Archiv für July, 2008

„Gleichberechtigung muss Selbstverständlichkeit sein“

Sunday, July 13th, 2008 von Barbara

(c) Sabine Ponath

Im Interview beantwortet Sabine Ponath, geboren 1984 in Traunstein, Fragen zu Gleichberechtigung, Quoten und Gesellschaft. Sie ist in der Grünen Jugend aktiv und Direktkandidatin für die Landtagswahl im September. Ihre Themen sind Bildungspolitik und Geschlechtergerechtigkeit.

50 Jahre Gleichberechtigung in Deutschland: Hand aufs Herz – wie gleichberechtigt sind Männer und Frauen wirklich?

Es ist wichtig, zu betonen, dass diese 50 Jahre konkret nur die Gleichberechtigung per Gesetz meinen, finde ich. Die Gesetzeslage vor 1958 klingt so schauderlich, dass man gar nicht meinen möchte, dass es tatsächlich mal eine Zeit gab, in der es so lief. Der Ehemann hatte zum Beispiel das Recht, über das in die Ehe eingebrachte Vermögen der Frau zu entscheiden! Der sogenannte „Gehorsamkeitparagraph“ sprach dem Mann ein Letztentscheidungsrecht zu.

In dieser Hinsicht kann man also ein bisschen aufschnaufen und sagen: „Ja, in den letzten 50 Jahren hat sich etwas getan.“ Außerdem können wir froh sein, dass sich Frauen vor uns bereits so energisch eingesetzt haben.

Lässt man allerdings den Blick über die heutige Situation in Deutschland schweifen, sieht es immer noch düster aus: Es gibt kaum Frauen in Führungspositionen, außerdem bekommen Frauen durchschnittlich 22 Prozent weniger Lohn als Männer für dieselbe Arbeit. Frauen wird nach wie vor alleinig die Erziehungsarbeit zugeschoben, Männer sollen die Familie ernähren und arbeiten gehen. Und das ist nur ein Ausschnitt aus der Palette der Missstände. Bis zu einer wirklich gleichberechtigten Gesellschaft ist es also noch ein langer Weg.

Wofür setzt du dich ein?

Gleichberechtigung muss Selbstverständlichkeit sein, das ist mein Traum. Dass es aber bis zur Verwirklichung noch dauern wird, ist klar. Meiner Meinung nach muss hier gleich ganz am Anfang, soll heißen, in den Kinderkrippen, Kindergärten, Schulen usw. angepackt werden. Ich kämpfe für eine Reformierung der ErzieherInnen- und LehrerInnenausbildung – unter anderem eben unter dem Aspekt der geschlechtsbewussten Erziehung. Viele Menschen bekommen dann immer gleich Angst, weil sie denken, das würde bedeuten, dass ihrem kleinen Söhnchen nun zwanghaft Puppen in die Hand gedrückt werden würden. Aber das ist natürlich Unsinn.

Auf lange Sicht gesehen, kann so tatsächlich versucht werden, die Gleichstellung der Geschlechter auf allen gesellschaftlichen Ebenen durchzusetzen. Bis es soweit ist, müssen aber auch andere Maßnahmen ergriffen werden. Ich bin beispielsweise eine Verfechterin der Quotenregelung. Eine solche Regelung wäre beispielsweise auch im Hinblick auf Führungspositionen und ProfessorInnenstellen denkbar. Abgesehen davon müssen von staatlicher Seite Möglichkeiten für Frauen geschaffen werden, sich Freiräume zu erkämpfen – dazu gehört für mich beispielsweise die Abschaffung des Ehegattensplittings, aber auch das Angebot und die Gewährleistung von Krippenplätzen.

Aber auch schon „im Kleinen“ kann viel bewegt werden, zum Beispiel dadurch, dass man beginnt, seine Sprache zu „gendern“. Ich habe mir beispielsweise angewöhnt, das sogenannte „Binnen – I“ zu verwenden. Dafür muss man nicht in Politischen Ämtern hocken, das kann man einfach vorleben.

Du kritisierst das Ehegattensplitting. Woran liegt es, dass die klassische Rollenverteilung, bei der der Mann das große Geld verdient, und die Frau Teilzeit arbeitet und dazuverdient, immer noch sehr vielen als das gängige Modell erscheint?

Ganz grundsätzlich liegt es wohl daran, dass der Großteil unserer Gesellschaft mit dem Bild „Frau erzieht zu Hause die Kinder, ist zärtlich und emotional; Mann arbeitet und bringt Geld nach Hause, ist stark und dominant“ aufgewachsen ist, ein Überbleibsel aus der scheinbar heilen Welt der 50er Jahre. Das prägt sich über die Generationen hinweg tief ein, auch wenn ab und an vielleicht Zweifel aufkommen. Unterstützt wird das Ganze teilweise durch das durch die Medien geprägte Bild von Familie. Man schaue sich doch nur mal eine Süßwaren-Reklame im Fernsehen an. Die Mutter mit dem Einkaufskorb überlegt, wie sie ihren Lieben eine Freude machen kann und trotzdem auf ihre Gesundheit achten kann. Die Familie strahlt und verzehrt genüsslich das Sammelgut der Frau. Platt, aber wirkungsvoll.

Welche neuen Modelle, die gleichberechtigter sind, kannst du dir vorstellen?

Eine individuelle Besteuerung würde tradierte Rollenverständnisse am radikalsten aufbrechen. Die Ersparnisse könnten sinnvoll für die Freisetzung finanzieller Mittel für Kinder genutzt werden. Aber auch von der Ersparnis für den Staat ganz abgesehen, bekämen Ehefrauen einen eigenen Grundfreibetrag - ein steuerlicher Anreiz arbeiten zu gehen. Unterhaltsleistungen zwischen Ehe- und eingetragenen Partnern sollen in diesem Modell weiterhin anerkannt werden, schon allein aus verfassungsrechtlichen Gründen. Dies wird durch einen pauschalen, zwischen den Partnern übertragbaren Höchstbetrag in Höhe des steuerfreien Existenzminimums ermöglicht. Damit erreicht man zugleich, dass Eingetragene Partnerschaften endlich auch im Steuerrecht gleichgestellt sind.

Was hältst du von einem gesetzlichen Anspruch auf einen Krippenplatz?

Grundsätzlich ist das eine gute Sache, ohne wenn und aber. Dafür müssten erst einmal möglichst bald und professionell die Krippenplätze ausgebaut werden. Dazu gehört auch eine übergreifende Verbesserung der Qualität der Betreuungseinrichtungen. Finanzierbar ist die ganze Sache übrigens über Ersparnisse, die wir durch eine Abschaffung des Ehegattensplittings hätten.

Durch die Einrichtung der von Ursula von der Leyen versprochenen Krippenplätze wird die Vereinbarkeit von Kindern und Beruf für viele Frauen sicher weniger problematisch. Doch gibt es eine breite Akzeptanz in Deutschland, ein Kind schon wenige Monate nach der Geburt von der Mutter zu trennen?

Nein, das glaube ich nicht. Wie schon gesagt: Es hängen oft noch veraltete Bilder von der Vater-Mutter-Kind Familie in den Köpfen Vieler fest. Dazu gehört, dass die Mama immer zuhause und für die Familie da sein muss, ansonsten wird sie als Rabenmutter beschimpft. Viele halten eine Trennung von Mutter und Kind in diesem frühen Alter für gefährlich und schädigend, auch so manche (selbsterklärte) WissenschaftlerInnen. In Gesprächen an Infoständen höre ich immer wieder durch, dass arbeiten so lange „okay“ sei, solange die Frau (!) nicht öfter als 2–3 mal die Woche vom Baby getrennt ist. Ich erwarte deshalb diesbezüglich kein „Von-heut-auf-morgen“-Umdenken der breiten Masse, das scheint mir unrealistisch. Aber auf lange Sicht gesehen, wird sich bestimmt einiges verändern. Schon allein durch eine eventuelle pädagogische Grundlegung.

Wenn Frauen stärker werden, heißt das ja nicht, dass deshalb Männer schwächer werden. Wie können wir lernen, dass Gleichberechtigung eine Chance für alle ist und keine Bedrohung?

Es fängt im Kleinen, im Privaten an. Leben wir es selbst anderen vor, zeigen wir doch, dass eine starke Frau keine „Mannfrau“ sein muss. Es ist ja auch eine Chance für die Männer, endlich einmal einen Teil der Last des unerschütterlichen Alleinverdieners ablegen zu können.

Ausgehend davon sind gerade auch Personen des öffentlichen Lebens gefordert, dafür einzustehen. Besonders sie haben die Möglichkeit, viele Menschen anzusprechen und Sympathien zu wecken oder mit anderen Worten schlicht Vorbild zu sein.

Es gibt also keine Ausreden mehr. Jede und jeder ist gefordert und zwar sofort!

Selbermach-Sonntag (13.7.08)

Sunday, July 13th, 2008 von Susanne

Was war los in der letzten Woche? Was habt ihr gelesen und gesehen, das auch alle anderen lesen und sehen sollten?

Schlechter Witz

Friday, July 11th, 2008 von Barbara
Dieser Text ist Teil 1 von 7 der Serie Meine Meinung

Schlimm, dass in Mädchenheften wie Bravo Girl! unter der Rubrik “Darüber lachen Jungs” sexistische Witze wie dieser abgedruckt werden:

Sagt ein Mann zu seinem Freund: Ich habe meiner Frau eine Gasmaske zum Geburtstag geschenkt. Freund: Eine Gasmaske? - Ja, erstens sieht sie damit besser aus und wenn ich den Stöpsel zuhalte, dann zappelt sie so schön beim Sex.

Schlimmer, dass die Leute z. B. bei Neon, in der taz oder von den Grünen, die Proteste gegen diese Veröffentlichung auf der Witzseite geäußert haben, von der Bravo Girl!-Redaktion informiert wurden, die heutige Generation von Mädchen und jungen Frauen sei „emanzipiert und lebensfroh genug“, auch über Witze mit erotischem Inhalt zu lachen.

Noch schlimmer dann die Reaktion des Presserats auf die Beschwerde der Landesarbeitsgemeinschaft Mädchenarbeit in Nordrhein-Westfalen gegen die Witzseite; es wurde mit der Begründung reagiert, dass „gerade die jüngere Generation von Frauen und Mädchen in ihrer Haltung den Geschlechterrollen gegenüber sehr viel emanzipierter und souveräner als noch die Geschlechter davor“ sei und eine Rüge abgewiesen.

Wer soll nun lachen? Mir fällt niemand ein. Die Jungs, denen ein derart schlechter Humor unterstellt wird? Die Mädchen, die zu Objekten degradiert werden, und das auch noch in den Heften, die extra für sie gemacht werden (Bravo GIRL)? Die als uncool und unzeitgemäß gelten, wenn sie das Lustige an diesem Witz nicht finden wollen. Oder Journalistinnen wie ich, die sich fragen, wofür der Presserat denn überhaupt noch steht, wenn er Emanzipation von jungen Frauen als Ausrede für Sexismus in den Medien anführt. Und die nebenbei von der Beratungsstelle für Mädchen in Wuppertal zur Verantwortung gezogen werden:

Unter dem Deckmantel der Emanzipation würden junge Frauen in das Bild des “Alpha-Mädchens” gedrängt: immer gut drauf, stark und selbstbewusst, mahnte die Beratungsstelle für Mädchen am 10. Juli in Wuppertal an. Reale Erfahrungen wie Gewalt kämen in den Bildern nicht vor. Oft zögen misshandelte Mädchen daraus den Schluss, selbst schuld zu sein.

Weder Emanzipation noch Stärke, weder Selbstbewusstsein noch Feminismus, weder der Begriff “Alphamädchen” noch stärkere Souveränität im Vergleich mit der Müttergeneration rechtfertigen Sexismus. Sexismus ist einfach nur Sexismus. Er wird durch eine Witzverpackung nicht weniger sexistisch, ebenso wenig durch ein jugendliches Umfeld. Und in Kombination mit Gewalt, wie in diesem Witz für Jungs, ist Sexismus einmal mehr einfach nur zum Kotzen.

Wer gerne mit der jungen Grünen Sabine Ponath und mir darüber diskutieren möchte, kann das am Samstagvormittag in Traunstein im Café Bistro Intreff (Lebenshilfe-Café), Leonrodstr. 4a (500m vom Bahnhof entfernt), zwischen 11 und 13 Uhr.

Nachtrag vom 23.9.2008:
In Düsseldorf habe ich die Vertreterinnen der Frauenberatungsstelle Düsseldorf e.V. kennengelernt. Sie haben in ihrer offiziellen Pressemitteilung zum Urteil des Presserats mitnichten den Begriff “Alphamädchen” verwendet.

Wickelvolontariat galore

Friday, July 11th, 2008 von Barbara

Gefreut habe ich mich, als unlängst durch die Presse ging, dass Stefan Rößle, CSU-Landrat in Donau-Ries, bekannt gab, zwei Monate Elternzeit anlässlich seines fünften Kindes zu nehmen. Beklatscht wurde sein Entschluss von den beiden Abgeordneten der links-ökologischen “Frauenliste” im Kreistag. Seine eigene Partei schwieg zu seiner Entscheidung, so die Zeit. Rößle ist der erste Landrat in Deutschland, der zuhause bleiben will. In Bayern ein besonderes Novum, erinnern wir uns doch noch an den CSU-Landesgruppenchef, Peter Ramsauer, der meinte, er halte wenig von einem “Wickelvolontariat” für Väter in zwei Monaten. Spiegel Online meldete dann noch, dass nach Rößle zwei andere Landtagsmitglieder auch ihre Elternzeit angemeldet hätten.

Missy mag’s bisschen anders

Thursday, July 10th, 2008 von Meredith

Ich persönlich zähle ja schon die Tage bis zum 20. Oktober. Dann nämlich soll - so weit ich informiert bin - die erste Ausgabe des Missy Mag erscheinen, das Chris Köver, Sonja Eismann und Steffi Lohaus derzeit produzieren.

jetzt.de hat mit Chris darüber gesprochen, was Missy will, wie es aussehen wird, warum positive Diskriminierung weiblicher Künstler wichtig ist - und über den sog. Konflikt alter Feminismus gegen neuer Feminismus.

Was hältst du von der aktuellen Diskussion „alter Feminismus gegen neuer Feminismus“?
Ich finde diese ganze Diskussion sehr problematisch. Es gibt weder den alten, noch den neuen Feminismus. Es hat schon immer im Laufe der Geschichte unendlich viele feministische Positionen gegeben, die auch massiv gegeneinander argumentiert haben – sei es während der ersten Welle um die Jahrhundertwende oder während der zweiten Welle in den 60er/70er Jahren. Deswegen finde ich es problematisch, von dem alten und dem neuen Feminismus zu sprechen. Auch heute gibt es nicht den neuen Feminismus. Es gibt ganz viele verschiedenen Feminismen. Derjenige, den beispielsweise die „Alphamädchen“ Autorinnen vertreten, ist ein anderer als derjenige den wir im Missy Magazin vertreten, als derjenige den Lady Bitch Ray vertritt und so weiter. „Der Alte vs. der junge Feminismus“ knallt zwar eher, weil man durch diese Aufteilung eine Generationendebatte aufziehen kann, aber es wird der Sache einfach nicht gerecht.

Welche Art von Feminismus machst du mit deinem Magazin?
Ich glaube, wir stehen dem Feminismus der Alphamädchen schon sehr nahe, aber gleichzeitig gibt es auch bestimmte Statements mit denen wir nicht einverstanden sind.

Zum Beispiel?
In der Einleitung des Buches steht: „Uns ist bewusst, wir schreiben aus unserer Perspektive als gebildete, weiße, deutschstämmige Frauen, aber die Probleme über die wir sprechen, sind die der Mehrheit der Frauen in Deutschland“. Das glaube ich nicht. Ich bin mir relativ sicher, dass die Probleme, über die wir auch im Zuge der neuen Feminismusdebatte sprechen, zu einem großen Teil Probleme sind, die vor allem wir als privilegierte, gebildete, weiße, Mittelklasse-Frauen haben. Migrantinnen oder Lesben haben noch ganz andere Problem. Wir können uns nicht hinstellen und sagen: Wir sprechen hier für die Mehrheit. Das würden wir uns gar nicht erst auf die Brust heften.

Ich glaube ja auch, dass Lesben oder Migrantinnen oder arme Frauen noch andere Probleme haben, als in den Alphamädchen angesprochen wird. Gleichzeitig gibt es ja wohl doch einige gemeinsame Nenner, auf denen man aufbauen und von denen aus man weiter arbeiten kann, oder? Auf jeden Fall werden wir dieses Thema so schnell nicht los - aber so lang wir es produktiv beackern, ist das ja auch gut so.

Mehr Power!

Tuesday, July 8th, 2008 von Anna
Dieser Text ist Teil 5 von 18 der Serie Auf einen Kaffee mit Anna

Heute müsst Ihr leider auf Umzugskartons Platz nehmen, um mit mir einen Kaffee zu trinken. Viel Zeit habe ich leider auch nicht, gleich bauen wir endlich mal die Kleiderschränke auf.

Aus gegebenem Anlass soll es also heute ums Heimwerkern gehen.

Bei mir war das so:
Wenn es bei uns zu Hause etwas Handwerkliches zu tun gab, um Beispiel bohren oder tapezieren, dann machte das der Vater meiner Mutter. Als ältestes Enkekind war ich die, die Opa bei diesen Arbeiten half. Natürlich auch dann, wenn in der Wohnung meiner Großeltern, wo wir oft waren, etwas anfiel. Und auch wenn ich nie selber Löcher bohrte, wusste ich doch genau, wo die Bohrmaschine stand und wie man sie benutzt. Was ein Dübel ist und dass es verschiedene Bohrer gibt. Auch im Werkzeugkasten meines Großvaters kannte (und kenne) ich mich bestens aus. Etwas daraus entwenden und dann nicht mehr (an den richtigen Platz) zurück legen, war eine der schlimmeren Sünden im Hause von Oma und Opa.

Als ich irgendwann weit weg von daheim in meiner ersten WG wohnte, beherrschte ich bestimmt nicht jede handwerkliche Tätigkeit. Aber ich hatte keinerlei Hemmungen, Dinge zu versuchen, mir Lösungen zu überlegen. Mangelnde Kraft kann man zum Glück (leider nicht immer, so die bittere Einsicht) mit Geschick und dem richtigen Werkzeug wieder wett machen. Eine meiner ersten Anschaffungen war also ein Werkzeugkoffer, der die wichtigsten Utensilien beinhaltete, inklusive Bohrmaschine. Denn ein Haushalt ohne Bohrmaschine, das gab es in meiner Vorstellung nicht. Umso erstaunter war ich, als Freunde sich meine ausleihen wollten, weil sie selber keine besaßen.

(C) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de

Und ich staunte noch mehr, denn die Selbstverständlichkeit, mit der ich mit Hammer, Dübel und auch Streichutensilien hantierte, sah ich kaum bei den Frauen in meinem neuen Umfeld.
Eine besondere Herausforderung stellten unsere neuen Altbauwände dar. An einer Stelle steinhart, an der nächsten auf einmal ein Riesenloch und rieselnder Sand. Also telefonierte ich mit zu Hause und besuchte einen Baumarkt, auch eine Altbauwand musste doch zu knacken sein!

Wütend wurde ich, als eine meiner Mitbewohnerinnen mir ernsthaft erklären wollte, „dass Männer das eben besser können“. „Und was sollen wir jetzt machen? Warten, bis eine von uns mal wieder einen Kerl anschleppt und so lange die Lebensmittel auf den Boden legen?“ fauchte ich und ließ sie samt unserem zukünftigen Küchenregal stehen. Angebracht habe ich es später am Tag mit meiner handwerklich ebenfalls nicht völlig unbeleckten anderen Mitbewohnerin.

Heute habe ich „einen Kerl“. Und ich habe gelernt, handwerkliches auch mal aus der Hand zu geben, mir helfen zu lassen. Einfach war das nicht immer. Aber manche Sachen gehen zu zweit oder mit mehr Kraft und/oder Körpergröße eben doch besser.

Trotzdem mache ich weiterhin alleine meine verstopften Abflüsse auf. Mit meiner eigenen Rohrzange. Er hätte auch gar keine.

Wo die Kinder der Nacht ruhen

Monday, July 7th, 2008 von Meredith

Das hervorragende Good Magazine hat diese Woche einen sehr lesenswerten Artikel über ein Resozialisierungsprojekt für minderjährige Prostituierte.

Im Children of the Night finden Mädchen Zuflucht, die zwischen zwölf und siebzehn sind und sich prostituieren mussten. Das Heim befindet sich in Los Angeles und wird von einer tollen Lady namens Lois Lee betriebe. Sie schrieb in den siebzigern ihre Dissertation über das Phänomen Zuhälter und fing dabei an, jungen Stricherinnen und Strichern zu helfen - indem sie sie bei sich übernachten ließ, ihnen Geld lieh, mit ihnen redete oder zur Polizei ging. Vor dreissig Jahren gründete sie dann das Heim, es wird nur durch private Spenden betrieben - sogar Hugh Hefner hat einiges Geld gegeben. Lee versucht den Mädchen (und wenigen Jungs) nicht nur ein Dach über dem Kopf und eine Ausbildung zu verschaffen, sie verwöhnt die Kids auch, lässt sie ins Spa fahren oder Essen gehen und verbringt enorm viel Zeit mit ihnen. Indem sie ihre Schützlinge leben lässt, wie “normale” Jugendliche, gibt sie ihnen ihre Würde und ihr Leben zurück. Tolle Sache, toller Text. Lesen, lesen!

Und: Wer kennt ähnliche Projekte in Deutschland?

Feminismus ist nicht nur für weiße Deutsche. Oder?

Sunday, July 6th, 2008 von Meredith
Dieser Text ist Teil 7 von 12 der Serie Grundsatzfragen

In der aktuellen Ausgabe der Zeit kritisiert die Autorin Mely Kiyak die aktuelle Feminismusdebatte als realitätsfern. Die Frauen der weißen Mittelschicht Deutschlands gingen nur auf ihre eigenen, verhältnismäßig unproblematischen Probleme ein, schreibt Kiyak:

Die Frage, ob wir einen neuen Feminismus brauchen oder schon haben, scheint bereits beantwortet: Die Mitte der Gesellschaft redet doch schon lebhaft darüber!

Doch wo ist die Mitte der Gesellschaft? Nicht ein einziges Mal tauchte in der Debatte das Wort Migrantinnen auf. Immerhin hat inzwischen ein Fünftel der deutschen Gesellschaft eine nichtdeutsche Herkunft. Nicht ein einziges Mal tauchte der Hinweis auf, dass es Frauen in anderen sozialen Schichten gibt, die über die diskutierten Alternativen – zu Hause bleiben oder arbeiten, Kinder kriegen mit oder ohne Ehemann, allein erziehen oder doch noch einen Masterstudiengang dranhängen – gar nicht verfügen. Kein Wort davon, dass in unserer Gesellschaft Frauen leben, die über keine sexuelle Selbstbestimmung verfügen, die aufgrund ihrer Herkunft bei der Ausbildungs- und Arbeitsplatzsuche systematisch diskriminiert werden. Nichts über Frauen, die doppelt so häufig von häuslicher Gewalt betroffen sind wie diejenigen, über die die ganze Zeit gesprochen wird. Ganz zu schweigen von all jenen, die verheiratet sind und deren Ehemänner in befristeten Arbeitsverhältnissen stehen. Da können die Ehefrauen gar nicht auf die Idee kommen, zu Hause zu bleiben, weil sie finanziell gar keine andere Wahl haben.

Unsere Leserin SoE schreibt dazu:

Ein Vorwurf, der weder ganz neu, noch unbegründet aber meiner Meinung nach auch nicht 100% gerechtfertigt ist. Den meisten weißen, mehr oder minder christlichen Mittelstandsfrauen ist klar, dass es anderen Frauen noch viel schlechter geht als ihnen. Und auf Blogs werden diese Themen auch durchaus angesprochen. Aber wenn man sich so hinstellen und ein Buch schreiben oder bei irgendeiner Podiumsdiskussion darüber reden würde, wäre es im besten Fall nur unglaubwürdig, im schlechtesten würden sich die “Betroffenen”
bevormundet fühlen.

Ich persönlich sehe das genauso. Es ist meines Erachtens schon eine relativ große Herausforderung, die eigenen Umstände zu bestimmen und daraus Forderungen abzuleiten bzw. das für Menschen zu tun, von denen man meint, sie hätten in etwa dieselben Voraussetzungen. Tatsächlich ist es so, dass es mehr und lautere Stimmen von Frauen mit Migrationshintergrund in der Feminismusdebatte braucht. Gleichzeitig müssen dafür aber überhaupt Kanäle entstehen.

Deshalb ist die Grundsatzfrage von SoE sehr wichtig :

Wie schaffen wir es, dass der Feminismus tatsächlich als eine Bewegung für alle Frauen ins Bewusstsein rückt?

Wenn ihr Vorschläge für Grundsatzfragen habt, dann mailt sie an mannschaftspost(at)web.de.

Lauter Gesetzesgeburtstage

Sunday, July 6th, 2008 von Barbara

Wir halten inne: Am 1. Juli 1958 wurde die Gleichberechtigung gesetzlich verankert. Das Familienrecht war damit im 20. Jahrhundert angekommen. Ehe bedeutete nicht mehr länger, dass der Ehemann eine Art Vormund der Frau war und über ihren Arbeitsplatz und ihr Vermögen verfügen konnte. Die Frau konnte ihren Geburtsnamen auch als verheiratete Frau behalten, und auch in der Kindererziehung hatte der Mann nicht mehr per definitionem das letzte Wort.

Und noch ein Geburtstag: Zwei Jahre ist es her, dass im August 2006 das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (kurz AGG), das eine Diskriminierung am Arbeitsplatz aufgrund von „Gründen der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität“ verhindern soll, eingeführt wurde.

Doch trotz aller Gleich-Gesetze wird nach wie vor ungleich behandelt. Biologistische Platitüden, miese Sexismen und schlechte Gewohnheiten lassen sich eben nicht durch ein Gesetz verscheuchen.

Wie könnte unsere Zukunft aussehen? Und was soll die Politik für uns machen? Eine Antwort darauf findet Walter Hollstein in seinem Buch “Was vom Manne übrig blieb”:

“Gesellschaft und Politik dürften sich also nicht länger der banalen, aber offenbar tabuisierten Einsicht verschließen, dass auch Männer ein Geschlecht haben. Diese Erkenntnis gälte es in eine Politik für Männer umzusetzen. … Ändern müsste sich aber auch das gesellschaftlich vorgegebene Männerbild, und auch dafür müsste die Politik etwas tun, so wie sie seinerzeit die Veränderung des alten Frauenbilds aktiv betrieben hat.”

Barbara Vinken meint in “Die deutsche Mutter”:

“Wenn die Familienpolitik es darauf anlegt, dass Muttersein und ein erfüllter Beruf auch für Frauen in Deutschland möglich werden und nicht mehr wie bisher die Ehe als Versorgungsinstitution sponsert, wird sich auch hierzulande nach zweihundert Jahren Stillstand, wie die einschlägige Forschung böse, aber zutreffend behauptet, etwas tun.”

Was meint ihr?

Selbermach-Sonntag (6.7.08)

Sunday, July 6th, 2008 von Susanne

Was hat die erste Juli-Woche mit sich gebracht an Themen, Texten, Diskussionen? Was beschäftigt euch momentan, worüber macht ihr euch so eure feministischen Gedanken?