Und wenn der oder die PartnerIn sexuell eine Vollniete ist, hilft sowieso keine Pille der Welt. Die Pharmaindustrie kann eben auch nicht alle Probleme der Welt lösen:

Pharmakritische Wissenschaftlerinnen wiederum machen darauf aufmerksam, dass Ganztagskindergärten dem Sexleben junger Mütter mehr helfen würden als alle Medikamentenforschung der Welt zusammengenommen.


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Mama, Mama, Kind und Papa, Papa, Kind

23. Juli 2009 von Susanne

Im Bundesjustizministerium wird heute eine längst überfällige Studie zur rechtlichen Situation von gleichgeschlechtlichen Paaren mit Kindern vorgestellt und diskutiert. 240 Seiten lang ist die Studie geworden, schreibt die Süddeutsche Zeitung, gefüllt mit unzähligen Defiziten der deutschen Gesetzgebung. Die damit der Realität im Schneckentempo hinterherschleicht, denn immer mehr homosexuelle, vor allem lesbische Paare entscheiden sich, – per künstlicher Befruchtung und Samenspende – eigenen Nachwuchs zu bekommen.

Doch der Partner, der nicht mit einer Eizelle oder seinen Samen beteiligt ist, wird nach der Geburt nicht automatisch ein Elternteil – wie es z.B. in Schweden, Spanien, Südafrika oder einigen US-Staaten üblich ist. Hierzulande stehen Paare wie Ursula und Stephanie, deren Beispiel in der SZ beschrieben ist, vor einem Haufen Probleme:

Zwar hat die 40-jährige Ursula, nachdem sie im vergangenen Jahr mit der 31 Jahre alten Stephanie eine eingetragene Lebenspartnerschaft eingegangen ist, das sogenannte kleine Sorgerecht für Emil und Hannah, doch das reicht für vieles nicht aus: In welche Schule Emil bald gehen soll, darf Ursula ebenso wenig entscheiden, wie sie seine Geburt beim Standesamt anmelden konnte. Ist Stephanie krank, hat Ursula nicht die Möglichkeit, einen freien Tag zu nehmen, um auf Emil und Hannah aufpassen zu können – anders als jeder rechtliche Vater. Den Anspruch, Elternzeit zu beantragen, hat Ursula ebenfalls nicht. Und wenn Stephanie etwas zustoßen würde, dürften die Kinder von Rechts wegen nicht bei ihr bleiben.

Die einzige rechtliche Möglichkeit, die Ursula hat, ist eine sogenannte Stiefkind-Adoption, Dafür muss sie ihre “Fähigkeit zur Elternschaft” beweisen. Das bedeutet: Gehaltsnachweis, Führungs- und Gesundheitszeugnis, und das Jugendamt überprüft, ob es tatsächlich eine Mutter-Kind-Beziehung gibt. Letzteres ist ein übliches Verfahren, wenn Eltern nach einer Trennung mit neuen Partner_innen zusammenleben, die das Kind adoptieren wollen.

“Die Stiefkind-Adoption entspricht nicht der Situation der lesbischen Paare. Hier wird das Kind schließlich in die Beziehung hineingeboren”, sagt auch der LSVD-Sprecher Manfred Bruns, der als ehemaliger Bundesanwalt am Bundesgerichtshof schon vielen lesbischen Müttern geholfen hat, wenn sie Schwierigkeiten mit der Stiefkind-Adoption hatten. Die Liste seiner Beratungsfälle ist lang: Mal soll für das Kleinkind ein Pfleger bestellt werden, bis es alt genug ist, selbst über die Stiefkind-Adoption zu entscheiden, mal sieht man keinen Sinn in der Adoption, da doch der biologische Vater bekannt ist. Trotzdem hat bis jetzt – auf kurz oder lang – jede Stiefkind-Adoption geklappt. Auch wenn dabei sichtbar wird, wie vermeintlich tolerante Menschen das Thema überfordert: “Es besteht eine große Offenheit für verschiedene Lebensentwürfe”, so Bruns, “aber bezüglich Kindern in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften gibt es immer noch große Vorbehalte.”

Justizministerin Brigitte Zypries fordert deshalb, unterstützt von SPD-, FDP- und Grünen Politikerinnen, eine Reform des Adoptionsrechts – in der nächsten Legislaturperiode.


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SpiegelOnlineFail

22. Juli 2009 von Helga

“Ich wurde vergewaltigt.”

“Krass. So wie das Lied von David Bowie in der Vodafonewerbung?”

“Nein. So richtig mit keinen Sex wollen, Schmerzen haben, sich danach scheiße, machtlos, benutzt fühlen, Angst haben, dass einem keiner glaubt, dass es wieder passiert, sich selbst die Schuld geben.”


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Familie ist, was ihr draus macht

22. Juli 2009 von Susanne

Mit Kommissionen ist das ja so eine Sache: Es gibt viele, sie schreiben viele Berichte. Die werden dann mehr oder weniger in der Presse besprochen und anschließend schnell vergessen. Weil die Empfehlungen zu teuer sind. Weil der Politikbetrieb lieber weiter an ältere Berichte glauben mag. Oder. Oder. Oder.

Nun hat aber die von der Robert-Bosch-Stiftung einberufene Expertenkommission „Familie und demographischer Wandel“ gleich einen ganzen Katalog von Forderungen vorgelegt, was sich in der deutschen Familienpolitik ändern sollte – weg vom Mama-Papa-Kind-Hund-Modell, hin zu Solidaritätsgemeinschaften, die auch staatlich unterstützt werden. Momentan wird ausschließlich die Ehe explizit als Familienform durch Steuererleichterungen gefördert. Dass soll sich ändern, sind sich die Experten einig, deshalb:

  • muss das unmittelbare Umfeld gestärkt werden;
  • sollte sich Familienpolitik zuallererst auf der kommunalen Ebene entfalten;
  • muss das zivilgesellschaftliche Engagement für Familien auf proaktive staatliche Anreize treffen;
  • sollten neue Lebensgemeinschaften – gerade auch unter Älteren und im Mehrgenerationenverbund – rechtlich abgesichert werden;
  • sollte die Leistung für und in den kleinen Lebenskreisen durch steuerliche Erleichterung oder auch ein Grundeinkommen honoriert werden;
  • sollte sich Stadtentwicklung an familienpolitischen Belangen orientieren;
  • sollte der vergleichende Austausch und das Lernen von anderen gesucht und erleichtert werden.

Die Kommission, namentlich Kurt Biedenkopf, Hans Bertram und Elisabeth Niejahr, hat online nicht nur ihren Bericht veröffentlicht, sondern außerdem Gastbeiträge verschiedener Sozialwissenschaftler, die alle auf der Webseite der Robert-Bosch-Stiftung nachgelesen werden können.

Deren Überlegungen und Forderungen dürften wegweisend für unser zukünftiges Verständnis von Familie sein. Spannend bleibt nur, ob und wie schnell die Politik auf die Erkenntnisse der Wissenschaftler_innen reagiert. Bis jetzt ist – zumindest auf Regierungsebene – die Kleinfamilie ja weiterhin der allgemein anerkannte status quo, die Realität aber schon viel weiter, wie man an unzähligen privaten Initiativen sieht.

Oder? Wie lebt ihr denn so? Und wie wollt ihr später mal leben? Mit anderen Familien unter einem Dach? In einer WG? Mit euren Eltern in einem Mehrgenerationenhaus? Oder doch ganz “klassisch”, nur mit Kindern und eurem angeheirateten Menschen?


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In fremden Händen

21. Juli 2009 von Katrin
Dieser Text ist Teil 9 von 21 der Serie Freitagsgedanken

Körper und Sexualität von Frauen werden nicht nur von religiösen Fundamentalisten kontrolliert. Schon der ganz “normale” westliche Alltag übt subtil Macht aus.

(C) Frl. Zucker - fraeuleinzucker.blogspot.com/

Vor einigen Wochen lernte ich durch eine AWID-Studie über religiöse Fundamentalismen und ihre Auswirkungen auf FrauenrechtlerInnen in der ganzen Welt, dass ein Hauptaspekt der verschiedenen Fundamentalismen die Kontrolle der Sexualität und der Körper von Frauen ist (ich hatte berichtet). Doch bei näherer Betrachtung ist diese Kontrolle ein weltweites, religionsunabhängiges Phänomen. Natürlich kommen uns die Verbote von Abtreibung und Verhütung, die Gebote von Enthaltsamkeit vor und Sexpflicht in der Ehe nicht sonderlich “westlich-modern” vor, erst recht nicht säkular – da muss man nur einen Blick in die französische Debatte um die Burka werfen.

Stichwort Intimbehaarung

Auch mir schien das Phänomen zunächst ein rein religiöses zu sein. Bis ich auf eine sehr lange und anstrengende Debatte um Intimbehaarung im Blog von Feministing.com stieß und auch in unserem eigenen Blog dieses Thema diskutiert wurde. Denn scheinbar fließen auch in die kapitalistisch-konsumorientierte Welt der “sexuellen Befreiung” Kontrollmechanismen über weibliche Körper ein – oder wie könnte anders ein Intim-Enthaarungsdogma und das Zunehmen von Intim-Schönheits-OPs erklärt werden? Momentan findet auf subtilem Wege eine Normierung des Intimbereichs von Mädchen und Frauen statt. Zu große Schamlippen? Zu viele struppige Haare? Eine “unpassende” Vulva? Weg damit – her mit der Designer-Muschi.

“Aber die Frauen tun das doch freiwillig!” – lautet ein häufiges Argument. Doch wie viel Freiwilligkeit ist wirklich vorhanden, wenn ein Mann den Sex mit einer intimbehaarten Frau ablehnt und diese sich dann rasiert? Oder wenn 13-Jährige im Schwimmbad wegen aus dem Badeanzug hervorlugenden Schamhärchen ausgelacht werden? Wenn Frauen, an deren Beinen sich Haare befinden, abschätzig betrachtet werden? Ist das keine Kontrolle? Die Medien reproduzieren diese Delegitimierung durch Meldungen wie “Unrasierte Frauen haben weniger Sex-Chancen” und “Die Schamhaare zu rasieren gehört zum modischen Diktat, dem sich inzwischen eine Mehrheit unterwirft.” Mache ich das nicht, bin ich also schon eine Minderheit (was nicht stimmt, denn mit meinen 26 Jahren gehöre ich – Göttin sei Dank – zur behaarten Generation).

Stichwort Enthaltsamkeit

Ein weiteres Thema ist das des “Sex oder nicht Sex”. Denn viele Frauen machen hier mal mehr mal weniger drastisch die Erfahrung, dass ihnen die Kontrolle über ihren eigenen Körper und ob dieser Sex hat, oder nicht, abgesprochen wird. Vergewaltigungen sind die kriminelle Form – psychischer Druck und beharrlicher Widerstand gegen Abwehr sind die vielleicht viel häufigere. Eine Bloggerin der jetzt.de-Community schildert vier Situationen aus ihrem Leben, in der Männer Grenzen nicht akzeptierten und die Kontrolle an sich reißen wollten. Tatsächlich ist das Thema “wer kontrolliert den Sex”, also wer hat die dominante Rolle, noch sehr aktuell. Viele Männer sehen sich auf natürliche Weise in der Rolle, eine Frau verführen und rumkriegen zu müssen (und viele Frauen erwarten das so). Das kann auch schon mal ein bisschen anstrengend sein, weil sie sich “anstellt” oder “rumzickt”. Der Tiefpunkt meiner sexuellen Erfahrung mit Männern war ungelogen ein “frigide Kuh”. Natürlich kann und sollte sich jede Frau entscheiden, so einen Tölpel vor die Tür zu setzen. Keine Frau unterliegt einer Pflicht zum Sex – wie das in Afghanistan der Fall ist. Dennoch sehen viele Männer die Frauen in der Pflicht – sei es nun, weil man das in einer “normalen” Beziehung “so macht”, oder weil eine imaginäre “Schwelle” bei einem Date überschritten worden ist, ab der “man das so macht”.

Zuletzt das Thema Enthaltsamkeits-Gebot: Die Autorin von “Bitterfotze”, Maria Sveland (ich berichtete), lässt ihre Protagonistin die Erfahrung machen, dass Mädchen im Teenager-Alter, die ebenso selbstbewusst ihre Sexualität entdecken möchten, wie Jungen, als Hure abgestempelt werden. Auch die Autorinnen von “Wir Alphamädchen” greifen diese Double Standards auf: Sexuell “wilde” Mädchen haben schnell eine schlechten Ruf und gelten als minderwertig. Ihnen wird suggeriert, dass sie immer auf den “Richtigen” warten sollten, dass sie “sparsam” mit ihrem “wertvollem Gut” umgehen sollten etc. Als ich mit 14 Jahren auf einer Party zwei Stunden lang knutschend mit einem Austausch-Schüler aus Frankreich auf dem Boden herumlag galt ich in meiner Parallelklasse auch als “Schlampe” – so berichtete mir mein späterer Freund, der in dieselbe ging. Sexuelles Herumprobieren gehörte sehr bald nicht mehr zu den Dingen die ich – wie noch mit 14 Jahren – in der Öffentlichkeit ‚wagte‘.

Stichwort “Pillendogma”

Last but not least: Die Verhütungsfrage. Stichwort “Pillendogma”. Ich und viele andere Frauen, die ich in Diskussionen und Foren kennenlernte, wurden aufs schärfste von unseren Frauenärzten entmündigt. Als ich vor einigen Jahren merkte, dass Hormone mir nicht gut tun, ging ich vertrauensselig zu meinem Freund dem Frauenarzt. Ich klagte ihm mein Leid und wollte von ihm Informationen über die “Natürliche Familienplanung” (NFP) bekommen – denn ich wusste ja noch nichts darüber. Trotz expliziter Aufforderung, mir darüber etwas zu erzählen, weigerte er sich und sagte nur: “Wenn Sie schwanger werden wollen, können Sie das machen.” Das Ende vom Lied war das Verschreiben einer neuen Pillen-Sorte und: “Sie werden sehen, dass es Ihnen bald wieder besser gehen wird. Die Pille ist einfach die einzige sichere Methode zur Verhütung, die ich Ihnen anbieten kann. Machen Sie es gut.” Die Pille ist das Beste, was es gibt. Ganz einfach, ganz toll. Und Nebenwirkungen? Was, wenn die Pille mich zu einem Hormon-Mutanten macht? – Nein, das gibt es nicht. Dass die Pille als Allround-Talent verkauft werden soll, das hat auch Sarah Haskins stutzig gemacht.

Leider ist die Pille nicht nur für Frauenärzte eine Selbstverständlichkeit, sondern auch für die männlichen Sexpartner vieler Frauen. Kondome? Och nee – Verhütung wird mit dem “weniger Gefühl”-Argument ganz einfach ihr zugeschoben. Wozu sich mit den Lümmeltüten abquälen, wenn es doch die Super-Pille gibt? Und nein: “ich habe ganz sicher kein AIDS” aber wer fragt seinen Sexualpartner schon nach Chlamydien, Syphilis, Tripper, Pilzinfektionen oder Herpes? Das Pillendogma ist auch nur eine besondere Form der gesellschaftlichen Kontrolle eines Frauenkörpers – sozusagen die Kontrolle der Kontrolle.

Nein – Frauen werden nicht nur in religiösen oder gar fundamentalistisch religiösen Kontexten mit der Kontrolle ihrer Körper und Sexualität konfrontiert. Vielleicht subtiler, vermeintlich “freiwilliger” und durch kulturelle Normen geprägt findet die Fremdkontrolle auch hier statt und Frauen haben weiterhin gute Gründe, “zickig” und wütend darüber zu sein.

(Dieser Text erschien ursprünglich als Kolumne auf Freitag.de)


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Shut up, guys!

21. Juli 2009 von Verena

Immer wieder toll zu sehen, wie sich die Herren der Schöpfung zur weiblichen Berufsrealität äußern. Vergangene Woche war es Weltwoche-Chefredakteur Roger Köppel, der bei mir morgens schon den ersten Kotzreiz auslöste und nun tönt es ähnlich absurd aus der britischen Kaufhauslandschaft.

Dem Observer erzählte Marks & Spencer-Geschäftsführer Sir Stuart Rose, Frauen hätten es total gut im Job und absolut faire Bedingungen.

„Girls today have never had it so good, right?” said Rose. “Apart from the fact that you’ve got more equality than you ever can deal with, the fact of the matter is that you’ve got real democracy and there really are no glass ceilings, despite the fact that some of you moan about it all the time.“

Gut, dass der Observer da einige Zahlen entgegen setzen kann:

The Fawcett Society, which campaigns for gender equality, says that women make up just 9% of directors of the UK’s top 100 companies, 19% of MPs in parliament, 7% of senior police officers, 23% of civil service top management, 9% of editors of national newspapers and 18% of trade union general secretaries or equivalent.

Und Frauen um die 30 verdienen sieben Prozent weniger als Männer, Frauen um die 40 sogar 20 Prozent.

Aber Sir Rose sieht auch keine Probleme in der Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder gar die Diskriminierung von Schwangeren und Müttern.

“Childbirth is a biological fact,” he said. “Women have children: I can’t help that. But I know lots of women who have got two or three kids – Nicola Horlick is a good example – there are many girls in here [Marks & Spencer] who have got two kids who come to work.“

Nur gut, dass die Marks & Spencer-Girls ihre Arbeitsplätze nicht in die Schweiz verlegen, um die Führungsetagen im Sturm zu nehmen. Dort treffen sie nämlich auf Macho-Meinungsmacher wie Roger Köppel, die durchaus so ihre Probleme mit weiblichen Führungskräften haben:

Aber auch Frauen müssen sich den ungeschriebenen Gesetzen des Unternehmertums unterwerfen, wenn sie an der Spitze stehen möchten. Wie die Männer zahlen sie einen Preis dafür. Vermutlich ist ihr Preis noch höher. Auf ein Kind zu verzichten, um sich stattdessen für den Erfolg der Firma hinzugeben, ist eine Alternative, bei der die meisten Frauen zugunsten des Kindes entscheiden würden. Das ist verständlich und einer der Hauptgründe dafür, warum auch führungstechnisch hochbegabte Frauen freiwillig auf die Führungsposition verzichten.

Nee, gläserne Decken gibt es gar nicht, nur welche aus Beton.

Danke an Nicole für den Tipp!


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Ins Kino oder nicht ins Kino

20. Juli 2009 von Helga

Die nackte Wahrheit

Regel #1:
Niemals kritisieren. Männer sind unfähig zu Entwicklung, Veränderung und Fortschritt.

Regel #2:
Über alles lachen, egal was er sagt, auch wenn es nicht lustig ist. Ein gefaktes Lachen ist wie ein gefakter Orgasmus und ein gefakter Orgasmus ist besser als gar kein Orgasmus.

Regel #4:
Rede nie über deine Probleme. Männer hören weder zu noch kümmert es sie. Wenn wir euch fragen “Wie geht’s”, ist das der Männer-Code für “Lass mich dich von hinten fi**en.”

Mit diesen und weiteren 7 “nackten Wahrheiten über Männer und Frauen” wirbt derzeit Sony Pictures für den Film “Die nackte Wahrheit”/”The ugly truth”. Der beste Beweis seit langem, warum Sexismus auch Männern schadet.

Aber es gibt auch vielversprechende Filme. Hier einer, den ich definitiv schauen werde: Drew Barrymore gibt mit “Whip It!” ihr Regiedebüt. Leider steht der deutsche Starttermin noch nicht fest.


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Ingeneurinnen und Wissenschaftlerinnen

20. Juli 2009 von Helga

Vom 11. bis 13. September findet in Düsseldorf die “1st European Conference on Gender and Diversity in Engineering and Science” statt, Organisiert von Frauen im Ingenieurberuf (fib). Die Konferenz richtet sich an Ingeneurinnen und Wissenschaftlerinnen aus ganz Europa, sowie Führungskräfte. Dass Gender und Diversity-Management wichtig ist, wird heute häufig betont, hier sollen gelunge Umsetzungen vorgestellt und diskutiert werden.

The idea of gender in engineering and sciences has been widely discussed outside the areas where it should be applied: research and development in industry and research institutions. Although the last few years have seen a growing acceptance of gender issues in Germany, the situation of German women engineers and scientists is in many respects worse than that of their European colleagues (number, salary differences, risk of unemployment, career perspectives).

Außerdem bietet die Konferenz auch die Möglichkeit zum Austausch und Vernetzen. Das Programm und weitere Informationen unter www.fib-conference2009.de.


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