„Gleichberechtigung muss Selbstverständlichkeit sein“
Sunday, July 13th, 2008 von Barbara
Im Interview beantwortet Sabine Ponath, geboren 1984 in Traunstein, Fragen zu Gleichberechtigung, Quoten und Gesellschaft. Sie ist in der Grünen Jugend aktiv und Direktkandidatin für die Landtagswahl im September. Ihre Themen sind Bildungspolitik und Geschlechtergerechtigkeit.
In dieser Hinsicht kann man also ein bisschen aufschnaufen und sagen: „Ja, in den letzten 50 Jahren hat sich etwas getan.“ Außerdem können wir froh sein, dass sich Frauen vor uns bereits so energisch eingesetzt haben.
Lässt man allerdings den Blick über die heutige Situation in Deutschland schweifen, sieht es immer noch düster aus: Es gibt kaum Frauen in Führungspositionen, außerdem bekommen Frauen durchschnittlich 22 Prozent weniger Lohn als Männer für dieselbe Arbeit. Frauen wird nach wie vor alleinig die Erziehungsarbeit zugeschoben, Männer sollen die Familie ernähren und arbeiten gehen. Und das ist nur ein Ausschnitt aus der Palette der Missstände. Bis zu einer wirklich gleichberechtigten Gesellschaft ist es also noch ein langer Weg.
Wofür setzt du dich ein?
Gleichberechtigung muss Selbstverständlichkeit sein, das ist mein Traum. Dass es aber bis zur Verwirklichung noch dauern wird, ist klar. Meiner Meinung nach muss hier gleich ganz am Anfang, soll heißen, in den Kinderkrippen, Kindergärten, Schulen usw. angepackt werden. Ich kämpfe für eine Reformierung der ErzieherInnen- und LehrerInnenausbildung – unter anderem eben unter dem Aspekt der geschlechtsbewussten Erziehung. Viele Menschen bekommen dann immer gleich Angst, weil sie denken, das würde bedeuten, dass ihrem kleinen Söhnchen nun zwanghaft Puppen in die Hand gedrückt werden würden. Aber das ist natürlich Unsinn.
Auf lange Sicht gesehen, kann so tatsächlich versucht werden, die Gleichstellung der Geschlechter auf allen gesellschaftlichen Ebenen durchzusetzen. Bis es soweit ist, müssen aber auch andere Maßnahmen ergriffen werden. Ich bin beispielsweise eine Verfechterin der Quotenregelung. Eine solche Regelung wäre beispielsweise auch im Hinblick auf Führungspositionen und ProfessorInnenstellen denkbar. Abgesehen davon müssen von staatlicher Seite Möglichkeiten für Frauen geschaffen werden, sich Freiräume zu erkämpfen – dazu gehört für mich beispielsweise die Abschaffung des Ehegattensplittings, aber auch das Angebot und die Gewährleistung von Krippenplätzen.
Aber auch schon „im Kleinen“ kann viel bewegt werden, zum Beispiel dadurch, dass man beginnt, seine Sprache zu „gendern“. Ich habe mir beispielsweise angewöhnt, das sogenannte „Binnen – I“ zu verwenden. Dafür muss man nicht in Politischen Ämtern hocken, das kann man einfach vorleben.
Du kritisierst das Ehegattensplitting. Woran liegt es, dass die klassische Rollenverteilung, bei der der Mann das große Geld verdient, und die Frau Teilzeit arbeitet und dazuverdient, immer noch sehr vielen als das gängige Modell erscheint?
Ganz grundsätzlich liegt es wohl daran, dass der Großteil unserer Gesellschaft mit dem Bild „Frau erzieht zu Hause die Kinder, ist zärtlich und emotional; Mann arbeitet und bringt Geld nach Hause, ist stark und dominant“ aufgewachsen ist, ein Überbleibsel aus der scheinbar heilen Welt der 50er Jahre. Das prägt sich über die Generationen hinweg tief ein, auch wenn ab und an vielleicht Zweifel aufkommen. Unterstützt wird das Ganze teilweise durch das durch die Medien geprägte Bild von Familie. Man schaue sich doch nur mal eine Süßwaren-Reklame im Fernsehen an. Die Mutter mit dem Einkaufskorb überlegt, wie sie ihren Lieben eine Freude machen kann und trotzdem auf ihre Gesundheit achten kann. Die Familie strahlt und verzehrt genüsslich das Sammelgut der Frau. Platt, aber wirkungsvoll.
Welche neuen Modelle, die gleichberechtigter sind, kannst du dir vorstellen?
Eine individuelle Besteuerung würde tradierte Rollenverständnisse am radikalsten aufbrechen. Die Ersparnisse könnten sinnvoll für die Freisetzung finanzieller Mittel für Kinder genutzt werden. Aber auch von der Ersparnis für den Staat ganz abgesehen, bekämen Ehefrauen einen eigenen Grundfreibetrag - ein steuerlicher Anreiz arbeiten zu gehen. Unterhaltsleistungen zwischen Ehe- und eingetragenen Partnern sollen in diesem Modell weiterhin anerkannt werden, schon allein aus verfassungsrechtlichen Gründen. Dies wird durch einen pauschalen, zwischen den Partnern übertragbaren Höchstbetrag in Höhe des steuerfreien Existenzminimums ermöglicht. Damit erreicht man zugleich, dass Eingetragene Partnerschaften endlich auch im Steuerrecht gleichgestellt sind.
Was hältst du von einem gesetzlichen Anspruch auf einen Krippenplatz?
Grundsätzlich ist das eine gute Sache, ohne wenn und aber. Dafür müssten erst einmal möglichst bald und professionell die Krippenplätze ausgebaut werden. Dazu gehört auch eine übergreifende Verbesserung der Qualität der Betreuungseinrichtungen. Finanzierbar ist die ganze Sache übrigens über Ersparnisse, die wir durch eine Abschaffung des Ehegattensplittings hätten.
Durch die Einrichtung der von Ursula von der Leyen versprochenen Krippenplätze wird die Vereinbarkeit von Kindern und Beruf für viele Frauen sicher weniger problematisch. Doch gibt es eine breite Akzeptanz in Deutschland, ein Kind schon wenige Monate nach der Geburt von der Mutter zu trennen?
Nein, das glaube ich nicht. Wie schon gesagt: Es hängen oft noch veraltete Bilder von der Vater-Mutter-Kind Familie in den Köpfen Vieler fest. Dazu gehört, dass die Mama immer zuhause und für die Familie da sein muss, ansonsten wird sie als Rabenmutter beschimpft. Viele halten eine Trennung von Mutter und Kind in diesem frühen Alter für gefährlich und schädigend, auch so manche (selbsterklärte) WissenschaftlerInnen. In Gesprächen an Infoständen höre ich immer wieder durch, dass arbeiten so lange „okay“ sei, solange die Frau (!) nicht öfter als 2–3 mal die Woche vom Baby getrennt ist. Ich erwarte deshalb diesbezüglich kein „Von-heut-auf-morgen“-Umdenken der breiten Masse, das scheint mir unrealistisch. Aber auf lange Sicht gesehen, wird sich bestimmt einiges verändern. Schon allein durch eine eventuelle pädagogische Grundlegung.
Wenn Frauen stärker werden, heißt das ja nicht, dass deshalb Männer schwächer werden. Wie können wir lernen, dass Gleichberechtigung eine Chance für alle ist und keine Bedrohung?
Es fängt im Kleinen, im Privaten an. Leben wir es selbst anderen vor, zeigen wir doch, dass eine starke Frau keine „Mannfrau“ sein muss. Es ist ja auch eine Chance für die Männer, endlich einmal einen Teil der Last des unerschütterlichen Alleinverdieners ablegen zu können.
Ausgehend davon sind gerade auch Personen des öffentlichen Lebens gefordert, dafür einzustehen. Besonders sie haben die Möglichkeit, viele Menschen anzusprechen und Sympathien zu wecken oder mit anderen Worten schlicht Vorbild zu sein.
Es gibt also keine Ausreden mehr. Jede und jeder ist gefordert und zwar sofort!
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