10 Bücher für die Freibad-Tasche

von Charlott
Dieser Text ist Teil 118 von 121 der Serie Die Feministische Bibliothek

Die Sonne scheint. Das Freibad ist geöffnet. Auf der Decke liegen und feministisch inspiriert lesen. Das klingt doch ziemlich super, oder? Um zu mindestens den letzten Teil dieses Bildes erfolgreich zu erfüllen, gibt es heute diese Liste. Und ob ihr dann mit dem Buch einfach im Bett liegen bleibt, sei natürlich ganz euch überlassen.

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Die Preisträgerin

Dass Sharon Dodua Otoo den diesjährigen Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen hat, ist nun wahrscheinlich die Standardeinleitung, aber habt ihr auch alle ihre 2011 erschienene Novelle „die dinge, die ich denke, während ich höflich lächle…“ gelesen? In diesem Buch seziert Otoo das Ende der Liebesbeziehung einer Schwarzen Frau in Berlin. Das ist mal berührend, mal komisch; ganz nah an einer Figur, ohne gesamtgesellschaftliche Kontexte auszublenden.

Und wer lieber zu einer Lesung als an den Schwimmbeckenrand möchte, kann sich zum Beispiel auf den 19.08. freuen, denn da liest sie im Kino Babylon in Berlin. (FB-Link)

Sharon Dodou Otoo. 2011. die dinge, die ich denke, während ich höflich lächle… (edition assemblage)

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Der historische Roman

Yaa Gyasi hat mit „Homegoing“ eine epische Familiensaga erschaffen, die zwar über 300 Jahre umspannt aber gerade einmal etwas mehr als 300 Seiten einnimmt. Ihr Debut-Roman erzählt die Geschichte der beiden Halbschwestern Effia und Esia und ihrer Nachkomm_innen. Beide Frauen werden im 18. Jahrhundert im heutigen Ghana geboren, sie treffen sich nie direkt und ihre Leben könnten kaum unterschiedlicher verlaufen: Effia wird mit einem britischen Offizier verheiratet, der in den Versklavungshandel involviert ist, und bleibt ihn Ghana. Esi hingegen wird nach einem Konflikt gefangen genommen, versklavt und nach Amerika verschifft. In wechselnden Kapiteln wendet sich Gysasi jeweils einem Familienmitglied einer der Familienlinien zu, alle zwei Kapitel wird zu einer neuen Generation gesprungen. Themen wie Sklaverei, Kolonialismus, Jim Crow, Civil Rights Bewegung, sexualisierte Gewalt, den Gefängniskomplex und vieles mehr anschneidend, zeigt sie wie sich Trauma durch die Familien zieht und sich in weiter bestehenden rassistischen Systemen addiert. Sie gibt den Leser_innen aber auch Charaktere, die tief für einander empfinden, sich um einander sorgen, die aufsässig und widerständig sind. Das Romanende mag etwas zweckmäßig, „einfach“, erscheinen, doch nimmt es nichts von der Schlagkraft dieses wunderbaren Erstlings. In deutscher Übersetzung ist es leider noch nicht erschienen.

Yaa Gyasi. 2016. Homegoing. (Knopf)

Hinweis: Um so schöner, dass dafür Chimamanda Ngozi Adichie’s historischer Roman über den Biafrakrieg, „Die Hälfte der Sonne“, nun wieder auf deutsch erhältlich ist. Der Fischer-Verlag hat vor zwei Wochen die Übersetzung herausgebracht.

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Das Comic-Buch

Jem war der Titel einer animierten 80er Jahre Serie rund um die Band Jem and the Holograms. Im März 2015 erschien dann die erste Ausgabe einer Comic-Auflage. Die Geschichte der vier Musikerinnen, ihrer Freund_innen und Konkurrent_innen wird nun neu erzählt und die ersten beiden Bücher, die die Einzelhefte zusammentragen, sind bereits erschienen. Dabei sind die Drehungen und Wendungen in der Storyline nicht immer die Überraschendsten, aber die Bücher machen großen Spaß, sind ganz wunderbar anzusehen und neben Themen wie Freund_innenschaft, Musikmachen, Unsicherheit, Versagensängste, etc. steht auch eine lesbische Liebesgeschichte im Mittelpunkt.

Jem and the Holograms, Vol. 1: Showtime. 2015. (IDW) und Jem and the Holograms, Vol. 2: Viral. 2016. (IDW)

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Das Handliche

Ein kleines Buch, was in jede Tasche passt, nicht zu schwer ist, aber inhaltlich vollgepackt mit vielen anregenden Gedanken? Dann ist „vertrauen, kraft & widerstand. kurze texte und reden von audre lorde“, herausgegeben von AnouchK Ibacka Valiente, genau das Richtige. In diesem Band sind elf Essays und Reden von Audre Lorde zusammengetragen und erstmals – von Pasquale Virginie Rotter – ins Deutsche übersetzt. Die Texte geben einen wunderbaren Einblick in das Wirken und Denken von Lorde, die sich selbst häufig als “black, lesbian, mother, warrior, poet“ beschrieb und immer wieder verdeutlichte wie diese unterschiedlichen Facetten zusammengehören und sie ausmachen. Dabei kann das kleine Büchlein gleichermaßen eine Einführung zu Lorde sein für Menschen, die bisher nichts gelesen haben, als auch als Buch für Lorde-Kenner_innen fungieren, die sich einfach immer wieder von ihren Sätzen und Ideen inspirieren lassen wollen.

AnouchK Ibacka Valiente (hg.). 2015. vertrauen, kraft & widerstand. kurze texte und reden von audre lorde. (w_orten & meer)

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Das Bilderbuch

In dem Buch wunderschönen Bilderbuch „Die Flucht“ (der englische Titel hingegen ist „The Journey“) erzählt die Illustratorin Francesca Sanna die Geschichte einer Familie, in deren Heimatort Krieg herrscht und die flieht. Die Geschichte wird dabei ganz direkt erzählt aus der Perspektive eines der Kinder. Sanna zeigt in diesem Buch die Nöte der Familie, aber ebenso ihre Hoffnungen. In einer Zeit, in der „Schleuser_innen“ häufig zu einem der Hauptprobleme in der Fluchtdebatte hochstilisiert werden, scheut sie nicht davor zurück europäische Grenzbeamte als das wahre Grauen darzustellen und Schleuser_innen als eine Möglichkeit der Familie, die Grenzer zu umgehen.

Francesca Sanna. 2016. Die Flucht. (NordSüd Verlag)

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Der Sci-Fi-Roman

Manchmal möchte man sich beim Lesen ja einfach nur entspannen und ganz tief ein anderes Universum versinken. Becky Chambers hat dazu mit „The Long Way to a Small Angry Planet“ den perfekten Roman geschrieben (der auch noch für eine ganz eigene Erfolgsgeschichte steht, hatte sie ihn doch zunächst selbst veröffentlicht und bekam dann dank großen Erfolgs doch noch einen Vertrag mit einem Verlag). Hier gibt es einen Wohlfühl-Roman, ohne dass dieser allzu simpel oder flach wäre. Zu Beginn der Geschichte tritt Rosemary, eine junge Fraue, die auf dem Mars aufgewachsen ist, der Crew des Raumschiffs Wayfarer bei. Dieses Raumschiff ist allerdings kein großes Kriegsschiff, sondern baut Verbindungen zwischen Galaxien und Rosemarys Aufgabe ist es, endlich mal die Akten auf dem Schiff in Ordnung zu bringen. Als die Wayfarer das Angebot bekommt eine Verbindung zu einem Planeten zu bauen, der sehr weit weg liegt und um diesen noch bis vor kurzem Krieg geführt wurde, bedeutet das, dass die Crew nun zwangsläufig eine längere zeit am Stück auf dem kleinen Schiff gemeinsam verbringen wird. The Long Way ist eine unterhaltsame space opera, die viel mehr an den Charakteren als am Plot interessiert ist. Die wunderbaren Charaktere genauer zu beschreiben, würde bereits einiges vom Buch hinwegnehmen, aber es sei gesagt, dass Chambers es gelungen ist ein riesiges Universum zu beschrieben mit unterschiedlichsten Gruppen. Sie stellt Fragen nach Geschlechtsvorstellungen, Zugehörigkeit, Familienkonzepten und wie mit unterschiedlichen Bedürfnissen umgegangen werden kann. Das ist alles ganz wunderbar, berührend, lustig und spannend. Auf Deutsch wird der Roman im Oktober 2016 unter dem Titel „Der Lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten“ bei Fischer Tor erscheinen. Im Herbst wird glücklicherweise ein Sequel veröffentlicht.

Becky Chambers. 2015. The Long Way to a Small Angry Planet. (Hodder & Stoughton)

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Das ganz Neue

Heute erscheint Han Kangs Roman „Die Vegetarierin“ endlich auch auf Deutsch, nachdem die englische Übersetzung (die Orginalfassung ist auf Koreanisch) bereits Preise abgeräumt hat. Im Mittelpunkt steht Yeong-hye, eine koreanische Frau, die bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie beschließt kein Fleisch, keine Eier und keine Milch mehr zu konsumieren, ein eher unauffälliges Leben geführt hat. Mit ihrer plötzlichen Entscheidung, ausgelöst von einem Traum, gegen den Konsum von Tierprodukten, übertritt sie kulturelle Grenzen und wehrt Interventionen ihres Ehemanns und ihrer Familie ab. Die Geschichte wird in drei Teilen aus jeweils unterschiedlicher Perspektive erzählt: zu erst aus der von Yeong-hyes Ehemann, dann der ihres Schwagers und zu letzt der ihrer Schwester. Die Sprache ist einerseits häufig sehr karg, der Inhalt aber höhst metaphorisch. Yeong-hye scheint durchgängig Projektionsfläche der anderen Protagonist_innen zu sein, so weiß man am Ende des Buchs nur sehr wenig über sie und ihre Motivationen, sondern viel mehr darüber wie sie in den Köpfen der Personen um sie herum zu einem Objekt gemacht wird. Das Buch ist damit ein faszinierender Blick auf patriarchale Gesellschaftsstrukturen (inklusive physischer und sexualisierter Gewalt), psychischer Gesundheit und Gegenwehr. (Inhaltshinweis zu Darstellung sexualisierter Gewalt und Essstörungen)

Han Kang. 2016. Die Vegetarierin. (aufbau Verlag)

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Der Gedichteband

Mahtem Shiferraw ist die Gewinnerin des Sillerman First Book Prize for African Poets und wenn man ihren Band „Fuchsia“ beendet hat, sollte auch kein Zweifel an der Gerechtfertigtheit dieser Auszeichnung bestehen. Für mich ist dieses Buch direkt aufgestiegen in die Riege meiner liebsten Gedichtebände, ist es doch unglaublich schön, herzzerbrechend und vielschichtig. Einerseits gibt es viele erzählende Elemente, die ich auch in Gedichten sehr zu schätzen weiß, andererseits entwirft Shiferraw auch immer wieder sehr metaphorische Passagen. Sie schreibt über Kindheitserinnerungen, Verluste, Krieg, ihre vermissten Onkels, Haarpolitken, sexualisierte Gewalt, Resilienz, Liebe. Wie der Titel schon erahnen lässt, sind die Gedichte gespickt mit Farb-Symbolik, die sie geschickt selbst entwirft, dabei klassische Zuschreibungen dekonstriert oder verkompliziert. Es lohnt sich also in jedem Fall diese gedichte wieder und wieder zu lesen und mehr und mehr zu entdecken.

Mahtem Shiferraw. 2016. Fuchsia. (University of Nebraska Press)

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Die Liebesgeschichte (?)

Bisher sind alle Bücher auf dieser Liste ziemlich neu, aber warum nicht auch mal den Sommer nutzen um nachzuholen, was bisher verpasst wurde? Wie beispielsweise der Roman „Die Zweitfrau: Eine Liebesgeschichte“ (im Orginal „Changes: A Love Story“) der ghanaischen Autorin Ama Ata Aidoo. In diesem geht es um Esi, eine beruflich erfolgreiche Frau und Mutter einer Tochter, die sich von ihrem Ehemann trennt, nachdem dieser ihr sexualisierte Gewalt angetan hat. Sie beginnt eine Beziehung mit einem wohlhabenden, freundlichen Mann, der sie gern heiraten möchte – allerdings wäre sie dann die Zweitfrau. Aidoo packt vieles in dieses schmale Buch: Sie blickt nicht nur auf sexualisierte Gewalt (vor allem auch innerhalb von Ehen), sondern an sich Geschlechtervorstellungen, Problemen von Frauen am Arbeitsplatz, Zugang zu Ressourcen und die Rolle von Freundinnenschaften. Dabei ist das „Eine Liebesgeschichte“ im Titel viel eher ironisch zu lesen, denn eine klassische mit einfachem Happy End ist hier ganz sicher nicht zu erwarten.

Ama Ata Aidoo. 1999. Die Zweitfrau: Eine Liebesgeschichte. (Lamuv)

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Die Man Booker Preis-Kandidatin

Wer sich etwas intensiver mit aktueller englisch-sprachiger Literatur auseinandersetzt ist sicher schon einmal über den Man Booker Preis gestolpert. Vor einigen Wochen wurde die diesjährige (leider meines Erachtens enttäuschende) Longlist bekannt gegeben. Ein Highlight auf dieser ist aber Elizabeth Strouts neuster Roman „My name is Lucy Barton“. Die Protagonistin Lucy Barton erzählt von einer längeren Zeitspanne, die sie als Erwachsene im Krankenhaus verbringen musste und insbesondere über die fünf Tage, in denen ihre Mutter, die sie zuvor seit Jahren nicht gesehen hatte, sie besucht. Es ist ein ruhiges Buch. Durch Rückblenden und Verweise auf Zukünftiges entfaltet sich nach und nach Lucys Lebensgeschichte – oder das, was Lucy von dieser preisgeben möchte, ist sie doch das, was als unzuverlässige Erzählerin bezeichnet wird. Themen wie Kriegstrauma, Armut, Klasse und Familienbeziehungen ziehen sich durch die langsame Erzählung, tauchen immer wieder in unterschiedlichen Konstellationen auf. Das Buch lebt von den komplizierten Beziehungen der Charaktere zu einander, dem Verdeutlichen der Unmöglichkeit über bestimmte Dinge zu reden und Lucys Versuch Schriftstellerin zu werden und somit doch das Unsagbare in Worte zu fassen. Auf Deutsch ist der Roman bisher nicht erschienen, da ihre letzten Werke aber alle auch übersetzt erschienen, wird es nur eine Frage der Zeit sein.

Elizabeth Strout. 2016. My name is Lucy Barton. (Random House)




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Eintrag geschrieben: Montag, 15. August 2016 um 11:50 Uhr unter Kultur. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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6 Kommentare

  1. Magda sagt:

    SUPER COOLE EMPFEHLUNGEN!!!
    Danke <3

  2. Charlott sagt:

    @Magda: Danke dir :)

  3. Sharon sagt:

    Thank you for the mention <3

  4. EinKeinName* sagt:

    @Charlott:

    Schöne Liste :-)
    danke für die Arbeit.

    Was für Gedichtbände würdest du denn noch empfehlen?
    Momentan will ich mir noch unbekannte Poet_innen* lesen.

    Von dir empfohlene Gedichtband dauert mir momentan als Import zu lange zu bestellen (ist aber vorgemerkt :-) und Amazon will ich möglichst nicht unterstützen.
    Abgesehen davon hab ich allgemein gerne neue Tips für schöne Bücher /Texte von Poet_innen*

    @Sharon

    Ich wäre gern zu nächsten Lesung von dir, aber ins Babylon will ich nicht.
    Es gibt dort seit inzwischen 8 Jahren Konflikte wegen Niedriglöhnen und anderen von Geschäftsführung geschaffenen rücksichtslosen Arbeitsbedingungen.

    Vielleicht hast davon bisher noch nichts mitbekommen.
    Infos sind auf einer eigens deswegen gegründeten Website zu finden
    http://prekba.blogsport.de/einfuehrung-introduction/

    Wenn du in nächsten Monaten woanders vorliest komme ich da gerne hin :-)

  5. […] In diesem Urlaub habe ich viel gelesen. Ein besonders dickes Buch ist noch in der Mache, zwei kleinere sind bereits verschlungen. Beide hatte die Mädchenmannschaft empfohlen: […]

  6. Sharon sagt:

    @ EinKeinName*

    Danke für den Hinweis. Die Babylon-Konflikte hatte ich tatsächlich nicht auf dem Schirm.

    Ich lese demnächst im Rahmen von dem internationalen literaturfestival berlins (http://www.literaturfestival.com/programm/literaturen-der-welt/2016/sharon-dodua-otoo-herr-groettrup-setzt-sich-hin), vielleicht dann dort? Auf jeden Fall, danke nochmal…